Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 230 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 12 Ist denn Herr Schönerer wirklich eine Macht, die das officielle Oesterreich noch mehr zu fürchten hätte, als man den depossedirten Bismarck in Deutschland gefürchtet hat? Stehen die „Unverfälschten Deutschen Worte" außer Recht und Gesetz und finden die Bestimmungen des Vereins¬ und Strafgesetzes auf die wehr-, aber nicht ehrenhaften deutschnationalen Ladislaus Bubusse keine Anwendung? Man tröstet sich vielleicht mit der leichtherzigen Erwägung, daß ja akademische Fragen und studentische Differenzen von keiner actuellen Bedeutung find. Aber das war früher schon unzutresteud, wo das aus den Studentenvereinen heraussickernde Gift Jahr für Jahr unsere Beamten chaft mehr durchseucht hat, und das trifft angesichts des jüngsten Ereignisses, welches seine Rückwirkungen sogar auf die Armee äußerte, schon gar nicht zu. Der verderbliche Einfluß Schönerer's erstreckt sich längst nicht mehr auf die akademische Jugend allein. Es sind bereits Kreise in Mitleidenschaft gezogen, welche die festesten Stützen des Staates sein sollten und die durch den fressenden Rost der deutschnational-antisemitischen Hetze bis in den Kern hinein morsch und brüchig sind. Und gegenüber all' dem hält man noch immer an der Politik der Halbheit, der Schwäche, der Beschwichtigung fest! Die „Wiener Abendpost" hat ein amtliches Communique veröffentlicht, das kaum geeignet ist, die Schuldigen sonderlich zu erschreckenl Statt der drohend emporgereckten Faust ein freundlich warnender Finger! Statt klarer, nicht mißzuv erstehend er Rede die verhüllende und vieldeutige Sprache der Diplomatie! Statt des energischen Zugreifens, statt der rasch zufahrenden Strafe die Ankündigung einer langwierigen und vielleicht endlosen Untersuchung! Und nun gar die schwachmüthige, ängstliche Kundgebung des akademischen Senates! Auch in diese Köperschaft scheint der Geist Schöne re ns bereits Eingang gefunden zu haben, auch hier scheint eine der Dictatur des „Gewaltigen von Rosenau" giinstige Strömung zu bestehen! Der akademische Senat spricht seine schärfste Mißbilligung aus! Die ehrlosen Wichte welche den Namen des Deutschthums schänden, machen sich aus der Mißbilligung des akademischen Senates genau so viel, wie die Herren Schneider und Gregorig aus dem Ordnungsruf des Präsidenten oder der Defraudant von Mühldorf aus den protokollarischen Feststellungen des Landesausschusses. Der akademische Senat hat den blutigen Fäustschlag, der gegen die Ehre und den Frieden der Wiener Universität geführt wurde, mit einer Phrase beantwortet. Wie mag Herr Schönerer boshaft gelächelt haben, als er dieses Ergebniß der „eingehenden Berathungen" der Universitätsbehörde las! Und nun endlich einmal ein offenes und ehrliches Wort! Die „Arbeiter-Zeitung", die auch in dieser Angelegenheit einen ebenso einseitigen als perfiden Standpunkt einnimmt, in dem sie die Mensurfrage in den Vordergrund stellt — höhnt immerfort, daß die Juden nach der Polizei rufen. Die Polizei — was ist sie, wozu dient sie? Sie hat über dieBefolgung der Gesetze und über die Integrität derRechtssphäre jedes einzelnen Staatsbürgers zu wachen. Wo dies verletzt, wo die Gesetze verhöhnt werden, dort hat sie einzuschreiten! Wenn bei Herrn Dr. Victor Adler heute eingebrochen würde, fein erster Gang wäre zur Polizei! Aber es gibt nicht nur Einbrüche in das physische, sondern auch in das moralische Eigenthum. Die Ehre ist mindestens so viel werth, als irgend welcher Trödelkram von Ringen und Armbändern! Ja, wir rufen nach der Polizei, wir rufen nach der Staatsgewalt, daß sie endlich den frechen Ehrenräubern das Handwerk lehre, daß sie Staat und Dynastie, die Gesellschaft und jedes einzelne ihrer Glieder schütze gegen die antisemitische Diebs- und Räuberbande. Wir rufen nach dem starken Arme der Regierung, daß sie den Terrorismus des Herrn Schönerer und seiner Jünger ein Ende mache, denn wir schämen uns gar nicht, zu gestehen, daß wir selbst zu schwach