Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021128--05443-3029679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12 Dr. Bloch’s x,» Centralorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthmns. K. k. Poflsparkairen-Amt Tlraringverkeh r Nr. 610.676. DrdarUon und Administration: Wien II..Lnterr Nuga.tenfirsste I». Telephon*Nr. 6535. — Wien, 20. Mar; 1898. Erscheint jeden Freitag. -----»—-K — - Wan abrnniirt bei allen Pvstan statten des In- und Auslandes. Sezugsvrris für Orsterrrirli: Halbjährig -t fl. -- s jjr. Einzelexemplar, 25 ft. lür’a Ausl.md: halbjährig 5 fl. ~!0 Kr. gan.iihrig 10 - 20 „ Anzeigen: Die 4'iial gespaltene Pelitzeile 12 tr. Inhalt: Leitartikel: Schönerer und Lneger, die Gebieter in Wien. — Was sollen mir Inden für unsere Wiener Studenten thun? — Das gleiche Maß. — Semitische Feigheit — arische Tapferkeit. — Unsere „Großen". — Der Jahresbericht des „Ferienheim" pro 1895. — Bom Jahrmarkt des Lebens: Ein Kammerdiener des Baron Rothschild — Antisemit. Warum sind wir nicht beliebt? Die jüdische Solidarität. Ein antisemitischer Zeitungseigenthümer. Bon den Usern der Newa. Jüdische Krankenpflegerinnen. Arisches Gewicht. Ahlwardt. — Corres Pond enzen: Wien, Prag, Brünn, Lemberg, Reunkirchen, Berlin. London, Bialpstok, New-Aork, Chicago. —Bermischtes: Wien, Wien-Mariahilf, Ottakring, Graz. Brodh, Krakau, Prag, Böhmisch-Leipa, Tulln, Czpanta, Berlin, Karlsruhe, Dresden, Kasan, Salisbury. — Feuilleton: Kinder des Ghetto Der Flickschneider. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Schönerer und lneger, die Gebieter in Wien. Die jüdische Studentenschaft hat auf den bekannten Beschluß der deutschnationalen Burschenschaften ihre Antwort ertheilt; sie hat ihre Entrüstung und Berachtung ausgesprochen. Das ist auch so ziemlich Alles, was in einer allgemeinen jüdischen Studentenversammlung geschehen konnte. Die Mensurfrage mag den Einzelnen interessiren, für die Gesammtheit der jüdischen Studenten besteht sie nicht. Fürste galt es -ausschließlich, den Schimpf zurückzuweisen, der an ihr durch die Ehrloserklärung aller akademischen Bürgerjüdischen Glaubens versucht wurde. Mit dem Ausdrucke der Verachtung gegenüber jenem feigen Gesindel dentschnationaler Klopffechter ist diese Zurückweisung in der einzig richtigen und denkbaren Form erfolgt. Die jüdischen Studenten sind mit den Ladislaus Bubussen fertig —. gleichviel ob noch eine Reihe von Contrahagen zwischen Diesem und Jenem das Forum der militärischen Ehrengerichte zu passiren haben werde. Aber nicht fertig geworden mit der Blüthe deutschnationaler Büberei sind bisher jene Factoren, welche deren freche Anmaßung viel, viel dringender augeht als die jüdischen Studenten. Wir meinen die Regierung und den akademischen Senat. Die jüdische Studentenschaft wird die Ehrloserklärung von Seite der dentschnationalen Sauf- und Raufbolde zu ertragen wissen. Ob aber die staatliche Rechtsordnung und die akademische Disciplin solche Angrisfe zu ertragen vermögen, das ist eine Frage, deren voller Ernst, wie uns scheinen will, den genannten Competenzen noch nicht klar geworden ist. Wir wollen der Sache tiefer auf den Grund gehen ] Den Anstoß zu dem Beschlüsse der wehrhaften deutschen Heldenjünglinge hat — natürlich! — Herr Schönerer in seinen „Unverfälschten deutschen Worten" gegeben. In den „wehrhaften deutschen Verbindungen" verfügt Herr Schönerer nicht erst seit heute und gestern, sondern seit anderthalb Jahrzehnten über einen eisernen Cadre von fanatischen Feinden des Staates und der Dynastie, die es nichtsdestoweniger mit ihrem hehren Begriffe von „deutscher Ehre" vereinbar finden, nach Abschluß ihrer akademischen Laufbahn Amt und Brot aus den Händen dieses Staates zu empfangen. So wird Jahr für Jahr der staatsfeindliche Geist in die österreichische Beamtenschaft getragen. Ter deutschnatiouale Antisemitismus ist, wie der christlich-sociale, nur der verhüllende Schleier, hinter welchem sich viel bedenklichere Bestrebungen bergen — hier die clerieale Reaction, dort die Unterwühlung der Staatsgrundlageu. Das sind Dinge, die unseren leitenden Kreisen genau bekannt sind. Von der obersten Spitze bis hinab zum letzten Beamten weiß man, daß die deutschnationalen Studentenverbindungen eine Brutstätte antiösterreichischer und antidynastischer Gesinnung sind. Dennoch duldet man sie! Diese d e u t s ch n a t i o n a l e n Studenten bildeten die Kerntruppen Lu ege r's bei der Wahlagitation und es offenbart sich ein intimes B ü n d n i ß jener zwei Häuptl i n g e, v o n denen d e r E i n e ü b e r d e n Gern e i n d e r a t h, d e r A n d e r e in den Hallen der Universität der Stadt Wien gebietet, ja unumschränkt gebietet. Noch keine österreichische Negierung hat es gewagt, mit fester Hand in diese Wespennester zu greifen. Gegen Socialisten, Anarchisten und Omladiniften ist man mit eiserner Strenge aufgetreten, die Schützlinge des Herrn Schönerer blieben unbelästigt. Es gab eine Zeit, wo man die Bilder von Carl Marx und Lassalle als hochverrätherisch confiscirte, aber man hat niemals Anstoß daran genommen, daß unsere künftigen Staatsanwälte, Richter, Berwaltungsbeamte und Professoren inbrünstigen Herzens zu den Bildern der Hohernzollern beteten! Wer auf dem Standpunkte der Wurstigkeit gegenüber den staatlichen und dynastischen Interessen steht, der mag in dieser Duldsamkeit den Ausstuß höchster Staatsweisheit erblicken! Aber es hat ja in allen sonstigen Belangen noch keine österreichische Regierung nach demokratischen Lorbeern gegeizt — warum just in diesem Punkte? Vom Standpunkte einer auf die Wahrung der Staatshoheit bedachten Regierung ist diese Duldsamkeit einfach unbegreiflich und sie würde auch sonst in keinem Staate der Welt, selbst nicht im republikanischen Frankreich, geduldet werden!