Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 210 Dr Vloch's WochrnfchrM Nr. 11 Brotherr nach Möglichkeit für das Wohl seiner Arbeiter Wo Lug und Trug gegenüber den Behörden, Unreiulichkeit, Grausamkeit und Hartherzigkeit gegenüber den Arbeitern constatirt wurden, war der Unternehmer kein Jude, sondern ein Arier, dessen christliche Nächstenliebe kein Hinderniß bildete, für die rücksichtsloseste Ausbeutung armer Frauen und Mädchen. Auch davon steht in der „Deutschen Zeitung" keine Silbe. Die große socialpolitische Mission dieses Blattes besteht einfach darin, die Juden zu verleumden und über jede Art arischer Corruption und Niedertracht den Mantel der christlichen Nächstenliebe zu breiten. Dieses schurkische Treiben nährt seinen Mann, es ist ein publicistischer Brigantaggio, bei welchem es ja leider, wie wir gezeigt haben, au hohen Lösegeldern nicht fehlt. Jedes Land hat eben seine Eigeuthümlichkeiten und es müssen nicht gerade die Abbruzzen sein, in deren Schluchten sich die Banditen verstecken. Die tapferen Germanen. Wenn der selige Klie noch lebte — die jüngste Versammlung der „Vertreter aller Wiener wehrhaften Verbindungen" wäre ein würdiger Vorwurf für seinen Stift! Man denke sich nur: Eine ganze Versammlung wehrhafter Ladislaus Bubusse! Der Anlaß zu dieser Zusammenkunft war selbstverständlich ein für die Größe und Entwicklung des deutschen Volksthums überaus wichtiger. Es handelte sich um die Frage, ob unsere arischen Teutv- und sonstigen Bolde mit jüdischen Studenten auf die Mensur treten können oder nicht. Die Sache ist nicht so humoristisch als sie aussieht. Seit Jahren hat sich in dem jüdisch-akademischen Vereine „Kadimah" eine Schaar gefürchteter Schläger herangebildet, welche fast auf jeder Mensur die „wehrhaften deutschen Jünglinge" blutig abführte. Hier konnte man sich nicht mit der billigen Phrase von semitischer Schlauheit und jüdischer Feigheit helfen. Hier stand körperliche Kraft gegen körperliche Kraft und der semitische Arm erwies sich als der stärkere. Mau begreift es, daß unsere hoffnungsvollen arischen Jünglinge davon auf das Aeußerste empört waren. Mochte immerhin der jüdische Student begabter, fleißiger, geistig regsamer und strebsamer sein, als der arische — das bestätigte nur die Thatsache, daß die Racen-Eigenthümlichkeiten der Juden dem arischen und speciell dem „dentschvolklichen" Wesen feindlich gegenüberstehen. Aber daß sich der Jude auch tapferer und kräftiger schlug als der Arier, das war der Gipfelpunkt jüdischer Anmaßung, das war ein frevelhafter Eingriff in die tausendjährige, ureigenste Domäne des christlich-germanischen Volksthums, und diesem Beginnen mußte rasch und energisch entgegengetreten werden. Und so wurde denn in jener Versammlung der wehrhaften arischen Jünglinge der folgende Antrag eingebracht: „In vollster Würdigung der Thatsachen, daß zwischen Ariern und Juden ein tiefer moralischer und physischer Unterschied besteht und daß durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart schon so viel gelitten, und in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, faßt die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: Dem Juden auf keine Waffen mehr G e n u g t h u u n g zu g e b e n, da er deren unwürdig und der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist." Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird den ganzen Jammer, in welchem sich derzeit die schlagenden arischen Verbindungen befinden, ermessen. Nicht nur ein moralischer, sondern auch „ein tiefer physischer Unterschied" wird zwischen Ariern und Juden constatirt, und herzbewegend ist die Klage, daß „durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart schon so viel gelitten hat". Die Ueberlegen- .heit der anmaßenden Semiten ist aber auch auf dem Mensnrboden zu Tage getreten. Wir lassen es dahingestellt, wie die wackeren arischen Jünglinge die Behauptung von den: „tiefen physischen Unterschiede" vor dem Forum der anatomischen Wissenschaft rechtfertigen wollen - ein wehrhafter arischer Ladislaus Bubus kümmert sich ja bekanntlich den Teufel um Vernunft und Wissenschaft! Aber daß jenes „jüdische Unwesen", welches in der „Kadimah" seine Pflege findet, der „arischen Eigenart" .mit scharfer Klinge zu Leibe gegangen und ihr schon gewaltige Schmisse beigebracht hat, das stimmt! Und um der Gefahr weiterer solcher Schmisse zu entrinnen, erklären die arischen Ladislaus Bubusse die jüdischen Studenten für ehr- und charakterlos, für unwürdig und der Ehre nach deutschem Begriffe bar, und weigern sich, ihnen weiterhin noch auf Waffen Genugthuung zu geben. Sie werden damit freilich den beabsichtigten Effect nicht erreichen, denn nicht nur zum Schlagen, sondern auch zum Nichtschlageu gehören Zwei! Wir erinnern uns noch sehr wohl einer großartigen Scene welche vor etwa zwanzig Jahren auf dem alten Universitätsplatz sich abgespielt hat. Damals hatten die Burschenschaft „Silesia" und die Landsmannschaft „Bruna" einander in „Verschiß" erklärt. Die „Silesen" erschienen am samstägigen Bummel mit Reitpeitschen, wohingegen die „Brunen" sich mit Huudspeitschen bewaffnet hatten, und nun bläuten sich die edlen arischen Heldenjünglinge — denn es war kein einziger Jude darunter — gegenseitig das niederschmetternde Bewußtsein ein, daß sie unwürdig seien, mit ehrlichen Waffen Satisfactiou zu geben. Die Hundspeitsche ist ein arisches Requisit, aber unter Umständen versteht sie auch ein Semite sehr empfindlich zu gebrauchen. Und es wird sich ja zeigen, in welchem Maße die „arische Eigenart" bei einem solchen Falle Stand halten wird. Aber es sei uns gestattet, die Geschichte aus dem Studentischen ins Philisterhafte zu übertragen. Die arischen Sauf- und Raufbrüder unserer Wiener alma mater erklären sämmtliche jüdische Studenten für ehr- und charakterlos. Die Ehrlosigkeit des jüdischen Studenten besteht darin, daß er fleißig studirt und sich zu einem tüchtigen Gliede der bürgerlichen Gesellschaft heranzubilden sucht; seine Charakterlosigkeit liegt darin, daß er durch seine Kenntnisse dem arischen Teutobold überlegen wird und daß dieser durch seine Unwissenheit und Brutalität behindert wird, mit dem jüdischen Studenten die Concurrenz anfzunehmen. Im studentischen Leben bilden sich da dieselben Begriffe wie im bürgerlichen, wo ja der Jude auch als unbequemer Cvncurrent, als Ausbeuter des christlichen Volkes gilt. Man kann nun allerdings solche Begriffe einem ungebildeten und politisch unreifen Handwerker verzeihen, bei der stndirenden Jugend sind sie unverzeihlich! Wie? Aus einem solchen erbärmlichen Gesindel, aus so felgen, rohen und trägen Wichten sollen sich unsere künftigen Richter, Verwaltungsbeamten und Lehrer recrittireu? Die ladislausbübische Anschauung, daß der Jude keine Ehre besitzt, soll mit hinübergenommen werden in's praktische Leben? Nach dieser Anschauung soll Recht gesprochen, sollen die öffentlichen Angelegenheiten verwaltet, soll die nachwachsende Generation unterrichtet werden? Uns kann» recht sein, wenn der Staat nichts dagegen hat! Aber dann wundere man sich nicht, wenn die Wiener Universität mehr und mehr ihren hohen, wissenschaftlichen Ruf einbüßt, wenn Oesterreich wieder, wie zur Zeit Metternich's, abgesperrt wird von dem Geistesleben aller anderen Culturnationen und wenn schließlich in unserem Staatsleben Erscheinungen so bedrohlicher Natur zu Tage treten, wie die offene Auflehnung der Beamtenschaft gegen die Krone, die Regierung und das Gesetz!