Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 226 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 11 verbotene, und im Grunde so unschuldige, vielleicht seinen einzigen Trost, seine einzige persönliche Freude bildet. Aus der spitzen Nase ruht eine in Messing gefaßte Brille, durch deren Gläser, - wer weiß, ob nicht einst das Eigenthum eines alten, uralten Mönch? — ein Paar durchdringender, schwarzer Augen in die Welt schauen. Der Blick dieser Angen ist scharf, obgleich häufig von einem thränenfeuchten Nebel umflort, der auf die von Arbeit und Nachtwachen angestrengten Sehwerkzeuge einem Schleier gleich zu senken sich scheint. Den Schluß des länglichen Gesichts bildet ein nichts iveniger als dichter, spitzer Bart, m welchem die hie und da, wie weiße Heftfäden auf einem schwarzen Anzug, schimmernden silberweißen Haare das Anrücken eines vorzeitigen Alters verkünden. Das schwere, häufig unterbrochene Athmen in der hageren, eingefallenen Brust verräth, wie die arme Lunge arbeiten muß, um das Leben dieses kränklichen Körpers zu erhalten. Die spitzen Ellbogen, die dürren Häirde und unendlich mageren Beine bilden ein Ganzes, das auffallende Aehnlichkeit mit einem Skelett hat. nur steckt dasselbe in einer doppelten Hülle, da die Knochen mit Haut und mit mehreren Ellen sehr schäbigen Camlvtts überzogen sind. Dieses schwächliche, mit solchem Eifer arbeitende Geschöpf ist Iudka Silberknopf, der erste, wie er selber behauptet, Warschauer Schneider in Losice und allen umliegenden Dörfern. Bor ihm auf dem Tisch liegen: Knöpfe, Zwirn, eine Scheere, ein Stückchen Wachs auf einem Holzbrettchen und eine mit grünem, russischem Tabak gefüllte Tabaksdose. Bon Zeit zn Zeit, wenn der Thrünennebel den Blick ganz zu verdunkeln droht, wenn die kraftlosen, bleischweren Lider sich unwiderstehlich über die Augen senken, greifen Judka's magere Finger in die Dose imb das grüne Pulver, welches sie derselben entnehmen, erfrischt den Arbeiter auf eine kurze Weile. Ter Nebel weicht den künstlich hervorgerusenen größeren Thrünen, und wenn dieselben verschwunden, verfolgt der Blick mit gewohnter Aufmerksamkeit die Stiche der Nadel; sollte doch ein feiner Warschauer Ueberzieher geschaffen werden, ein Ueberzieher mit einem großen Kragen, wie ihn selbst der Herr Graf nicht besaß. Außer der Tabaksdose steht ein kleines Fläschchen Schnaps ans dem Tisch und ein Stückchen Brod, zwei Zwiebeln und in Papier gewickeltes Salz liegen daneben, damit der Jude bei der Arbeit sich ein wenig stärken könne. Aber Iudka ist ein praktischer Mensch; er wird jetzt weder den Schnaps trinken, noch die Zwiebel essen. Weiß er doch ganz genau, daß nach Berlauf von einigen Stunden, — wenn er die Aermel einnähen und dort im Osten, zwischen Himmel und Erde, ein bleicher, die Hähne zum dritten Krähen weckender Streifen austauchen wird, es ihm dann noch viel schlimmer „um's Herz" sein wird, als jetzt. Er pflegt dann einen heftigen Druck im Magen zu empfinden, eine Schwäche übermannt ihn, daß er fast zu Boden sinkt und vor seinen Augen beginnen schöne, große Kreise zu schwirren; die Kreise sind erst roth, blau und grün, dann schwarz und mit goldenen Punkten besäet, zuletzt bleiben die goldenen Punkte auch weg, — die schwarzen Krerse verschwimmen immer mehr ineinander, — tiefe Finsterniß umgibt ihn . . . Dann schüttelt ein Schauer Judka's Körper, große Schweißtropfen bedecken seine Stern, die eingefallene Brust ringt nach Athem und einen Augenblick dünkt ihm, der liebe Gott sei verarmt und müsse daher die Lust, die noch in seinem Besitze, natürlich den reicheren Juden überlassen. Iudka kennt solche Augenblicke, er hat sie schon mehrmals durchgemacht. Nachher fleht er zu seinem Schöpfer um Vergebung ob der sündhaften Gedanken, aber doch hatte es ihm geschienen, als ob an Luft für die Armen Mangel sei . . . Aber weil Iudka diese Augenblicke kennt, zögert er, sich mit dem Schnaps zu stärken. Die Zeit dazu wird schon kommen, — er braucht nicht auf die Uhr zu sehen ... die grünen und goldenen Kreise werden ihm vor den Augen zu schwirren anfangen . . . Tann wird er vom Schemel anfstehen, die Schläfen mit Wasser befeuchten, die Hände waschen, die Augen in die Richtung schweifen