Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochrnfttzrifi „Was? Ich? Ich svll hernmgehen und die Lehrerinnen zur Arbeit anhalten? Oh, ich würde scharf aufpassen, ob sie nicht plaudern! Ich kenne Ihre Schliche!" „Du scheinst auf Deine Lehrerinnen sehr gut aufzupassen. Verklatscht Du sie manchmal wegen klatschen?", fragte Debby belustigt. „Nein, nein," protestirte Esther ganz ernsthaft. „Ich höre ihnen gern zu. Wenn meine Lehrerinnen und noch ein paar andere beisammen sind, lerne ich sehr, oh sehr viel dabei." „Dann geben sie Dir ja auch dabei Unterricht." lachte Debby. „Ja, aber es steht nicht im Stundenplan," meinte Esther, altklug das Köpfchen schüttelnd. „Sie reden meistens von Verehrern. Debby! Hast Du auch einmal einen Verehrer gehabt?" „Kind — stell' doch nicht solche Fragen!" Debby beugte sich über ihre Näherei. „Warum nicht?", fragte Esther. „Falls ich einen Verehrer bekäme, wenn ich groß bin, ich wäre stolz ans ihn. Du drehst den Kopf weg? Gewiß hattest Du Einen. War er so nett wie Lord Eversmonde oder Capitän Sinclair? Wie, Debby Du weinst?" „Sei kein Närrchen, Esther! Eine kleine Fliege flog mir eben in's Auge. Das arme Ding, es thut mir weh und Hilst sich nicht." „Laß sehen, Debby!" bat Esther. „Vielleicht kann ich sie noch retten." „Laß, laß!" „Debby, sei doch nicht so grausam! Tu bist gerade so arg wie Salomon, der den Fliegen die Flügel ausreißt, um zu sehen, ob sie auch so fliegen können." „Sie ist jetzt schon todt. Lies weiter, Kind! Wir haben den ganzen Nachmittag mit Reden vertrödelt. Folg' mir, Esther! Laß Dir nicht den Kopf mit Gedanken von Verehrern anfüllen! Du bist zu jung. Sv, jetzt bin ich fertig. Lies lveiter!" „Wo war ich?" Ach ja." „Lord Eversmonde drückte die schöne, junge Gestalt an seine männliche Brust und preßte Kuß auf Kuß auf ihre vollen, rothen Lippen, die leidenschaftlich seine Küsse erwiderten. Endlich kam sie zu sich und rief vorwurfsvoll: „Oh, Siegmund, warum kommst Du hierher, trotzdem der Herzog es verbietet?" „Debby, weißt Du, Vater sagte neulich, ich darf nicht hierherkommen." „Du mußt!", rief Debby leidenschaftlich. „Ich könnte jetzt nicht mehr sein ohne Dich." „Vater sagt, die Leute behaupten, daß Du llicht gut bist", sprach Esther offenherzig. Debby athmete schwer. „So?", flüsterte sie. „Aber ich sagte, daß die Leute lügen. Tu bist gut!" „O, Esther, Esther!", schluchzte Debby und küßte das ernste Gesichtchen so stürmisch, daß das Kind ganz verivundert war. „Ich glaube, Vater sagte es nur, weil er meint, daß ich Sarah und Isaak vernachlässige, wenn er in Schul ist. Sie streiten sich jedesmal, wenn sie allein sind, wegen ihrer Geburtstage, aber sie thun sich nicht wirklich weh. Ich sag' Dir was, Debby: könnte ich nicht Sarah mitbringen?" „Oh ja! Aber wird sie nicht weinen und sich einsam fühlen, während Du liest und kein Isaak da ist, mit dem sie spielen kann?" „Oh nein", sagte Esther zuversichtlich. „Sie wird Bobby Gesellschaft leisten". Bobby schloß auch mit der kleinen Sarah Freundschaft. Er kannte keine arideren Hunde, ulld unter solchen Umständen nimmt ein kluges Thier auch mit Menschen vorlieb. Auch Debby war er zuerst ganz zufällig begegnet, und die beiden Einsamen schlossen sich einander an. Bor der Bekanntschaft mit Bobby war die Hvlländer-Debby oft wilden Versuchungen erlegen. Einmal hungerte sie sich beinahe aus und legte fast drei Monate hindurch wöchentlich neun Pence zurück. Mit diesem Gelde kaufte sie von Sugarman, dem Schadchen, der dies eine Mal von ihrer Existenz Notiz nahm, ein Achtellos, machte aber keinen Treffer. Als es dem Winter zuging, bekam Debby immer weniger von Esther zu sehen, denn die Kleine besorgte, daß ihre Freundin sich verpflichtet halten könne, ihr etwas zum Essen anzubieten; auch brauchten die Kinder mehr Zuspruch. Esther erzählte sehr wenig von ihrem häuslichen Leben, obwohl Debby Alles über ihre Mitschülerinnen und ihre Lehrerin erfuhr. Seite 243 An einem Sommerabend, kurz nachdem Esther in die Classe Miriam Hyams' gekommen war, erschien sie mir sehr ernster Miene bei Debby und sagte: „Debby, Fräulein