Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 236 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 12 Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Kammerdiener des Baron Albert Rothschild — Antisemit. Letzten Sonntag ist in einem Gasthause in Nußdorf ein Gast am Honoratiorentische besonders gegen die Juden losgezvgen. Dieser Gast war Herr S t i n g l, Kammerdiener des Baron Albert Rothschild. Ein Jude, der an der Gesellschaft theilnahm, war hierüber nicht wenig erstaunt. Stmgl sagte nämlich, die Juden wollen den Christen gleich sein, das gehe mcht, die Juden müssen hinaus, sie sotten auswandern u. s. w. Es ftagt sich, wenn auch der Jude Rothschild wird auswandern müssen, ob Stingl das Herz haben wird, seinen Herrn zu verlassen, oder ob er es nicht'vorziehen wird, die fette Pfründe auch im Exil mit Baron Rothschild zu behalten. Warum sind wir nicht beliebt? London, den 17. März 1896. Unser Glaubensgenosse Joseph I a e v b s, der Präsident der englischen Folklore-Gesellschaft und ausgezeichnete Bibliograph, hat soeben ein sehr interessantes Büchlein (Jüdische Ideale, London, David Nut t) publicirt, das der Beantwortung der Frage gewidmet ist: „Warum sind wir nicht beliebt?" — Sind wir zu gut? Nem. Sind wir zu exclusiv? Die Quäker und Schotten sind auch sehr exclusiv und trotzdem nicht gar zu unbeliebt. Jacobs findet die Erklärung darin, daß wir Juden ein streitbares Geschlecht sind, daß wir den Kamps aus Lebensgebiete übertragen, wohin er nicht gehört. Der Jude streitet über Politik, über das Theater, über den Charakter eines Freundes, über Alles; und immer behält er das letzte Wort. Aber es ist nicht diese etwas paradoxe Erklärung unseres geistreichen Glaubensgenossen (diese Eigenschaft der Streitbarkeit und Disputirlust ist bekanntlich ein charakteristisches Merkmal des deutschen Volkes), sondern die Bemerkungen einer der vornehmsten englischen Wochenblätter, der „S atu r d a y Review", die Ihre Leser ganz besonders interessiren werden. Wie kommt es, schreibt das genannte Blatt, daß es keine Judenftage in England gibt, wie sie iit Deutschland, Frankreich und Oesterreich existirt, von Rußland nicht zu reden? In Paris, Berlin und Wien hat man aus der jüdischen eine brennende sociale Frage gemacht — das ist hier in London durchaus nicht der Fall. Wie kommt das wohl? Die Antwort lautet einfach, daß in Deutschland, Frankreich und Oesterreich die haute tinance, der Geschäftsadel, fast ausschließlich von Juden vertreten wird. In London dagegen stehen die Tinge ganz anders. Aus deni Continente sind aller Augen aus die Rothschilds, die Sterns, die Bleichröders und die Mendelssohns gerichtet, in England hingegen kommen aus jeden jlidischen einige christliche Millionäre. Neben einem Beit steht ein Rhodes, neben einem Barnatv ein Robinson, während die Rothschilds, die Sterns und die Goldschunds verdunkelt werden von den Barings, den Lubbvcks, den Couttses, den Glyns, den Basses, den Guinnesses und den Allsopps.^ Mit anderen Worten, die Anzahl der jüdischen Financiers verschwindet unter den Peers, sowie den Bank- und Bier- Millivnären der mächtigen englischen Familien. England kennt keinen Neid aus jüdischen Reichthum. Gleich den alten Römern haben die Engländer die natürliche Gabe, werthvolle Kräfte auch aus ursprünglich fremden Quellen zu absvrbiren. —5. Die Jüdische Solidarität. (Dialogue.) Blos auf ein Wort, mein Herr! Ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar, ich will dieselbe nicht mißbrauchen. Ich gehe geradenwegs auf mein Ziel los. Wohlan denn .... mein Herr, ich bin auf dem Punkte, eine großartige und vollste Gewähr für den Erfolg bietende Angelegenheit abzuschließen, zu diesem Behufe benöthige ich 3000 Francs. .? Dreitausend. Ich wäre Ihnen sehr verpflichtet, wenn Sie sie mir vorstrecken wollten. Die Juden helfen und unterstützen einander, meine Zukunft wäre in Folge ihrer Güte gesichert, in sechs Monaten würde ich ihnen diesen Vorschuß zurückzahlen. ... — Sie würden mir zahlen? Ich bezweifle es nicht. Aber glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen dieses Geld geben t'bnn. — Oh! Mein Herr! 3000 Francs, eine so kleine Summe. — Ich bin in Verzweiflung , . . aber ich bin weder Bankier, noch Agent; ich habe diese Summe nicht, noch könnte ich sie beschaffen. — Ah! Mein Herr! Ich gebe ihnen die Versicherung, meine Zukunft, mein Glück, meine ganze Existenz hängt davon ab. Sehen Sie doch! Ich weiß, wie edel Sie sind, ich liebe die Juden, ich selbst bin ein Jude, ich komme zu einem Juden, und er stößt mich zurück! — Muß ich mich denn au Drumont