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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Blorh's Wvchrnrchrist. Seile 237 Schminke manches „Ehrenmannes" grell hervortritt. Der Weise scheut daher den Gerichtssaal! Nun lassen wir weiter die interessanten Ergebnisse in der Ehrenbeleidigungssache König contra Schieber und Swoboda, folgen: Die Frau des Herrn Adolf Schlesinger hatte gleichfalls wie Herr Goldblatt eine Pfandleihanstalt, gegen welche im „Volksboten" heftige Angriffe standen. Herr Schlesinger erzählt nun als Zeuge: „Ein Freund sagte mir, ich solle dem Schneider etwas geben, der schreibt die Artikel. Ich gab dem Schneider thatsächlich zehn Gulden; der nahm sie und erwiderte: „Bringen Sie mir nächsten Monat wieder zehn G u l d e n; ich will auch leben! Weil ich ihm die nächsten zehn Gulden nicht brachte, schrieb Schneider wieder einen Angriffsartikel." Der Trödler Stern deponirte, daß der ehemalige Gemeindesecretär Schneider gerne bereit war, für Geld und gute Worte bei Concessionsverleihungen u. s. w. als Vermittler zu interveniren. Er hat gesehen, wie Schneider von Schlesinger zehn Gulden als „Schweiggeld" erhielt. Dr. G r u b e r: Hat König von diesen Geschäften Schneid er's gewußt? — Zeuge: Nein. — Dr. Grub er: König hat aber auch später erklärt, daß er von Schneider keine Artikel mehr annehme. Nun erscheint der ehemalige Gemeindesecretär von Ottakring Carl Schneider. Er nennt sich bescheiden „Schriftsteller^.,Jch schreibe Historisches. Romane u. dergl. wenig für Zeitungen." Er war früher Concipient und schrieb nur Artikel für den „Volksbolen", für welche er fünf Gulden per Artikel erhielt. Er habe König verständigt, daß er Geld von den jüdischen Geschäftsleuten erhalte. Dieser willigte ein, daß die Angriffsartikel gegen G o l d b I a t t und Stern unterblieben. „In Gottes Namen nehmen Sie!" sagte damals König zu ihm. S i e stehen in keinem Verhältnisse zum Blatt. „I ch schreibe nur aus Parteirücksichten," fügte übrigens Herr Schneider stolz hinzu. König hatte über diese Bestechungsgeschichte selbst in seiner Zeitung geschrieben. Dr. Kästner: Sie haben weiter von G o l d b l a t t Geld genommen? — Zeuge: Ja, Dr. K a st n er: Wofür? — Zeuge: Ich habejanichts geschrieben. Das ist ja meine Privatangelegenh e i t. Cafetier Seidl erzählt, König sei zu ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, zu abonniren. „I Hab' g'sagt, na, i abonnir net, da sagt er: „Sie wer d'n bereuen. I wer' I h nen allerweil p a ck'n'" Und so is a, seither verreißt er mi' alle Aug'nblick!" Dr. G r u b e r: Welche Gesinnung haben Sie gegenüber König? — Zeuge: A gute und a schlechte. Nach nahezu anderthalbstündiger Berathung verneinten die Geschwornen (Obmann Rowland) einstimmig und mit elf gegen eine Stimme die Schuldfrage auf Ehrenbeleidigung bezüglich beider Angeklagten, worauf Präsident Dr. Granichstädten den Freispruch Schieder's und S w o b o d a's verkündigte. Bon den Ufern der Newa. m. Petersburg, den 13. März 1896. Das hiesige Judenthum hat einen seiner edelsten Gönner verloren. Vor einigen Tagen verschied nach kurzem Siechthum Dr. SergiejAleks androvits chBes chad ski,außerordentlicher Professor der Rechtsencyklopädie an der kaiserlichen Universität und des Ly ceums Hierselbst. In den Adern des Verewigten floß kein einziger Tropfenjüdischen Blutes, sein Urgroßvater sogar war griechisch-katholischer Geistlicher — und doch hat er sein ganzes Leben (er war leider nur 45 Jahre alt) und Wirken dem Wohle unserer Glaubensgenossen, der Erforschung ihrer Geschichte in. Litthauen, Polen und Rußland, gewidmet. Sein Werk „Die litthauischen Jude u" (1883) kann elastisch genannt werden. Nicht minder schätzbar sind seine Materialien zur Geschichte der Juden in Litthauen (Petersburg 1882. Zwei Bände) und seine zahlreichen Monographien: über Geschichte der Juden in Vilna, über Saul Wahl, überJuden in Polen, Im Exil u. s. w. Die meisten dieser Arbeiten veröffentlichte er in den literarischen Beilagen des „W o s ch o d," wo er auch (im Januarhefte 1896) seine unglücklicherweise letzte, höchstspannende Skizze: über die frühe st en Jeschiboth in Altpolen, begann. In Anerkennung seiner hohen Verdienste hat ihn die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den russischen Juden zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt, hielt am vergangenen Mittwoch einen feierlichen Trauergottesdienst in der hiesigen großen Synagoge ab und beabsichtigt ein entsprechendes Stipendium seines Namens zu gründen. Am Grabe des viel zu ftüh Dahingeschiedenen hat unser Glaubensgenosse Herr Rechtsanwalt Max W i n a w e r, ein warmes, schmerzdurchdrungenes Worl gesprochen. Fast gleichzeitig verwaiste das russische Jndenthnni ein Mann, der