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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 11 Vr. Vwür's Woltzenschrist. es einmal, und Bobby's Zählte drängelt ihr gerade dilrch die Strümpfe. Der Lärm lockte die Holländer-Debby heraus, sie nahm das Kind in ihre Stube und beruhigte es. Esther hatte oft darüber gegrübelt, was für unheimliche Mysterien hinter dieser dunklen, von dem Hunde bewachten Thür lagen, und sie fürchtete sich vor Debby beinahe lnehr als vor Bobby. Aber an jenem Nachmittag begann eine Freundschaft, die zu den vielen Factoren, welche das künftige Weib formten, noch einen hinznsügte. Debby stellte sich nämlich als ein sehr sanfter Popanz heraus, mit einem guten Wörterbuch und einem Hausen alter Nummern des „Londoner Journals", welche für Esther tverthvoller waren, als alle Minen Indiens. Debby hob die Blätter unter dem Bett auf, was sehr klug war, da das Bett so lang wie die Stube war. An Sommer-Abenden und Sonntag- Nachmittagen, wenn die Kleinen keine Aufsicht brauchten und unten auf der Straße Kreisel und Haschen spielten, schlüpfte Esther in das winzige Hinterzimmer, wo die Schätze lagen, und dort, beim offenen Fenster, das auf den schmutzigen Hinterhof lind die schrägen, sonnenbeleuchteten rothen Dächer hinallsging, wo die Katzen herumstrichen und schmutzige Sperlinge herumhüpften, versenkte sie sich in leidenschaftliche Erzählungen von Liebe und Romantik. Häufig las sie.dieselben der blassen Näherin, zu deren traurigem Leben die Romantik so schlecht paßte, laut vor, und so verträumten Debby und Esther manchmal einen ganzen Sommer- Nachmittag in einer Welt voll tapferer Männer und schöner Frauen, voll seiner Leinewand und Seide, Champagner, Bosheit und Cigaretten, einer Welt, in der Niemand arbeitete, noch Hemden wusch oder hungrig war oder Löcher in den Schuhen hatte, einer Welt, die vom Judenthum absolut nichts wußte. Freilich brachte Esther ihre Begriffe von jener Welt nicht mit Thatsachen zusammen. Es fiel ihr nie ein, sie sich als wirklich vvrznstellen — sie fragte sich nie, ob sie außerhalb des Buches in der That existiren oder nicht. In dieser Weise dachte sie nie daran, ebensowenig wie es ihr nie einsiel, daß man das Hebräische, das sie lesen und übersetzen lernte, einst gesprochen hatte. Bobby war bei diesen Vorlesungen oft zugegen, saß ans den Hinterbeinen und hob seine reizend - häßliche Schnauze fragend zu Esther ans, behielt aber seine Gedanken bei sich. Zum Glück für die neue Freundschaft war der Hund nicht eifersüchtig. Für Fremde war er nur ein häßlicher, dunkelbrauner Mischling, aber Esther sah ihn bald mit Debby's Augen an. Nun konnte sie ohne Sorgen die Treppe hinanflanfen, denn wenn sie jetzt auf seinen Schwanz trat, so würde er es für einen Beweis von Kameradschaftlichkeit halten. „Früher einmal bezahlte ich für das „Londoner Journal" einen Penny per Woche, aber zum Glück endeckte ich eines Tages, daß ich ein schrecklich schlechtes Gedächtniß habe," sprach Debby bald nach ihrer Bekanntschaft. „Warum zum Glück?", fragte Esther. „Weit es mir eine ganze Menge Geld ersparte. Tu siehst, ich hob alle Beilagen aus, weil im „Briefkasten Anweisungen stehen, wie man sich frisiren, die Nägel schneiden und einen schönen Teint verschaffen kann. Ja, Kind, das war noch eine Zeit, wo ich mir über solche Dinge den Kopf zerbrach. Eines Tages aber las ich zufällig eine Geschichte in einer älteren Nummer, sie war blos aus dem Borjahre und interessirte mich geradeso, als hätte ich sie nie gelesen — ich konnte nüch ihrer absolut nicht mehr erinnern". (Fortsetzung folgt.) Ver Flickschneider. Novelle von Klemens Junosza. (Ausschließlich autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina B l u m b e r g.) Eine traurige Herbstnacht hatte das Dorf in tcesen Schlaf gewiegt. Die Häuser und Scheunen versanken in der Finsterniß, lvie in einem riesengroßen, mit wässeriger Tinte gefüllten Tintenfaß... Nur hin mrd wieder, wenn ein kräftigerer Windstoß die oberen Luftschichten in Bewegung setzte, erschien zwischen den schweren, bleigrauen Wolken ein kleiner, schimmernder Stern, um jedoch sogleich wieder zu verschwinden. .. Feierliche Grabesstille herrschte rund umher; die Lichter waren ansgelöscht, die Menschen schliefen; nur der Wind sauste, rang mit der alten, knorrigen Weide und schüttelte von ihren Zweigen die letzten