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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Vloch's Wochrnfttzrifi. Seite 231 Erscheinen, den erhabenen Traditionen des Judenthums folgend, gegenüber einer vielfachen Ueberzahl ihre Furchtlosigkeit ducumentirten, daß sie aber mit männlicher Besonnenheit - eben nicht wie Raufbolde — trotz aller augenblicklichen Provocationen, glühend vor Zorn, aber lautlos daftanden, ohne daß ein einziges in Wien anwesendes Mitglied in ihren Reihen gefehlt hätte. Wahrhaftig, das war einmal ein Sabbath Hagadol für das Wiener Judenthum! Und nur weil sie diese Haltung angenommen haben, nur weil man fühlt, daß es sich hier um eine entschlossene Schaar handelt, die lieber das Aeußerste erdulden und unberechenbare Consequenzen riskiren würde, als daß sie sich „auf den Bart speien ließe", mit anderen Worten, weil man fühlt, daß Blut fließen muß, wenn man nicht rechtzeitig die Ruhe herstellt, darum der plötzliche Eifer für Recht und Gerechtigkeit von allen Seiten. Hätten wir Alten uns immer so gehalten, hätten nicht regelmäßig Viele von uns begierig nach jeder Ausrede gegriffen, um nur keinen „Scandal zu machen", nicht zu „provociren", kurz, um dem Kampfe für unser gutes Recht auszuweichen, so hätte der Tag nicht erscheinen müssen, an dem unsere Jungen uns Alte erst über den richtigen Weg belehren mußten, den ein Mann einzuschlagen hat, wenn man sein gutes Recht angreift. Bei uns Alten zittert jeder für seine Stellung; indessen hätten wir Alle miteinander im Handumdrehen unsere „Stellung" verlieren können, wenn die Wiener akademischen Verbindungen nicht dem teuflischen Anschlag auf unsere Ehre und damit auf die Möglichkeit irgend einer Stellung ihr: „Bis hierher und nicht weiter" zugerufen hätten, selbstverständlich nicht ohne daß einige jüdische Schmöcke sie für diese rettende That verhöhnen. Was nun für sie geschehen soll? Ach Gott, was ist da nicht erst zu thun? Wo soll ich anfangen, wo aufhören? Die jüdischen akademischen Verbindungen sind theils wehrhafter Natur, theils beschäftigen sie sich blos mit Studien. Beginnen wir mit der letzteren Richtung, da sie vielen Juden, auch vielen Nichtjuden sympathischer ist. Da begegnen wir zunächst der „Jüdischen akademischen Lesehalle", welcher übrigens auch die Mitglieder der wehrhaften Verbindungen meist angehören. Denn der Jude kann seiner Natur nach das Mensurenwesen zwar als Galadegen des Bruders Studio acceptiren und pflegen, aber es füllt ihn niemals aus. Gleichwohl ist es keineswegs gerathen, ihm auf dem Fechtboden zu begegnen, wie ja die streitbaren Germanen nur zu oft erproben mußten, bevor sie in so nobler Weise in corpore auskneifen lernten. Selbstverständlich ist der Jude, wenn er schon die edle Kunst der Selbstvertheidigung lernt, darin weder faul noch gedankenlos, wie so mancher teutonische Bärenhäuter, und selbst an Körperkraft ist die junge Generation keineswegs so gering zu schätzen wie ihre armseligen Vorfahren aus dem Ghetto. Aber, wer jüdisches Blut in seinen Adern hat, dem kann der Cultus der rohen Gewalt nicht das Höchste sein. Der Gott Israels war immer geistiger Natur. So haben sich auch die Mitglieder der schlagenden Verbindungen in der Jüdischen akademischen Lesehalle zugleich ein geistiges Centrum und einen gemeinsamen Boden für die Vereinigung mit den nichtstreitbaren Studenten geschaffen. Das Erste, was da zu thun wäre, würde die Schaffung eines würdigen Heims sein. Sollte es in ganz Wien, auch bei der Cultusgemeinde, keinen verfügbaren Saal, Bibliotheksraum oder dergleichen geben, wo die Studenten ihr Lesezimmer haben, ihre Redeübungen abhalten könnten rc.? Dann ist die Bibliotheksfrage in Betracht zu ziehen. Tausende von Glaubensbrüdern lesen diese Zeilen. Sollte nicht Einer unter ihnen sein, der die Werke von Grätz entbehren könnte, welche unseren Commilitonen geradezu schmerzlich abgehen, oder die wichtigsten Werke anderer wichtiger Historiker des Judenthnms? Sollte nicht Einer unter ihnen sein, dem eine Menge