Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 223 Petersburg, 27. Februar. Herr I. S. Posnanski ist mit dem St. Annen-Orden I. Classe ausgezeichnet worden. Tanger, 18. Februar. Gegen unsere Glaubensgenossen in Az im o ur sind abermals brutale Grausamkeiten verübt worden. Die Mauren sind in das Judenquartier eingedrungen, wo sie gegen Männer, Frauen und Kinder scheußliche Gewaltacte begingen und mit vandalischer Raubgier hausten. Ein vierzehnjähriges Mädchen ist fortgeschleppt und trotz der Intervention der Consuln nicht freigegeben worden. New Dorrt, 22. Februar. Im Mount-Sinai-Hospital fanden im abgelaufenen Jahre 3211 Patienten Aufnahme, in der Klinik wurden 98.308 Kranke behandelt, 87.765 Recepte ausgestellt. Hiefür wurde die imposante Summe von ca. 500.000 Mark verausgabt, denen 580.000 Mark Einnahmen gegenüberstehen. Philadelphia, 24. Februar. Herr Oscar S. Strauß, der frühere amerikanische Gesandte in der Türkei, ist zum Präsidenten des „Amerikanisch-jüdischen Geschichtsvereines" gewählt worden. Capstadt. Wir hören mit Vergnügen, daß Se. Ehrwürden A. P. Bender zum Professor für Hebräisch an dem hiesigen South-African-College ernannt wurde. Coolgardie (Westaustralien). Die Regierung hat der jüdischen Gemeinde ein Stück Land zum Baue einer Synagoge geschenkt. — Bei den letzten Wahlen wurde Herr Levinsohn zum Stadtrath gewählt; er ist der erste Jude, dem solche Ehre hier zutheil wurde. In den hiesigen Zeitungen spricht man von ihm als dem künftigen Bürgermeister. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Sarah und Isaak hatten sich zu ausgesprochenen Jndividnalitäten entwickelt, als in so kurzer Zeit möglich war. Der Knabe war eben fünf, Sarah, die ihre Mutter nie gekannt, vier Jahre alt. Die Gedanken Beider drehten sich hauptsächlich um leibliche Genüsse und gebackene Kartoffeln, besonders solche, die mit Fett bestrichen waren, waren ihnen lieber als alle Freuden des Kindergartens. Jsaak's Ehrgeiz war auf ein Federbett gerichtet, wie er es einst bei Malta gesehen, und Moses beruhigte ihn immer durch die nebelhafte Aussicht auf ein solches neues Bett. Der gute, kleine Kerl hatte denr Vater und denk Bruder bereits Ehrenplätze darin verliehen. Gott allein weiß, wie er ans den Gedanken kani, daß das gemeinsame Bett sein Privateigenthum sei, in dem die Anderen Nachts nur geduldet wurden. Er konnte sich nicht einmal darauf berufen, daß es sein sei. Aber trotzdem waren Jsaak's Gedanken nicht blos auf weltliche Tinge gerichtet, denn oft beschäftigte ihn auch ein geistiges Problem und bewog ihn, die kleine Sarah zu schlagen. Er war am 4. Tecember geboren und Sarah ein Jahr später am 3. „Nein, das kann nicht fein", sagte er. Tein 'Bnrtstag tann «licht vor meinem tommen." — „Dsa, Esty sagt's", antwortete Sarah. — „Esty thut lügen", entgegnete Isaak unerschütterlich. — „Frag' Tata!" — Tata weiß nicht. Bin is fünf?" — „Dsa." — Und bist Du nicht vier?" — „Dsa." — „Und bin is nicht älter wie Du?" — „Dsa." —• Und bin is nicht vor Dir deboren?" — „Dsa, Jsy". — „Also wie tann Dein 'Bnrtstag vor meinem sein?" — „Dsa." — Dumme Dans!" — /,Frag' Esty", wiederholte Sarah. — „Wirst nicht in meinem neuen Bett slafen", drohte Jsy. — „Dsa, wenn is will." — Nein!" Nun brach Sarah gewöhnlich in Thränen ans, und da Isaak mit vorzeitigem ökonomischen Jnstinct fühlte, daß es nicht recht sei, umsonst Thränen zu verschwenden, so gab er ihr ein Recht dazu, indem er sie schlug. Daraufhin schlug Sarah ihn zurück und erhob eilt schreckliches Geschrei. „Hi, weh is mir!", heulte sie im Jargon, indem sie sich in einem Winkel zu Boden warf und sich hin- und herwiegte, wie ihre Ahnfrauen, wenn sie an den Wassern von Babylon Zion's gedachten. Die Klagen der kleinen Sarah hörten nie mir, bis sie nicht von einer höheren Hand gerächt worden war. Es gab verschiedene Großmächte, aber Esther war das zuverlässigste j Rachewerkzeug. War Esther nicht zu Hanse, so verstummte Sarah's Schluchzen sofort, denn auch sie sah die Thorheit