Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 206 Dr. Vloch's Wochrnschrist. Dinges wartete. Die Ursache dieser Vorstellung von der Seele war wahrscheinlich in der bildlichen Darstellung der Geister in den illustrirten Zeitungen zu suchen, welche ihr, ältester Bruder Benjamin manchmal heimbrachte. Dos einsame Lesen erzeugte in Esther auch von körperlichen Dingen seltsame, schattenhafte Begriffe. Sie kam oft an Theatern vorüber, aber diese Kunststatten waren für sie eine Art Babel, in dem Schauspielerund Zuschauer ohne Unterschied vermengt waren; unter der „Abend- Toilette" der reichen Leute, von denen sie las, stellte sie sich — Nachtkleider vor und träumte davon, einst in einem solchen in's Theater gehen zu können. Von Moses Ansell, der in's Grab stieg, ohne auch nur einen Circus gesehen zu haben, und abgesehen von den Polizeinachrichten, seinem Misrach und dem Schmuck der Synagoge für Kunst nicht das geringste Interesse hatte, war eine Berichtigung dieser bizarren Anschauungen wohl nicht zu erwarten. Es that Esther manchmal leid, daß ihr kluger Bruder Benjamin vom Waisenhause verschlungen worden war, denn mit ihm hätte sie vielleicht manchen verwickelten Knoten lösen können. Salomon war leichtfertig und incompetent. Trotz dieser theoretischen Freidenkerei war sie jedoch in der Praxis auf das Gewissenhafteste fromm und konnte es gar nicht begreifen, daß cs verderbte Leute gebe, wie sie manchmal erzählen hörte. Ja, es gab Juden — erwachsene Leute, keine Irrsinnigen — die am Sabbath Zündhölzchen anrieben, Hausfrauen, die gedankenlos Butter- und Fleischteller mit einander vermengten, selbst wenn sie nicht wirk ich Butter zu Fleisch aßen. Esther gelobte sich, nie etwas so Schreckliches zu thun, wenn sie groß sein würde, stets die Sabbathlichter anzuzünden und das Fleisch „koscher zu machen". Nie hatte es ein pflichtgetreueres, für die Tugend Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung empfänglicheres Kind gegeben. Als sie sieben Jahre alt war, fastete sie am großen Fasttage bis um zwei Uhr und mit neun Jahren bis Abend. Wenn sie in einem Prämien-Büchlein eine einfache kleine Geschichte las, die jene ungekünstelte Moral lehrte, über welche die Cyniker spotten, so füllten sich ihre Augen mit Thränen und ihr Herz mit selbstlosen Entschlüssen. Sie hatte etwas von einem Stoiker an sich, dazu jenen geistigen Stolz, der bei anderen nicht die gleiche Güte voraussetzt. Esther ging oft in die Synagoge, wo sie in der Frauen-Abtheilung saß; das Gemurmel der „Söhne des Bundes" gehörte zu ihrem „zu Hause", wie der muffige Geruch der Treppen, wie Becky's Verehrer, durch die sie sich einen Weg bahnen mußte, wenn sie Milch holen ging, wie der Duft von Herrn Kosminski's Rum oder das Surren seiner Maschinen, wie die gebeugte Gestalt des hebräischen Gelehrten in der Dachstube nebenan, oder die Furcht vor dem Hunde der „Holländer-Debby", der sich zuletzt in Freundschaft verwandelte. Esther führte ein Doppelleben, wie sie zwei Sprachen redete. Das Bewußtsein, daß sie ein Judenkind war, dessen Volk eine besondere Geschichte besaß, verließ sie nie gänzlich; manchmal wurde es durch die Spottweise der Christenkinder, daß sie ein Stück Schweinefleisch auf einer Gabel gespießt und einem ihrer Stammesbrüder gegeben hätten, ganz in den Vordergrund gedrängt. Weit lebhafter aber war sie sich bewußt, daß sie eine Engländerin war, weit größer als ihr Stolz auf Judas Maccabäus war ihr Stolz auf Nelson und Wellington; sie freute sich, daß ihre „Ahnen" stets die Franzosen geschlagen hotten, von Creffy und Poitiers an bis zu Waterloo, daß Alfred der Große der weiseste aller Könige war, daß die Engländer die Welt beherrschten und in allen Winkeln derselben Colonien angelegt halten, daß die englische Sprache die edelste der Welt war und diejenigen, die sie sprechen, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Alles erfunden hätten, was des Erfiudens werth war. Diese Ideen sog Esther aus den Schulbüchern. Die Erfahrung eines Monats kann die Erbschaft von Jahrhunderten ersticken. Und doch, trotz Allem bleibt die präparirte Platte für die alten Eindrücke am meisten empfänglich. (Fortsetzung folgt.) Literatur Lester