gehaltvoller Bücher geradezu im Wege steht, belletristische Werke der älteren Mode, nicht mehrganz neue Classikerausgaben, Judaiea aller Art? Was in deutscher Sprache abgefaßt ist, spende man für die „Jüdische akademische Lesehalle" (Wien, IX., Harmouiegasse 8); hebräische Werke an die „Gamala"; Beides auch an die „Anitas". Werke, welche für Damen Interesse haben, könnten die derzeit noch dürftige Bibliothek des Mädchenvereines „Moria", meist aus Angehörigen der Studenten bestehend, ergänzen. Die „Jüdische akademische Lesehalle" wird sich gewiß ein Vergnügen daraus machen, derartige Sendungen ihrer Bestimmung zuzuführen. Will man die akademische Lesehalle mit neuen Büchern unterstützen, so eröffne man ihr ein Conto bei einem bestimmten Buchhändler bis zu einem bestimmten Betrage. Wie oft sieht man Fachzeitschriften in Privathäusern bis zum Ueberdruß herumliegen? Die „Jüdische akademische Lesehalle" möchte gerne Jedem, der ihr Zeitungen zusenden möchte, gedruckte Adreßschleifen zusenden. Woher nehmen? Auch diese Frage könnte sich ein freigebiger Spender oder eine zartsinnige Spenderin zu Gemüthe führen. Bitte schön um einen Credit bei einer Buchdruckerei. Wir haben angeblich eine „Judenpresse". Wie schön wäre es, wenn die Jüdische akademische Lesehalle bei irgend einem Blatte täglich ihre Leetionenvermittlung annoncireu könnte? Sie getraut sich gar nicht, ein solches Ansuchen zn stellen. Aber könnte nicht irgend ein Studentenvater sich den Luxus gönnen, eine solche Annonce zu bezahlen? Die Lesehalle könnte eine gewaltige Entwicklung nehmen, wenn sie eine rationelle Vorbereitung für Prüfungen realisiren könnte. Dazu fehlt es an bezahlten Prüfern, arme Studierende können der Lesehalle größere Zeitquantitäten natürlich nicht schenken. Es fehlt überdies an einer Sammlung der gewöhnlichsten Lehrbücher in mehreren Exemplaren, welche gegen Leihgeld benützen zu können auch schon eine Wohlthat für den armen Studierenden wäre, der sich sie nicht kaufen kann. Heraus mit Eueren Büchern, absvlvirte Mediciner, Juristen rc.! Es fehlt also an Raum, an Büchern, an Geld, oderrichtiger an Geld, an Geld und wieder an Geld. Was könnte geleistet werden, wenn die 2000 jüdischen Studenten Wiens sämmtlich ihren Gulden Semestralbeitrag entrichten oder für die ärmeren Collegen zahlen wollten, was erst, wenn die 10.000 wohlhabenden Juden Wiens mit je 5 fl. jährlich Förderer werden wollten. Dein Vereinsbudget ist überschritten, lieber Leser! So laß doch einen andern Verein fahren, der sich einen blauen Teufel darum kümmert, ob Du und Deine Kinder zu Parias herabgedrückt werden oder nicht, und stehe doch endlich einmal zu denen, die für Dich einstehen! Wenn nur jeder Leser dieser Zeilen Ein Buch hergeben wollte, so würde dies allein, sehr pessimistisch geschätzt, 20.000 Bände geben; da gilt es doch nur, die Faulheit zu überwinden; und nu nerst, wenn Jeder wirklich ein Opfer bringen und 10 schöne, werthvolle Bücher spenden wollte! Wer kann absehen, welche Wirkung ein Buch hat, das zielbewußt nach diesem Vereinigungsorte ideal gesinnter junger jüdischer Köpfe dirigirt wird. Man denke nur an unseren Stammesgenossen Ricardo, der durch den Zufall eines aufgefundenen Buckes zum ersten Nationalökonomen seiner Zeit geworden sein soll! Wäre es nicht um dieser großen Wirkungen willen, ich würde sicherlich nicht so mit dem Bettelsack für die Lesehalle von Haus zu Haus absammeln gehen, da ich der Studentenschaft nur mit meinem Herzen angehöre. Aber es ist ja das kein Betteln! Wer sich nicht als Schuldner der jüdischen Studenten Wiens fühlt, die für uns Alle ihre Haut zu Markte getragen haben, der braucht nichts herzugeben. Wer aber, wie ich, mit Jubel hört, daß bei den angeblich ehrlosen Juden das, was bisher kein materieller Nachtheil vermocht hat, durch eine Kränkung ihres Ehrgefühles bewirkt wurde, nämlich die allgemeine Aufrüttlung aus der Indolenz, und wer sich dafür, für diesen tröstlichen und erhebenden Anblick, als

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