fruchtloser Thränen ein: ja, sie setzte sogar ihre freundschaftlichen Raufereien mit Isaak fort, aber kaum ertönte ans der Treppe der Schritt der Rächerin, so begab sich Klein-Sarah in den Winkel und heulte vor Schmerz über Jsaak's Puffe. Sie war eine große Freundin der abstraeten Gerechtigkeit und fühlte, daß der Bestand der Dinge nicht gesichert war, mntit der Uebelthäter straflos blieb. Auch der heutige Feiertag lief nicht ohne einen solchen Ausbruch ab. Er fand um die Vesperzeit statt. Vielleicht waren die Kinder übellaunig, weil es keinen Thee gab. Esther mußte sparen und in einer Mahlzeit um sieben Uhr Vesper und "Abendbrot vereinigen. Unter den "Armen sind evmbinirte Mahlzeiten so häufig wie evmbinirte Betten und Schränke. Esther hatte Sarah beruhigt, indem sie Isaak einen Klaps gab, aber da nun dieser heulte, war nicht viel gewonnen. Sie mußte noch ein Stück Kohle nachlegen und ihnen Vorsingen, während ihre Schatten sich grotesk über die Betten und damc anfwärts längs der geneigten Wände hinzogen, um mit verdrehten Nacken ans der Decke zu endigen. Esther sang gewöhnlich schwermüthige Weisen in Moll. Diese schienen zu dem trüben, unregelmäßigen Zimmer am besten zil stimmen. Besonders ein Lied, das ihre Mutter zn _ singen pflegte. Es stammte ans einem Pnrimspiel, das wieder ans eitlem Midrasch beruhte, einer jener zahllosen Legenden, mit denen das Volk des Einzigen Buches dasselbe ausgeschmückt hat, indem es jede Einzelheit mit üpviger orientalischer Einbildungskraft erweiterte und diese Phantasien mit dem Scharfsinn einer Rasse von Advocaten rechtfertigte. „Als Joseph von scineil Brüdern an die midianitischen Händler verkauft worden war, entfloh der Knabe der Karawane und wunderte, wegmüde und traurig, nach Betlehem zum Grabe seiner Mutter. Dort warf er sich ans den Boden nieder, weinte laut und sang nach einer herzbrechenden Melodie: „Hit hei weh is mir. Wie schlecht is doch mir, Ich bin vertrieben gewvren Jnngerheit vnn Dir." Was auf hochdeutsch lautet: „Ach, wie weh ist mir! Wie schlecht geht es mir: Vertrieben bin ich worden Sv jung von Dir!" Darauf ertönte ails dem Grabe die Stimme seiner ge liebten Mutter Rachel, tröstete ihn und sprach ihm Math zu, denn eine große, glorreiche Zukunft stände ihm bevor." Esther konnte dieses Lied nie singen, ohne daß ihr die Thränen über die Wangen liefen. Dachte sie vielleicht an ihre eigene Mutter und wendete das Lied ans sich selbst an? Jsaak's Uebellaunigkeit hielt der schmerzstillendeil Wirkung dieser traurigen Kadenzen nur selten Stand. Esther kannte noch cut Tranerlied, welches Alte Belkowitsch aus Polen mitgebracht hatte: „Man nemmt awek die Chassauim mm die Kallehs, Hi, hi, did-a-rid-a-ree! Man reißt den Bräutigam ails den Armeil der Braut, Hi, hi, did-a-rid-a-ree!" Das Lied verband die Melancholie der polnischen Mnsik mit der Traurigkeit der jüdischen, imt> die Worte deuteten auf Gott weiß was hin. „Unselige, ferne Dinge Und Schlachten, längst vergangen". So lag über all diesen Liedern llnd Geschichten die Spur der Tragödie: unter allen das Weh einer verfolgten Rare. Man kann sich nichts Klagenderes vorstellen, als wenn am Sabbath Nachmittag, inmitten der wachsenden Schatten des Zwielichtes, die „Söhne des Bundes" die Psalmen sagten. Esther blieb .oit im Eorridor stehen und horchte, krankhaft-fasciuirt, Thränen wehmüthigen Vergnügens in beit "Angen. Selbst das kleine, inr Jargon geschriebene Geschichtenbnch, aus dem Moses "Ansell seinen Kindern an jenem Abend nach dem Vesper-Rachcmahl bei dem Licht der einzigen Kerze vvrlas, hatte ein Vorwort voll Pathos. „Diese Geschichten haben wir gesammelt ails Gemoroh und Midrasch, wunderbare Geschichten, und wir haben, die schönen Geschichten mit hebräischen Lettern übertragen, damit Alles, Groß und Klein, sie lesen und erfahren kann, daß ein Gott in der Welt lebt, der sein Volk Israel -nicht verläßt und der auch für uns Wunder geschehen lassen und uns den gerechten Erlöser noch in unseren Tagen senden wird. "Amen".