lange Jahre hindurch seine vorzügliche Zierde war. Jir Kvwno starb <am 9. Marz) der weit bekannte borkige Rabbiner Rabbi I s a a c- E l ch a n v n S p e e r o r. Hochgelehrter Talmudift, strenggläubig und tolerant zugleich, war der gottselige Rabbi Spector ' eine der geliebtesten und populärsten Persönlichkeiten unter den Inden Rußlands. Auch für sein Seelenbeil ward in unserer Synagoge ein Gottesdienst begangen, an dem sich ein so massenbastes Publicum betheiligte, daß man ein ähnliches vielleicht nur am Versöhnungstage hier wahrnehmen kann. Trotz der mannigfachen Enrnrnthigungen seitens der städtischen Presse scheint es doch wahrscheinlich zu sein - wie ich aus zuverlässiger Quelle vernehme — daß einige Beschränkungen hinsichtlich des jüdischen Wohnrechts binnen Kurzem auf gehoben werden sollen, vor Allem aber, daß die Bemühungen unserer jüdischen Notablen in Betreff von Anlegung ausschließlich jüdischer Laudcolonien außerhalb des Ansiedlungsrayons Aussicht auf Erfolg haben. Das hiesige Blatt „Nowoje Wremja" fährt fort,, über die Herzl'sche Broschüre sich luftig zu machen. Aus Anlaß eures im „Woschod" erschienenen Artikels, worin gegen den Plan, ein selbstständiges israelitisches Reich zu gründen, viele Einwendungen aufgebracht wurden - stellt das Blatt die galledurchtränkte Frage auf: „Was für Freiheiterr mehr wollet Ihr fiir Eure Brüder in Oesterreich, Deutschland und Frankreich?" Solchen Ansichten gegenüber — zum Trost sei es gesagt --- bricht sich in den einflußreichen Kreisen der russischen Gesellschaft eine andere Bahn, als deren Repräsentant der neue Redacteur der hiesigen großen Zeitung „St. Petersburgskaja Wiedvmosti", Fürst E. Uchtomski, welcher den jetzigen Kaiser (damals noch Kronprinz) auf seiner Reise nach dem Orient begleitet hat gelten kann. In einem seiner Leitartikel (Nr. 47) drückt sich Fürst Uchtomski so aus: „Tie unnöthigen, gesetzeswidrigen und fiir das Wohl unseres theueren Vaterlandes schädlichen Beschränkungen der Andersgläubigen bedrücken unser Gewissen und brennen mit Schamfeuer die Seele eines Jeden, der an die Größe Rußlands glaubt." Der hiesige Senat hat in den letzten Tagen zwei als Präjudicate sehr wichtige Urtheile gefällt. Das erste betrifft die Frage: ob ein Jude, der seinen Militärdienst vor Einsiihrung ocr allgemeinen Militärpflicht durchmachte, folglich das Recht hat, überall in Rußland zu wohnen — auch dann besagtes Recht nicht verliert, wenn er nach Beendigung des Dienstes im Bereiche des Ansiedlungsrayons ansäßig wurde und daselbst viele Jahre verlebt hat. Unsere höchste Instanz erklärt mit aller Entschiedenheit, daß jenes Recht auch in diesem Falle seine volle Giltigkeit behalte. In der zweiten Angelegenheit, in der von einem Handümgs-Commis jüdischer Confession, welcher auf Grund einer durch einen Kaufmann erster Gilde ihm ertheilten Vollmacht in Juden verbotenen Oertlichkeiten sich aufhielt, außerdem noch eine specielle Erlaubniß der Polizei verlangt würbe — erklärte der Senat ausdrücklich, daß eine solche Erlaubniß durchaus überflüssig sei, insofern der den betreffenden Commis gestattete sechsmonatliche Termin mcht überschritten ist. G. Mar. Jüdische Krankenpflegerinnen. Soeben ist der zweite Jahresbericht des in Berlin gegründeten Vereines für jüdische Krankenpflegerinnen erschienen. Ter Verein feiert somit seinen zweiten Geburtstag, aber die Resultate, auf die er Hinweisen kann, sind ungemein erfreuliche und zeigen, daß die Hoffnungen und Erwartungen, die bei seiner Gründung gesetzt wurden, sich bereits jetzt in hohem Maße erfiillt haben. Im zweiten Jahre haben bereits elf fertig aus gebildete Schwestern ihre segensvolle Thätigkeit ausüben können und zahlreiche Schülerinnen finden nmrmehr in den Stationen des jüdischen Krankenhauses, sowie in der königlichen Charite ihre Ausbildung. Tie ärztlichen Zeugnisse welche den jüdischen Schwestern nach vollendeter Privatpflege von den Aerzten ausgestellt wurden, dürfen den Verein mit großer Genugthuung erfüllen. Derselbe ist nuirmehr in Folge der zahlreichen Anmeldungen in der Lage, eine solche Auswahl unter den Schülerinnen zu treffen, welche durch Bildung und allgemeine B es äh igun g zu dem Berufe von Krankenpflegerinnen besonders geeignet erscheinen. Die Anerkennung, welche von betheiligten Kreisen den jüdischen Krankenpflegerinnen gezollt wird, zeigt sich darin, daß auch aus der Ferne, aus großen deutschen Städten, Anfragen um Ueberlaffung von Schwestern behufs Ausübung der Krankenpflege einlangten. Vorläufig ist der Verein jedoch nur noch in geringem Maße in der Lage, solchen Wünschen entgegenzukommen, im Laufe der Zeit wird sich jsein Wirkungskreis hoffentlich so sehr erweitern.

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