Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Vloch's Wochenschrift. gemeint, wirklich nicht, mein Kind! Wenn ich Dir die Wahrheit sagen soll," schloß er Plötzlich mit einem himmlisch-freimüthigen Lächeln, „so war die Person, die ich während des Sprechens hauptsächlich im Auge halte, Deine Mutter." Diesmal begegneten sich ihre Blicke und sie mußten über den Humor der Situation lächeln. Im Corridor ertönte das bösartige Poltern des Besens der Rebbezin. Hanna beugte sich herab und küßte die hohe Stirne unter dem schwarzen Käppchen. „Herr Levine schreibt, daß ich unbedingt mit ihm und Lea auf dem Purimball gehen muß," sagte sie, in den Brief blickend. „Eine Frau muß ihrem Manne gehorchen," antwortete der Rabbi. „Nein, ich werde ihn so behandeln, als wäre er wirklich mein Mann," entgegnete Hanna. „Ich werde lhun, was ich will. Ich gehe nicht auf den Ball." Da that sich plötzlich die Thüre auf. „O ja, Du wirst gehen," sagte die Rebbezin. „Du wirst Dich nicht lebendig begraben." Achtes Capitel. Esther und ihre Kinder. Esther Ansell bewillkommte Levi Jacobs nicht sehr warm. Sie hatte eben das Frühstücksgeschirr hintreggeräumt und freute sich, nun ein.n ganzen Tag lesen zu können. Das Erscheinen des Gastes war ihr daher nicht sonderlich angenehm. Und doch war Levi Jacobs ein hübscher Knabe mit braunem Haar und braunen Augen, einer dunklen, feurigen Hautfarbe und rothen Lippen — eine verkleinerte männliche Ausgabe von Hanna. „Da bin ich also, Salomon," sagteer, als er in's Zimmer trat. „Huh, wohnt Jbr aber hoch." „Ich dachte, Du mußt zur Schule," rief Salomon erstaunt. „Bei uns gibt es kein Muß," Prahlte Levi. „Warum stellst Du mich nicht Deiner Schwester vor?" „So was, Du kennst doch Esther gut genug," antwortete Salomon und begann zu pfeifen. „Wie geht's, Esther?" fragte Levi unbeholfen. „Gut, danke," sagte Esther, von einem kleinen, braun eingebundenen Buch aufschauend und dann wieder hinein, sehend. Sie kauerte auf dem Ofengatter, um sich an dem kleinen Feuer, das Reb Schemuel's halbe Krone ermöglicht hatte, ein wenig zu erwärmen. Es war ein grauer Decembertag, das Zimmer sah trübe aus, und ein Strahl der Flammen spielte über ihr blaßes, ernstes Gesicht. Es war ein Gesicht, dem nie, auch wenn es noch so blaß war, eine gewiffe feurige Farbe fehlte. Das Haar war dicht und dunkel, die Augen waren groß und gedankenvoll, die Nase leicht gebogen, die Stirne ziemlich niedrig und die ganze Form der Züge verrieth die polnische Abkunft. Esther besaß hübsche Zähne, die durch Zufall weiß geblieben waren. Das Gesicht wurde mehr auffallend als schön, obwohl ganz reizend, wenn sie lächelte. Ohne die Reinheit und Anmuth der Kindheit, welche auf dem Gesichtchen ruhten, wäre leichter zu entscheiden gewesen, ob es wirklich hübsch war oder nicht. An Sabbathen und Feiertagen, wenn die Schulaufsicht fehlte und das Haar frei über die Schultern fallen durfte, statt in den baumelnden Zopf gezwängt zu werden, der dem Lehrerauge so lieb ist, konnte man sie eher hübsch nennen. Esther hätte sich durch Abschneiden ihrer Zöpfe leicht einen Groschen verdienen können, denn ihre Lehrerin belohnte derart Alle, die mit kurzgeschnittenem Haar wie ein Junge umhergingen; aber in den ärgsten Hungerszeiten hielt Esther auf ihr Haar, so wie es die Mutter vor ihr gethan. Sie war für ein Mädchen von zwölf Jahren nicht groß, aber manche Mädchen schießen plötzlich in die Höhe, und zum Hoffen war noch Zeit genug. Sarah und Isaak sprangen lärmend über und unter die Betten, Rachel strickte für Salomon ein Halstuch, und die Großmutter grübelte über einem mächtigen, im Jargon ge schriebenen Handbuch für fromme Frauen. Moses war auf der Suche nach Arbeit. Niemand schenkte dem Gast Beachtung. „Was liest Du da?" fragte er Esther höflich. „Oh nichts!" antwortete sie zusammenfahrend und