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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10 Dr. BIvrtz's WortzrnschrifL. Seite 197 Epilog zum Purimfrste. Die beiden Gefühle, welche am mächtigsten das menschliche Herz bewegen und durchdringen, bie Siebe und der H a ß sind nur in einem Punkte miteinander verwandt, nämlich darin, daß sie, wenn sie von der Leidenschaft geleitet werden, ein falsches Urtheil fällen. Im Uebrigen aber sind beide Gefühle grundverschieden. Die Liebe ist mild und weich; der Haß dagegen hart und roh. Die Liebe beschönigt, entschuldigt, vergibt; der Haß ist engherzig, unerbittlich, unversöhnlich. Die Liebe bildet den Gegenstand der mannigfachsten Betrachtungen und infolge dessen auch den unversiegbaren Quell der Begeisterung; der Haß ist nicht gestaltungsfähig, läßt uns kalt und macht uns stumpf. In zahllosen Liedern wurde bereits die Liebe von Dichtern aller Völker und aller Zeiten besungen, gepriesen und verherrlicht und dennoch konnte man ihr in jedem Liede immer wieder eine neue Seite abgewinncn! Der Haß vermag nichts Neues zu bieten, er erschöpft sich in Wiederholungen. Diese Wahrheit beweist auch die Rolle Esther, die am Purimfeste in all' unseren Tempeln zur Verlesung gelangte. Hören wir die darin enthaltene Schilderung der Juden, die der haßerfüllte Haman von ihnen entworfen hat: „Es gibt ein Volk, zerstreut und gesondert unter den Völkern, in allen Ländern deines Reiches, seine Lehren sind verschieden von denen der anderen Völker, die königlichen Landesgesetze befolget es nicht und es bringt für den König keinen Vortheil, es zu dulden." Vor Jahrtausenden sind diese Anklagen gegen uns erhoben worden und sind sie nicbt dieselben, die wir heute noch aus dem Munde unserer Widersacher hören? Der blinde Haß wiederholt eben seine Beschuldigungen von Geschlecht zu Geschlecht, ohne etwas Neues hervorbringen zu können. Wenn jedoch diese Anklagen mit solcher Beharrlichkeit und mit solcher Zähigkeit immer wieder laut werden, so müssen wir — schon zu unserem eigenen Nutz und Frommen — untersuchen und prüfen, inwiefern diese Beschuldigungen begründet oder unbegründet sind. Wir müssen gestehen, Haman ging diplomatisch an sein dämonisches Werk. Mit größter Klugheit eröffnete er seinen Vernichtungskampf gegen unsere persisch-medischen Glaubensbrüder. Er legte nämlich seinen Beschuldigungen auch ein Körnchen Wahrheit zu Grunde, aber nur deshalb, damit der König auch seinen unwahren Behauptungen und erdichteten Angaben vollen Glauben schenken soll. „Es gibt ein Volk, zerstreut und gesondert, unter den Völkern, in allen Ländern deines Reiches." Diese Angabe Hamans war durchaus wahr; ist bedauerlicher Weise jetzt noch wahr. Zerstreut und gesondert, zersplittert und zerfahren ist auch das gegenwärtige Israel. Es fehlt uns in allen, das Judenthum und das jüdische Leben betreffenden, manchmal sogar grundlegenden Fragen die Einigkeit und die nicht minder wichtige Einheitlichkeit. Wer an der Richtigkeit dieser Behauptung zweifelt und dieselbe für übertrieben hält, braucht blos einer Conferenz von Glaubensbrüdern beizuwohnen, auf deren Tagesordnung die Abwehr des Antisemitismus — diese heikle Frage, die jetzt unsere Gemüther am heftigsten bewegt — steht. Wie schwer, ja unmöglich ist es, ein einheitliches Vorgehen gegen den Antisemitismus zu erzielen. So viele Köpfe, so viele Meinungen! Die brennenden Fackeln des Hasses sind in Israels Häuser geschleudert worden, sie stehen in hellen Flammen da. Und was thun wir? Wir — berathen! Da meinen Biele, es brauche überhaupt nicht gelöscht zu werden, das Feuer wird schon von selber ausgehen! Andere sprechen sich wiederum für die Zweckmäßigkeit des Löschens aus, wälzen jedoch diese Verpflichtung auf die Schultern der — Nachbarn. Andere geben wiederum der Ansicht Ausdruck, daß es vor Allem unsere Ausgäbe wäre, am Löschungswerke selbstthätig mitzuwirken. Unter solchen Umständen dürste eine Einigung wahrscheinlich erst dann erfolgen, wenn es zu spät zum Löschen sein, wenn das verheerende Element gar Vieles verzehrt haben wird. Ja, Haman hatte Recht, wird sind „zerstreut und gesondert". Wenn die heilige Schrift den höchsten Grad der Zerfahrenheit in Israel kennzeichnet, so geschieht es in der Regel mit den Worten: „Jeglicher handelte, wie es ihm gutdünkte," nach eigenem Ermessen. Auch in unseren Tagen herrscht keine Uebereinstimmung, aber nicht nur über die Art und Form des Bertheidigungskampfes, sondern auch in anderen Cardinalfragen. Durch die Gnade unseres