Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 214 Dr. Vloch's Wochenschrift- Nr. 11 Unter sich die Schätze des Wissens, mit welchen alle Organe, ja die einzelnen Atome verwachsen sind, über sich das höchste Ideal, das Bild der höchsten Vollkommenheit, der Gott des Wissens, sind zwei Welten, hie ineinander fließen, verschmelzen in der sittlich-religiösen Erziehung des Judenthums. So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron, Und meiner Füße Schemel ist die Erde — Gibts wohl ein Haus, das Ihr mir bauen könntet? Hab' einen Ort nicht nöthig, auszuruhen. Hat doch dies Alles meine Hand geschaffen. Ein Wort und diese Welt stand da, sprach Gott — Ich leite wie der Strom den Frieden Und laff' ihn schwellen an der Völker Ehr' — Das wird Euch freuen — wie das frische Gras Wird kräftig, saftig eu'r Gebein sich füllen. Da wird an Euch sich zeigen Gottes Mrcht, Und Völker werden meinen Namen Preisen, Und Nationen meine Majestät — Wie Israel, so werven seine Brüder Hinziehen zu dem heiligen Berge —". Wie gewaltig drängen diese wunderbaren Ahnungen einer geklärten Seele in die ferne Zukunft, zum Endziel der sittlich-religiösen Erziehung; wie mächtig spannt der weit ausholende Gedanke alle Lebensfasern, um alle Atome mit dieser weiten Welt der Erkenntnisse zu verbinden; wie streben die Gefühle des jüdischen Herzens nach dem biblischen Wort, um dasselbe mit seinem Lebensgehalt neu zu füllen, und mit frischer geistiger Kraft ausgestattet, beflügelt in das Gebiet der Erziehung zu senden. Der Kampf des Geistes der jüdischen Erziehung gegen die Wort- und Grdankencultur ist nicht beendet. Sokrates hat den Giftbecher geleert und über seine ethische Grundlage zieht hinweg der Strom von Gedankenformen, doch der Geist des Judenthnms läßt sich nicht überfluthen von Gedankeusystcmen, er läßt sich nicht erdrücken von der Kraft der Gedankensesseln, die in den modernen Schulen noch geschmiedet werden. Das Martyrium ist noch nicht zu Ende. Immer neu entbrennt der Kampf der durch die Cultur des Gehörorgans und der Zungenfertigkeit gezüchteten Gemüthsverwilderung gegen den freien Geist der jüdischen Erziehung; aber das Endziel der freien jüdischen Erziehung läßt sich nicht verrücken, in die Welt ist es gezeichnet, in dem Naturgesetz lebt und strebt der Entwicklungsgang zu diesem Ziele hin: „Sein wird's in späten Tagen, fest sein wird Der Berg zum Haus des Herrn, feststehen wird er, Erhaben über aller Berge Gipfel, Und hoch erhaben über alle Hügel. Zu ihm hin strömen alle Nationen, Sie werden hinzieh'n, werden sprechen: „kommt, Wir wollen wandern zu dem Berg des Herrn Zum Hause Jakobs, das ist Gottes Haus — Daß er uns kennen lehre seine Wege, Dann wollen wandern wir auf seinem Pfade Denn das Gesetz geht nur von Zion aus, Das Wort des Herrn von Jerusalem." (Schluß folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Opfer der Blutlüge. Aus Budapest wird gemeldet: „Der nach Csuß zuständige, 62jährige Kaufmann Ignaz Adler hat sich heute im Extravillan, in der Hubergasse Nr. 2, erhängt und wurde todt aufgefunden. Dir That scheint derselbe in einem Anfalle von Geisteszerrüttung verübt zu haben." — Die Person des Selbstmörders wurde in der letzteren Zeit des Oefteren genannt. Adler war nämlich derjenige Einwohner von Garam-Sallo, welcher gegen die Redaction des „Magyar Allam* einen Preßproceß wegen der Beschuldigung des „Ritualmordes" eingeleitet hatte. Wir haben seinerzeit milgelheilt, daß das 5'/rjährige Mädchen Julie des Garam-Kis-Salloer Landma nes Josef Balazs am 6. September vorigen Jahres todt aufgefunden wurde. Die Gemeindcinsassen, und unter diesen der Zelizer Pfarrer Johann F u ß, der das Mädchen bestattete, verbreiteten die Mähr, die kleine Balazs sei das Opfer eines Ritualmordes geworden. Fuß veröffentlichte sogar im „Magyar Allam" einen Artikel, in welchem er besonders betonte, es seien zur Zeit, als das Mädchen verschwand, bei dem dortigen Wirthe Ignaz Adler zahlreiche Juden, und untir diesen mehrere Schächter gewesen. Wegen dieses Artikels strengte Adler einen Preßproceß an. Auf Grund dieser Ausstreuungen dehnte der Jpolysagher Gerichtshof die Untersuchung auch auf Adler aus, gegen den jedoch später das weitere Verfahren eingestellt wurde, und zwar mit d.r Begründung, daß gegen ihn und seine Mitbeschuldigten kein anderes Verdachtsmoment aufgetaucht ist, als daß sie der jüdischen Confession angehören. Die antisemitischen Blätter Oesterreichs und des übrigen Auslandes behandelten diese Angelegenheit wiederholt und hielten daran fest, daß Adler der Mörder sei. Adler, der seit 41 Jahren in Garam-Kis-Sallo wohnte und in der ganzen Umgebung den Ruf eines ehrlichen und anständigen Menschen genoß, war seit dem Verschwinden der kleinen Balazs fortwährenden Verfolgungen ausgesetzt. Die Dorfbewohner, insbesondere aber Josef Balazs, drohten wiederholt, ihn