klappte das Buch zu, als fürchte sie, er könne millesen wollen. „Ich versiehe nicht, wie man außer der Schule lesen kann, sagte Levi. Seite 205 „Wir lesen ja keine Schulbücher," vertheidigte sich Salomon. „Ich mag's nicht, mir wär's zu dumm." „Dann wirst Du also nie etwas lesen, wenn Du groß bist?" fragte Esther verächtlich. „Natürlich nicht! Was hätte man denn vom Großsein?" gestand Levi zu. „Wenn ich einmal aus der Schule bin, mache ich kein Buch mehr auf." „So? Vielleicht machst Du ein Geschäft auf?" meinte Salomon. „Was wirst Du thun, wenn es regnet?" fragte Esther sarkastisch. „Rauchen," gab Levi von obenher zurück. „Aber wenn es gerade Schabbes ist?" fiel Esther rasch ein. Levi war in die Enge getrieben. „Nun, den ganzen Tag kann es doch nicht regnen und das Jahr hat blos zweiundfünfzig Sabbathe," sagte er. „Ein Mann kann immer etwas thun." „Ich finde am Lesen mehr Vergnügen, als an allem Uebrigen," bemerkte Esther. „Ja, Du bist ein Mädchen, und die müssen zu Hause bleiben," antwortete Levi. „Meine Schwester Hanna liest auch fortwährend. Aber ein Mann kann ausgehen und thun, was er will. Nicht wahr, Salomon." „Ja freilich, wir haben es besser." sagte dieser. „Das sieht man schon aus dem Gebetbuch. Sage ich nicht jeden Morgen: „Gelobt seist Du, Herr unser Gott, daß Du mich nicht zum Weibe gemacht hast?" „Ich weiß nicht, ob Du das sagst. Du solltest es sagen," sprach Esther verächtlich. „Sch!" machte Salomon auf die Großmutter deutend. „Es thut nichts," meinte Esther ruhig. Sie veisteht's nicht." „Wer weiß?" meinte Salomon zweifelnd. „Vielleicht besser als Du glaubst." Isaak schlich sich hinter Levi, zog ihn beim Rock und watschelte mit einem vergnügten Aufkreischen wieder fort. „Sei still, Jsy!" rief Esther. „Wenn Du Dich nicht artiger benimmst, werd' ich nicht in Deinem neuen Bett schlafen." „O ja, Esty, Du mußt schlafen," stammelte Jsy, und sein Zwerggesichtchen nahm einen ernsten Ausdruck an. Ein paar Secunden ging er ganz niedergeschlagen umher. „Kleine Kinder sind eine große Last, nicht wahr. Esther?" bemerkte Levi. „Oh, nicht immer!" antwortete die Kleine. „Uebrigens wir waren alle einmal kleine Kinder." „Das ist eben das Dumme," sagte Levi. „Wir müßten gleich als Große auf die Welt kommen." „Das ist ja nicht möglich," fiel Rachel ein. „Das ist gar nicht so unmöglich," meinte Esther. „Denk' nur an Adam und Eva!" Levi sah Esther dankbar an. Er fühlte sich zu ihr hingezogen und hätte sie gern überredet, „Im Ring-Küssen" zu spielen. Er sah jedoch ein, daß es schwer war, sein Versprechen, mit Salomon Versteck zu spielen, rückgängig zu machen, und mußte Esther bei ihrem Buch lassen. Sie besaß wenig Aehnlichkeit mit Salomon, vor Allem fehlte ihr sein Humor und seine Lebhaftigkeit. Selbst ehe die Verantwortlichkeit der Hausmutter auf ihre jungen Schultern fiel, war sie ein unnatürlich ernstes kleines Mädchen, das sich die seltsamsten Begriffe zurechtlegte und ihr Heil als Metaphysikerin finden mußte. Als sie ihre Mutter fragte, wer Gott geschaffen habe, zeigte ihr eine Ohrfeige die Grenzen menschlichen Forschens. Der natürliche Kinderinstinct überholte das lange Bemühen der Race, sich eine abstracte Gottheit zurechtzulegen, und Esther stellte sich Gott als eine , Riesenwolke vor. In der ersten Zeit bildete sie sich ein, daß der „Leib", der begraben wurde, nur der kopflose Rumps war, und grübelte oft darüber, was wohl mit dem Kopf geschehe. Als ihre Mutter in die Todtenkleider gehüllt ward, hockte Esther mit wahrer Wissensgier daneben, während die anderen Kinder nur an das Begräbniß dachten und stolz waren, daß ein Wagen direct vor ihrer Thür vorfuhr. Esther war auch sehr enttäuscht, weil sie die Seele ihrer Mutter nicht zum Himmel ausfliegen sah, obwohl sie am Bette der Tobten gespannt aus das Aussteigen des langen, gelben, hakenförmigen