Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Vloch's Wochrnfchrifr. Seite 351 Gelehrsamkeit, bilden bis znm heutigen Tage unerschöpfliche Fundgruben für Jeden, der auch nur ein Tröpslein aus dem Meere jiidischen Wissens holen will; sie sind Mvnnmentalwerke, die nie ihren Werth verlieren können. Wer jemals in der Lage war, sie zur Hand zu nehmen, der wird mit Erquickung und Bewunderung die Fülle und Ueppigkeit des hier anfgespeicherten Wissensschatzes wahrnehmen und dem Schöpfer dieser Werke Dank wissen. Eine Aufzählung der svnstigeit wichtigsten Schriften dieses Mehrers und Bereicherers der jüdischen Literatur möge ein annäherndes Bild seiner Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit liefern: Bibliographisches Handbuch über die theoretische uud praktische Literatur für hebräische Sprach künde (Leipzig 1859); Maschal vimelizah, a collection of fables and parables (Berlin 18601; Reschitz halimud (Berlin 1860); Zur pseudv-epigraphischen Literatur (Berlin 1802); Sidur des Saadia Gavn (Berlin 1804); Tonolos' pharmaeologische Fragmente (Berlin 1808); Ueber die Vvlksliteratur der Juden (Leipzig 1871); Schach bei den Inden, ein Beitrag zur Cultur- und Literaturgeschichte (Berlin 1878); Alfarabi, Leben und Schriften (Petersburg 1809); Zur Geschichte der Uebersetznngen aus dem Jüdischen in's Arabische (Leipzig 1870—1871); Gifte und ihre Heilung (Berlin 1878); Polemische und apologetische Literatur zwischen' Moslemim, Ehristen und Juden (Leipzig 1877); K a t a l o g de r H a n d s ch r i f tze n in der Stadtbi bliothek zu Ha in b u r g (Hamburg 1878). Cluster diesen Schriften lieferte Steinschneider zahlreiche Anssätze in allen möglichen Zeitschriften, die durchwegs den grundgelehrten, tiesfvrschenden Zug des Autors answeisen. Vom Jahre' 1888—1882 gab Steinschneider die „Hebräische Bibliographie" heraus, eine Fundgrube für jeden Forscher ans dem Gebiete jüdischer Literatur. Soeben erfahren wir, daß dieses kostbare Werk neuerdings fortgesetzt werden soll. Im Jahre 1888 erhielt der nimmerrastende Gelehrte den Preis der Akademie in Paris für ein größeres Werk, das im Jahre 1898 in Berlin unter dem Titel: „Die hebräischen Uebersetznngen des Mittelalters und die I u d e n als D v l m e ts ch er" erschienen ist. Es wird wohl keine Zurücksetzung für die übrigen Werke sein, wenn man dieses Meisterstück als die Krone aller bezeichnet. Wer einigermaßen mit der Geschichte der Literatur vertraut ist, liest aus dem Titel allein die ganze Bedeutung dieses unübertrefflichen bibliographischgeschichtlichen Riesensammelwerkes, das nicht nur für die jüdische sondern für die Gesammtliteratnr der Bölker ein Wegweiser und Führer ist. Die aufsteigende Bahn dieses unermüdlichen Forschers, der vom ersten Jünglings- bis in das späteste Greisenalter mit gleicher Kraft arbeitet und schafft, verfolgt man mit Erstaunen und Bewunderung. ilnd die Schilderung seiner wissenschaftlichen Thätigkeit ist mit dieser Darstellung noch lange nicht erschöpft. "Aus seinem Schatze streut er Perlen nach allen Seiten ans, gibt Anregung und eifert zu Untersuchungen an, schreibt kostbare Einleitungen zu den Werken anderer Forscher, die ob dieser einleitenden Worte allein schon lesenswert!) sind; er selbst, ein Crösns an Wissen, ein König im "Aufbau der Paläste des Geistes, gibt zahllosen Kärrnern reichliche Arbeit. Der Achtzigjährige mag init Befriedigung auf sein Lebenswerk zurückblickeu; ungenützt verstrich kein Tag des Lebens dieses Mannes, und wohl keine Zeile, die er geschrieben, wird verloren sein. Sv verschlungen und vielgewnnden die Wege sind, die Moritz Steinschneider auf dem Gebiete der Geschichte und Literatur des Judenthnms beschritten und durchwandert hat, so einfach und schlicht gestaltete sich sein äußeres Leben. Das ist ja so oft ein Zeichen der Geistesgröße, daß sie still und ohne Geräusch dnrch's Leben geht, wie der Säemann über das ruhige Saatfeld; die Früchte sind es, die reiche Ernte, ans denen man die fleißige, segenbringende Arbeit erkennt. Moriz Steinschneider ist zu Proßuitz iu Mähreu am 81. März 1810 geboren. Bon frühester Jugend an beschäftigte er sich mit jüdischer Wissenschaft und sein energischer Wissensdrang trieb ihn, stch auf deu verschiedensten Gebieten heimisch zu macheu; er that es mit rastlosem Fleiße und Eifer. In Leipzig war er Schüler des großen Leberecht Fleischer und mit Jellinek Prediger aut Messetempel. Später war er in Prag Leiter der Lör'schen Anstalt und noch immer hatte er beit Plan, Prediger zu bleiben. Noch im Jahre 1849 predigte er