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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 845 Sugarman entfernte sich ganz niedergeschlagen. Die Liebe ist blind, nnd sogar Heiratsvermittler könne:: kurzsichtig sein. Tie meisten Leute, die es nichts anging, wußten, daß Daniel Hyams in Sugarman's Tochter Bestie „verschossen" sei. Und so war es auch. Daniel liebte Bestie und Bestie liebte Daniel. Aber Bestie sprach nicht, weil sie ein Weib war, urrd Daniel sprach nicht, denn er war ein Mann. Die Hyams waren stille Leute. Selbst Miriam, die am wenigsten zurückhaltende, ließ^nie merken, daß sie nicht Männer zu Dutzenden haben könne. _ Sie machte so hohe Ansprüche — das war Schuld. Daniel war sehr stolz aus sie, ihre Stellung und Klugheit und zweifelte nicht, daß sie sich gut verheiraten würde; er verlangte von ihr keinen Beitrag zur Führung des Hauses, obwohl sie ihn gern geleistet hätte, denn er wußte, daß er breite Schultern habe. (Fortsetzung folgt.) Der Flickschneider. Novelle von Klemens Junosza. (Ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina B l n m b e r g.) Wenn seine Erinnerung in die Vergangenheit schweift, sieht er innner drei oder vier magere, über einer: schmalen Tisch geblickte, eifrig nähende Inden. An einem anderen Tische war sein Vater, ein hagerer, dürrer, grauhaariger Meister, mit Zuschneider: beschäftigt. Die stnmpfe Scheere verursachte, durch das dicke Tuch fahrend, ein nilangenehmes, kreischendes Geräusch. Jndka, der unter dem Tische hockte, griff gierig irach den hinunterfallenden Streife:: und Stückchen, die ihm ebenso großes Vergnügen gewährten, wie reichen Kindern mechanische Puppen, Schaukelpferdchen nnd Veloeipedes, mit denen Eltern und Verwandte sie beschenken. Der Vater hatte ein sehr gutes Herz nnd gönnte dem Kinde gern die winzigen Stoffstückchen: aber väterliche Freigebigkeit hat auch ihre Grenzen, und wenn der Kleine nach einem Stückchen Stoff griff, das etwas größer als die anderen und möglicherweise noch brauchbar war, wurde ihm dasselbe fortgenommen und zur Strafe erhielt er einige Schläge mit Vaters Käppchen über den Rücken. Mit lautem Schreien flüchtete er dani: unter die schützenden Fittige oder vielmehr unter die Schürze seiner Mutter, wo ihm denn auch der gewünschte Trost bald zntheil wurde. Tie Mutter packte ihm eine heiße Kartoffel in den Mund und warf ihn mit den Worten: „Geh', du Taugenichts" zur Thür hinaus. Das Kind verstand diese Sprache. Das hieß ungefähr: „Geh, mein EngelcheA iß Etwas und lauf ein Bischen in: Freien umher." Die Kartoffel beruhigte unseres Helden aufgeregte Nerven. Er wurde wieder heiter, umsomehr, als er auf dem Hofe eine Anzahl unternehmender Altersgenossen vorfand, die im Begriffe waren, ein einstöckiges Haus aus Hobelspanen aufzuführen, und dabei einen ohrenzerreißenden Lärm verursachten. Judka's Jugend verfloß ziemlich einförmig; in: Winter wärmte er sich hinter dem Ofen, im Sommer in der Sonne. Seine Hauptnahrung bildeten Rettig nnd Erdäpfel, nnd für Ungehorsam oder sonstige Unarten schlug ihn der Vater mit dem Käppchen und die Mutter mit jedem Gegenstand, den sie just in der Hand hielt. Als der Knabe fünf Jahre alt wurde, begann der Vater an seine Bildung zu denken. Dieser Entschluß war für Jndka ein Blitz aus heiterem Himmel. Der erste Schulgang fand unterähnlichen Umständen statt, wie vor Zeiten der Antritt des Soldatendienstes. An einem schönen Sommermorgen — in den trüben Augenblicken unseres Lebens Pflegt die Sonne gewöhnlich sehr hell zu scheinen — kamen zwei, etwa zwölf- und dreizehnjährige Burschen, griffen dem Delinquenten unter die Arrne nnd siihrten ihn mit sich fort. Man muß Letzterem die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sich tapfer wehrte. Er stieß mit den Füßen, schrie, rang mit den Feinden, mußte jedoch schließlich der Uebermacht weichen. Nachdem man ihn durch mehrere Straßen geführt, stieß man ihn in ein düsteres Zimmer, dessen Insassen — lauter Kinder — den Ankömmling mit erstcumten Blicken betrachteten. Außer den Kindern jedoch saß in demselben Raume an einem besonderen Tisch ein gelehrter, weiser Mann. Sein Antlitz war streng nnd der umfangreiche Foliant, der vor dem