Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 198 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 10 Der dritte, ich möchte sagen, der Schwerpunkt der Haman'schen Beschuldigung lautet: „die königlichen Landesgesetze befolgen sie nicht!" Auch heute klagen uns die neuzeitlichen Hamans an, wir wären nicht patriotisch. Wir wissen, dem ist nicht so! Wir brauchen blos das Buch des Propheten Jeremia auszuschlagen, wo es geschrieben steht: „Fördert das Wohl und Heil der Stadt, wohin ich Euch verbanne". Wir brauchen ferner blos den vielgelästerten, aber wenig gekannten Talmud aufzuschlagen, wo es heißt: „Das Landeszesetz gilt als höchstes Gesetz". Trotzdem schleudert man uns das herbe Wort in's Gesicht, wir wären nicht vaterländisch gesinnt! Wohlan denn! Sprechen wir es mit berechtigtem Stolze aus: Das Judenthum als solches ist — in edelstem Sinne des Wortes — international. Es verkündet,: Alle Menschen sind Brüder. Seine Propheten stellen den Völkerfrieden, wo jeder Krieg aufhören wird und alle Volksstämme friedlich neben- und miteinander leben werden, als hohes, sittliches Ideal hin. Ist die Humanität — ihrer innersten Natur nach — international, so ist das Judenthum, besten Krone und Kern die reinste Menschenliebe^ist, ebenfalls internalional. Erfahrungsgemäß hindert dies die Judenheit nicht im Geringsten, all' ihre Kräfte, ja ihr Herzblut auf dem Altäre der Vaterlandsliebe als Dankopfer darzubringen. Wahrlich, auf allen Schlachtfeldern, wo vaterländische Interessen vertheidigt wurden, haben Juden mitgekämpft und mitgeblutet. Sie haben ihr Anrecht auf die Scholle durch ihren Gehorsam gegen Staat und Obrigkeit, durch die Thränen ihrer Mütter, durch die Arbeit ihrer Väter und durch das Blut ihrer Söhne erworben! Haman schloß seine Anklagen damit: „Es bringe dem Könige keinen Vortheil, sie zu dulden." Dasselbe Verlangen stellen auch die heutigen Antisemiten, auch sie wollen uns des Landes verweisen lassen und auch sie versprechen sich durch die Vertreibung der Juden ungeheure Vortheile für König und Land. Nun denn, es lohnte wirklich der Mühe, den Antheil der Juden an der Culturarbeit der verschiedenen Staaten, ihren Antheil an der Förderung des Handels und des Gewerbes, der Kunst und Wissenschaft, der Wohlthätigkeit und allgemeiner Menschenliebe, ziffernmäßig zu beweisen. Euie solche Culturstatistik dürfte selbst unsere Gegner in gerechtes Staunen versetzen ob der Fülle jüdischer Intelligenz, geistiger Regsamkeit. des Talentes und der Leistungsfähigkeit. Schließt man uns doch von gewissen Berufszweigen nicht etwa deshalb aus, weil wir zu wenig leisten, sondern weil man befürchtet, wir würden zu viel leisten. Wird nicht schon hierdurch uns Juden das glänzendste Zeugniß für unsere Förderung der allgemeinen Wohlfahrt ausgestellt?! Nehmen wir an, der Wunsch der Antisemitenhäuptlinge ginge in Erfüllung und alle jüdischen Herzen hörten auf zu schlagen, alle jüdischen Köpfe zu denken, alle jüdischen Hände zu arbeiten, — das finanzielle, sittliche und geistige Deficit wäre so groß, daß für dessen Deckung alle antisemitischen Genies zusammen nicht zu sorgen vermöchten. Unsere große Lehrmeisterin, die Weltgeschichte, gibt uns auch hierin Bescheid und Recht. Schauen wir auf die iberische Halbinsel! Als dort noch Juden wohnten, also vor 400 Jahren, stand Spanien auf der Höhe seiner Blüthe und Macht. Seit der Vertreibung der Juden sank es von Stufe zu Stufe, so daß es heute fast entvölkert ist (40 Millionen könnten in Spanien bequem leben, und jetzt hat es blos 17 Millionen Einwohner) und am Rande des Abgrundes steht. Fürwahr, ginge es nach dem Wunsche unserer Feinde und würden die Lander — wie es im antisemitischen Jargon heißt — „judenrein" werden, so bewahrheitete sich gewiß das Wort: „Die Bedränger waren auf des Königs und Landes Schaden bedacht". Wie es Haman trotz seiner unwahren Beschuldigungen nicht gelang, uns zu vernichten, so wird es auch seinen zahlreichen Nachfolgern, mögen auch diese ihren Haß mit Unwahrheit verbinden, nicht gelingen, uns vom Schauplatze der Geschichte zu