lassen, wo der goldig schimmernde Streifen deutlich den Himmel von der Erde trennt, und ein kurzes Gebet hcrsagen. Dieses Gebet wird lauter Danksagungen enthalten. Iudka wird sprechen: „Ich danke Dir, Gott, daß Du mich nicht gemacht zum Weibe! Ich danke Dir, daß Du mich nicht hast gemacht zum Knechte! Ich danke Dir, daß Du mich nicht hast gemacht zum Vieh!" Mit anderen Worten lautet das: „Ich danke Dir, daß ich ein kräftiger Mann bin! Ich danke Dir, daß ich ein fteier Mensch bin und von den vierundzwanzig Stunden achtzehn arbeiten kann. Ich danke Dir schließlich, daß ich in Losice und der ganzen Gegend der erste Warschauer Schneider und nicht ein häßliches, unvernünftiges Thier bin!" Nach beendigtem Gebet wird Iudka mit reinen! Gewissen einen winzigen Theil des Trankes auf die Erde gießen und den Rest, der seinem von Schauer geschüttelten Körper wohlthuende Wärme einzuflößen bestimmt ist, langsam austrinken. Ein kleines Stückchen Brod mit viel Salz und eine Zwiebel vervollständigen die Mahlzeit. Solche Zwiebeln bekommt man nicht alle Tage; sie sind groß, flach, röthlich mit einem eigenartigen, silbernen Schimmer und können einem Sabbathmahl zur wahren Zierde dienen. Daher läßt auch der Schneider die zweite Zwiebel als Borrath für später in die tiefste Tasche seines schäbigen Nockes gleiten. Nun er gesättigt, schürt Iudka mit künstlich hervorgerufener Lebendigkeit das Feuer, und stellt zwei Plätteisen, deren Griffe mit Lappen umwunden sind, auf den Herd. Die Plätteisen sind schwarz wie des armen Juden Schicksal und hart wie die unerbittliche Nvthwendigkeit, die seinen Rücken zur Erde beugt und seinen Bart mit den Silberfäden eines vorzeitigen Alters dnrchwirkt. Bevor der schnarchende Schlachziz und dessen Hausgenossen aus ihrem festen Schlafe erwachen, bevor Iudka den eleganten, Warschauer Ueberzieher — seine Form gleicht ungefähr derjenigen eines weiten Sackes — vollendet, wollen wir einen Rückblick auf die Vergangenheit werfen und in kurzen Umrissen die Lebensschicksale des Flickschneiders schildern. Diese Biographie wird keine schönen, ästhetischen Bilder enthalten — Hunger, Schmutz, Finsternis; und übermäßige Arbeit — das waren von jeher die vier Grundpfeiler, auf welche das Dasein dieses Mannes sich stützte. Die Erscheinungen hatten seinem Geiste keine sinnreichen, poetischen Erinnerungen eingeprägt. Wie weit in die Vergangenheit er auch blicken mochte, grau, schmutzig, düster war Alles, was seinen Augen sich darbot. Wenn er in den Tagen seiner Jugend überhaupt von irgend Etwas geträumt hatte, so war es höchstens von silbernen Rubeln und von großen Fortschritten in der talmudischen Weisheit. Aber in dem Buche seines Lebens war weder Reichthum noch Gelehrsamkeit verzeichnet. Er hatte von seinen Vätern ein Handwerk geerbt, das ihn ernähren sollte. Sein Urgroßvater schon hatte in demselben Städtchen den Edelleuten schöne, lange Röcke mit Aermeln bis zur Erde und dauerhafte Regenmäntel genäht. Ja, das waren herrliche Zeiten! Noch jetzt leben sie in der Familientradition in Judka's Hause, und ein Geschlecht überliefert die Erzählung dem anderen. Solche Zeiten verdienen aber auch, daß ihrer gedacht werde! Baares Geld entnahm zwar der Schlachziz seiner Tasche auch damals nicht gern, aber Vorräthe sparte er nicht, llnd wie billig war Alles! Am Samstag hatte man häufig einen ganzen Hecht auf dem Tisch und selbst an Wochentagen wurde manchmal Fleisch gekocht. An Arbeit war kein Mangel und der Reichthum infolge des ununterbrochenen Verdienstes so groß, daß der Urgroßvater, als er die Großmutter Rojse verheiratete, ihr als Mitgift viergoldene Ducaten gab und obendrein noch einen silbernen Thaler als Heckpfennig. Ja, das waren Zeiten! Judka's Großvater, der von seinem Vater einen Theil des Hauses und die Werkstätte geerbt hatte, ging es nicht mehr so gut. Indessen lobte auch er seine Zeiten, denn er hatte ein Meisterstück der Schneiderkunst geschaffen, ein Meisterstück, von dem er seinen Enkeln gern erzählte. Er hatte einen Frack genäht! ' Einen prachtvollen blauen Frack mit goldenen Knöpfen zu einer Hochzeit für den Herrn Bürgermeister, und dazu eine Weste aus geblümtem Stoff, und Unaussprechliche aus kanarienvogelgelbem Nanking.