sind, unser gutes Recht mit eigener Hand . zu schützen! ___ Was sollen wir Juden für unsere Wiener Studenten thun? Diese Frage brennt seit einigen Tagen auf den Lippen unserer einsichtigsten Inden. Mit zündender Beredsamkeit hat der Verfasserder „WienerBörsenwoche" den Reichen Wiens ihr Sündenregister vorgehalten. Es ist sicherM nicht übertrieben: Jeder von den vielgenannten jüdischen Jnröfuffeu ist unfreiwillig oder, wenn er gelegentlich rücksichtslos auf der Börse operirt, überdies noch mit bewußter Schuld eine Geißel des armen Hausirers oder Studenten, der von dem glänzenden Lose des Millionärs nichts mitgenießt, als den Neid und dunklen Groll der Enterbten und Glückslosen. Wahrlich, nicht dem Reichen „speit man auf den Bart", ihn schont die „gute" Gesellschaft unserer Zeit nur zu oft, wenn seine Soupers für seinen Geschmack Zeugniß ablegen; er ist ja der „Herr von", den auch der Arier einmal brauchen kann. Aber der arme Student, der eine Lection sucht, uni sich von ihrem kargen Lohne den Magen nothdürftig zu füllen, der alte Hausirer, der seine müden Glieder durch übermüthige Reihen roher Zecher Hindurchschleppen muß, sie werden von Nahrung, Kleidung und Wohnung ausgeschlossen, sie werden angespieen, gestoßen und geschlagen, der Eine im wörtlichen, der Andere im moralischen Sinne. Ihnen sind unsere Reichen geradezu eine Satisfaction schuldig für das unendliche Wehe, das die bloße Existenz der großen Reichthümer den Aermsten d«r Armen in unserem Volke zufügt, und ihnen sind sie auch sehr satisfactionsfähig. Allein, wenn auch die Reichsten in erster Linie zur Hilfe berufen sind, so hat doch Niemand ein Recht, Andere der Lauheit zu beschuldigen, der selbst nichts für seine bedrängten Leidensgenoffen gethan hat. Da darf die Buße nicht bei den Reichsten anfangen. Schon der Mittelstand hat schwer gefehlt. Gott sei Dank, noch ist es Sitte in Israel, daß man nicht wie Esau seine Erstgeburt uni ein Linsengericht verkauft, daß man nicht, seinen letzten Kreuzer an die Nichtigkeiten des Lebensgenusses und der Repräsentation wendend, seine Freiheit und Macht ausden Händen gibt. Leert Eure Sparbüchsen aus, jüdische Männer und Frauen, wie es die Antisemiten in ihrem Wahn thun! Es kann nicht Jeder mit hinaus in die Aula ziehen, wenn es gilt, die Ehre Aller gegen freche Rohheit zu vertheidigen und den Funken rechtzeitig auszntreten, der für die Juden Oesterreichs hätte zum Scheiterhaufen werden können, auf dem ihre Ehre dem unersättlichen Hasse ihrer Verfolger hätte geopfert werden können, aber etwas kann Jeder leisten. Nicht bei den Reichen, bei jedem Juden, der einen Gulden erübrigen kann, fängt die Opferpflicht an. Denn wo stünden wir heute, wenn auf die unerhörte Provokation der unreifen Jungen, welche sich von außer akademischen Jntriguanten mit vergifteten Waffen bewaffnen ließen, etwa nichts anderes erfolgt wäre, als die Kundgebung des großartigen Standpunktes der Socialdemokraten, die nur Menschen sind, wenn sie als Juden beleidigt werden, und die es für passend halten, für Ostrau-Karwin bei denen zu schnorren, von denen sie als ehrlos erklärt worden sind, oder die Resolution der deutsch-akademischen Lese- und Redehalle, die ja gewiß recht lobenswerth ist, rc. :c.? Das Alles hätte an der lammsfrommen Aufnahme der neuen Unbill, zu der sich allem Anscheine nach bereits alle berufenen Instanzen in gewohnter Behandlung der Judenfrage rüsteten, gar nichts geändert. Was diesmal einen Unterschied machte, war einfach die Thatsache, daß man endlich einmal auch auf Seite der Juden etwas von wahrer, in ihren Ausbrüchen ans die Dauer unberechenbarer Leidenschaft zu fühlen bekam, daß die wackeren Schaaren der „Kadimah", „Jvria", „Unitas" und „Akademischen Lesehalle" eben keineswegs, wie dies einigen Blättern darzustellen beliebt, sich als jüdische Raufbolde gegenüber arischen Raufbolden benommen oder stumm und zitternd vor Furcht verhalten haben, sondern daß sie hinausgegangen sind, ihre Ehre zu wahren, nachdem die anderen sie übermüthig provocirt hatten, daß sie durch ihr