zu ermorden. Man schlug ihm die Fenster ein, drang einmal während seiner Abwesenheit sogar in seine Wohnung, bei welcher Gelegenheit seine kranke Frau beinahe erstochen worden wäre. Der arme, in Ehren ergraute Mann wagte es kaum, sein Haus zu verlassen; das Bewußtsein, eines Mordes beinzichtigt zu werden, drückte ihn immer mehr nieder und machte ihn schließlich wahnsinnig. Kürzlich brachten ihn sein Sohn und sein Schwiegersohn in die Hauptstadt. Hier suchten sie den Vertreter Adler's im Preßprocesse auf, vor welchem der alte Herr entschieden erklärte, er könne diese Schande nicht ertragen und werde sich ein Leid anthun. Er begann zu weinen und sank dann bewußtlos zusammen. Seine Angehörigen consultirten den Dr. Batizfalvy, der eine Geisteskrankheit constatirte und den Verwandten nahelegte, sie mögen den Kranken stets unter Aufsicht halten. Professor L a u f f e n a u e r, der ebenfalls zu Rathe gezogen worden, ordinirte dem Kranken kalte Umschläge auf den Kopf. In die Wohnung zurückgekehrt, zeigte sich Adler äußerst irritirt. Er rief wiederholt seinen Sohn zu sich, küßte ihn und sagte: „Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird; ich kann nicht denken." Als dann sein Sohn eingeschlafen war, stand Athlet aus, ging in den Hof hinaus und erhenkte sich. In der Früh wurde seine Leiche in die Morgue überführt. Seine Familie wurde telegraphisch verständigt. Das Begräbniß fand am nächsten Tage statt. Der hier anwesende Sohn Adler's erklärte, den durch seinen Vater an gestrengte n Preßproceß weiterführen zu wollen, was der privatklägerische Vertreter Dr. G u t h i dem Gerichtshöfe auch schon in einer Eingabe zur Kenntniß gebracht hat. In Folge dessen wird diese Angelegenheit auf Grund des § 273^des Strafgesetzes sortgeführt werden und soll die Hauptverhandlung am 26. d. M. stattfinden. Interessant ist jener Theil des vom Jpolysagher Gerichtshof gefällten Einstellungsbeschlusses, welcher sich mit dem gegen den Selcher Johann VLradi junior aufgetauchten Verdachte beschäftigt. »Die meisten Verdachtsgründe — heißt es da — tauchten gegen Johann VLradi junior auf, der sich auch mit dem Selchergewerbe zu beschäftigen Pflegt. Dieser letztere Umstand an sich erregte schon Verdacht gegen ihn, indem die an der Leiche der Juliana BalLzs wahrgenommenen Verstümmelungen und Schnitte eine kundige Hand v;rrathen. Ferner war Johann VLradi junior der Concurrent des Regalepächters Josef Frisch bei der Bewerbung um die Regalpachtung; es konnte daher in seinem Interesse liegen, den Schein des Ritualmordes hervorzurufen und dadurch im Dorfe eine feindselige Stimmung gegen die Juden zu erregen, wie er denn auch thatsächlich zu Jenen gehörte, welche die Juden des Mordes beschuldigten. Er konnte auch Grund haben, dem Frisch (dem Eidam des Adler) zu grollen, weil dieser ihn einige Monate vorher aus seinem Dienste als Pipenburschen entlassen hatte. Den Verdacht steigerte noch der Umstand, daß an den Kleidern des Johann VLradi junior verwaschene Blutspuren gefunden wurden; sein Messer und sein Schleifstahl ließen unter üerLupe die Reste von gestocktem Blut erkennen; auch wurde an dem Schleifstahl ein weißlicher Gegenstand gefunden, welcher ein Partikelchen menschlicher Haut zu sein schien. Der jüngere und ältere VLradi machten sich auch dadurch verdächtig, daß sie sich weigerten, die Leiche zu besichtigen, ferner daß sie, als der Sluhlrichter bei ihnen Haussuchung hielt, überrascht und verlegen schienen. Endlich wird vorgebracht, daß das Kind nur von Bekannten ohne Aufsehen weggeführt werden konnte; solche Bekannte waren die VLradis, von deren Brunnen das Kind öfter Wasser holte. Alle diese Verdachtsgründe stehen jedoch nicht in einem unlösbaren Causalnexus mit der Verübung des Verbrechens und sie können auch bann obwalten, wenn Andere das Verbrechen begangen haben." Wir erinnern ferner daran, daß der Budapester Detective- Jnspector, welcher bei den Erhebungen an Ort und Stelle mitgewirkt hat, sich auf solche Jndicien beruft, nach welchen Juliana, BalLzs im Bache Szikincze ertrunken wäre und ihre Leiche unter der Schleuse eine Maceration durchgemacht hätte; und als die Leiche am 10. September unter der Schleuse losgekommen, wäre sie von Hunden zur Insel geschleppt worden. Die Mutter der Juliana BalLzs erzählt, ihr Mädchen habe den Branntwein so gern getrunken; die Kleine habe wahrscheinlich den von Adler geholten Schnaps ausgetrunken, sei in berauschtem Zustande in den Bach gefallen und habe dort den Tod gefunden. Darum auch suchte Frau BalLzs die Kleine immer im Szikincze-Bache und ließ zu diesem Behufe zweimal die Mühle stille stehen. Am Kopfe, am Halse und am oberen Theile der Brust fehlten die Haut- und die Weichtheile vollständig, vom Schädel auch die Knochenhaut, was dafür spricht, das; die Haut und die Weichtheile nach Eintritt des Todes entfernt wurden.