Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 232 Dr. Blortz's Wochenschrist. Nr. 12 Schuldner unserer akademischen Jugend fühlt, der frage sich, wo der Betrag beginnt, der ihm wehe zu thun anfängt; so lange er diesen Betrag nicht überschreitet, hat er noch gar nichts geschenkt, nur sich selbst unter seinen Kräften besteuert, damit an dem Tage, an welchem wieder Jemand uns an die Ehre greifen wollte, die alte Ehrenwache in gestärkter Anzahl den Wachtposten beziehe. Ich habe so lange bei der „Jüdischen akademischen Lesehalle" verweilt, weil sie die Mitglieder der Verbiudungk' in sich faßt und weil ich bei dem friedliebenden Volke Israels viel eher für einen reinen Studienverein, der nicht einmal Commerse gibt, als für Commers- und Commentverbindungen einen reellen Erfolg erzielen kann. Und doch, was nützt es, die Augen gegen die Wahrheit zu verschließen? Gerettet hat uns vor der geplanten moralischen Brunnenvergiftung doch nur die handfeste Schaar tüchtiger Schläger. Die Welt um uns her ist nun einmal roh und fällt täglich in größere Rohheit zurück. Das Häuflein Juden kann daran nichts ändern. Wir können uns unsererseits auf's Strengste jeder Provocation enthalten; aber wollen wir überhaupt inmitten des brutalen Uebermuthes unserer Feinde auch nur existiren, so müssen wir bereit sein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Die Studenten an der Wiener Universität haben Niemanden bewuchert, sie haben immer redlich gearbeitet und dabei ihre Partien gerade so gut geschlagen, wie die „Ariers; sie sind dennoch als ehrlos und feig verleumdet worden. Gegenüber der gehässigen Anmaßung dieser patentirten Bekenner der Religion der Liebe und Dcmuth nützen alle Tugenden nichts. D'reinschlagen muß man könne n, andere Argumente thun keine Wirkung mehr. Darum lasset uns unsere Jugend waffnen und schulen, auch mit anderen Waffen, als denen des Geistes. Wer für alle Fälle vor dem Aergsten geschützt sein will, der lerne rechtzeitig Waffen gebrauchen und verhelfe auch unserer Jugend dazu, damit er Schützer finde, wenn es Noth thut. Si vis paeem, para bellam. Verus. Das gleiche Matz. Zwei Bilder aus dem Leben unserer Hochschule. E r st e s Bild. In einer humanitären Zwecken gewidmeten Anstalt, die zum großen Theile von jüdischen Wohlthätern unterstützt, und deren Wirksamkeit neben Anderen auch von jüdischen Studenten ausgeübt wird, erscheint nach dem Tode des edlen Begründers derselben ein neuer Director. Dieser sieht es als die erste, seiner würdige Aufgabe an, die Anstalt „judenrciu" zu machen, und zur Erfüllung dieses Zweckes ist ihm jedes Mittel recht, und wäre es auch ein solches, das das Schamgefühl tief verletzt. Selbstverständlich richtet sich diese Ausschließungs-Maßregel nur gegen die jüdischen Mitarbeiter; das jüdische Geld bleibt, wie immer in solchen Fällen, nach wie vor willkommen. No» ölet. Die jüdischen Studenten aber sind nicht „ehr- und charakterlos" genug, sich eine solche, sie auf's Tiefste verletzende Behandlung gefallen zu lassen, und appelliren an die Oeffeutlichkeit. Der Verwaltungsrath der Anstalt ordnet eine Untersuchung an unter der erbetenen Mitwirkung zweier Universitätslehrer, von denen der Eine durch seine edle, humane und vorurteilslose Gesinnung, der Andere mehr durch seine Slavenfreundlichkeit bekannt ist. Die Untersuchung ergibt die Richtigkeit der vorgebrachten Anklagen, und der Director muß mit seinen arischen Gesinnungsgenossen die Anstalt verlassen, die in anderer Weise organisirt wird. — An einem der nächsten Tage erscheinen in dem Collegium des erstgenannten Professors fremde, bei ihm nicht inscribirte „arische' Hörer, beschimpfen ihn in der unerhörtesten Werse und behaupten das Feld. Und nun treten Ereignisse ein, die man miterlebt haben muß. um sie für möglich zu halten. Jeder, der die Verhältnisse an der Wiener Universität nicht kennt, wird