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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 11 Seite 224 Von diesem Messias hörten die Kinder zahllose Geschichten. Tie orientalische Phantasie erschöpfte sich, ihn dem verbannten und leidenden Israel zum Tröste auszumalen. Vor seiner Zeit würde ein böser Messias aus dem Hanse Joseph erscheinen; dann ein König mit einem Ohr, taub gegen alles Gute und nur für das Böse empfänglich; er würde eine Narbe auf der Stirn haben und einer seiner Arme einen Zoll, der andere eine Meile lang sein — offenbar ein Symbol der Verfolgung. Das Geschichtenbuch enthielt unter seinen „wundervollen Maßechen" auch Auszüge aus dem berühmten Roman oder Tagebuch des. Eldad Hadani, der die verlorenen zehn Stämme anfgesunden zu haben behauptete. Sein Buch erschien zu Ende des IX. Jahrhunderts und wurde das „Tausend und eine Nacht" der Juden. Durch die Jahrhunderte hindurch sickerte es nun in die Dachstube der Ansells, zusammen mit vielen anderen Geschichten aus der reichen Vorrathskammer mittelalterlicher Volksdichtung, bei deren Verbreitung „der ewige Jude" eine so große Rolle gespielt hat. Manchmal las Moses seinen entzückten Hörern aus Jmmanuel's, des Freundes und Zeitgenossen Dante's, Beschreibungen von Himmel und Hölle vor, manchmal eine Jargonübersetznng von „Robinson Crusoe". Heute wählte er Eldad's Beschreibung des Stammes Moses, der jenseits des wunderbaren Flusses Sambatyon wohnt, welcher am Sabbath nicht fließt: „Da ist auch der Stamm Mojes', unseres gerechten Lehrers, welcher der fliehende Stamm genannt wird, weil er den Götzendienst floh und sich an die Furcht Gottes klammerte. Ein Strom fließt rings um ihr Land in einer Entfernung von vier Tagereisen auf jeder Seite. Sie wohnen in schönen Häusern mit schönen Thürmen, die sie selbst erbauten. Es ist nichts Unreines unter ihnen, weder an Vögeln, noch an Wild oder Hausthieren; es gibt keine wilden Thiere, keine Fliegen, keine Füchse, kein Gewürm, keine Schlangen, keine Vögel und überhaupt nichts Schädliches bei ihnen; sie haben nur Schafe und Rinder, die zweimal im Jahre werfen. Sie säen und ernten; es gibt allerlei Arten von Gärten mit allerlei Früchten und Getreidearten, nämlich Bohnen, Melonen, Kürbis, Zwiebeln, Knoblauch, Weizen und Hafer, und die Saat trägt hundertfach. Sie haben den Glauben, sie kennen das Gesetz, Mischnah, Talmud und Hagadah, aber ihr Talmud ist hebräisch. Sie leiten ihre Reden im Namen der Väter, der Weisen ein, die sie ans dem Munde Jvsua's hörten, der sie wiederum ans dem Munde Gottes empfing. Sie haben keine Kenntniß von den Tanaim 'Lehrern der Mischnah) und den Amvraim (Lehrern des Talmuds«, die zur Zeit des zweiten Tempels blühten, was natürlich diesen Stämmen nicht bekannt lvar. Sie sprechen irur hebräisch und sind sehr strenge, was den Gebrauch des von Anderen bereiteten Weines und das Schlachten der Thiere betrifft; in dieser Hinsicht ist das Gesetz Moses' viel strenger als das der Stämme. Sie schwören nicht bei dem Rainen Gottes, aus Furcht, daß ihr Athem stocken könne mid werden zornig aus die, die schwören; sie machen ihnen Vorwürfe und sagen: „Weh, Ihr Armen, warum schwöret ihr mit dem Namen Gottes aus den Lippen? Gebrauchet Euren Mund zum Brotessen und zum Weintrinken! Wißt Ihr nicht, daß wegen dieser Sünde Eure Kinder jung sterben?" Und in dieser Weise fordern sie Alle aus, Gott in Ehrfurcht und Redlichkeit zu dienen. Daher führen die Kinder Moses', des Dieners Gottes, ein langes Leben, bis zum Alter von hundert und hundertzwanzig Jahren. Kein Kind, ob Sohn oder Tochter, stirbt zu Lebzeiten der Eltern, sondern sie erleben das dritte und vierte Geschlecht und sehen Enkel und Urenkel mit ihren Sprößlingen. Sie machen alle Feldarbeit selbst, denn sie haben weder Knechte noch Mägde; es gibt auch Handelsleute unter ihnen. Sie schließen chre Häuser nicht bei Nacht, denn es ist kein Dieb oder Uebelthäter unter ihnen. Sv kann ein kleiner Knabe tagelang init seiner Herde gehen, ohne Furcht vor Räubern, Dämonen oder sonstigen Gefahren. Wahrlich, sie sind alle heilig und rein. Diese Leviten beschäftigen sich mit dem Gesetz und den Geboten und leben noch immer in der Heiligkeit unseres Lehrers Moses: daher hat Gott ihnen alles Gute gegeben. Außerdem sehen sie Niemanden und Niemand sieht sie, ausgenommen die vier Stämme, welche ans der anderen 'Seite der Flüsse Kusch's wohnen: sie sehen sie und sprechen mit ihnen, aber der Fluß Sambatyon liegt zwischen ihnen, wie in Jesaia geschrieben steht: „damit Tu sage» mögest zu Gefangenen, tretet