Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 250 Dr. Vloch's Wochrnschrist. Nr. 13 in dem man sich eingelesen haben muß, um rasch darin fortzukommen. Umso rühmlicher imb ehrenvoller ist es, das; alle seine Schriften trotz der mehr oder minder schwierigen Form um ihres überaus reichen, sachlichen Inhaltes Willen gesucht und unentbehrlich sind. Eigenartig ist Steinschneider in seinen Recensionen, nicht sowohl in den abfälligen, als vielmehr in denen, die sich anerkennend aussprechen. Bei dem Umfange und der Allgegenwart seines literar-geschichtlichen Wissens ist es ganz ausgeschlossen, daß er nicht irgend ein Uebersehen des Autors zu rügen gehabt hätte. Wer ihm seine Schriften zur Besprechung in der von ihm heransgegebenen Zeitschrift „Hamaskir" zusandte, dem wäre es zu empfehlen gewesen, in seinem Begleitbriefe den Satz aus den Psalmen 19, 13 zu variiren. „Kleine Jrrthümer, wer merkt sie außer Dir, von dem, was mir verborgen geblieben ist, sprich mich frei!" Ueber die Lebensverhältnisse Steinschneiders ist wenig zu sagen. Er, der jede Universitäts-Lehrkanzel geziert hätte, bekleidete die Stelle eines Dirigenten der Mädchenschule der israelitischen Gemeinde, die er erst vor einigen Jahren wegen vorgerückten Alters niedergelegt hat; und auch nach Außen theilt er das Los aller jüdischen Gelehrten. Obwohl seine Leistungen auch in christlichen, wissenschaftlichen Kreisen gewürdigt und anerkannt worden waren, obwohl er die hebräischen Bücher der königlichen Bibliothek in Berlin geordnet, katalogisirt und durch einen Realindex zugänglich gemacht hatte, wurde ihm doch erst vor wenigen Jahren der Titel eines Honorar-Professors zuerkannt. Umsomehr ist es unsere Pflicht, dem seltenen Manne, der ein ganzes, langes Leben in selbstloser Hingebung der jüdischen Wissenschaft gewidmet hat, Verehrung und nie erlöschende Dankbarkeit zu bewahren. Möge ihm ein glücklicher Lebensabend beschieden sein und die staunenswerthe geistige und körperliche Frische, die ihm bisher treu geblieben ist, bis an die äußerste Grenze menschlichen Alters ihm erhalten bleiben. Hschlg. II. „Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung „Setzt! Wenn die Könige bann, haben die Kärrner zu thun." Tie jüdische Literatur nahm mit dein neuerwachten politischen Leben in den Dreißiger-Jahren einen neuen, großen Aufschwung. Es regte sich in allen Geistern und mit dem wachsenden Gefühle der Freiheit wuchsen auch dem jüdischen Geiste mächtige Schwingen. Der dumpfe Druck, der aus dem Ghettojuden lastete, begann sich allmählich zu erleichtern, bis endlich die befreite Brust im frischen Lufträume bürgerlicher Gleichheit kräftig Athem holte und das getrübte Auge sich weitschauend erleuchtete, um mit wiedergewonnener Sehkraft den fteien Horizont zu überblicken. In den Gedenkblättern jener schönen Tage findet der eingeweihte Kenner jiidischer Geschichte und Literatur die Namen Z u n z, Rapopvrt, Luzzattv, K r v ch m a l, N e g g i v, Geiger, Frankl in weithin kennbarer Schrift verzeichnet. Es wäre ein Unrecht, zu behaupten, die Vergangenheit habe weniger geleistet, als diese vortrefflichen Männer; sie selbst wären wohl am wenigsten zu dieser Ansicht geneigt gewesen. Wußten sie doch zu gut, daß sie den Geistesgrößen der vorigen Geschlechter viel, ja Alles zu danken hätten. Nur aus der breiten Basis der vorhandenen, unermeßlichen Geistesschätze des Judenthums war ihnen der Ausbau ihrer imponirenden Werke möglich geworden. Das wissenschaftlichkritische System und die exact-gelehrte Methode in der Durchforschung des Materials konnten sie nur andeutungsweise in den verwichenen Epochen finden, obzwar auch in diesen, allerdings nach anderer Richtung, manch' sichtender Geist und manch' ordnende Hand in die planlos daliegenden Mafien der Geistesproducte Uebersichtlichkeit und Klarheit zu bringen kmit Erfolg bestrebt war. Diese Männer aber griffen, genährt von der Methode modernwissenschaftlicher Kritik, mit sicherer Hand in das Bolle; sie drangen in die verborgensten Schachte muthig ein und hoben die Schätze zu ihrem eigenen und zum Ruhme jüdischer Wissenschaft. Wie der Entdecker nach langen ereignißschweren Irrfahrten nach unzähligen, enttäuschenden Versuchen endlich das heißersehnte Ziel erreicht, so erging es diesen ersten Vorkämpfern für jüdische Literatur und Wissenschaft. Das Ziel wurde unter manchen Kämpfen und nach nicht unbedeutenden Opfern eingeholt. Es entspann sich ein Ringen der alten mit der neuen Schule, des alten Geistes mit dem neuen Geiste; in