ruhmreichen Landesvaters erfolgt — auf Grund neuer Statuten — die Neugründung sämmtlicher Cultusgemeinden unseres Vaterlandes. Ich frage nun, loarunl umschlingt kein einigendes Band alle Gemeinden Oesterreichs? Warum nicht ein Organ, das berufen wäre, im Namen Aller zu sprechen und zu handeln, berufen wäre, zu allen, das österreichische Israel betreffenden Fragen Stellung zu nehmen, überhaupt die G e« sammtjuden heit unseres Kaiser st a a t e s zu vertreten. Nichts könnte unser Ansehen nach Außen so erhöhen, als wenn alle österreichischen GeweinLen durch einen Bund ihrem Willen und iluer Meinung Ausdruck verleihen würden. Dies wäre eine überaus wirksame Abwehr aller Feindseligkeiten. War nicht das einmütbige Vorgehen der Gemeinden in der Schächtsrage von den segensreichsten Folgen? Seit dieser Kundgebung behelligen unsere Gegner uns in diesem Punkte nicht mehr. Unser zur Neige gehendes Jahrhundert steht unter dem Zeichen der Vereinigungen und Verbände. Alle Classen, alle Stände organisiren sich. Nur wir Juden bleiben „zerstreut und gesondert" und vereinigen uns nicht, selbst dann nicht, wo unsere vitalsten Jnteressin auf dem Spiele stehen. Wann wird Israel endlich die große, durch Geschichte und Erfahrung unzähligemal erhärtete Lehre beherzigen, daß Einigkeit Macht, Uneinigkeit Ohnmacht bedeutet.- Hätte denn der feige antisemitische Mob gewagt, unsere heiligsten Güter in so frecher Weise in den Koth zu zerren, wenn er nicht wüßte, daß die oft citirte jüdische „Solidarität", die „eiserne Phalanx der Juden" nur in der erhitzten Phantasie unserer Feinde besteht? Jammerschade, daß die Wahrheiten so einfach sind, sonst würden sie eher in das ' Bewußtsein Einzelner und der Ge« sammtheiten übergehen. Tann würde auch die folgende bekannte Fabel ihre Nutzanwendung finden. Ein Vater versammelte einst seine sieben Söhne um sein Sterbelager. Er vertheilte unter ihnen sieben Stäbchen und gab ihnen die Weisung, dieselben zu zerbrechen. Das thaten sie mit Leichtigkeit. Hierauf nahm der kluge Vater sieben andere Stäbchen, verband sie zu einem Bündel und forderte nun abermals seine Kinder auf. auch dieses zu zerbrechen. Doch bei aller Anstrengung ihrer Kräfte vermochten sie nicht, das Bündel zu biegen, geschweige denn zu zerbrechen. Die Lehre dieser Fabel könnenfwir auch aus der Megilla ziehen. „Darin, was er verschweigt, zeigt sich der Meister des Styls". Nicht das rettete unsere hartbedrängten persischmedischen Glaubensbrüder, daß Esther ungerufen vor dem Könige erschien, denn nicht um des liebenden und geliebten Weibes willen machte der königliche Gemal seinen grausamen Erlaß unwirksam. Nein, die rettende That Esthers bestand darin, daß sie ihrem Oheim den Befehl gab: „Gehe und versammle alle (Juden) von Susa!" Nur, weil alle Israeliten, ohne Unterschied und ohne Ausnahme, e i nmüthig gegen die unmenschliche Beraubung ihrer Menschenrechte Einsprache erhoben, wurden sie gerettet. Denn die einmüth'ge, gewiß imposante Kundgebung hat selbst auf den Träger der Krone sicherlich Eindruck gemacht. — Machen wir daher diesem unseligen Zustande ein Ende; vereinen wir die ämjeeta meurbra unseres Stammes zu einem festgefügten Bunde! So wir geeinigt Vorgehen, weiden wir Alles siegreich überdauern. Hatte Haman mit seiner Behauptung, wir seien „zerstreut und gesondert unter den Völkern, in den Ländern des Reiches" nicht Unrecht, so tragen seine übrigen Angaben den Stempel der krassesten Unwahrheit an sich. „Ihre Lehren sind verschieden von denen der anderen Völker". Diesen Vorwurf hören wir heute noch, wenn auch in anderer Form. Heute spricht man allenthalben von den „Geheimlehren" des Judeuthums. Unsere Widersacher können sich beruhigen. Israel hat nichts zu verbergen, nichts zu verheimlichen. . Schon die Offenbarung unserer Lehre geschah nicht im Geheimen, sondern in der freien Natur, in einer Wüste, wohin — wie schon unsere Weisen bemerken — Jedermann freien Zutritt hat. Israels Lehre liegt so offen da, daß es möglich war, daß auch andere Bekenntnisse ihre Grundzüge sich zu eigen machten. Die jüdische Lehre liegt so offen da, daß dieselbe — entgegen den Gepflogenheiten aller Bekenntnisse und Volksstämme — allwöchentlich mehrmals öffentlich in allen Synagogen zur Verlesung gebracht wird. Die Lehre des Judenthums liegt so offen da, daß sie bereits ungefähr in 200 Sprachen nachgelesen werden kann. Und angesichts solcher Thatsachen wagt man noch immer, von jüdischen — „Geheimlehren" zu sprechen!

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