Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Vlortz's Wochrnschrifl. Seite 217 entdeckt und seine philosophische Lehre wird ein „hohles, nur auf Verstandes - Rafsinement aufgerichtetes Truggebäude ge-! nannt. Es waltet eine innere Gerechtigkeit in der Geschichte des Antisemitismus. Bon ihren Hauptführern Dühring, Fritsch, Böckel und Stöcker will die junge Generation der Antisemiten nichts mehr wissen. Auch das ist ein Beitrag zur „arischen" Dankbarkeit. : Christus und — Odin. Der nationale Gedanke, wie ihn der Racenantisemitismus eines Tühnrg zum Beispiel vertritt, will von den christlichen Heilswahrhetten nichts wissen. Reines Deutschthum ohne Christenthum ist immerhin ein Standpunkt, über den sich reden läßt und wir haben nichts dagegen, wenn ein Christ statt zu Gott und zu seinem Heiland, jetzt zu Wodan und Odin betet. Wir halten das zwar für eene Marotte, aber Jeder nach seinem Geschmack. Schlimmer sind die Leute daran, die es mit Keinem verderben, die christlich-germanisch sein wollen. Sie machen Christus und Theoder Fritsch zu einem Arier und das Kunststück der Amalgamirung zweier entgegengesetzter Völkertypen ist fertig. Zu diesen Herren scheint der Geh. Regierungsroth E. v. Selchow-Rudnik zu gehören, der im Verlage von Puttkammer und Mühlbrecht zu Berlin eine Schrift für den Antrag Kanitz veröffentlicht hat. Darin sagt er: „Eines erscheint unerläßlich; es ist das, daß man das Neue da sucht, wo es bei nüchternem, nur auf die Erde gerichtetem Streben allein zu finden ist, nämlich in der heiligen Schrift. Verkündet dieselbe ja den Völkern oller Zeiten die für die menschliche Geistes- und Culturentwicklung entscheidungsvollste aller historischen Erscheinungen in dem Weltsieg, welchen indogermanischer, in brüderlicher Dienstleistung und Hingabe bis in den Tod oder in der Erfüllung des väterlichen Gesammtwillens gipfelnder Idealismus über allerverhärtesten semitischen, nur auf Befriedigung des eigenen Einzelwillens gerichteten Materialismus in Christus, dem zur Wirklichkeitsgestalt seines Traumhelden Odin gewordenen Gottesebenbilde und Urbilde alles wahren Königthums davontrug. Sie ist deshalb nicht blos das deutscheste aller Bücher, sondern zeigt auch besonders in ihrem symbolischen Theile den Rechts- und Gesetzesweg, auf welchem allein die mit der thierischen Ich-oder Herrschaftsnatur ausnahmslos dem Menschen angeborene semitische Weltanschauung erfolgreich zu bekämpfen ist.. . . „Etwas dunkel zwar, aber höchst wunderbar," möchte man zu diesem Satzungeheuer sagen. Was Christus und Odin «zusammen wollen, wird wohl der Herr Geheime Regierungsrath allein wissen. Unsere Unkenntniß gestehen wir mit tapferer Fröhlichkeit ein.! Missionäre als Zauberer. Ebenso wie im Mittelj alter die Juden als im Besitz geheimer Zaubermittel befindlich angesehen wurden, ebenso werden die christlichen Sendboten, | die primitiven Völkern das Christenthum bringen sollen, für Zauberer gehalten. Die Minorität ist eben bei Völkern und in weiten niederer Cultur ein Gegenstand des Aberglaubens. Ueber die.Mission der Maristen in Neucaledonien erzählt das Blatt „Die katholischen Missionen" (Freiburg i. B. 1876, S. 34): „Man sagte den abergläubischen Kanaken, die Miffionäre seien „Tapu", d. h. Zauberer, welche die Menschen nach Belieben dem Tode überantworten könnten. Dieses Schlagwort, das bald unter den Eingeborenen von Mund zu Mund ging, machte umso größeren Eindruck, als gerade damals eine Seuche unter den Kanaken an der Baladbai wüthete, welche fast ein Drittel der Bevölkerung hinwegraffte." Man erinnert sich, daß auch den Juden vorgeworfen wurde, sie hätten die Cholera und die Klauenseuche eingeführt. Jüdische Soldaten in Rußland. Allgemeines Interesse erregt ein publicirter Ukas über die Feier der fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit des Wachtmeisters im Garderegimente der Kaiserin Maria Feodorowna, Abel O s ch a n s k i j. Ueber diese Feier berichtet die „Petersburgskaja Gazeta": „Am 1. Februar wurde das Dienstjubiläum eines jüdischen Officiers gefeiert, das sich zu einer wahren Kundgebung zu Gunsten der Juden gestaltete. In Gegenwart des ganzen Garderegimenies und des Officierscorps wurde der Lieutenant Abel Oschanskij beglückwünscht. Der Commandant des Regimentes, Generalmajor Grün Wald, verlas den Jubiläumsukas, in welchem die ehrliche und