Meister anfgeschtagen war, trug die Spuren der Finger vieler Generationen; diese Finger waren augenscheinlich bedeutend bänfiger nüt Tabak als mit Seife in Berübrnng gekommen, denn die Ränder der Blätter zeichneten sich durch eine auffallend schwarze Färbung ans. Das ganze Auditorium fürchtete sich vor dem Leb rer. Letzterer hatte dunkle, scharfblickende Angen, einen langen kaftanienfarbenen Bart und röthliches Haar, das unter einem verblichenen Plüschkäppchen sichtbar war. In der Hand hielt er eine Pvrzellanpfeife an einem langen Rohr. Die Pfeife war ihm vor Jahren von einem reichen Kanfrnann, der sie selber ans Danzig mitgebracht hatte, geschenkt worden und enthielt glimmende Stückchen schwarzen, feingeschnittenen Tabaks. Der bläuliche Rauch des „vorzüglichen" Krautes im Verein mit der schweren, drückenden Luft des Zimmers brachte einen Geruch hervor, der nichts weniger als an Rosen, Veilchen nnd Schneeglöckchen erinnerte. Angsterfüllt nnd erschrocken blickte Jndka ans den Meister und dessen langes Pfeifenrohr, von dem die jüngere Generation des Städtchens behauptete, daß es häufig in Schwung gerathe und die Erlernung des schwierigen hebräischen Alphabets wesentlich erleichtern. Während seines weiteren Aufenthaltes in dem Tempel des Wissens überzeugte sich Jndka, daß diese Erzählungen keine Phantasiegebilde waren, sondern die reinste Wahrheit enthielten, denn thatsächlich besaß der Meister neben der Gelehrsamkeit eine kräftige Rechte und gebranchre, wenn es die Verbreitung der Bildung galt, sein kostbares Pfeifenrohr auf äußerst freigebige Weise. Das Lernstiftem war ein sehr einfaches. Ohne das Be griffsvermögen zu belästigen, fand der Meister den Weg zum Ver^ ständniß durch — den Rücken. Er ließ sich, um Zeit zu gewinnen, in gar keine weit läufigen Erläuterungen ein, sondern hielt sich an die erhabene Regel, welche den: Gesellschaftsspiel, „Vater Virgilins" genannt, zu Grunde liegt: „Vater Virgilins lehrte seine Kinder: Er hatte deren nicht minder Als zwanzig und zwei. Vorwärts, Kinder, ei, ei! Thnt was ich. hoppa, hei! Der gelehrte Melamed, Reb Jojne Gewaltlehrer, spielte niit seinen Schülern „Vater Virgilins", indem er ihnen unter fortwährendem sich Hin- und Herwiegen, nüt singender Betonung langsam und taut vvrlas, nnd die Kinder die gehörten Worte mit dem gleichen Tonfall nnd ebensolchen Bewegungen wiederholen hieß. Es ist dies eine vorzügliche Lehrmethode nnd besitzt neben vielen anderen Eigenschaften auch diejenige der Billigkeit. Ta nämlich der grenzenlose Lärm, den die Kinder machen, von weitem schon verkündet, daß hier der Tempel des Wissens, erspart man die Ausgabe für ein Schild nnd obendrein ist dieses laute Lernen ein beredtes Zeugnis; für den Eifer des Lehrers, dessen Schüler ihren Geist und ihre Fähigkeiten in fortwährender Uebung erhalten. Reb Jojne erfreute sich auch als kluger, energischer Pädagoge eines außerordentlichen Rufes, denn er verstand es, der Jugend ans den Büchern, die er zwar las, aber nicht im Ge ringsten begriff, die schönsten Tinge beiznbringen. Fünf Jahre brachte Jndka in diesem Tempel des Wissens zu, und nachdem er mit dem Pfeifenrohr des ehrenwerthen Lehrers nähere Bekanntschaft geschlossen, machte er solche Fortschritte, daß er die heiligen Bücher mir dem-schönsten weinerlichen Tonfall las und sich dabei so gleichmäßig hin- und herwiegte, als fei in seiner Wirbelsäule eine Sprungfeder befestigt. Indessen war die physische Entwicklung Judka's hinter seiner geistigen zurückgeblieben: er war mager und bleich und hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit einem jungen, künstlich gezüchteten Spargel. Niemals färbte das Roth der Gesundheit oder Freude seine Wangen und nur an dem Ansdruck seiner großen weitoffenen, wenngleich Müdigkeit verrathenden klugen konnte :nan erkennen, daß Leben in diesem Körper weile. Für einen künftigen Schneider war das Wissen, welches Jndka aus der nieversiegenden Quelle von Reb Jvjnes Gelehrsamkeit geschöpft hatte, mehr als genügend. Man befahl also dem Knaben, den Eheder zu verlassen nnd seinen Platz in der Schneiderwerkstatt einznnehmen; in derselben traditionellen Fa-

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