Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 242 Dr Bloch's Wochenschrift Nr. 12 und Leichenwagen schmückten reiche Kranzspenden. Andern Trauerzuge selbst beteiligten sich die Stadtvertretung mit ihrem Bürgermeister, der Borstand der israel. Cultnsgemeinde, die Deputationen verschiedener Vereine, dessen Ehrenmitglied er zumeist gewesen, der Bvrstarrd des israelitischen Krankeupflegevercines, irr welchem er das Amt eines zrveiten Vorstehers bekleidete, sowie eine zahlreiche Begleinrrrg aus allen Kreisen der Bevölkerung, welche dem Verblichenen die lebte Ehre erwiesen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Tr. Wiesen hielt dem Verstorbener! — den er auch als Freund betrauerte — einen würdigen und warmen Nachruf. Der Redner hob insbesondere das patriarchalische und innige Familienleben desselben, den rechtschaffenen Charakter in feinem Berufe und den Pflichteifer, rvelchen er in feinen öffentlichen Ehrenstellen bekundete, hervor. Se. Ehrwtirden glaubte sich berechtigt, in seiner Eigenschaft als israelitischer Geistlicher darauf hinzuweisen, daß jene Erscheinung, welche der Humanitätsgeschichte unserer Zeit zu keiner Ehre gereicht, auch am Grabe dieses Verstorbenen hervorgehoben werden müsse, indem Letzterer durch seine bürgerlichen Tugenden, wenn auch nicht theoretisch, so doch praktisch die beste Widerlegung der Vorurtheile dieser Zeitströmung gewesen und durch sein Leben bewiesen habe, daß man ein guter Jsraelite und guter Staatsbürger zugleich sein kann. Mit einem Gebete für den Seelensrieden des Heimgegangenen schloß die erhebende Rede, welche in der so zahlreichen Versammlung einen tiefen Eindruck hinterließ. Sodann wurde vom Gesangverein „Harmonia" ein weihevoller Grabchoral gesungen und die irdische Hülle des Verewigten ihrer letzten Ruhestätte übergeben. Tullu, 16. März 1896. Der hiesige Cultusverein hat einen schweren Verlust erlitten', sein langjähriges eifriges Mitglied Herr Hermann Schiller wurde gestern auf dem hiesigen israelitischen Friedhose zur letzten Ruhe gebettet und die zahlreiche Menge, die ihm das letzte Geleite gab, gab Zcugniß, wie beliebt der Verschiedene war. Der leider zu früh Verstorbene war ein Wohlthäter im wahrsten Sinne des Wortes, kein Dürftiger ging von seiner Schwelle, ohne eine Unterstützung erhalten zu haben, wo er helfen konnte, half er soweit cs möglich war. — Donnerstag war er noch frisch und gesund und Freitag Früh lag er als Leiche auf der Bahre, ein Schlagfluß hatte seinem jungen Leben — er war erst 42 Jahre alt — ein Ende gemacht. Schließlich sei noch erwähnt, daß er bis zu seinem Lebensende Vorsteher des Cnltusvereines und daß er für die Erhaltung desselben stets ein eifriger Förderer war. Czyanta (Ungarns. Ein erfreuliches Ereigniß, das die hier herrschenden freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen beweist, hat sich gelegentlich der Beerdigung des Stadt-' arztes Dr. Bela Bergl hier zugetragen, Nachdem der Rabbiner die üblichen Gebete gesprochen hatte, trat Seine Ehrwürden, der protestantische Pastor Stefan Thot an die Bahre und hielt eine Rede, in welcher er der Verdienste, die der Verschiedene der ganzen Gegend erwiesen, in höchst anerkennender Weise gedachte. Er schloß mit einem rührenden Gebete für die Seelenruhe des Todten, das auf die Leidtragenden eine tiefe Wirkung ausübte. Berlin, 8. März. Herrn Dr. Phil. Felix Lieberm a lt lt ist das Prädicat „Professor" beigelegt worden. Der Gelehrte ist der Bruder des Malers Max Liebermann und gilt als ein ausgezeichneter Historiker. Er war lange Mitarbeiter au den Monumenta Germaniae“, später ging er im Aufträge der Regierung nach England und Schottland zu archivarischen Quellenstudien. Er bildete sich in der Geschichtswissenschaft hauptsächlich unter Reinhold Pauli in Göttingen. Liebermann's wissenschaftliche Arbeit bewegt sich mich wesentlich in den Geleisen der Paulischen Studien. Daß einem Privatgelehrten, wie es jetzt bei Lieberman geschehen ist, der Professortitel verliehen wird, ist iin Ganzen ein seltenes Vorkommniß. Berlin, 9. März. P r o s e s s o r D r. Ai o r i tz Steinschneider wird, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, an den beiden ersten jüdischen-Ostertagen nicht zu Hause sein und sich durch eine kleine Reise jeder