Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021129--05467-3029704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 252 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 13 veranlasse. Chotkowski behauptete, der mitgetheilte Fall habe im Jahre 1893 stattgefunden, und er sei bereit, die diesbezüglichen näheren Daten vertraulich dem Bürgermeister mitzutheilen. Auf stürmisches allgemeines Verlangen, dies: Daten sofort in öffentlicher Sitzung mitzutheilen, bezeichnete Chotkowski ein angesehenes Mitglied des Gemeinderathes, das ihm den betreffenden Fall erzählt habe. Letzterer erklärte entrüstet, dies Chotkowski nie gesagt zu haben. Auf Antrag des Professors Zoll und des Grafen Wodz ick i beschloß der Gemeinderath, über die Angelegenheit eine strenge Untersuchung einleiten zu lassen. Der Herr Pfarrer hätte gerne die Sache „vertraulich" abgemacht. Ihm genügte es, daß er die Beschuldigung gegen die Juden ausgesprochen hatte, nach dem Grundsätze: calumniare audacter, semper aliquid haeret. Ein Mann von, sagen wir, nicht antisemischer Wahrheitsliebe, hätte sich wohl rasch entschlossen einen Jrrthum selbst zu corrigiren, aber das verbietet offenbar das antisemitische Glaubensbekenntnis;. „Vertraulich" vertuscht wirrde die Sache aber nicht und die Keulenhiebe, die itnnmchr auf den biederen antisemitischen Pfarrer niedersansten, bvteir eine andere — Enthüllung. Der Herr Pfarrer revocirte seine Lüge auch nicht, als die folgende Erklärung in die Oeffentlichkeit gelangte: Krakau, 18. März- Nach verläßlichen Informationen von competenter Seite entbehrt die neuerliche Behauptung Chotkowski's im Polen-Club, Dr. Landau habe in Krakau in Volksschulen jüdischen und christlichen Kindern Religions-Unterricht ertheilt, j e d e r B e g r ü n d n n g, da Dr. Landau nur an den hiesigen Mittelschulen jüdischen Religionsunterricht, in Volksschulen aber nie gelehrt hat. Ebenso hat der Fall nicht stattgefunden, daß hier christliche Schulkinder zum Gottesdienst in die Synagoge geführt wurden. Pfarrer Chotkowski hielt es, obwohl er Priester ist, mit seinem antisemitischen Gewissen vereinbar, die Lüge atlch dann noch nicht zu revvciren, als Dr. S. Landau folgende Erklärung in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte: Löbliche R e d a c t i o n? In Ihrem geschätzten Blatte, Abendausgabe vom 16. März d. I., findet sich unter der Rubrik „Parlamentarisches" eine Behauptung, welche der Abg. P. Chotkowski im Polen-Club aufgestellt haben soll, wonach an einer hiesigen Volksschule ein D r. Landau jüdische tt n n d ch r i st l i ch e n K i n d e r n g e m e i n s a m U ir t e r nicht in der Religion ertheilt hätte. Da es nun hier außer mir keinen jüdischen Religionslehrer dieses Nainens gibt, so erkläre ich, daß diese Behauptung auf Unwahrheit beruhe. Ich bin Lehrer an den hiesigen Mittelschulen und habe an keiner der hiesigen Volksschulen jemals Unterricht ertheilt. Hochachtungsvoll Tr. Samuel L a n d a n. Krakau, 19. März 1896. Diese standhafte, unerschütterliche Ausdauer iu der — Unwahrheit ist echt antisemitisch und entspricht vollkommen den Antecendentien des Herrn Pfarrers Chotkowski. Wir sind in der Lage, zur besseren Beleuchtung dieses ehrwürdigen Herren eine kleine Reminiscenz zu bringen, die heute allgemein interessiren dürste. Von hochstehender Seite wurde ein Landtagsabgeordneter, welcher zugleich Mitglied der Repräsentanz der Lemberger jüdischen Cultusgemeinde ist, während der Landtagss essio n privatim darauf austnerksam gemacht, daß ein mit dem „Imprimatur" des Fürstbischofs von Krakau, Cardinals D u n aj e w e s k i, versehenes Gebetbüchlein eine Tendenzlüge enthalte, welche geeignet ist, bei der Leichtgläubigkeit der unteren Volksschichten Galiziens Judenhaß zu säen und Unheil zu stiften. Das polnische Büchlein, für eine neuntägige Andacht bestimmt, führt demgemäß den dem Italienischen entlehnten Titel „ N owenna - und erschien schon 1890 in Krakau in der unter Leitung A. Szyjewski's stehenden Vereinsdruckerei. Während der neuntägigen Andacht soll Gottes Erbarmen für Polen angerufen werden. Ein für den neunten Tag bestimmtes Gebet betrifft speciell Galizien, und die Andächtigen sollen da zum Heiland beten, daß