Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 212 Nr. 11 Dr Bloch's Wochenschrift Die Zeit, die Zeit mit ihren zahllosen Anforderungen und Ansprüchen stürmt ans die Gemüther ein. Neue Ideen, weltbewegende Fragen beschäftigen den Geist und führen ihn anderen, unbekannten Bahnen entgegen. Der alte treue Kinderglaube, er wird vergessen, verdrängt. Und doch ist keine Erziehung möglich, ohne die bethätigende Veranschaulichung, nie wird der Glaube im Herzen des Kindes Wurzel fassen, wenn es nicht täglich und stündlich in seinem Thun und Lassen daran erinnert wird. Es muß nach und nach sich der Pflichten bewußt werden, die es gegen seinen Schöpfer und seine Gebote hat. Leere Bibelworte und Gebete vermögen nicht Alles. Sehen geht vor Sagen, sagt ein alter Pädagoge, ohne Anschauung wird kein Verständnis; erzielt. Auf wen aber schaut das Kind? Aus seine Eltern und Erzieher. Kinder sind scharfe Beobachter, sie merken sofort eine Lauheit, eine Jnconsequenz, der sich diejenigen schuldig machen, die berufen sind, sie zu leiten. Solche Momente erschweren nicht nur die Erziehung, sie wirken auch nachtheilig; die Kinder verlieren endlich die rechte Achtung für ihre Erzieher. Doch nicht mit Strenge und Ernst soll man ihnen den Weg zum Guten ebnen. „Ihr sollt Euch freuen des Ewigen", heißt es; und fürwahr, Freude, Frohsinn und Heiterkeit sollen die bevorzugten Tage, die Festtage im Gefolge haben, um das Kinderherz mit ihrem Glanz und ihrer Erhabenheit zu erhellen. Die Vorbereitung für dieselben im Hause, das Säubern und Schmücken desselben, die eifrige Arbeit, das Zurechtlegen tausenderlei Kleinigkeiten, das sorgfältig vorbereitete Festgewand, Alles, Alles macht das Kind aufmerksam auf den kommenden wichtigen Tag, und das kleine Herz pocht schneller in—der Erwartung. Und zieht das Fest ein, freudig begrüßt von Allen, dann sollen die Eltern in die Freude der Kleinen einstimmen, sich bemühen, die Sorgen des Lebens für kurze Zeit zu vergessen, und sich ganz den Kindern widmen. Ueber all der Heiterkeit wird eine Weihe, ein gewisser Ernst gebreitet sein, dem Tage angemessen. Sv verlebte Feste bleiben dem Kinde treu im Gedächtnisse, die Erinnerung an sie ist ihm lieb und werth, es freut sich auf ihre Wiederkehr. Die täglichen Pflichten werden ihm leichter in Aussicht auf den kommenden Ruhetag, mit Lust geht es an die Arbeit, mit Lust begrüßt es das Fest. Die Eindrücke, die man in den Kiuderjahren empfängt, wirken nachhaltig aus das Gemüth, auf das ganze Wesen des Menschen. Man kann sie nie bannen, sie sind gleichsam das Heiligthum, das unantastbar behütet in dem Herzen ruht. Immer wieder kehrt man zu ihnen zurück. Mag der Verstand des gereisten Mannes noch so zersetzend und krittelnd aller äußeren Form gegenüberstehen, die verlebten frohen Tage im trauten Heim, in der Familie sind die besten Vermittler zwischen Geist und Herz und verklären und veredeln die Stirn des Denkers. Er schaut aus sie zurück mit Dankbarkeit, er erkennt ihre Nothwendigkeit, das veredelnde, versittlichende Princip, das ihnen inneuwhnt, an. Er ist in den Geist der Gotteslehre eingedrungen und sein Streben ist, weiter jene edlen Keime fortzupflanzen und in seinem Wirkungskreis die Saat $u säen, die so gesegnete Früchte zeitigt. So lange den Kindern religiöse Freuden bereitet werden, so lange wird der echte Geist der Religion nicht verloren gehen, er wird in immer verjüngter Kraft sie erhabenen, idealen Zielen entgegenführen. Gleiche Freuden, gleiche Trauer, gleiche Erinnerungen, sie weben ein inniges Baud der Liebe und Treue um Eltern und Kinder, um Genossen eines Stammes. Christian Wilhelm Christlirb. Von Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann in Virovitica (Slavonicn). Die Renegaten aller Zeiten, mochten sie sich nun Paulus Mayer, Justus Briinanus oder gar Joine Schikker genannt haben, sie blieben und bleiben sich immer gleich, gleich an Gemeinheit, Charakterlosigkeit und Medrigkeit der Gesinnung. Ein solcher Apostat, mit allen diesen glänzenden Eigenschaften begnadet, tritt mrs in der geradezu ekelerregenden Persönlichkeit eines getauften Juden in Fürth in Baiern, entgegen, der sich auf den Namen Christian Wilhelm C h r i st l i e b taufte und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Denunciant gegen die Juden verleumderisch auftrat, indem er sich als Patent-Christen ausgab und den Christen vorschwefelte, des Christenthums heiligste Interessen verfechten zu wollen. Sein erstes Machwerk, welches glänzendes Zeugniß von der verblüffenden Ignoranz seines Verfassers ablegt, war ein gefälschter, tendenziöser und auf geradezu erschreckender Unwissenheit beruhender kurzer Auszug