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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 204 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 10 tiefgefühlten Bedürfnisse der Gemeinde abhelsen. Alle die hiesigen Spitäler — Rothschild-Spital, Bikkour-Cholim und Misgab- Ladach — haben zusammen nur für hundert Betten Platz und diese sind lange nicht ausreichend für die Kranken unter den 28.000 in Jerusalem lebenden Juden, umsomehr als die Anzahl der Schwachen und Kranken hier bedeutend größer ist, als in irgend einer anderen Gemeinde. Dies ist nur eine Folge der unbeschreiblichen Armuth und des oft hier herrschenden Fiebers. Das neue Spital wird unter der Leitung des tüchtigen und bewährten Dr. Wallach aus Köln stehen. Feuilleton. Rinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Da und dort herrschte vielleicht ein gewisses Dunkel und bedurfte es einer Erweiterung oder Erklärung für geringere Geister — auf Reb Schemuel's eigenem Pult lag ein halbvollendetes Manuscript, ein Commentar zu einem der Supercommentare, der den Titel „Der Liliengarten" tragen sollte — aber sie waren doch die einzig richtige Encyklopädie alles Irdischen und Himmlischen. In der Thal, es waren wunderbare Bücher. Es ließ sich ebenso schwer sagen, was nicht darin stand, als was darin stand. Durch sie fühlte sich der alte Rabbi mit seinem Gotte in Verbindung, den er von ganzer Seele liebte und für einen gütigen Vater hielt, der zärtlich über seine unartigen Kinder wacht und sie nur straft, weil er sie liebt. Generationen von Heiligen und Gelehrten verknüpften Reb Schemuel mit den Wundern des Sinai. Das endlose Netz des Ceremoniengesetzes bedrückte ihn nie, er freute sich, ihm dienen zu können, und gleich jenem Könige, der Demjenigen, der ein neues Vergnügen erfand, eine Belohnung versprach, war er bereit, den Weisen zu umarmen, der ein neues Gebot herauszulesen vermochte. Er stand täglich um vier Uhr auf, um zu studiren, und verwendete jeden freien Augenblick darauf. Rabbi Meir schrieb: „Wer sich mit der Thora beschäftigt um ihrer selbst willen, dem ist die ganze Welt zu Dank verpflichtet; er wird Freund, Geliebter genannt. Einer, der den Allgegenwärtigen liebt, Einer, der die Menschbeil liebt: es kleidet ihn mit Sanftmuth und Ehrfurcht, es macht ihn gerecht, fromm, redlich und treu; er wird bescheiden, ausdauernd und nachsichtig gegen Beleidigungen." ... Reb Schemuel wäre entsetzt gewesen, wenn Jemand diese Worte auf ihn angewendet hätte. Gegen elf Uhr trat Hanna mit einem offenen Briefe in der Hand in's Zimmer. „Vater, ich habe soeben einen Brief von Herrn Levine bekommen." sagte sie. „Von Deinem Gatten?" fragte er lächelnd aufblickend. „Ja, meinem Gatten," antwortete sie mit einem schwächeren Lächeln. „Was schreibt er?" „Nichts Besonderes, blos daß er Sonntag in acht Tagen zurückkommen wird, damit Du uns scheidest." „Schön! Sag' ihm, daß ich ihm nichts dafür anrechnen werde," erwiderte er mit jenem fremdländischen Accent, der ihn seiner Tochter, wenn er Englisch sprach, noch liebenswerther erscheinen ließ. „Das setzt er voraus," antwortete Hanna: „Väter pflegen ihren eigenen Kindern solche Dienste gewöhnlich unentgeltlich zu leisten." „Ja. ich würde Dich mit Vergnügen trauen, aber scheiden ist etwas Anderes," sagte Reb Schemuel. „Ich werde nicht einmal die Mitgift zurückbekommen." „Glaubst Du wirklich, daß ich Sam Levine's Frau bin?" „Wie oft soll ich Dir das sagen?! Manche legen Gewicht auf die Absicht, aber an dem Buchstaben des Gesetzes läßt sich nicht rütteln. Das Sicherste ist eine formelle Scheidung." „Wenn er also stirbt ..." „Chaß wescholaum!" *) unterbrach sie der Rabbi entsetzt. „Wäre ich seine Witwe?" „Ja, das wärest Du. Aber was für Narrischkeiten sind das! Warum soll er sterben? Du bist ja nicht mit ihm verheiratet," sagte der Rabbi mit schelmischem Blinzeln. „Aber ist das Ganze nicht lächerlich, Vater?" „Sprich nicht