persönlichen Ovation an seinem 80. Geburtstage (30. März) entziehen. Karlsruhe. Ter Herausgeber einer hiesigen Zeitung lvurde zu 14 Tagen Gefängnis) verurtheilt, weil sich in einem feiner Artikel folgender Passus befand: „Ihr sollt nicht anvertrauen Eure Angelegenheiten jüdischen Advvcaten, Eure Gesundheit jüdischen Aerzten, Eure Kinder jüdischen Lehrern, dmnit Euch kein Schaden erwachse, an Eurer Ehre, an Eurem Leben, an Euren Seelen." Dresden, 5. März. Wegen Beleidigung des Herrn Kaufmanns Baruch Heller ist der Buchdruckereibcsitzer und Bilderbogenfabrikant F. W. G l ö ß zu d r e i M o n a t e n G e f ä n g n i ß, der Verantwortliche Redactenr der „D e u t s ch e W ct ch t" zu 200 Mark G e l d st r a f e verurtheilt worden. Kasan. Der hiesige Strafrichter, welcher, trotzdem er den nichtjüdischen Flamen Dillon führt, doch Jude ist, hat seine Stelle niedergclegt. Nun gibt es in ganz Rußland keinen einzigen jüdischen Richter mehr. Vor 25 Jahren gab es im Reiche noch 18 jüdische Züchter und Friedensrichter. Salisbury (Südafrika). Mr. Moß Henry Morris hier ist zum Friedensrichter ernannt worden. Er ist der erste Jude in Rhodesia, dem diese Auszeichnung zutheil lvurde. Morris lvar einer der ersten Ansiedler im Lande. Feuilleton. Rinder des Ghetto. (Nomon von I. Zangwill.) lNachdruck verboten.) „Da hörte ich auf, das „Journal" zu kaufen und lese nun meinen Stoß alter Nummern durch. Es dauert iminer zwei Jahre, bis ich einmal durch bin." Ein Hustenanfall unterbrach Debby, denn lange Monologe taugen nichts für Leute, die in dunklen Hinterzünmern über Näharbeit gebückt fitzen. Als sie sich erholt hatte, fuhr sie fort: „Und dann fange ich lvieder von Neuem an. Du könntest das nicht, nicht wahr?" „Nein," gab Esther mit einem Gefühl der Beschämung zu. „Ich merke mir Alles, was ich lese." „Ja, Du wirst einmal eine kluge Frau sein," sagte Debby und streichelte ihr das Haar. „Glaubst Du?", rief Esther, und ihre dunklen Augen leuchteten vor Vergnügen. „Ja, Du bist immer die Erste in der Classe, nicht wahr?" „Meinst Du deswegen, Debby?", fragte Esther enttänscht. „Die anderen Mädchen sind so dumm, sie denken au nichts als au Hüte und Kleider. Es liegt ihnen gar nichts daran, wenn sie ein ganzes Jahr in einer Classe bleiben müssen, aber ich — mich macht es ganz toll, daß es so langsam geht! Ich könnte die ganze Classe in drei Monate durchmachen. Ich möchte Alles wissen, damit ich einmal eine Lehrerin in unserer Schule werden kann.,, „Weiß Deine Lehrerin Alles?" „Oh ja, sie weiß, was jedes Wort bedeutet, und kann soviel Geographie!" „Möchtest Du gern eine Lehrerin werden?" „Wenn ich nur klug genug dazu wäre 0' seufzte Esther. „Aber siehst Du, die Lehrerinnen an unserer L-chule sind wirkliche Damen und tragen so wunderbare Kleider, ach, Pelzkragen und sechsknöpfige Handschuhe! Das könnte ich nie, denn selbst, wenn ich fünf Schilling wöchentlich verdienen würde, müßte ich das Meiste davon dem Vater und den Kindern geben." „Aber wenn Du brav bist, werden Dir die reichen Damen, vielleicht die Rothschilds schöne Kleider kaufen; ich habe gehört, daß sie gescheiten Kindern sehr gut sind." „Nein, da würden die anderen Lehrerinnen Nüssen, daß ich geschenkt bekomme, und würden mich auslachen. Ich habe gehört, nüe Fräulein Hyauis eine Lehrerin auslachte, weil sie dasselbe Kleid trägt, wie vorigen Winter. Uebrigens, eigentlich möchte ich gar keine Lehrerin sein, obwohl es sehr angenehm ist, wenn man sich im Winter au den warmen Ofen anlehnen darf. Tie Kinder wiirden —" Esther hielt erröthend inne. „Was würden die Kinder?" „Sie würden Vater kennen," fuhr Esther mit leiser Stimme fort, würden sehen, daß er hausiren geht, und würden mir nicht folgen." „Unsinn, Esther, ich glaube, die Väter der anderen Lehrerinnen sind gerade so arg — so arm wollte ich sagen. Denk' nur an den Vater von Fräulein Hyams!" „Oh, Debby, wenn das wahr wäre! Uebrigens, wenn ich fünf Schilling wöchentlich bekäme, könnte ich ja Vater einen neuen Rock kaufen, nicht wahr? Und dann brauchte er nicht mehr mit Citrvnen und Zizes ans der Straße zu stehen. Nicht wahr?" „Nein, Kind. Ich prophezeie Dir, Du wirst eine Lehrerin sein, und wer weiß? Vielleicht eine Oberlehrerin." Esther lachte glückselig auf, aber es klang auch wie schluchzend.