aus den Selichoth-Gebeten in deutscher Uebersetzung. Im Jahre 1745 hat dieses Christtieb'sche elende Pamphlet das Licht der Welt erblickt. Ziehen wir nun die Bewegung in Betracht, welche diese aufreizende Schrift Christlieb's damals unter den Christen hervorgerufen hat; vergleichen wir dann, unser Augenmerk aber stets auf die Bertheidiguug des Judenthums gerichtet, jene Zeit mit der heutigen, so gelangen wir zu dem unerfreulichen Ergebniß, daß der Römer, der da sagt »tempora mutantur et nos mutamur in illis« nur dann Recht behielte, wenn eine reactionäre Strönuurg in der Religion sowohl als auch in der Staatsweisheit anch als der Zeiten und Generationen Wandel betrachtet würde. Denn diejenigen christlichen Kreise, welche das vielsagende Wörtchen „conservativ" heute mit besonderer Vorliebe auf ihre Fahne schreiben, würden in unserer Zeit sich gewiß scheuen, für die Interessen der Wahrheit und Gerechtigkeit mit derselben Wärme und Begeisterung auch dort eine Lanze einzulegen, wo der Jude mit im Spiele ist — mit derselben Wärme mrd Begeisterung sage ich, mit welcher die Gottesgelahrten der deutschen Aufklärungsepoche für Recht und Wahrheit eingetreten sind. So sehen wir z. B., daß derselbe Professor Dr. Michaelis, der infolge des seltenen persönlichen Verkehres mit der: Inden seiner Zeit und infolge seines streng kirchlichen Standprmktes, den er sogar mit einer gewissen Schroffheit zu vertreten Pflegte, anläßlich der Erscheinung des Lessing'fchen Lustspieles „Juden" sich zu der vorurtheilsvollen Behauptung Hinreißen ließ, daß ein solcher edler Jude, wie der in dem Lessing'schen Lustspiele zu unwahrscheinlich sei, um als dramatischer Held gelten zu können, mit seinem ganzen Können und Wissen Christlieb entgegengetreten ist und ihn in einer Form in die Schranken wies, daß Christlieb's zweites Auftreten gegen das Judenthum so jämmerlich, feige und erbärmlich ausfiel, daß es beim Psychologen ebenso Mitleid erwecken mußte, wie das erbärmliche Auftreten eines Paulus Mayer und Dr. Löw bei uns Mitleid erweckt, indem wir uns erstaunt fragen: Ach, wie kann es nur in der menschlichen Gesellschaft solch' niedrige, gemeine Naturen geben! Aber, wie oben bereits erwähnt, war damals eine andere Zeit als heute. Heute tritt zwar ein Strack ganz muthig, unerschrocken und vielleicht mich zu seinen! materiellen Nachtheil sür die Interessen der Wahrheit ein; die übrigen Gottesgelahrten aber lassen nur dann von sich etwas hören, wenn es gilt, bei Demonstrationsprocessen ein sachwissenschaftliches Urthell abzugeben. Allein mich da ist ihre Sprache eine so zurückhaltende, ihr Urtheil ein so unbestinnntes, daß es vielfach zu Zweideutigkeiten Anlaß gibt, was unsere Gegner mit dem nur ihnen eigenthümlichen Raffinement zu ihren unheiligen Zwecken sehr geschickt auszubeuten verstehen. Unter den vielen anderen Gelehrten jener Zeit focht an der Seite Michaelis der seinerzeit berühmt gewesene Professor der Theologie, Dr. Siegmund Jacob Baumgarten, Rector des protestantischen Priesterseminars an der Universität zu Halle an der Saale, für Recht und Wahrheit. Liest man seine diesbezügliche Schrift*), so muthet es einem merkwürdig an, da man sieht, wie Keulenschlag aus Keulenschlag auf das Haupt des Apostaten Christlieb niedersaust. Nun wollen wir Einiges aus Christlieb's Selichoth-Uebersetzung hier citiren, nicht etwa, um nachzuweisen, auf wie schwachen Füßen des Apostaten Anklage beruht, das ist nicht unsere Aufgabe, sondern um darzuthun, daß die Kampfmittel und die Verleumdnngsmethoden aller Apostaten ein und dieselben sind. In Rabbi Juspas Selichvt- Ausgabe Folio 23 in dem Capitel „Archu Hajamim" steht folgender Satz: „KTde selö l’hah’J i phok b’el aher hakarüs mehömer", welches Rabbi Juspa commentirt: ümi hü ha*el aher hakarus inebömer? haasam hasisi4. Die zwei letzten Worte, sagt der Apostat Christlieb, weisen gewiß auf den Stifter der christlichen Religion hin. Denn, so meint der Apostat weiter, im babylonischen Talmud werden sechs Arten von „asam- (Schuldopfer) aufgezählt, die sechste Art wird „asam talü4 genannt. Da nun „talü“, meint der Apostat, bei den Juden als Bezeichnung für Jesu gelte, so habe Rabbi Juspa mit „asam sisi * keinen Geringeren als den Stifter der christlichen Religion bezeichnen wollen. Eine Galgenlogik, um die der heilige Schuster Heger Christlieb gewiß beneiden würde. *) Theologisches Bedenken von gewissenhafter Duldung der Juden und ihres Gottesdienstes unter den Christen und über Christian Wilhelm Christlieb's kurzen Auszug aus den Selichoth- oder jüdischen Bußgebeten, ausgefertigt von Siegmund Jacob Baumgarten, der Heiligen Schrift Doctor u. s. w. Halle, 1745.