Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 218 Dr. Vloch's Wortzrnfrtzrtst. Nr. 11 berg und durch die Bewilligung von Fahrpreisermäßigungen für die kranken Schützlinge: die k. k. Generaldirection der österr. Staatsbahnen und die Direction der Südbahngesellschaft. Wir beglückwünschen den „Frauenhort" zu dieser Erweiterung seiner Agenden, denn eine arme kranke Mutter, eine junge Arbeitern, welche die Stütze ihrer Familie ist, vor Siechthum zu bewahren, ist ein wahrhaft gottgefälliges Werk. Wir wünschen dem „Frauenhort" auf diesem Wege den besten Erfolg und was die Hauptsache ist, edle Menschenfreunde, die den Verein in seinen Bestrebungen thatkcäftigst unterstützen. Gegen die antisemitischen Advocatursbeamten. An der Spitze des Vereines österreichischer Advokatursbeamten stand bis vor wenigen Tagen ein in der Generalversammlung am 3. Februar gewählter Ausschuß, dem man den Vorwurf machte, daß er in dem nur materiellen Interessen dienenden Vereine annsemitische Tendenzen zu propagiren bemüht sei. Die mit knapper Majorität erfolgte Wahl dieses Ausschusses wurde im antisemitischen Organ als ein Sieg der antisemitischen Sache gefeiert mrd dies veranlaßte eine aus fortschrittlichen Elementen der Advocatursbeamten zusammengesetzte Opposition, gegen die derzeitige Vereinsleitung eine lebhafte Agitation einzuleiten, die immer weitere Kreise zog. Schließlich trat eine stattliche Anzahl von Vereinsmitgliedern an den Obmann heran, eine außerordentliche Versammlung einzuberufen, die mit dem Ausschuß in's Gericht gehen sollte. In einem Circular wurde gegen die Leitung der Vorwurf erhoben, daß sie das Ansehen des Vereines schädige und deren Beseitigung daher dringend geboten sei. Allgesichts dieser Bewegung sah sich der Ausschuß veranlaßt, zu demissi oniren mrd behufs Neuwahl der Vereinsleitung wurde vor eimgen Tagen eine außerordentliche Generalversammlung einberufen, die eine sehr zahlreiche Betheiligung aufzuweisen hatte. Mehrere Mitglieder des abtretenden Ausschusses, darunter Obmann Schlichting, bestritten es entschieden, daß sie antisemitische Tendenzen propagiren. Ironische Zurufe und stürmischer Widerspruch unterbrachen sie hiebei, und als die Opposition beschuldigt wurde, daß sie terrorisire, erhob sich ein heftiger Tumult. Die Versammlung wollte die früheren Ausschußmitglieder nicht anhörerr und so oft einer von ihnen versuchte, das Wort zu nehmen, wurde er niedergeschrieen. Der Vorsitzende wollte schon die Versammlung schließen, und nur mit Mühe gelang es den Wortführern der Opposition, die Rirhe herzustellen. Unter stürmischer Beifallskundgebung sprach sich die Versammlung dafür aus, daß politische Tendenzen von dem Vereine fernzuhalten seien und daß eine gedeihliche Arbeit nur dann möglich sei, wenn Eintracht und Friede herrsche. Verhetzung und wüste Agitation können in dem Vereine nie geduldet werden. Bei den Wahlen erhielten die Candidaten der Opposition die überwältigende Majorität. Aus die Herren August Schmidt (Obmann) und Johann Göllinger (Obmann-Stellvertreter), sowie auf die übrigen ' Candidaten entfielen bis 110 Stimmen, während der alte Ausschuß kaum über 30 erhielt. — Zum Schlüsse kam es noch zu einer stürmischen Scene. Der frühere Obmann-Stellvertreter Le inwart er regalirte, aus Aerger über seinen Durchfall, die Mehrheit mit Schimpfworten, wie „Judenpack' und „Judenbuben". Er wurde umringt und unter stürmischen Entrüstungskundgebungen unsanft vor die Thüre gesetzt. Die bewegte Versammlung schloß um 1 Uhr Nachts. Wien. (Der Präsident der Cjreditanstalt g e st o rb e n.) Eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Wiener haute finance, der Präsident des Verwaltungsrathes der Oesterreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe, Herr Carl Weiß Ritter v. W e i ß e n h a l l, ist gestern Abeirds in seiner Wohiumg im Palais Todesco in der Kärntnerstraße nach längerem schweren Leiden gestorben. Im Jahre 1817 in Mähren geboren, widmete sich Ritter Weiß v. Weißen hall ursprünglich dem Kaufmannsstande und gründete im Vereine mit seinen Brüdern ein in großem Style betriebenes Seidenwaarenge) chäst. Um aus diesem Gebiete ersprießlich wirken zu können, lebte er viele Jahre iir Italien. Nach Wien zurückgekehrt, lenkte er die Aufmerksamkeit der kaufmännischen Kreise durch sein gediegenes commercielles Wissen aus sich, und als der erste Director der Creditanstalt, Richter, schmählichen Schiffbruch gelitten, wußte man keinen Würdrgeren in das Drrectorium zu berufen, als Herrn Carl Weiß. Rasch lebte er sich in diese neue Stellung ein, auch hier anfangs vorwiegend den commerciellen Interessen das Augenmerk zuwendend. Die