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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 194 Nr. 10 Dr Vlvch's Wochenschrift gelösten Pfänder mitzunehmen, einigen besonders Begünstigten wurde auch gestattet, ihre Häuser zu verkaufen. Ihr sonstiges unbewegliches Vermögen und ausstehende Forderungen verfielen dem Könige. Im October brachen die Juden von London auf, hatten aber trotz der königlichen Befehle auf der Reise noch mancherlei zu erleiden. Der Capitän eines Schiffes, auf dem sich die Vermöglichsten eingeschifft hatten, beraubte und tödtete mehrere von ihnen, wofür er freilich nebst seinen Spießgesellen mit dem Tode bestraft wurde. Auch auf der Seereise gingen in Folge der Herbststürme Viele zu Grunde, Andere gelangten nach den Niederlande und den nach Frankreich Geflüchteten gestattete der König für einige Zeit den Aufenthalt in Amiens. Der Papst tadelte aber diese Menschenfreundlichkeit und das Parlament deccetirte im Frühjahr ihre Ausweisung. Der größte Theil wendete sich nun nach Spanien, doch blieben auch manche in Frankreich, da man sie von den einheimischen Juden nicht leicht unterscheiden konnte. So schildert Abrahams die Austreibung der Juden und sucht den König Eduard zu entschuldigen, ohne doch ein bestimmtes Motiv, eine Miffethat der Juden als Grund anführen zu können. Uns scheint die Hauptursache in den Aufhetzungen der Geistlichkeit und in dem verminderten Judeneinkommen des Königs zu liegen. Die Anschuldigungen der Juden in den alten Chroniken sind alle sehr vag und darf auch nicht vergessen werden, daß fast alle diese Chroniken von Mönchen geschrieben wurden. Es ist wohl zu glauben, daß die Juden beim Volke nicht beliebt waren, mitunter auch gehaßt wurden. Aber daß dieser Haß zum großen Theil von der Geistlichkeit hervorgerufen wurde, ersehen wir aus ihrem wiederholten Verbieten des freundlichen Verkehres zwischen Christen und Juden. Ueberdies führt Abrahams auch Beispiele von gegen nichtjüdische Ausländer von den englischen Bürgern des Mittelalters gehegten Haß an. Wie die Austreibung der paar Tausend Juden aus England für das ganze jüdische Volk von geringer Bedeutung war, so blieb sie auch für England ganz ohne Nachwirkung. Nur die italienischen Geschäftsleute zogen einigen Vortheil aus der Entfernung von Concurrenten, das Volk hörte aber nicht auf, über den „schrecklichen Wucher, der so viele Bürger ruinire," zu klagen — nur war es jetzt judenreiner, also noch hochprocentigerer Wucher. Der katholischen Geistlichkeit standen aber bald in den Lollharden und Whcliffiten viel furchtbarere Gegner als die Juden auf. Dritthalb Jahrhunderte nach Austreibung der Juden ist England protestantisch geworden, trotz aller päpstlichen Bannbullen, und die Katholiken wurden dort so unterdrückt, wie einst die Juden. Jetzt sind dort Katholiken wie Juden mit den Protestanten gleichberechtigt. England kennt keinen Antisemitismus und für Hetzpfaffen und Demagogen, welche mittelalterliche Zustände wieder einführen wollen, ist dort kein Boden. M. L. Von den Ufern der Newa. i. Petersburg, den 28. Februar 1896. Meinen mit Gegenwärtigem beginnenden Berichten glaube ich einige Zahlen über ven Bestand der - hiesigen Bevölkerung vorausschicken zu müssen. Die in dieser Beziehung obwaltende Unklarheit hat schon zu manchen Mißverständnissen Grund gegeben. Laut den Ergebnissen der eintägigen Volkszählung vom 15/27. December 1881 (später war keine) leben in Petersburg 16-826 Einwohner jüdischer Confession, 1'953 Percent der Gesammtbevölkerung. Wenn man bedenkt, daß seit jener Zeit die polizeilichen Maßregeln in Betreff auf das Wohnungsrecht auf's Strengste gehandhabt werden — liegt es außer Zweifel, daß während der nun verstrichenen 15 Jahre obige Zahl nicht nur sich nicht vergrößert, sondern um ein Weniges noch abgenommen hat. Wir können daher an jenen Ergebniffen festhalten und denselben noch folgende Thatsachen entnehmen: Unter den 16.826, nach Abzug von Frauen, Kindern, Soldaten u. s. w., sind nur 7606 öconomisch Selbstständige vorhanden, und zwar 5366 Handwerker, Arbeiter, Taglöhner u. s. w., 1404 Großhändler, 183 Rentiers und 653 den liberalen Proffessionen Angehörige, wie: Aerzte, Advocaten, Schriftsteller, Techniker rc. Da die erste der erwähnten Gruppen in gemeindeangelegenheitlichen und repräsentativen Beziehungen nicht in Betracht kommen kann, so bleiben nur die drei letzteren, 2240 an Zahl, maßgebend. Dieses Häuflein also macht unsere hiesige jüdische Gesellschaft aus, auf dieses Häuflein sind die angestrengtesten Blicke des gesammten, sowohl des russischen, wie des ausländischen Judmthums gerichtet. Im Lichte dieser Zahlen kann es fast unbegreiflich erscheinen — was aber trotzdem pure Wirklichkeit ist — daß hier jüdische Gemeindeinstitutionen (Synagoge, Arbeits- und Waisenhaus, Elementarschulen, Bibliothek rc.), deren jährliches Budget über 100.000 Rubel beträgt, unterhalten werden und auch Vieles für das geistige und materielle Gedeihen der Juden in der Provinz gethan wird. Ein ähnliches Resultat ist vor Allem den mit Leib und Seele dem Judenthume ergebenen „Reichen" unseres Stammes, ferner dem ermunternden und thätigen Einflüsse der schon über dreißig Jahre in unserer Hauptstadt bestehenden Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden — zu verdanken. Diese Gesellschaft ist unstreitig das moralische Cement, das alle besseren Elemente der russischen Judenheit verbindet und zu nützlicher Thätigkeit anregt. — Eine seiner Sectionen ist gegenwärtig mit Vorbereitungen zu der Ende April dieses Jahres in Nischny-Nowgorod beginnenden allgemein-russischen Ausstellung eifrig beschäftigt. Die Gesellschaft hat daselbst ihren eigenen Pavillon errichtet, in welchem sie den geschichtlichen Entwicklungsproceß der jüdischen Aufklärung in statistischen Ausweisen über Entstehung und Lage der Schulen, Büchern allgemeinen und pädagogischen Inhalts, Lehrmitteln aller Art, Photographien u. s. w. anschaulich darzustellen beabsichtigt. — Eine andere Section, sogenannte „Schulcommission", hat neulich eine 39 Druckbogen starke, aus vielen gediegenen jüdisch-wissenschaftlichen Beiträgen bestehende Sammelschrift (in russischer Sprache) mit der Bestimmung des Verkaufsertrages zu Gunsten der jüdischen Elementarschulen veröffentlicht. Auf den Inhalt dieses Werkes werde ich mir erlauben an einer anderen Stelle dieses Blattenächstens zurückzukommen. Am 8./20. Februar d.J. fand eine feierliche Sitzung der hiesigen Universität statt, in welcher unter Anderem der Jahresbericht genannter Anstalt verlesen wurde. Aus diesem Berichte ist zu ersehen, daß von einer Gesammtzahl von 3057 Studirenden im Jahre 1895 die Zahl der Juden auf 92 (also 3°01 Percent) sich belief und daß Manchem der letzteren auch Belohnungen für ausgezeichnete Dissertationen zu Theil wurden. Herr Moses S a g a l o f f nämlich hat eine silberne Medaille für seine Arbeit auf dem Gebiete der Physiologie, Herr Boris G ü n zbürg eine goldene Medaille für eine histologische Erörterung, Herr Georg Klein eine silberne Medaille für einen Beitrag zur Geschichte des römischen Rechts, endlich Herr M. F r i e dl a n d einen Ehrenbrief für eine Untersuchung aus dem Finanzrecht erhalten. Dieser Tage sollen hier zwei Jubiläen gefeiert werden, nämlich das 35jährige der wissenschaftlichen Thätigkeit des bekannten hiesigen Orientalisten und jüdischen Geschichtsschreibers (Bibliothekar der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek) Dr. Abraham H a r k a w y und das 25jährige der ärztlichen Praxis des Dr. I. A. D e m b o, des nicht minder bekannten Verfechters der S ch e ch i t a. Unser Glaubensgenosse, der wirkliche Staatsrath Jakob Salomonowitsch Poliakoff wurde von der Kaiserin Alexandra zum Mitglied der hiesigen Arbeitshäuser ernannt und außerdem mit dem hohen Orden der heiligen Anna ersten Ranges bedacht. G. Mar. Zur Geschichte der Juden in Prag. Von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. (Schluß.) Im Jahre 1708 waren bereits wieder 300 Häuser erbaut und wie Pretzel behauptet, mit mehr als 12.000 Juden bewohnt. Später wurden jedoch Verfügungen getroffen, um das Domicilrecht der Juden zu beschränken. Es wurde geboten, daß kein fremder Jude ohne Zeugniß über sein Wohlverhalten nach Böhmen kommen und nicht länger als sechs Wochen daselbst verweilen dürfe; der Uebertreter dieses Gebotes wurde

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