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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 234 Dr. Vloch's Wochrnschrist. Nr. 12 kriechen und kaum den Finger rühren, um die qualvolle Demüthigung abzuwehren. Eitle Täuschung! Die Väter werden mit Orden behängt, Sterne und Kreuze glänzen an ihrer Brust, der Diener im Ministerium reißt die Thürflügel vor ihnen auf, aber ihre Söhne werden an der Universität für ehrlos verrufen, bis ins Mark geschmäht und beleidigt, ohne Hilfe zu finden. Die Reichen wollen die allgemeine Verschwörung nicht sehen, die sich gegen die Existenz, das Recht und die Ehre einer ganzen socialen Classe richtet, und sie haben niemals durch eine kühne offene That die Lüge gebrandmarkt, welche darin besteht, daß ihnen scheinbar ein großer Einfluß zugestanden wird, während der Boden unter ihren Füßen brennt, ihre Kinder beschmutzt werden und nichts geschieht, um auch nur die ärgsten Auswüchse zu beseitigen. Ist denn Geld Alles und kann der Besitz darüber trösten, daß der Stachel einer tödtlichen Insulte schon an den Herzen der jungen Leute bohrt, daß die Söhne mit gemeinem Hohn überschüttet und herausgeriffen werden aus der bürgerlichen Gemeinschaft, als ob sie kein Vaterland hätten, für das sie kämpfen und das unrein gescholtene Blut verspritzen müßten? Deirken wir uns, es wäre in Oesterreich wie in alter Zeit eine Verfolgung der Protestanten ausgebrochen. Würden die Schoeller, Miller v. Aichholz und früher die Arthaber und Artaria dazu geschwiegen, sich furchtsam geduckt, die Vorurtheile durch Nachgiebigkeit gestärkt und ihre armen Glaubensgenossen verlassen haben? Tie Reichen haben noch in keiner einzigen generösen Auswallung, ohne Rücksicht auf Nachtheile und Stellung, mit jener Hingabe, die in ernsten Augenblicken alle edleren und vornehmeren Geister ersaßt, ihre eigene Person und Macht ins Gefecht geführt und sich selbst dem Hagel der Geschosse ausgesetzt. Niemals haben sie das geringste Berständniß dafür gezeigt, daß die Schlachten gegen die antisemitische Wedertracht bisher nur von den Armen geschlagen wurden, von Hausirern, kleinen Kaufleuten und Studenten. Wenn die Reichen den festen Willeir hätten, die letzten Consequenzen im Kampfe zu tragen, ihren Platz an der Seite der Armen in diesem Vernichtungskriege, der Alle bedroht, einzunehmen, wenn sie ihre Kraft gebrauchen wollten, ohne sich um den eigenen dlutzen und Schaden zu kümmern, wenn sie nicht für das Trinkgeld von Geschäften und Auszeichnungen sich auf den Bart speien ließen, so würde der Ernst der Lage in Oesterreich Bielen ins Bewußtsein kommen, die nicht merken wollen, daß der Brand bereits auf dem ganzen Dache flackert. Die Reichen können die Welt nicht ändern, aber es muß ihnen doch ein persönliches Bedürsniß sein, vor der Oeffentlichkeit ein Zeichen ihres Muthes zu geben, sich nicht durch beit Geldsack von äußerem Schimpf loszukausen und mindestens den Versuch einer Wendung durch das volle Aufgebot ihrer Stärke zu wagen. Wahrhaftig, die Jugend bietet ein anderes Bild. Dort sind noch der Stolz und Trotz, die sich gegen die Unterdrückung stemmen, der unbeugsame Wille, sich die Gleichheit nicht entreißen zu lassen und sie mit Klauen und Zähnen zu schützen. Tie Sympathie mit der auftvachenden Generation kann auch durch den Umstand nicht verringert werden, daß heute in der Aula der Universität das Lied der Arbeit gesungen wurde. Die Jugend muß sich für eine Idee begeistern, und wenn sie hinausgestoßen wird aus den bürgerlichen Schichten, so ist es imr menschlich und begreiflich, wenn sie in das trügerisch lockende Reich der Zukunft flüchtet, wo der Werth eines Mannes nicht nach seiner Abstammung und seinem Glauben gemessen werden wird. Die Verherrlichung der geistigen und körperlichen Arbeit ist noch kein Bekenntniß zu den socialistischen Jrrthümern, wohl aber der Ausdruck des Mitgefühles für Noth und Elend, ein natürliches Aufbäumen gegen die rohe Faust. Alle Beleidigungen werden der Jugend nicht die Fähigkeit rauben, sich zu begeistern und gegenüber der mit narver Schamlosigkeit zur Schau getragenen antisemitischen Selbstsucht die Gedanken auszubilden, die, einst ftei von den Schlacken einseitiger Uebertreibung, die Schätze der Erde den Aermsten und Dürftigsten zugänglich machen werden. Welch ein Gegensatz; neben der Gewaltthätigkeit, die ans dem Zufälle des Stammes ein Vorrecht schaffen will, der Aufschwung humaner Gesinnung, die Fortschritt und Wohlstand auf den ganzen Bau der Gesellschaft lenken möchte. Nein, was in Jugend und Alter, gleichviel in welchem Stamme und Glauben, in allen Himmelsstrichen und Ländern sich noch eine bessere Empfindung bewahrt hat, steht auf dieser Seite und nicht auf jener der jesuitischen Rückständigkeit, nicht auf jener, die verworfen genug ist, ohne Spur innerer