hingebungsvolle Dienstzeit Oschanskij's hcrvorgehvben und der Jubilar als Muster der Pflicht und Rechtschaffenheit bezeichnet wurde. Das Regiment brach in Hochrufe auf den Jubilar aus, während das Lssicierscorps dem jüdischen Kameraden ein kostbares Geschenk aus Silb.r überreichte." Um das Dienstjubiläum des jüdischen Officiers vollauf würdigen zu können, muß man bedenken, daß Abel Oschanskij bei der Erstürmung von Geog-tepe durch Skobelew sich große Verdienste erwarb, so daß er außer der Tour befördert werden sollte, aber tti Folge von Jntriguen übergangen wurde. (Nebenbei bemerkt, hängt Oschanskij mit gewissenhafter Treue seinem Glauben an, worin ihm seitens seiner Vorgesetzten keine Hindernisse bereitet werden; so zum Beispiel ist ihm gestaltet, in seiner Wohnung in der Kaserne eine Betstube zu halten und auf dem Kasernenhofe am Sukkoth eine Laubhütte zu errichten). Die officielle Ehrung eines anderen jüdischen Soldaten fand anläßlich seines Leichenbegängnisses am 27. Jänner in Czarskoje-Selo statt. Tort starb der verdiente FUdwebel des Leibgarde-Regimentes, Scholem Tscherkaßkij. Officiere, Mitglieder hocharistokratischer Familien, trugen den Sarg bis zum jüdischen Friedhofe, der drei Werst von der Stadt entfernt liegt. Daselbst hielt der älteste Ossicier des Regimentes eine Grabrede, in welcher er den verstorbenen jüdischen Soldaten als einen musterhaften Menschen, pflichttreuen Ruffen und als „Zierde der Juden" charakterifirte. Tscherkaßkij war Besitzer des Georgkreuzes, das er sich im russisch-türkischen Kriege bei der tapferen Bertheidigung einer russischen Position erwarb. Die Verlogenheit der den Juden jeden Bürgersinnabsprechenden Antisemiten ist aber auch aus den Urlheilen ersichtlich, welche russische und polnische Blätter über den in Warschau kürzlich verstorbenen Bankier Nathan sohn gefällt haben. So schrieb der „Kraj": „Nathansohn hat die Legende von der Hab- und Ausbeutungssucht der Juden gänzlich zerstört. Er stellte seinen Reichtbum in den Dienst des ehrlichen Gewerbes und der redlichen Production, er hob die Industrie im Weichselgebiete, er schuf neue Erwerbsquellen für die Armen, ja er opferte sogar seine eigenen Interessen zu Gunsten des allgemeinen Wohles". Und der „Warschawskij Dnewnik", den es offenbart genirt, einem Juden ein günstiges Zeugniß auszustellen, meint, Nathanfohn habe die über die Juden im Allgemeinen herrschende Ansicht ganz und gar nicht gerechtfertigt und sei ein Jude gewesen, „der den Namen einis Russen verdient hätte." „Fr. Bl." Correspondenzen. Wien. Der Rechenschaftsbericht des Wohltätigkeitsvereines „Frauenhcrt", IX., Müllnergasse 21, liegt uns vor, und wir ersehen aus demselben^die erfreuliche Prosperität dieses erst seit 1893 bestehenden Vereines. Derselbe ist in der angenehmen Lage, einen Zuwachs von 100 neuen Mitgliedern verzeichnen zu können, so daß sich die Zahl derselben jetzt auf 521 mit Jahresbeiträgen von 3374 fl. beläuft. Infolge dieser größeren Einnahmen und noch anderer besonderer Zuflüsse konnte der „Frauenhort" Heuer nahezu 6000 fl. an Unterstützungen ausgeben, die sich auf fast alle Wiener Bezirke erstrecken. Denn in dem Maße, als der Kreis seiner Gönner sich vergrößert, erweitert sich auch derjenige seiner Schützlinge. Der „Frauenhort" hat Heuer 156 schutzpflichtige Kinder bekleidet, denen die Gaben direct ins Haus zugeschickt wurden, da dieser Verein keine öffentliche Bescheerung veranstaltet. Bon hervorragenden Spendern nennen wir unter Anderem die Erste Oesterreichische Sparcaffe, Herrenhausmitglied Freiherrn Friedrich von Leitenberger, Freiherrn Alexander von Popper-Podhragy, der zum Andenken an seine verstorbene Mutter. Freifrau Eveline von Popper-Podhragy, 300 fl. und Herrn Max Ritter von Gutmann, der zum Andenken an seinen verstorbenen Vater Wilhelm von Gutmann 200 fl. spendete. Eine erfreuliche humane Thätigkeit entwickelte der „Frauenhort", indem er mehrere kranke Frauen und Mädchen zu mehrwöchentlichen Euren nach Franzensbad. Karlsbad, Gleichenberg, Teplitz, Piflyan und Meran (nach letzterem Orte sogar zu einer mehrmonatlichen Cur) schickte. Diese Action förderten in der wohlwollendsten Weise durch Verleihung von Freiplätzen: Herr -Bürgermeister Ferdinand Khittl und die israelitische Armenanstalt in Franzensbad, die israelitischen Badehospital-Directionen von Karlsbad, Teplitz und Gleicher-