hervor". Sie haben eine Menge Gold und Silber, säen Flachs, pflegen der: Seidenwurm und verfertigen schöne Gewänder. Ihre Zahl ist doppelt oder vierfach die Zahl derer, die aus Egypten zogen." „Der Fluß Sambatyon ist 200 Ellen breit — „etwa so breit wie ein Bogenschuß" - (Gen. XXI. 16) voll Sand und Steinen, aber ohne Wasser; die Steine machen ein großes Geräusch wie die Wogen des Meeres und der Sturmwind, so daß des Nachts das Geräusch auf eilte halbe Tagereise weit gehört wird. Es gibt dort Quellen, die sich in einem Teich ansammeln, aus dem die Felder getränkt werden. Darin sind Fische und allerlei Vögel fliegen umher. Und dieser Fluß von Stein und Sand fließt während der sechs Werktage, ruht aber am Sabbath. Sobald der Sabbath beginnt, umgibt Feuer den Fluß, und die Flammen bleiben bis znm nächsten Abend, da der Sabbath endet. .So kann kein menschliches Wesen in einer Entfernung von einer halben Meile auf jeder Seite zu dem Flusse gelangen; das Feuer verzehrt Alles, was dort wächst. Die vier Stämme Dan, Naphtali, Gad und Ascher stehen an den Ufern des Flusses. Wenn sie dort ihre Schafe scheereu — denn das Land ist eben und rein, ohne Dornen — und die Kinder Moses' sie an den Ufern versammelt sehen, rufen sie hinüber und sagen: „Brüder, Stämme von Jeschurnn, zeigt uns Eure Kameele, Hunde und Esel", und sie machen ihre Bemerkungen über die Länge der Kameelhülse und die Kürze des Schweifes. Daun grüßen sie einander und gehen ihrer Wege." Als Moses damit fertig war, verlangte Salomon die Hölle. Er hörte gern von den Strafen des Sünders; das gab dem Leben einen eigenen Reiz. Moses brauchte kaum ein Buch, um von der Hölle erzählen zu können. Sie besaß für ihn keine Geheimnisse. Eine der Höllen war diejenige, in welcher der Frevler verdammt sei, die Sünden, die er im Leben beging immer und immer wieder zu begehen. „Ei, das muß lustig sein," sagte Salomon. „Nein, das ist schrecklich," behauptete Moses. Er sprach Jargon, die Kinder Englisch. „Natürlich!", sagte Esther. Denk' nur, Salomon, wenn Du deu ganzen Tag Stangenzucker essen müßtest!" „Besser als gar nichts essen," replicirte Salomon. „Aber jeden Tag bis in alle Ewigkeit Stangeuzucker essen?" fragte Moses. „Die bösen haben nie Ruhe." „Was, nicht einmal am Sabbath?", rief Esther. „Oh ja, natürlich! Gleich dem Fluß Sambatyon ruhen am Schabbes sogar die Flammen der Hölle". Der Respect, den Salomon für seinen Vater empfand, entsprang hauptsächlich dem militärischen Glorienschein, der Moses' Haupt umgab, seit die Großmutter verlauten ließ, daß er in Rußland Recrut gewesen und vom Sergeanten brutal behandelt worden sei. Aber Moses war nicht zu bewegen, von seinen Heldenthateu zu sprechen. Salomon plagte ihn deswegen sehr, besonders wenn gewisse Symptome verriethen, daß sein Vater ihn znm Studium der Gemoroh anfsordern würde. Auch an diesem Abend brachte Moses das große Buch herbei und sagte: „Komm', Salomon, nun ist's mit den Geschichten genug! Wir müssen ein wenig lernen". „Heute ist doch Feiertag", brummte Salomon. „Für das Studium des Gesetzes gibt es nie einen Feiertag". Nur diesmal, Vater — spielen wir Dame!" Moses gab schwachmüthig nach. Das Damespiel war seine einzige Erholung, und als Salomon durch Tausch ein Dame- Brett erwarb, lehrte ihu sein Vater das Spiel. Moses spielte nach polnischer Art, wobei die Bauern wie Könige sind, die hiu- und herspringen, und die Könige querüber schießen, wie die Läufer bei Schach. Salomon vermochte diesen riesigen Grashüpfern, deren Haltepunkt er nie im Voraus zu erratheu wußte, nicht zu widerstehen. Moses gewann jede Partie, war höchst vergnügt und erzählte den Kindern noch eine Geschichte. Neuntes C a p i t e l. Die Holländer-Debby. Ein Jahr, ehe wir Esther kennen lernten, lernte sie die Holländer-Debby kennen, und das brachte eine große Veränderung in ihrem Leben hervor. Die Hvlländer-Debby war ein schlankes, blasses, unschönes Mädchen, das im zweiten Stock in dem einzigen Hinterzimmer hinter Frau Simons wohnte und sich und seinen Hund mit Nähen ernährte. Nie kam Jemand zu ihr, denn man munkelte, daß ihre Eltern sie verstoßen hätten, als sie ihnen ein illegitimes Enkelchen bescheerte. Das Kind starb zu seinem Glück, aber sie flößte doch noch Mißtrauen ein, weil sie sich einen Hund hielt, was als ein nichtjüdischer Zug galt. Bobby hockte oft vor ihrer Thür, um sie zu bewachen, und da es auf der Treppe sehr dunkel war, stand Esther Todesangst aus, daß sie ihm einmal auf den Schwanz treten könnte. Vor lauter Angst that sie

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