er sich chrer erbarme, sie nicht verlasse und nicht in die Hände jener Feinde überliefere, welche auf ihr Verderben sinnen. Ter Ueberschrift des dem neunten Andachtstage gewidmeten Abschnittes ist mm folgende Note beigegeben: „Die Zeitung „Germania" und nach derselben polnische Blätter veröffentlichten den neuesten Aufruf der Pariser .Alliance Israelite-, welcher im Jahre 1889 an alle jüdischen Gemeinden Galiziens verschickt wurde. Dieser Allstuf lautet: „Prüder und Glaubensgenossen! In der ganzen Welt gibt es gewiß keinen Erdenwinkel, der sich dazu, daß wir uns seiner bemächtigen und die ausschließliche Herrschaft daselbst erlangen, so gut eignen würde, wie gerade das Land Galizien! Dieses Land muß unser (jüdisches) Land sein — Alles begünstigt diesen Zweck! Bemüht euch daher, Brüder und Glaubensgenossen , bemüht euch mit allen Kräften, dieses Land ganz in eure Gewalt zu bringen, bemüht euch, die Christen endlich herauszudrängen ans all ihren Berufssphären, damit ihr die alleinigen, mlbeschränkten Herren des Landes werdet! Bemüht euch, all das, was heute noch Jenen gehört, zu erhaschen und festzuhalten, und wenn ihr selbst dazu nicht die genügenden Geldmittel besitzt, so wird unser Verein euch so viel beschaffen, als nöthig sein "wird. Die Sammlung von Gaben für diesen Zweck hat schon begonnen und schreitet über alles Erwarten günstig vor. Um den galizischen Boden den Händen der Galizier zu entreißen und in euren (jüdischen) ausschließlichen, alleinigen Besitz zn übergeben, betheiligen sich die Reichen der ganzen Welt an Sammlungen. Es spendet Baron Hirsch, es spenden die Rvthschilde, Bleichröder und die Mendelssohne. Strengt daher, Brüder und Glaubensgenossen, all eure Kräfte an, damit dieses Ziel, welches nur euch gesteckt haben, möglichst rasch erreicht werde." „Die Alliance Israölit.e Universelle in Paris hat diesen Erlaß, an welchem kein wahres Wort ist, bereits dreimal dementirt, zuerst in ihrem Monatsberichte für Juni 1889 und dann, nachdem er in etwas veränderter Form in der ruthenischen Zeitschrift „Cerwonaja Rns" und aus dieser in deutscher Uebersetzung m der „Marbnrger Zeitung" erschienen war, in ihrem Monatsberichte für September 1889. Auch in ihrem Jahresberichte pro 1889 hatte sie diese Tendenzlügen als solche bezeichnet. Auch die „Oesterreichische Wochenschrift" hat im Laufe des Jahrganges 1889 und 1890 dieses „literarische Bubenstück" der internationalen Autisemitenbande festgenagelt. Der Geistliche und derzeitige Rector der Krakauer Universität, der bekannte R e i ch s r a t h s - A b geordnet e Dr. Chotkowski, h at, wie aus dem G ebet b üchle in zu ersehen ist, d e m fürstb i s ch ö f li ch en Co nsistorium empfohlen, dasselbe mit dem „Imprimatur“ zu versehen, w eil er es aU Seitsor d u r ch gelesen und darin nichts ge f n n d e n h a t t e, was der Lehre der heiligen r ö m i s ch e n K i r ch e z u w i d e r l i e f e. Ta der Herr Pfarrer Chotkowski es fertig brachte, einer der i n s a m st e n, p l n m P st e n u n d h a n d g r e i f l i ch st e n Lnge n Platz in einem G eb etb u ch e zu verschaffen wird wohl Niemand mehr über seine Neigung staunen — Un-, Wahrheiten im Polenclub und im Landtage zu verbreiten. Jeder treibt eben sein Metier, wie er kann und das Metier eines Antisemiten ist und bleibt eben das Lügen. Eine neueste Stimme zur Iudenfrage. Von Leopold Schwarz, Brünn. Im Manz'schen Verlage in Wien, dessen rechts- und staatswissenschaftliche Erscheinungen sowohl im Buchhandel, als in der Wissenschaft einen fest begründeten Ruf genießen, ist soeben ein bedeutsames volkswirthschaftliches Buch erschienen, welches in hohem Maße die Beachtung jedes Gebildeten und aller Bstdnngsbeflissenen verdient, für den Juden aber von besonderem Werthe ist. Die Antisemiten haben freilich auf ihre Weise eine höchst einfache Formel für die sofortige und gründliche Losung der socialen Frage gefunden: alle Juden werden todtgeschlagen oder ausgehungert, und das tausendjährige Reich ist angebrochen. Glücklicherweise ist nicht nur vorderhand, sondern nach ni^l schlich er Voraussicht für immer keine Aussicht vorhanden, dcHidas einsichtslose antisemitische Faustrecht-Recept in den Staatsapothekcn angenommen und aus-