Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021127--05424-3029659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 211 Religiöse Freuden—ein Erstehungsmitlel. Von Jda O p P e n h e i m. Es konnte den Menschen nichts Größeres oder Besseres gegeben werden, als die Gottesfurcht. Sie ist eine Erkemltniß Gottes und Liebe zum Herrscher und Vater des Weltalls. Gott allein ist ein Fürst, der Ursprung und Herrscher aller Dinge, weise und allmächtig. Die Welt ist gleichsam sein Haus, sein Tempel, er regiert sie mit ebenso wunderbarer Fürsorge, wie er sie geschaffen. Wenn strahlendes Svlmenlicht im Osten emporglüht, einen neuen Tag verkündend, wenn graue Abendschatten die Erde in Dunkelheit und Nacht hüllen, wenn der Frühling seine duftigen Schätze über Wald und Feld streut uüd die Erstarrung des Winters mit seinem belebenden Hauch fortweht, wenn des Sommers heiße Strahlen die Früchte reifen lassen und der Herbst den reichsten Segen der Ernte beut, wenn all diese Erscheinungen in ewigem Kreislauf sich unseren Blicken kund thnn, geben sie dann nicht Zeugniß von der 'Allgewalt dieses Einen, Einzigen? Und mitten in diesem geheimnißvoll rastlosen Wirken.und Walten der Natur, dieses riesenhaften Körpers, der aus Milliarden von Atomen zusammengesetzt ist, die alle fiir einander schaffen, sich entfalten, dem Ganzen zustreben, in demselben aufgehen, und in ihrer Vernichtung zur Neubildung anderer Körper beitragen, hat der Allweise einzelne seiner Geschöpfe, dieser Atome, besonders begnadigt, sie besonders ausgezeichnet. Unendlich verschieden sind die Leistungen der einzelnen und dennoch ist dem gerinsten eine Arbeit zuertheilt. Ein Dasein, erscheint es unserem Auge noch so iverthlos, es hat einen Zweck und ein Ziel ist seinem Wirken gesetzt. Auf eine Arbeit folgt ein Ruhen, nach dem Blühen ein Welken, ans die Saat folgt die Ernte. Gott hat dem Menschen, als das mit höchsten geistigen Fähigkeiten begabteste Geschöpf, die Natur dienstbar gemacht und dennoch ist sie seine Meisterin. Sie lehrt ihn, das höchste Wesen erkennen, sie weist ihn auf seine Lebensaufgabe hin. In der Natur ist ewiges Leben, ewige Regsamkeit, sie kennt keinen Anfang, kein Ende. In ihr keimt, formt, bildet und gestaltet sich immer Neues, während Aelteres stirbt, verwest. Das Einzelne welkt dahin, das Ganze bleibt. Ist eines Menschen Seele nicht auch eine Welt, in der tausend und abertausend Gedanken geboren werden, sich entwickeln, wieder vergehen, wieder neu erstehen in buntem Wechsel? Bauen wir nicht auf den Gedanken der einst Gewesenen, streben wir nicht weiter auf der Leiter der Erkenntniß, deren erste Sprossen sie erklommen? Vom Gegebenen, vom Bekannten forschen wir nach Unbekanntem. Je höher hinauf, desto steiler und mühseliger wird der Pfad, der zur höchsten Erkenntniß führt, innner neue Probleme niüssen gelöst werden, immer neue Wunder wollen erklärt fein, immer größere Schranken richten sich auf. Zuviel für ein kleines Menschenhirn, zu wenig für den heißen Wissensdurst, das Streben der Seele, die, von Gott eingehaucht, Göttliches in sich trägt. Ein Sonnenstrahl sprengt die Hülle der Knospe, eine Blüthe, entfaltet sich — ein Menschenleben erwacht zum Dasein. In einem hilflos kleinen Körper wohnt eine Seele, dieses erhabene, große, geheimnißvolle Etwas, dessen Wesen und Sein unergründlich, unerforschlich ist. Zarte, liebende Hände Pflegen den Körper. Die Menschenblüthe gedeiht Dank unermüdlicher Sorgfalt und Umsicht. Während der Körper des Kindes sich, Schutz suchend, an den Busen der treuen Pflegerin drängt, zittert die erwachende Seele desselben aus großen verwundert fragenden Angen ihr entgegen. Es beginnt allmälig die hohe und heilige Ausgabe der Erzieher, diese Seele zu formen, zu bilden. Verschlossen und unbekannt ist sie ihnen, ein edles (Äz, das tief verborgen ruht und sich erst langsam ans den Schlacken loslöst. Glücklich das Kind, dessen Leiter mit kundiger Hand es fiihren und die edlen Schätze ans Licht zu bringen vermögen, die im geheimsten Innern ruhen. Die Hauptaufgabe der Erziehung ist, den ethisch-sittlichen Trieb des Menschen zu fördern, ihm stets neue Nahrung zuznführen, ihn vorzugsweise durch Einwirkung auf das Gemüth zu entwickeln und durch Ausbildung der Berstandesthätigkeit zu befestigen. Die Erziehung soll zur Tugend, Moralität und Glückseligkeit führen. Zuvörderst muß das Gemüth des Kindes gebildet werden. Es sollte ihm daher sehr früb der Begriff von Gon in's Herz gepflanzt werden, als dem Schöpfer aller Dinge, der den Menschen ein liebender Vater ist, aus dessen Hand alles Gute kommt. Sv lernt das Kind ihn lieben und verehren. Die Statur ist liier Die erste, vorzüglichste Helferin der Erzieher, durch sie wird es angeregt, ans sie lenkt es zuerst seine Aufmerksamkeit. Die Augen öffnen sich dem Lichte, die ungeschickten Händchen greisen nach den Sternen, dem Himmel, den Blumen, und wenn es fragt, wer das Alles gemacht hat, so wird ihm immer wieder und wieder die Antwort zntheil: Der liebe Gott. Zn diesem Gott lehrt man das Kind bereu. Tranmbeiangen hört es jene einfachen Worte von geliebten Livven. 