bei einem Besuche in seiner Heimatsgemeinde. In Prag begann er seine bibliographischen Studien und Arbeiten; Herbelöt und Wolf stndirte er emsig. Es reifte in ihm der Entschluß, sich einzig und allein der Wissenschaft und Literatursorschnng zu widmen; es ist ihm darin ähnlich ergangen, wie Znnz. Ob er wohl aus denselben Gründen, wie dieser, die Predigerlausbahn ansgegeben hat °? Znnz sagt nämlich einmal: „Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich artsgehört, zu predigen, doch nicht, um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden". — Rapvport schätzte ihn sehr. Besonders waren es mährische Jünglinge, die er an sich zog; er lehrte mit Freilde mtb Lust. Seine rühmlichst bekannten Landsleute, den verdienstvollen Religionsphilvsophen Tr. Moriz Eisler und Dr. Renda uilterrichtete er beispielsweise im Arabischen. Seit 1848 lebt Steinschneider in Berlin, war 28 Jahre Director der dortigen jüdischen Gemeinde-Mädchenschule und wurde im Jahre 1898 vom deutschen Kaiser zum Prvsessor ernannt.*! Fünfzig Jahre steht Moriz Steinschneider im Dienste der jiidischen Wissenschaft und er hat als einer der Ersten mitgearbeitet an dem Alis- und "Ausbau derselben. Wurzelnd in einer Zeit der größten Gährung und des herrlichsten "Aufblühens jüdischen Lebens und Wissens ragt der Achtzigjährige in eine Zeit hinein, die für das Jndenthum keine glückliche zu nenneil ist. Ihn werden die Stürme unberührt lassen: denn er kann mit philosophischer Ruhe sein gvttgesegnetes Leben und Wirken überblicken. Mit Wehmut aber wird er wohl beit unleugbaren "Riedergang des Judenthumes und der jüdischen Wissenschaft ivahrnehmen im Vergleiche zu dem mächtigen, gewaltigen Streben, das er miterlebt und mitbewirkt hat. Möge ihm ein gesegnetes, glückliches Greisenalter beschieden sein. I m 9t a m e n de r W i s s e n s ch a s t de s I n d e nt h u m s b r i n g e n w i r i h m n n s e r e G l ü ck io ii n s ch e dar; es beschleicht uns aber gleichzeitig das niederdrückende Gefühl: „Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren; "Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht". "Rikolsburg, im März 189«;. Dr. Feuchtwang. P. Cholkowski. Kein Zweifel, der Antisemitismus bildet seine Leute, er schlingt um sie ein einigendes Band und stellt eine Gleichförmigkeit des Eharakters dar, die geradezu Staunen erregen muß. Tie Autisemiten sagen immer, die Juden wären überall dieselben. Das ist nicht wahr, denn die Juden sind überall von ihrer Umgebung beeinflußt, aber die Antisemiten sind in aller Herren Länder dieselben. Das entscheidende Merkmal für sie Alle ist aber vielleicht nicht so sehr der Haß gegen die Inden als die tiefwurzelnde Scheu — vor der Wahrheit, der sie ängstlich ans dem Wege gehen. Sie lieben die Lüge und meiden die Wahrheit, das gilt von ihnen "Allen und das zeigen ihre Führer bei jeder Gelegenheit. Das ist der gemeinsame Zug, der z. B. zwischen dem Pastor Stöcker, der geradezu in den letzten Tagen der Doppelzüngigkeit und Unwahrheit geziehen wurde, und dem katholischen Priester Ehotkvwski eine solch' srappirende Aehnlichkeir herstellt, daß man den Pastor kaum von dem Pfarrer unterscheiden kann. Der Herr P. Ehotkowski setzt sich mit einer svlcheil Kühnheit über das Verbot des Lügens hinweg, als wäre dieses ein ausschließlich vom Alten Testament deeretirtes. Man erinnert sich an seine „sensationelle Enthüllung" im Polen-Elub, in Krakau ertheile ein jüdischer Lehrer christlichen Kindern den Religionsunterricht und die Letzteren würden überdies auch znm Gottesdienst in die Synagoge geführt. In der That, eine sensationellere Enthüllung und eine fürchterlichere Beschuldigung der Juden ist nicht so leicht denkbar - vorausgesetzt nämlich, daß der Mann, der sie vorbrachte, die Wahrheit sprach. Pfarrer Ehotkvwski aber ist ein "Antisemit und als solcher kann er es mit der Wahrheit nicht genau nehmen. Seine „Enthüllung" wurde rasch auf ihren Werth geprüft und am 14. März brachte die ,,"R. Fr. Presse" bereits folgendes Telegramm: Krakan, 13. März. Gestern fand hier eine bewegte Sitzung des Gemeinderathes statt. Der anwesende Stadtverordnete Pater Ehotkowski erklärte erregt, der Gemeinderath habe ungerecht gehandelt, indem er beschloß, den Polen-Club anzugehen, daß er Ehotkowski zur Revocirung des von ihm in der Budget-Debatte erwähnten Falles der Ertheilung des Religionsunterrichtes an christliche Kinder durch einen jüdischen Lehrer *) Einen Th eil der biographischen Daten verdanke ich meinem verehrten ehemaligen Lehrer Herrn Director Dr. Moriz Eisler.