Hyams ist keine Heldiir". „So?", fragte Debby belustigt. „Du warst ja anfangs so entzückt von ihr." „Ja, sie ist sehr hübsch, und ihre Hüte sind reizend, aber sie ist keine Heldin." „Was ist denn passirt?" „Du weißt doch, daß heute so herrliches Werter war?" „Ja". „Nun, heut' Früh, mitten in der Bibelstunde, sagte sie zu uns: „Wie schade, Mädchen, daß wir bei diesem schönen Wetter hier hocken müssen!" -- Du weißt, sie plaudert immer so mit uns. — „In manchen Schulen ist Mittwoch Nachmittag im Sommer ftei. Wäre es nicht hübsch, wenn wir bei dem schönen Sonnenschein im Victoria-Park sein könnten?" „Ja, das wäre zu hübsch, Fräulein!", riefen wir Alle. Und da sagte Fräulein: „Warum bittet ihr denn nicht die Oberlehrerin, daß sie Euch den Nachmittag ftei gibt? Ihr seid die oberste Classe, wenn Ihr darum bittet, bekommt gewiß die ganze Schule frei. Wer soll bitten?" Da sagten alle Mädchen, ich solle es thnn, weil ich die Erste in der Classe sei. Als die Oberlehrerin herein kam, steh' ich auf, knixe schön und bitte sie, uns wegen des schönen Wetters Nachmittag ftei zu geben. Ta setzte die Oberlehrerin die Brille auf, und ihr Gesicht wurde ganz finster. „Was?!“' sagte sie, „nach den vielen Ferien, die wir gehabt, vier Wochen zu Nenfahr, vierzehn Tage zn Ostern und die vielen Festtage! Es wundert mich, daß Ihr so faul seid und noch mehr wollt. Warum nehmt Ihr Euch kein Beispiel an Eurer Lehrerin? Seht Fräulein Hyams an!" Wir sahen Alle Fräulein Hyams an, aber sie suchte etwas in ihrem Pult. „Seht, wie Fräulein Hyams arbeitet!", sagte die Oberlehrerin. „Sie murrt nie, sie verlangt nie einen Feiertag!" Wir schauten wieder Fräulein an, aber sie hatte die Papiere noch nicht gefunden. Es war schrecklich still in der Classe, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann wendete sich die Oberlehrerin zn mir: „Und Du, Esther Ansell, auf die ich immer so viel hielt, Du bist die Anführerin dabei! Das hätte ich llicht von Dir gedacht. Ich werde es mir merken, Esther Ansell!" Damit segelte sie hinaus, steif und gerade tute ein Stock, und die Thür machte „Krach" hinter ihr." „Und was hat Fräulein Hyams gesagt?", ftagre Debby gespannt. „Sie sagte: „Selma Grün, was that Moses, als die Kinder Israels um Wasser murrten?" Sie setzte die Stunde fort, als sei gar nichts geschehen." „Ich hätte der Oberlehrerin gesagt, wer mich aniheyte," rief Debby empört. „Nein, das wäre häßlich gewesen," sagte Esther köpf schüttelnd. „Sie soll das mit ihrem Gewissen abmachen. Ach. wenn wir frei bekommen hätten!", fügte sie hinzu. „Es wäre im Park so schön gewesen." Ter Victoria-Park war für das Ghetto „der" Park. Die Entfernung betrug bei ein paar Meilen, so daß ein Besuch des Gartens einem wahren Ausfluge gleichkam: aber er war doch ein Segen für das Ghetto. Manchmal an Sonntag Nachmittagen wander'te die Familie Ansell, die Babe abgerechnet, in e.>rpore dorthin und zurück, wobei Moses Sarah und Isaak abwechselnd trug. Esther liebte den Park bei jedem Wetter, besonders aber im Sommer, wenn der große See mit Booten bedeckt war. die Vögel in den belaubten Zweigen zwitscherten und die Gärtner wunderbare Muster aus Lobelias und Calceolerien woben. Dann warf sie sich in das dichte Gras, schaute in mystischem Entzücken zu dem blauen Himniel auf und vergaß ganz an ihr mitgebrachtes Buch, während die anderen Kinder in wilder Freude umhersprangen. Nur einmal, an einem Sonnabend Nachmittag, als Moses nicht zu Hanse war, bewog sie die Holländer-Debby, aus ihrer Abgeschiedenheit hervorzutreten und sie zu begleiten. Aber damals war es nicht Sommer, sondern Spätherbst. Eine unbeschreibliche Schwermuth lag über der ganzen Landschaft. Rothes, abgefallenes Laub bedeckte die Wege, und die großen Bäume streckten kahle Arme in die Luft; der Novembernebel stieg von dem feuchten Boden auf und trübte das Blau des Himmels mit rauchigen Wolken, zwischen denen die Sonne, ein rothes, segelloses Boot, unter goldrvthen Furchen und? schim-! mernden Flöckchen verankert lag. Der kleine See war schlammig i und spiegelte die Bäume an seinem Ufer als ein Netz von