nun glauben, daß in den Kreisen der akademischen Lehrer allgemein die tiefste Entrüstung über die einem ihrer Collegen zngesügte Beleidigung platzgreifen und eine empfindliche Strafe für die Tumultuanten herbeiführen werde. Aber das directe Gegentheil ist der Fall; auch nicht Eine Stinime spricht für den schwer verletzten Collegen; vielmehr erheben die Studenten gegen den Professor in einer Eingabe an den akademischen Senat, die ebenso frech wie lächerlich war und gewiß ein Unicum in den Acten aller Hochschulen bleiben wird, die Anklage, daß er sie provocirt habe. Uno worin bestand diese Provocation der jungen Grünschnäbel? In der Gesinnung des Professors, die er ihnen gegenüber nie manifestirt hatte, in Handlungen, die er außerhalb seines Berufes verübt haben soll. Auch daß der Professor dem Verlangen der eingedrungenen fremden Schreier, er möge den in seinem Bette todtenblaß daliegenden Kranken aus dem Hörsaale entfernen, damit sie, der Rücksicht auf denselben überhoben, ungestört weiter randaliren können — was sie übrigens auch ohne Erfüllung ihres Wunsches gethan haben — nicht gleich nachgegeben hat, wird ihm zum Vorwurfe gemacht. Man muß dieses groteske Schriftstück immer wieder lesen, um so etwas für möglich zu halten. Aber es kommt noch besser. Der akademische Senat leitet eine Untersuchung ein — gegen wen? Doch gewiß gegen die Studenten, die sich so Unerhörtes haben zu Schulden kommen lassen? Das geschieht wohl auch; in welcher Weise und mit welchem Resultate, das werden wir später sehen. Aber zunächst richtet sich die Untersuchung, man höre und staune, gegen den von den Studenten angeklagten Professor. Natürlich ergibt sie ein vollständig negatives Resultat. Daß die Professoren auf die Gesinnung der Studenten läuternd, bildend und veredelnd einwirken, wird längst nicht mehr erwartet; aber daß umgekehrt die Studenten ein Recht zu Demonstrationen sich zuerkennen, wenn ihnen die Anschauungen ihrer Lehrer nicht zu Gesichte stehen, wäre doch ein viel zu gefährliches und zweischneidiges Novum, als daß nicht der in dieser Angelegenheit sonst mehr zu den Studenten sich hinneigende Senat davor hätte zurückschrecken sollen, es zu sanctioniren. Aber man that sich wenigstens das bene an, das negative Ergebniß der Untersuchung in einigen frostigen Zeilen zu publicircn, ohne auch nur ein Wort der Satisfaction für den tiefgekränkten Gelehrten und Collegen hinzuzufügen. Das merkwürdigste Resultat aber ergab die Untersuchung gegen die Studenten. Die tapferen arischen Scandalmacher im Hörsaale folgen dem Grundsätze, der „zwar nicht schön, aber gesund ist" si fecisti,nega! und kamen mit mehr oder minder strengen Rügen davon; relegirt aber wurden — wieder sage ich, man maß es erlebt haben, um es zu glauben, — zwei jüdische Studenten, die damals die Publication über die Vorgänge in der eingangs erwähnten Humanitätsanstalt veranlaßt hatten, und zwar mit der Motivirung, daß sie „Beunruhigung und Aufregung unter die Studenten gebracht hätten!!" Die Relegation wurde wohl später „im Gnadenwege" aufgehoben, aber die beiden Studenten hatten inzwischen längst der stiefmütterlichen Alma mater den Rücken zugekehrt. Zweites Bild. Etliche 80 bis 100 Burschenschafter verkünden urbi et orbi, daß sie auf Grund ihrer tiefen anthropologischen und psychologischen Kenntnisse zti dem Ergebnisse gekommen seien, die Juden seien physisch und moralisch anders geartet als die Arier. Aber sie bleiben dabei nicht stehen; sie sprechen weiter von „jüdischem Unwesen und jüdischer Eigenart" und erhoben sich endlich zu den: Ausspruche, daß die jüdischen Studenten „ehr- und charakterlos, jeder Ehre bar seien". Man beachte wohl: „die jüdischen Studenten", sagen sie wohlweislich, im Plural. Einem oder dem anderen jüdischen Studenten Ehrlosigkeit vorzuwerfen, kann unter Umständen gefährlich werden; da müssen gerichtsord-