verdrängen. Gegen uns ist die Hamanität, für uns aber die — Humanit ät! Reichenberg. Dr. Emil Hofmann, Rabbiner. Vom Jahrmarkt des Lebens. Duell Badeni-Lueger. Dc. Lueger ist ein Schlaukopf. Ec täuscht sich selbst nicht, aber möchte Andere täuschen. Ec weiß ganz gut, daß nicht Gcaf Badeni es gewesen, dem er seine Nichtbestätigung zum Bürgermeister von Wien zu danken hat. Er weiß dies so genau, daß er niemals im Gespräche mit seinen Freunden daraus einHehl gemacht hat. Dr. Lueger ist nicht das Opfer einer anti-antisemitischen Strömung; auch das weiß er ganz genau. Aber der Schlaukops möchte doch um Alles in der Welt die Meinung verbreiten, es handle sich bei der Frage seiner Bestätigung oder Nicht-Bestätigung um ein Duell Badeni-Lueger. Was Dr. Lueger mit dieser falschen, ebenso plumpen als durchsichtigen Wahlparole erzielen will — sieht jeder. Aber ebenso klar und selbstverständlich scheint es, daß Dr. Lueger mit seinem Täuschungsversuche — nichts erreichen wird. Jeder Antisemit kann Bürgermeister von Wien werden, einen einzigen ausgenommen. Und dieser Einzige ist — Dr. Karl Lueger. Aber er fällt nicht im Duelle gegen den Gcafen Bad-ni. Wie gesagt, Lueger weiß das ganz genau. Antisemitische Revanche. Wir erhalten folgende Zuschrift: Der im II Bezirke Schöllerhof etablirte Kohlenhändler Feichtinger beschäftigt vier Hausknechte, die seine Kohle zumeist jüdischen Kunden zusühren. Als bekannt wurde, daß Feichtinger zwar das Geld der Juden schätze, aber bei der letzten Wahl ostentativ seine antisemitische Gesinnung betonte, blieben ihm einigejüdische Kunden aus. Herr Feichtinger hat in Folge dessen seinen Angestellten bei Androhung sofortiger Entlassung verboten, bei Juden auch nur das Geringste zu kaufen. ... Ec gestattet nur noch, daß seine Kohle an Juden verkauft wird. "Wie man's macht. Der „Timpul" berichtet über eine Blutbeschuldigung in Rumänien, die, wieder einmal auf's Feinste eingefädelt, eine kurze Zeit in Bukarest großes Aufsehen erregte. Lazar Scheineanu, Professor der Philologie an der Universität in Bukarest, ein gelehrter und allgemein geachteter Mann, wurde von seiner Dienerin Marie Kocsi beschuldigt, daß er ihr Blut abzapfen wollte. Obzwar nun der Gerichtsarzt an dem Körper der Dienerin keinerlei Spuren fand, die einen Beweis für das Gesagte geliefert hätten, wurde Professor Scheineanu dennoch vor Gericht citirt, wo er angab, daß sich die Kocsi ihm gegenüber frech benommen habe, weshalb er sie geschlagen und weggejagt habe. Die Kocsi leugnete, geschlagen worden zu sein. Doch gab sie an, daß sie sich vom Hause entfernt und zu ihrem gewesenen Herrn, auch einem Professor, begeben habe. Am selben Tage noch richtete sie an die Behörde die Klage gegen Professor Scheineanu. Befragt, womit derselbe ihr das Blut entziehen wollte, antwortete sie: Mit einer Maschine. Die Petition habe ihr Neffe geschrieben, ebenso die Berichte an die Blätter. d Und wer rieth Ihnen, die Klage gegen Herrn Professor Scheineanu einzubringen, lautete die weitere Frage, auch ihr Neffe? Nein, antwortete die Magd, das rieth mir mein gewesener Herr, Professor X. Tableau. Herr Professor Scheineanu hat aus Achtung vor der Wissenschaft darauf verzichtet, den Elenden gerichtlich zu verfolgen, der durch seine Niedertracht ja genügend gebrandmarkt ist. Verhaftung eines antisemitischen Zeitungs-Unternehmers. Der Herausgeber eines seit einiger Zeit hier erscheinenden antisemitischen Blattes, das den Titel „Jllustrirtes Christliches Extrablatt" führt, der ehemalige Friseur F. A. Umgeher, wurde am 3. März d. I., Morgens, wegen Cautionsschwindels verhaftet. Bisher haben sich zehn Personen gemeldet, welche Umgeher um 8000 fl. geschädigt hat, Die Verhaftung erfolgte auf Anzeige eines Schlossers, Namens Josef Distler, dem Umgeher noch am verflossenen Samstag 500 fl. als Cautionsbetrag herausgelockt hat. Bei der Verhaftung fand man keinen Kreuzer in Umgeher's Besitz. Das „Jllustrirte Christliche Extrablatt", welches, wie schon erwähnt, seit einigen Wochen hier erschien, brachte täglich auf der ersten Seite Porträts anti-