manchem Kopfe, der sein Wissen im Cheder und in der Talmudschule gesammelt hatte, entstand eine aufregende Gährung, die sich auch in den Geistesschöpfungen deutlich äußert. Bis in das Mannesalter gewöhnt, alles profane Wissen ans dem Kreise des Wissenswerthen zu bannen und sich recht wenig um geschichtliche Folge, logische Cvnscquenz und pragmatische Auffassung der Dinge zu bekümmern, fiel es nicht leicht, mit dem Gewohnten plötzlich zu brechen. Der starke Abbruch, den das altgläubige, traditionelle Jndenthnm in diesen Kämpfen erlitt und der für den vbjectiven Forscher unstreitig vorhanden ist, darf bei der literargeschichtlichen Betrachtung dieser Epoche nicht in Rechnung kommen. Der Ausgleich zwischen Kritik und conservativen Glauben vollzog sich von selbst und nur gehen der Zeit entgegen, in der die ansrührerischen Schlachtrufe und Losungsworte sich auf beiden Seiten abdümpfen und in harmonisches Einanderbegreifen, Verstehenlernen sich vereinigen. Das ganzeGebiet jüdischer Geschichte, Wissenschaftnnd Literatur ward umgeackert und in den zuerst aufgewühlten, daun wieder sorgsam geglätteten Boden das kräftige Saatkorn eindringlicher Erkenntnis; gelegt und thatsächlich, was unter Thränen gesät, war im Jubel geerntet. Die Früchte dieser Arbeit besitzen wir in den unsterblichen Werken mancher der genannten Männer. Tie nichtjüdischen Zeitgenossen anerkannten in ihnen gleichwerthige Mitarbeiter an dem großen Bau der Wissenschaft; waren sie doch Könige, die bauten, und keine Kärrner. Moritz S teinschneider nimmt unter ihnen eine hervorragende Stelle ein und gilt heute als einer der besten Kenner der gesammten jüdischen Literatur. Da er selbst ein Freund der absoluten Wahrheit und Nüchternheit ist, muß gesagt werden, daß er das Talmndische aus seinem Forschungskreise säst ausgeschlossen hat. Die Natur hat ihn zum Literaten und zum Bibliographen geschaffen, mit einem durchdringenden Kritikerblick und ungewöhnlichem Gedächtniß ausgestattet und ihm heiße Liebe zum jüdischen Schriftthume eingeslößt. Der Geist Znnzens und Rapoport's ist auf ihn übergegangen; Bienenfleiß unerschütterliche Ausdauer, umfassendes, rasches Auge, Gründlichkeit, diese herrlichen Mitgaben der wahren Geistesgröße sind ihm zntheil geworden und er hat sie redlich benützt und in beit Dienst der Erkenntnis; gestellt. Wohl wenige Zeit seines gottbegnadeten Gelehrtenlebens, das ihm der Allmächtige bis zu den fernsten Grenzen des Seins erhalten möge, war anderen als geistigen und idealen Dingen gewidmet; und solche Erscheinungen sind fast historisch geworden in unserer traurigen Zeit der Epigonen und des Niederganges aller Ideale. Ein Leben, das n u r der Wissenschaft gewidmet ist und irdischen Gewinn lediglich für die Nvkhdnrft des Tages erstrebt, ist selbst unter berühmten Vertretern des Gelehrtenstandes gar selten zu finden; vollends ein immerwährendes Geben ^und luxuriöses Verschwenden des eigenen Wissens ohne opitr von Eitelkeit, Eigennutz und Selbstgefälligkeit das sind in der Gelehrtenrepnblik recht rare Tugenden, die man an Steinschneider rühmen kann. Hunderte wärmten und wärmen sich an seiner Sonne, Hunderte borgen Licht bei seiner Leuchte. Sein Sammelgeist und seine Sammelkunst schufen Centren, von denen zahllose Strahlen in weitkreisenden Peripherien ausgehen und befruchtend wirkt sein ganzes Schaffen auf das zeitlich und räumlich so gewaltig ausgedehnte Gesammtgebiet jüdischer Wissenschaft. Schon seine ersten Arbeiten lassen die jüngsten ahnen! Die Sammlung: Leer lachai roi, Sammlung der ausgezeichneten Sittensprüche aus hebräischen, französischen und italienischen Werken und Dichtungen, verräth den emsigen Sammler und „Manna" zeigt den vergleichenden und kritisirenden Forscher. Diese kleineren Schriften, welche der junge Mann schreibt, werden bereits beachtet und der zukünftige große Bibliograph offenbart sich schon im Katalog der Michel'schen Bibliothek in Hamburg (1848). Der größte und grundlegende Artikel: „Jüdische Literatur" in „Ersch und Grub er" (1850) zeigt bereits alle Ansätze zum souveränen Beherrscher des großen Ganzen dieses Gebietes. Nun folgen in ununterbrochener Reihe Schriften auf Schriften, Arbeit auf Arbeit, Werk auf Werk: Jewish Litterature (London 1 852); Catalogn8 librorum Hebraeorum in Bibi. Bodlejana (Berlin 1852—1860; Catalogus codicum hebr. Bibi. acad. Lugd. Bataviae (Berlin 1857); die hebräischen Handschriften der Staatsbibliothek in München (1875). Diese Kataloge, Werke eines Riesenfleißes und ehrftirchtgebietender