Ury s Jerusalem. Besprochen von Theodor Zlocisti. Es sind nur wenige Decennien verstrichen, seitdem das Ghetto mit seinem eigenartigen Zauber der Kunst erschlossen wurde. Aber die wenigen Jahre haben genügt, Nr. 10 eine recht stattliche Reihe von dichterischen Producten zu fördern, die selbst in der tendenziös entstellten Gestaltung der Dichtungen Franzos' einen Blick in eine unendliche feine, subtil-poetische Welt gestatteten. Aber während die Dichtkunst immer neue Schönheiten und Reize des Ghettos enthüllte — man verfolge nur die Reihe der Ghettoliteratur von Heine, Auerbach bis auf E. Orzeszko und Zangwill — so scheint für die darstellende Kunst jene weltferne Welt noch eine ierr& incognita zu sein. In der Plastik sind meines Wissens Ghettogestalten nicht festgehalten; Meister, die selbst in den düsteren Judenvierteln ihre Jugend verlebten, wie Antokolsky liub Bernslamm, haben zwar berühmte Männer in Stein gehauen und Christusstatnen geschaffen, aber an den ethnologisch so interessanten Juden des Ostens sind sie fremd vorüb er gegangen. Einige wenige Gemälde haben die tiefgründige Poesie der menschgewordenen Elegie auszuschöpfen versucht. Man denke an die prächtigen Arbeiten Schereschewsky's, an Kaufmann Epstein, an die stimmungsvolle Studie Leon Hirzenberg's-Lodz, an das aufsehenerregende Gemälde Gottlieb's: Betende Juden, mit dem kranken Meister im Vordergründe. Aber was bedeuten diese wenigen Darstellungen gegenüber der unendlichen Fülle von Motiven, die sich selbst für dem flüchtigen Beobachter aufdräugen. Die Zahl der Ghettogemälde ist heuer wieder durch ein Cvlossalbild vergrößert, welche umsomehr die Aufmerksamkeit der gesummten Kunstkritik und des gebildeten Publicnms erregt hat, als ein Meister von der Bedeutung Leßer Ury's sein bedeutendes Können den Judengestalten des Ostens gewidmet hat. Leßer Ury ist einer der Hauptvertreter der modernen Kunstrichtung, die Liebermann, Uh de, Skarbina und Max Klinger zur Anerkennung gebracht. In diesem Gemälde scheinen alle die Vorzüge zu dieser modernen Schule bis zur größtmöglichen Vollendung gesteigert. Die wnnderfeinen Halbtöne, die die Einsamstimmung der schweigenden Natur erzeugen, die natürliche Composition des ganzen Werkes, die im Gegensätze zu Bendemann's Kunst, die Lyrik des Kunstwerkes erhöhen, das grandiose Zusammenstimmen von Landschaft und den wogenden Gefühlen der dargestellten Personen. Wir sehen eine Schaar armer, vertriebener Ju^en ans ihrer unsteten Wanderung in eine neue Heimat. Sie sind ans Meer gekommen, auf dem die Schatten des verstorbenen Tages ruhen. Hoch oben an dem steil anklimmcnden Ufer steht eine Bank, wo sie Rast gemacht haben. Da steht der Alte mit dem charakteristisch-schönen Antlitz, die Hände zum Gebete gefaltet, fest gefaltet, aber aus den Augen leuchtet die Hoffnung auf die Erfüllung seines Flehens. Neben ihn: sein Sohn. Kraft und trotzigen Muth drückt die Gestalt aus — ein Nachkomme der kampfesfreudigen, hoffnungstrahlenden Makkabäerschaar in der elastisch-jugendlichen Haltung. Und zwischen diesen Männern zur Linken und Rechten Gestalten — alle in kunstvoller Weise differenzirt in ihrem verschiedenen oft egoistischen Sehnen und Hoffen. Und dann die Frauen — ein Bild rührender Innigkeit, eine wunderbare Elegie. Sie sind gebrochen von Leid, erstarrt vom Schmerze. Wie draußen die Nacht webt und die Dämmer sich um die düsteren Pinien lagern, so lagert die Verzweiflung auf ihren Antlitzen, so ist für sie die Sonne des Glückes geschwunden. Thränenbar steht die Mutter da in dem unendlichen Jammer, den sie hat tragen müssen. Ein junges Weib — die Gattin jenes heldenmütigen Jünglings — neigt ihr thränenumflossenes Gesicht im Kusse zu ihrem blondlockigen Kind, das nicht ahnt von all dem Leide, deß kindlichen Gemüth in die Natur hinauslacht — die Zukunft, die fröhliche Zukunft. Das Gemälde ist symbolisch. Darauf deutet schon fein Name hin. Aber was soll das Jerusalem? Die Kritiker haben alle aus den Gestalten und dem fröhlich lächelnden! Knaben „die neue Zeit, das neue Leben fern von den düsteren j Pinien des verlorenen Jerusalems" herausorakelt. Der ver-! standlose, absolut unfähige „Kunstkritiker" der Berliner Tage-