so," mahnte Reb Schemuel, wieder ernst werdend. „Ist es lächerlich, wenn man sich verbrennt, weil man mit dem Feuer gespielt hat?" Hanna gab auf diese Frage keine Antwort. „Du hast mir noch niAt erzählt, wie es Dir in Manchester ergangen ist," lenkte sie ab. „Hast Du den Streit geschlichtet?" „Ja, aber es ging recht schwer. Beide Theile waren sehr aufgebracht, und wie es scheint, rührt der Streit noch vom Jom Kippur her, als der Reverend sich weigerte, drei Minuten früher Schofar blasen zu lassen, wie der Vorsteher verlangte. Der Schatzmeister war auf Seiten des Reverends und so entstand beinahe eine Spaltung." „Der Klang der Neujahrstrowpete scheint oft ein Kriegssignal zu sein," meinte Hanna sarkastisch. „Leider," gab der Rabbi traurig zu. „Und wie hast Du den Streit beigelegt?" „Ich spottete beide Theile aus. Gegen Vernnnftgründe wären sie taub gewesen, und deshalb erzählte ich ihnen einen Midrasch über Jacobs Reise zu Laban." „Erzähle ihn mir auch, Vater'" „Ach, es ist nur eine Erweiterung der biblischen Erzählung. In Bereschith steht, daß „Jacob an dem Orte anlangte und dort übernachtete, weil die Sonne untergegangen war; er nahm die Steine und benutzte sie als Kissen". Aber weiterhin heißt es, daß er am Morgen aufstand und den Stein nahm, den er als Kissen benutzt hatte. Wie erklärt sich das?" Reb Schemuel verfiel sofort in einen singenden Ton. „In der Nacht stritten sich die Steine um die Ehre, dem Haupte des Patriarchen als Unterlage zu dienen, und so wurden sie durch ein Wunder in einen Stein verwandelt, damit Alle zufrieden seien. Du erinnerst Dich, als Jacob sich am Morgen erhob, sagte er: Wie furchtbar ist dieser Ort! Das ist nichts Anderes, als ein Haus Gottes! Ich sprach also zu den Streitenden: „Warum sagte Jacob das? Er sagte es, weil seine Ruhe von den streitenden Steinen so gestört worden war, daß er an das Haus Gottes, an die Synagoge erinnert wurde." Ich erklärte ihnen, daß es besser wäre, mit dem Streiten anfzuhören und ein Stein zu werden. So stiftete ich wieder Frieden in der Kehille." „Bis nächstes Jahr," sagte Hanna lachend. „Aber, Vater, ich wundere mich oft, daß das Widderhorn erlaubt ist. Ich war der Meinung, daß alle Instrumente im Gotteshause verboten sind." „Es klingt auch nicht wie ein Musikinstrument," scherzte der Rabbi ausweichend. In der That taugten die Trompetenbläser nie etwas und störten die Feierlichkeit großer Momente durch asthmatisches Schnaufen und schwaches Gedudel." „Aber wenn wir geschickte Trompeten hätten?" beharrte Hanna lächelnd. „Wenn Du wirklich eine Erklärung haben willst, so höre: Seit der Zerstörung des zweiten Tempels haben wir aus! unserem Cultus alle Instrumente entfernt, welche zum alten Tempelcultus gehörten, besonders solche, die in andere Bekenntnisse übernommen wurden. Aber das Widderhorn ist eine ältere Institution als der Tempel und wird in der Bibel besonders betont." „Aber eine Orgel ist doch etwas Erhebendes!" Statt der Antwort kniff sie der Rabbi in's Ohrläppchen „Du bist ein schrecklicher Apikores!" sagte er halb ernsthaft. „Wenn Du Gott liebst, bedarfst Du keiner Orgel, um Deine Gedanken zum Himmel zu erheben." Er ließ ihr Ohr los und ergriff seine Feder, indem er salbungsvoll eine Synagogenmelodie vor sich hinsummte, die mit einem fröhlichen Tusch endete. Hanna näherte sich der Thür, blieb aber stehen. „Vater," sagte sie leicht errötbend, „wer ist das, den Du, wie Du sagst, für mich im Auge hast?" „Ach, ich meinte keine bestimmte Person," antwortete der Rabbi und wich verlegen ihrem Blick aus. „Aber Jemanden wirst Du doch damit gemeint haben," sprach sie ernst. „Du weißt, ich lasse mich nicht verheiraten — anderen Leuten zuliebe." Der Rabbi rückte unruhig auf seinem Sessel umher. „Es war nur ein Gedanke, eine Idee. Wenn er Dir nicht auch paßt, wird ja nichts daraus. Ich habe es nicht ernst *) Gott behüte.

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