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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 244 Dr. Bloch's Wochrnfchrist Nr. 12 schmutzigen Zweigeil wieder. Ein einsamer Schwan plusterte sich aus und streckte den laugen Hals aus, dessen Doppelbild sich in zitternden Umrissen unter der trüben Wasserfläche zeigte. Plötzlich ertönte das Plätschern von Rudern und das träge Wasser wurde von einem Boot aufgewühlt, in dem ein heroischer junger Mann und eine nicht minder heroische junge Frauensperson ruderten. Tie Hvlländer-Debby brach in Thränen aus und ging nach Hause. Nach dieser Episode beschränkte sie sich gänzlich auf Bobby, Esther und das „Londoner Journal" und sparte nie mehr auch nur einen Schilling zusammen. Zehntes Capitel. Eine stille Familie. Eines Abends, ein paar Tage vor Purim, erschien Sugarman, der Schadchen, in dem winzigen, zweistöckigen Hanse, in dem Esther's Lehrerin wohnte. Er trug seinen kleinen Nehemia unter dem Arm. Nehemia hatte Schuhe und kurze, rothe Strümpfe an. Der übrige Theil seiner Beine war nackt, und der Vater trug ihn stets, um diese Thatsache zu demonstriren. Auch Sngarman war schön herausgeputzt, und da es kein Sabbath war, guckte sein blaues Taschentuch aus seiner linken Rocktasche hervor, statt um seinen Hosenträger geschlungen zu sein. „Guten Tag," sagte er heiter. „Guten Tag, Sngarman," antwortete Frau Hyams, eine kleine, vergrämte, weißhaarige Frau von sechzig Jahren. Wäre sie frömmer gewesen, so hätte sie nie graues Haar bekommen, aber so hatte Miriam schon längst ihr Veto gegen die schwarze Perrücke der Mutter eingelegt. Frau Hyams war eine schwache, nachgiebige Natur, sie ergab sich schweigend in diese Verletzung ihrer heiligsten Jnstincte. Der alte Hyams war eine stärkere Natur, aber auch nicht stark genug. Auch er war ein Stiller. . „Sie wundern sich vielleicht, daß ich in meinen Sealskinmantel zu Ihnen komme?" sagte Sugarmau. „Aber, wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, ich Hab' ihn nur angezogen, weil ich eine Dame besuchen wollte. Zn Ihnen komm' ich nur aus einen Sprung." „Wollen Sie nicht Platz nehmen?" sprach Frau Hyams. Miriam hatte sie Englisch gelehrt, sie sprach es langsam und mit Muhe. „Nein, ich bin nicht müde. Aber wenn Sie erlauben, werd' ich Nehemia niedersetzen. Da, sitz still oder Du liegst 'einen Patsch! Können Sie mir vielleicht Ihren Korkzieher leihen?" „Mit Vergnügen," sagte Frau Hyams. „Schönen Tank! Sie wissen, mein Bub' Ebeneser wird Schabbes in acht Tagen Bar-Mizweh, vielleicht gehe ich nicht mehr hier vorbei. Sie kommen doch?" „Ich weiß nicht," antwortete Frau Hyams zögernd. Sie wußte nicht ganz genau, ob Miriam die Familie Sugarmau zu den besuchsfähigen zählte. „Was Ihnen einfällt? Ich werd' gewiß dreizehn Flaschen Limonade aufmachen müssen! Sie müssen kommen, Sie und Herr Hyams und die ganze Familie." „Tanke, ich werde es Miriam und Daniel und meinem Mann sagen." „So, das ist recht — Nehemia, tanz' nicht auf dem Stuhl von der guten Frau Hyams herum! — Frau Hyams, haben Sie gehört, was für' ein Glück die 'Frau Jonas gemacht hat?" „Nein." „Ich Hab' ihr elf Pfund in der Lotterie gewonnen." „Ach!" sagte Frau Hyams ein wenig aufgeregt. „Wenn Sie wollen, geb' ich Ihnen ein halbes Los für zwei Pfund." „Ich habe kein Geld." „Nun also, sechsunddreißig Schilling! So viel kost's mich allein." „Gern, wenn ich könnte, aber ich kann nicht." „Aber für neun Schilling können Sie ein Achtel haben?" Frau Hyams schüttelte hoffnungslos den Kopf. „Wie geht's Ihrem Daniel?" fragte Sugarmau. „Danke, gut! Wie geht's Ihrer Frau?" ' „Gelobt sei Gott!" „Und Ihrer Bestie?" „Gelobt sei Gott! Ist Ihr Daniel zu Haus!" „ ^a. „Gelobt fei Gott! Ich mein', ich kann mit ihm reden." „Es wird nichts nutzen." „Nein, nicht deswegen," sagte Sugarmau. „Ich möcht' ihn gern selbst zu der Confirmation einladen." „Daniel!" rief Frau Hyams. Der Sohn kam mit anfgerollten Hemdärmeln und mit trocknenden Seifenschaum auf den Armen aus der Küche herbei. Er war ein angenehmer, flachshaariger, junger Mensch, anderthalb Jahre jünger als Miriam. Der untere Theil seines Gesichtes drückte Willenskraft aus, in den Augen lag ein liebevoller Ausdruck. „Guten Tag," sagte Sugarmann. „Mein Ebeneser wird Schabbes in acht Tagen Bar-Mizweh. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, nach Schul mit dem Vater und der Mutter zu mir zu kommen?" Daniel wurde plötzlich roth. Er hatte ein „Nein" auf beit Lippen, unterdrückte es aber und brachte zuletzt seine Weigerung in einer höflichen Umschreibung vor. Der Mutter fiel sein Erröthen auf. Bei blonden Gesichtern merkt man das sofort. „Was Ihnen nicht einfällt!" sagte Sugarmann. „Ich werde gewiß dreizehn Flaschen Limonade aufmachen müssen. Ihre gute Mutter hat uns ihren Korkzieher geliehen." „Ich will Ebeneser gern ein kleines Geschenk schicken, aber ich kann nicht kommen, wirklich nicht. Sie müssen schon entschuldigen." Daniel wandte sich ab. „Scheen, scheen," sagte Sugarmau in dem Bemühen, ihm zu zeigen, daß er ihm nichts nachtrage, „wenn Sie ein Geschenk schicken, so ist es dasselbe, als wenn Sie kommen." „Also abgemacht," ries Daniel mit erzwungener Lustigkeit. Sngarman steckte Nehemia unter den Arm, zögerte aber auf der Schwelle. Er wußte nicht, wie er den Gegenstand auf's Tapet bringen sollte. Aber die höhere Eingebung blieb nicht aus. „Wissen Sie, daß ich Moritz Kerlinski verklagt habe?" „Nein, sagte Daniel. „Warum?" „Er ist mir anderthalb Pfund schuldig. Ich Hab' ihm ein sehr schönes Mädchen ausgesucht, aber jetzt, wo er verheiratet ist, sagt er, daß es nur ein Pfund werth war. Er hat mir ein Pfund angeboten, aber ich Hab nicht gewollt. Arm war er obendrein und hat zehn Pfund von einer Heiratsstiftnng gekriegt." „Ist es der Mühe werth, wegen zehn Schilling einen Scandal in der Gemeinde zu machen. Es wird in alle Zeitungen kommen und der Speetakel wieder losgehen." „Aber, es sind nicht zehn Schilling, es sind dreißig Schilling," rief Sugarmau. „Sie sagen doch, daß er ihnen ein Pfund anbot." „Ja, ich nahm das Pfund aber nicht als volle Bezahlung." „Sie sollten das vor dem Beth-Din abmachen oder einen Juden zum Schiedsrichter nehmen," rief Daniel stiirmisch. Sie macheil die Juden zum Gespött. Freilich alle Heiraten hängeil vorn Geld ab," fügte er bitter hinzu, „aber die Gerichtssaal- Reporter pflegen zii behaupten, daß das eine rein jüdische Sitte ist." „Nu, ich ivar ja bei Reb Schemuel," sagte Sugarmann. „Ich Hab' geglaubt, er würde der richtige Schiedsrichter dafür sein." „Warum?" fragte Daniel. „Warum? War er nicht selber ein Schadchen. Von wem denn soll man Theilnahme erwarten?" „Ich verstehe," sagte Daniel mit einem leichten Lächeln. „Wie es scheiirt, haben Sie keine gefunden?" „Nein," brummte Sugarmann^ sich bei der Erinnerung erbosend. „Er sagte, wir sind nicht in Polen." „Da hat er ganz recht." „Ja, aber ich Hab' ihm eiire Antwort gegeben, die ihm auch nicht gefallen hat," triumphirte Sngarman. „So," sagte ich, „und wenn wir nicht in Polen sind, brauchen mer da keine Religion zu halten? .... Warum lassen Sie sich nicht von mir eine Frau aussuchen, Herr Hyams," fuhr er in plötzlich verändertem, schmeichelnden Tone fort. „Ich Hab' mehrere, besonders schöne Mädchen auf Lager. „Ich bitt' Sie, machen Sie kein so zorniges Gesicht! Wie viel Percent wollen Sie mir geben, wenn ich Ihnen ein Mädchen mit hundert Pfund aussuch'?" „Das Mädchen!" rief Daniel mit Donnerstimme. Dann fiel es ihm ein, daß er damit etwas Hunloristisches gesagt hatte, und er lachte. In seinen blauen Augen lag sowohl Fröhlichkeit wie Mystik.

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