Frömmigkeit religiösen Haß auszubeuten. Wir haben den Eindruck, daß die wirthschaftliche Bedeutung der Verhältnisse in Oesterreich sehr unterschätzt wird. Die Erfahrung zeigt ja so häufig, daß die Gewohnheit gegen die Erkenntniß von Gefahren abstumpft. Sonst wäre es undenkbar, daß die verantwortlichen Lenker der österreichischen Politik nicht mit Schrecken durch die Vorstellung erfüllt werden sollten: In einem oder zwei Jahrzehnten werden die Fanatiker vielleicht Minister, Richter, Bezirkshauptleute, Abgeordnete und jedenfalls Wähler sein. Was kann und soll wirklich aus dieser Million von Menschen werden, die jetzt, gleich den wilden Thieren aus allen Erwerbszweigen hinausgehetzt und oft geradezu an den Bettelstab gebracht werden. Feuer und Wasser wird ihnen entzogen wie in der Bannformel des alten Rom. Essen, trinken und wohnen müssen sie, und das ist undurchftihrbar, wenn sie aus allen Berufen verdrängt werden. Gibt es eine größere Verruchtheit als ein bewußtes System der Aushungerung, als den hartherzigen Versuch, eine Million lebender Wesen jedes Mittels der Erhaltung zu berauben? Die Folgen können nicht diese oder jene, sondern müssen alle Elasten, den Staat, seine Wehrkraft, seine ökonomische und finanzielle Leistungsfähigkeit, seine Stellung im Weltverkehr treffen. Bauern, Handwerker und Beamte verdienen gewiß die weitgehendste Rücksicht und Hilfe, aber den Staat bilden sie nicht, denn heutzutage gehören dazu auch Handel, Industrie und Verkehr. Was soll nun wirklich geschehen, wenn die Unternehmungslust, deren Mangel der Handelsminister beklagt, noch mehr sinkt, wenn sie verschüchtert und verscheucht wird. Einen Ueberschuß an dieser Neigung hat Oesterreich nie besessen, und uns bangt jetzt schon vor der Möglichkeit, von Ungarn überflügelt zu werden. Man erinnere sich nur an die klägliche Entwicklung der ziemlich judenreinen Alpenländer, Steiermarks, Kärntens und Salzburgs. Was mag erst werden, wenn die Fanatiker einst die Lehrstühle, die Amtsstuben bevölkern, in der Politik wie im öconomischen Leben entscheidend sein werden! Aus den welken Blüthen einer harten, grausamen Gesinnung können genießbare Früchte nicht reisen, die Wipfel verdorren, wenn die Wurzeln angefault sind. Wir möchten wissen, ob unsere Staatsmänner in den Sorgen des Augenblicks und in der Arbeit, die Majorität des Tages zu flicken, so befangen sind, daß sie sich niemals die Frage vorlegen, ob es nicht Selbstmord ist in einem Reiche, mit enormer Staatsschuld und Steuerlast die Elemente zu verkümmern, die gewiß nicht die einzigen, aber doch wichtige Träger von Handel und Industrie sind. Ist doch der Wahnsinn bereits derart ausgeartet, daß die Handwerker schreien: Wir brauchen keine Maschinen! Ja, aber die Städte und Völker außerhalb Wiens und Oesterreichs brauchen die Maschinen, und fürchterlich wäre es, wenn unsere Monarchie noch einmal in ganz Europa als Brutstätte der Reaction, des geistigen und wirthschaftlichen Rückschrittes verlacht würde. Es geht nicht länger, den todteu Fuchs zu spielen, feig und ängstlich auszuklügeln, wie die eigene Person vor Schaden zu bewahren sei. Nur ein Thor versteht die Symptome der Bewegung nicht, die in offene Gewalt zu münden droht. Die sich jetzt am sichersten dünken und sogar vermessen genug sind, den Hinweis auf den Antisemitismus zu mißbrauchen, un: den Tadel ihres Eigennutzes und ihrer Geschäftspolitik abzuschrecken, haben keine Ahnung, wie alle Finger nach ihnen zeigen. Wer Oesterreich und Wien liebt, muß sich auftaffen, um gegen die Schonung, ja gegen die Förderung, deren sich die jetzige Richtung erfreut, zu protestiren. Was wäre geschehen, wenn die Angehörigen irgend einer anderen Confession, die Türken und Heiden nicht ausgenommen , öffentlich besudelt und der Ehrlosigkeit geziehen worden wären? Dann hätte man am Minoritenplatz sehr schnell die Donnerkeule geftmden, während es jetzt mäuschenstill ist. Was gesprochen wird, ist nur ein verlegenes Stammeln, das den Angriff eher verstärkt. Ein Aufschrei der allgemeinen Entrüstung wäre die einzige Antwort, wenn es in Oesterreich noch Männer gibt, die fähig sind, im sittlichen Zorn jede egoistische Regung zu ersticken. Der größte Scandal ist die schwächliche und zitternde Zurückweisung der niedrigsten Gesinnung und Herausforderung. Den Reichen aber sagen wir: Sperrt eure Fensterläden, so viel ihr wollt, verbergt euch in euren glänzenden Palästen, der Schlag brennt doch auf euren Wangen, er trifft euch, er trifft eure Kinder und eure Ehre. Die höchste Schmach ist nicht eine Beleidigung, sondern die feige Willfährigkeit, mit der sie ohne Abwehr ertragen wird. Wer den historischen Sinn nicht verloren hat, ahnt, was droht, wenn das Pflichtgefühl nicht auf der Höhe der Gefahr steht.

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