wenden?! Ach, nennt man das die jüdische So lidarität! » — Ich bin verloren, mein Herr! Ich gehöre einer ehrenwerthen Familie an, und wenn Sie mir nicht bis morgen zu Hilfe kommen, bin ich verloren. Ich habe Weib und Kind. Bis heute habe ich mit Ausdauer und Muth gearbeitet. Das Glück hat mich verrathen, ich bin verpflichtet, mich insolvent zu erklären. Ich flehe Sie an, retten Sie mich, retten Sie meine Frau und meine Kinder.... — Wie viel brauchen Sie? — 30.000 Francs. — Wie, Sie bilden sich ein, daß ich ihnen eine solche Summe vorstrecken kann? — Sie kennen meine vom Glück bcgüustigleren Glaubensgenossen. Was ist diesen 30.000 Francs? Eine kleine Summe, für mich beveutet sie Ehre, Gluck, das Leben. — Ihr Fall ist leider nur einer von vielen, man brauchte Millionen und Millionen, wollte man Alle vor dem Stranden bewahren. — Wohl, doch ist keine Situation so außerordentlich, wie meine. . . — Gewiß, doch Ihre Leidensgefährten behaupten dasselbe mit demselben Rechte wie sie. — Das ist der Ruin! Ich bin verloren! Und das i st die jüdische Solidarität! » s * — Mein Herr! Ich mache soeben eine bewunderungswürdige Entdeckung, die bestimmt ist, eine Revolution auf industriellem Gebiete hervorzurufen. Ich bin des Erfolges sicher. Für mich ist es ein Glück, für meine Glaubensgenossen eine Ehre. Zu diesem Zwecke. .. — Brauchen Sie Geld? — Sie haben es errathen. Ach, mein Herr, versuchen Sie es mit meiner Erfindung, lanciren Sie sie, welcher Ruhm für uns Alle? Denn der Erfolg ist unausbleiblich. Unsere größten Gelehrten sind ganz begeistert. Ich habe da einige Briefe, die. . . — Und Sie brauchen? — 300.000 Francs. — Ich habe sie nicht. — Ich zweifle nicht daran. Aber es wird Ihnen nicht schwer sein, sie herbeizuschaffen. Wir haben reiche Glaubensgenossen. Was bedeutet eine solch kleine Summe für sie. Sie werden mich doch nicht verlassen. Und abgesehen von Allem, Sie haben ja kein Risico, ich verpflichte mich, Ihnen einen Theil meines Gewinnstes zu überlassen, und diese Bortheile werden beträchtlich sein, seien Sie davon überzeugt. — Ich glaube es vollkommen, aber kann ich mich in industrielle Angelegenheiten mengen? Man würde mir m'S Gesicht lachen. — Aber, mein Herr, Sie scherzen, ich kenne meine Glaubensgenossen, ihre Hochherzigkeit ist anerkannt, sie werden mich nicht verlassen. Sie müssen mit ihnen sprechen, sie überreden, ihnen diese wunderbare Erfindung auseinaudersetzen. . .. Hier dieser Prospekt.. . — Unnütz, ich versichere Sie, daß Sie sich unglücklicherweise täuschen. Und mein lebhaftestes Bedauern .. . — Ah, ist sie das, die jüdische Solidarität?! („L'Uuivers. isr.") Ein antisemitischer Zeitungseigenthümer. Sie sind eigenartige Herren, die Herausgeber der antisemitischen Blätter, welche die Moral gepachtet haben, allerdings jene Moral, welche mit Recht die Gerichtsstätte so sehr scheut, die Moral der Umgeher und Berg an i. Da ist kürzlich einem dieser Herausgeber von Zeitungen antisemitischer Factur, welcher in einer offenbar unglückseligen Stunde den Beschluß faßte, zwei Männer, die ihn als „Revölverjournalisten" bezeichneten, zu klagen, das Malheur passirt, daß die Geschworenen seinen „Geschäftsantisemitismus" als nicht vollwerthig anerkannten und die Angeklagten freisprachen. Johann König, der Ottakring mit dem „Wiener Volksboten" beglückt, ist übrigens ein vorsichtiger Mann. Er weiß, daß sein Mitarbeiter von jüdischen Geschäftsleuten, die vorher in dem Blatte angegriffen wurden, Geld genommen hat, ganz wahrhaftiges „Schweiggeld". Herr König selbst sagt seinem Helfershelfer: „In Gottes Namen, nehmen S' nur das Geld von den Juden, je mehr, desto besser!" Aber das thut ja der Mitarbeiter auf eigene Faust, das ist seine Privatsache! Als echter Antisemit weiß König wohl, daß Carl Schneider von Juden Schweiggelder nimmt, daß er seine moralische Entrüstung gegen Baargeld einsteckt, aber das geht ja den Herausgeber des Blattes auch nichts an. Er ist rein, ihm kann Keiner an, und entrüstet, wie er ist, geht er zu Gericht, weil Jemand so frei war, dieses merkwürdige Doppelspiel der Moral beim wahren Namen zu nennen. Ab und zu scheint auch Herr König persönlich zum Preßrevolver gegriffen zu haben und, ein moderner Carl Moor, fürchterliche Umschau gehalten zu haben. Denn da erzählt der Cafetier Seidl die elastische Aeußerung König's: „Wann S' net abonniren, werden Sie's bereuen. I wer'Jhnaallerweilpacken!" Sprach's und that's als Mann von Wort, als würdiger, echter Antisemit, Gesinnungs- und Zeitgenosse. Ja, im Gerichtssaale erblickt man eben die Dinge in einer etwas scharfen Beleuchtung, in welcher die