gelben Blätter. Seite 225 Der dicke Stamm dieses schwindsüchtigen, in seinem oberen Theile vom Blitz gespaltenen Baumes war innen hohl, und da aus den Seitenzweigen das Mark ebenfalls heransgesallen war, bildete die alte Weide eine sonderbare Querflöte, welcher der Wind ganz eigenartige Laute entlockte. Ans dem entfernteil Walde klang manchmal das Geyeul hungriger Wölfe hinüber, und war dies der einzige Ton, welcher die Stille und Finsterniß unterbrach Tie Menschen schliefen einen schweren, steinernen Schlaf: den traumlvsen Schlaf des physischen Arbeiters. Wer des Tages über den Hakenpflug ans dem Rücken trägt oder den Dreschflegel schwingt, dem leistet eine harte Holz bank die Dienste eines bequemen Bettes, den kann gar -Rancher der Reichen ntld Glücklichen dieser Welt um seinen gesunden Schlaf beneiden. Seit mehreren Stunden scholl — die Hähne hatten längst die Mitternacht verkündet — hatte Morvheus seine Herrschaft in dem Dorfe angetreten inid alle Einwohner desselben schnarchten so, wie es sich für echte Schlachzizen ziemt, die an Rechten und Selbstbewnßtsein den Wvjwvden nicht nachstehen. In dieser grauen Herbstnacht schimmerte iit einem der am Ende des Dorfes stehenden Hänschen ein bleiches, flackerndes Licht und aus den Fensterscheiben zeichnete sich die gebückte, zusammengekauerte Gestalt eines Mannes ab, der mit einer Hand ununterbrochene, gleichmäßige, fast autvmatenhaste Bewegungen vollslihrte. Wer wacht im Dorf zu so später Stunde? Wenl kaut der wilde Gedanke, in der Nacht, die doch den Menschen zum Schlafen gegeben wurde, Licht zu brennen? Werfen wir einen Blick in die Kammer. . . Sie ist zieinlich groß, mit zwei kleinen Fensterchell versehen. Alis dem Herde bremten, kllisterild und knorrend, zwei nasse Birkenscheite; über ihre weiße Rinde huscht von Zeit zu Zeit ein bleiches Flämmchen, hält einen Augenblick inne, kehrt zlirück zu seinen Erzeugern, zivei dicken, glühenden Kohlen und nachdem es von ihnen frische Kräfte empfangen, wirft es sich, in röthlichem Glanze strahlend, wieder aus dle Birkeuscheite und reißt ihnen, init inrmer feuriger lverdenden Küssen, das weiße Gewand vom Leibe.. . In der zweiten Ecke der Kammer steht eilte große Bettstelle, ans der ein äußerst umfangreiches, mit einem streifigen Ueberzug bedecktes Federbett in die Höhe ragt. Eine Haube lind eilt Theil des ziegelrotsten Gesichts der Haussran kvmlnen unter diesem Ungethüme zum Vorschein. Nicht weit vom Herde, ans einem Lager von frischem Stroh, schnarcht Fräulein Brigitte, der Hanssrau rechte Hand, deren'Träume wohl idyllischer Natur sein müssen, denn sie voll sührt im Schlafe Bewegungen, als ob sie fremdes Vieh voll der Weide vertreibe. Aus der an der Wand stehenden Bank hat sich ein etwa zwölfjähriger Bursche, der jüngste Sprößliirg der Familie, hingestreckt. Unter das Haupt hat er seinen zilsanunengesalteten Pelzrock gelegt und ruht so still, wie in beit Sommernächten im Grase, wenn sein Blick, sinnend in die Ferne schweifend, die wandernden Sterne am Himmelszelt verfolgte lind die Milch straßen, welche der Sage zufolge nur von Heiligen und Ellgelli bewohnt sind. Herr Onufty selber, Besitzer der Hütte nlid des dazu gehörigen Grund und Bodens, schläft auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes, in der „guten Stube", deren Geräth ans gelbbemaltem Fichtenholz gern für Esche gelten möchte, sowie die selbstgesponnene, den Tisch bedeckende Leinwand für ein seines Tafeltnch. Herrn Onufty schläft wie ein Stein; nicht minder die übrigen Hausbewohner alle und an ihrer Spitze Frau Margret, die den ganzen Tag über tüchtig geschafft und noch viel, viel mehr geredet und gescholten hat! In dem Gesindezimmer, das zugleich Küche ist und lvo das helle Herdfener brennt, wacht nur ein Wesen, aber es ist kein Angehöriger des Hauses, sondern ein demselben ganz fremder, bleicher, magerer, schwächlicher Jude, dessen Gestalt sich durch eine eigenartige, spitze Form auszeichnet. Ein zugespitztes, ein wenig nach rückwärts geschobenes Käppchen bedeckt die Spitze seines Kopses und unter dem Käppchen kommen zwei kurze, gedrehte Locken znm Vorschein, die gleich Bohrern in die Schläfen zu dringen scheinen. Es ist dies eigentlich Contrebande, aber dieser arme Jude hat so wenig der süßen Früchte des Lebens genossen, daß diese

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