Gründung der Austro-egyptlschen Bank, die Creirung der Filialen der Creditanstalt sind sein ureigenstes Werk. Die Creditanstalt machte inzwischen einen Wandlungsproceß durch, sie wurde der Bankier der jeweiligen Regierungen. Herr Weiß war berufen, die oft schwierige vermittelnde Rolle zu übernehmen, er leitete mit großer Umsicht die Bankgeschäfte und es bildete seinen Ehrgeiz, dem Institute nützlich zu sein, dasselbe vor Fährlichkeiten zu schützen. Weiß blieb Director, bis ihn sein zunehmendes Alter zwang, zu resigniren. Aber die Verwaltung wollte ifjit nicht ziehen lassen, sie stellte ihn an die Spitze des Unternehmens; aus seine Erfahrung konnte man nicht verzichten. Er war den Beamten ein wohlwollender Vorgesetzter, ein Mensch im vollsten Sinne des Wortes. — Außer zur Creditanstalt stand Herr Carl Ritter Weiß v. Weißen hall noch zu vielen anderen Finanzinstituten, wie z. B. zur Ungarischen Creditbank, in innigen Beziehungen und erfreute sich überall des größten Ansehens durch seine reichen Erfahrungen auf financiellem Gebiete. Aber nicht nur in Finanzkreisen, sondern auch in der Wiener Gesellschaft genoß der Verstorbene die höchste Achtung, und die Nachricht von seinem Tode wird auch in Folge dessen die größte Theilnahme Hervorrufen. Herr Weiß v. Weißenhall litt seit mehreren Jahren schon an Asthma; in der letzten Zeit steigerte sich das Leiden derart, daß er das Bett seit vielen Wochen nicht mehr verlassen konnte. Er hinterläßt eine Tochter — zwei Söhne waren ihm im Tode bereits vorangegangen — welche an den Director der Creditanstalt, Herrn Gustav Ritter v. M a u t h n e r, verheiratet ist. Der Verstorbene war Komthur des Franz Josef-Ordens, Ritter des Eisernen Kronenordens dritter Classe und Besitzer des ottomanischen Osmanie-Ordens dritter Classe. Floridsdorf. Am 6. Juni suchte unser Glaubensgenosse Heinrich Steinschneider, Floridsdorf, bei der Gemeinde Florids» darf um Ertheilung einer Concession zur Errichtung eines Volkscafss an; unter Anderem wies er auch auf die Nothwendigkeit desselben hin, indem in Groß-Floridsdorf 17.000 Arbeiter sich befinden und für welche noch kein Kaffeehaus existirt, hingegen für Die 8000 Bürger schon 2 vorhanden sind und für das 3. seitens der Gemeinde die Concession ertheilt wurde. Unser Glaubensgenosse Steinschneider wurde von der Gewerbesection abgewiesen, und zwar mit der Begründung, wegen Mangel an Localbedarf; auch wurde auf den Beschluß des Vereinigungs com lies hingewiesen,- das vorderhand keine Concession zu ertheilen empfahl. Gleichzeitig mit dieser Idee traf sich ein Nachahmer in der Person des I. Brandstetter, der auch um die Ertheilung einer Kaffeehansconcession ansuchte. Gegen diesen Herrn, dessen Parteischattirung bekannt ist, wurde von der Gemeinde kein Einwand erhoben, der Localbedarf ist da auf einmal vorhanden und der Beschluß des Bereinigungscomitßs war auch kein Hinderniß mehr. Die löb-- liche Bezirkshauptmannschaft ließ aber diese Parteilichkeit nicht zu und ignorirte diese Befürwortung, indem sie diesem Oppositionsmann die Concession nicht ertheilte. Prag, 6. März. Die „Bohemia" meldet aus Wien: Erst jetzt wird eine Aeußerung des Justizministers Grafen Gleispach gelegentlich eines vor einiger Zeit erfolgten Empfanges der von der Wiener israelitischen Cultusgemeinde an ihn entsendeten Deputation bekannt. Die Deputation lenkte die Aufmerksamkeit des Justizministers auf die häufigen Beschimpfungen der jüdischen Religionsgenossenschaft und auf die Präterirung der richterlichen Beamten mosaischer Confession. Der Justizminister äußerte sich hierauf folgendermaßen: „Ich habe in meiner amtlichen Gestion niemals einen Unterschied zwischen Taufschein und Geburtsschein gemacht. Ich kenne die Verhältnisse bei den Gerichten, auf die Sie anspielen. In vierundzwanzig Stunden läßt sich das nicht ändern, aber Sie werden sehen, daß ich hier ebenso, wie in meinem früheren Wirkungskreise in Graz Vorgehen werde, wo ich ebenfalls keine eonfessionellen Unterschiede gemacht habe." Mährisch-Ostrau, 9. März. Bor Kurzem fand sich in dem Restaurant „zur Linde" eine antisemitische Tischgesellschaft zusammen, die sich höchst deutsch-national geberdete, obgleich eines ihrer Mitglieder einen ausgesprochen semitischen und ein zweites einen unverfälscht czechischen Typus zur Schau trägt. Plötzlich schreit Einer aus der Runde den sie bedienenden Kellner an: „Sie sind Jude?" „Ja," antwortete dieser. „Wir dulden keinen Juden in diesem Locale," schreien darauf die bereits angeheiterten Herrschaften, und dem Geschäftsleiter bleibt, um einen Scandal zu vermeiden, nichts übrig, als einen anderen Kellner mit der Bedienung dieser