'Aach und nach beginnt es sie nachzulallen, bis es sich dieselben eingevrägl. Ein Kindergebet — wie treu bleibt es im Gedächrniß, wie vir klingen diese Worte, einer süßen Melodie gleich, aus längst vergangenen sorglos glücklichen Tagen in unserer Seele wieder, wie wecken sie liebe, treue Erinuerungeu, wie lassen sie Bilder erstellen, die längst wir vergessen geglaubt, nnd sübren uns in das Para dies der Kindheit zurück. Nicht allein das Gebet genügt, um dem Kinde die echte Liebe zu Gott in's Herz zu legen, nicht die Erzählungen der heiligen Schrift, denen es gerne lauscht, führen ihm die ganze Größe und Erhabenheit des Allvaters vor Airgen. Es vermag das Alles noch nicht so recht mit seinem erwachenden Geiste zu erfassen. Das Kind verlangt Greifbares, es will nicht nur hören und sehen, es will miterleben. Deshalb ist es nvthwendig, daß das Heiligthnm Gottes, sein Tempel, in jedem Hause eine würdige Stätte findet, an der ihm mit aufrichtigem Herzen gedient wird. Wie Gott einzelne seiner Geschöpfe ausgezeichnet hat, so hat er auch einzelne Tage vor anderen bevorzugt. Er hat nach sechs 'Arbeitstagen einen Ruhetag gegeben. Er hat durch feine Propheten, durch die Lehrer des Volkes geboten, zu Anfang nnd Ende gewisser Zeitabschnitte Tage der Erholung und Freude einzuschalten. Die regelmäßige Wiederkehr derselben, die Beachtung der religiösen Pflichten an ihnen, führen die Menschen Gott näher und vereinigen sie inniger. Wie erhöht, vergeistigt und adelt sie diejenigen, die sich ganz und voll ihres Werthes bewußt sind. Tie engen Bande, die Eltern und Kinder einen, werden fester geknüpft und die Dankbarkeit gegen Gott erhält neue 'Nahrung. Frohsinn und Heiterkeit gesellen sich zu dem befriedigenden Bewußtsein, seine Pflichten erfüllt zu haben. In unseren Tagen, in denen das Leben so rastlos dahinflnthet nnd alle Menschen jäh mit in den wildranschenden Strom reißt, in dem der harte Kamps um's Dasein weder Ruhe noch Rast gönnt und immer vorwärts treibt, dem fernen Ziel entgegen, da hört man allmälig auf, sich der Feste zu freuen, die Tage der Ruhe zu genießen. Das Jagen nach Gold und Gut ist so mächtig, daß Niemand dieser Sehnsucht sein Herz verschließen kann, alle anderen Rücksichten werden außer Acht gelassen, alle anderen Bestrebungen in den Hintergrund gedrängt. 'Nur diese Ideen gewinnen Form und Gestaltung, ihnen jagt man nach, sie zu verwirklichen ist die Lebensaufgabe Aller. Gibt man den Kindern Alles nnd läßt sie jenes Eine entbehren, so hat man ihnen viel, ach, so viel geraubt. Das Leben, welches sie daheim führen, steht nicht im Einklang mit den Geboten Gottes. Sie hören von einem Sabbath. einem Feste reden, aber daheim geht Jedes tagaus, tagein seinen gewohnten Pflichten nach. Sie lernen nicht die Weihe eines Saboaths kennen, ihnen strahlen nicht am Eingang desselben die geweihten-Kerzen entgegen. Auf ihren Häuptern ruhen nicht segnend die Hände der Eltern in diesem feierlichen 'Augenblick. Sie hören nie nach einer Mahlzeit die Ihrigen Gott für seine Gaben danken. Sie kennen keinen Osterabend, der in all seiner Einfachheit nnd Größe so viel Schönes nnd Edles birgt, das Hüttenfest mit seinen Gebräuchen scheint ihnen ein Märchen. und sie lauschen verwundert den Erzählungen älterer Leute, die ihnen von den schönen Stunden sprechen, die sie in den selbstgebauten Hütten verlebten, zum 'Andenken an die Zeit, da Gott dem Volke so viel Gnade erwiesen. Wie Viele trauern noch heute um das zerstörte Heiligthum in Jerusalem, wie Viele ergreifen noch mächtig die tief em pfundenen Klagelieder, die bei Wiederkehr dieses Tages gesungen werden ' Wie Wenige leben noch diesen Erinnerungen, wie Wenige zeigen noch Interesse für die Vergangenheit unseres Volkes!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.