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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 192 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl. Nr. 10 mit er mit gebührender Nachsicht beurtheilt werde. Als Nachbar und Mitbürger zeigt er sich sogar weit besser, wenn durch diesen Fernschein gesehen, als durch den seiner Religion. Ich bin Christ und lebe in der Ueberzeugung, daß der Jude, was seinen Glauben betrifft, in einem beklagenswerthen Jrrthume befangen ist. Damit er aber meinen Glauben achten lerne, bestehe ich darauf, daß dem seinigen der freieste Spielraum gegeben werde. Diesen hat er auch in New-Iork erhalten und Niemand hat Ursache, es zu bedauern, höchstens Diejenigen, welche er zurückgelaffen. Ich bin überzeugt, daß unsere Stadt keinen besseren. keinen loyaleren Bürger als den jüdischen hat, ob reich oder arm — sie hgt keinen, deffen sie sich weniger zu schämen braucht. Die Austreibung der Juden aus England vor sechs Jahrhunderten. In Deutschland wurde vor Kurzem der fünfundzwanzigste Jahrestag der Wiedererrichtung des Kaiserthums gefeiert und nächstens wird der tausendste Geburtstag Ungarns, das Millennium, gefeiert werden. Haben die europäischen Völker den Brauch, solche Gedenktage zu feiern, nicht von den Juden angenommen, die ein so zähes politisches Gedächtniß . haben? Denn was sind viele jüdische Fast, und Festtage anders als Erinnerungstage an denkwürdige Ereignisse ihrer Geschichte. Aber in zw;i Umständen unterscheiden sich die jüdischen Gedenktage von den anderer Völker: Bei diesen verdrängt oft ein späteres Ereigniß das frühere aus dem Gedächtniß; so hat in Deutschland der „Sedantag" den um ein halbes Jahrhundert älteren Gedenktag der Schlacht bei Leipzig aus dem Festkalender verdrängt. Die Juden feiern aber seit Jahrtausenden den Auszug aus Egypten, obwohl sie seitdem in mehr als eine ähnliche Sclaverei gerathen sind. Dann feiern sie auch, freilich in anderer Weise, die Unglückstage, wie die der Zerstörung Jerusalems, während andere Völker an solche traurige Tage gern vergeffen. Die Preußen fasten nicht am Jahrestag der Schlacht bei Jena und die Franzosen nicht an dem der Capitulation von Sedan. Heute, von Antisemiten, von offenen und geheimen Judenfeinden bedrängt, feiern wir den Purim, den Tag, der die Juden aus großer Gefahr errettete und einem großen Judenfeinde statt der erwarteten Auszeichnung (es war freilich keine Bürgermeisterkette) die verdiente Erhöhung brachte. Das Reich des Ahasverus und des Cyrus ist längst untergegangen, sowie die Monarchie Alexander des Großen, welcher das Perserreich unterwarf, und wie das römische Reich, welches dem macedonischen Staate ein Ende machte. Und wie diese alten Großmächte, so sind auch ihre Religionen verschwunden. Wir Juden aber sind noch da mit unserer Religion. Napoleon rief seinen Soldaten in Egypten zu: Von der Höhe dieser Pyramiden schauen vierzig Jahrhunderte auf euch herab! Aber die Pyramiden sind todte Steinmassen, während wir Juden leben und von der Höhe unserer vieltausendjährigen Geschichte mit Verachtung auf die antisemitischen Eintagsfliegen herabsehen. Ja, wir werden ihnen nicht einmal die Ehre erweisen, ihren Untergang zu feiern und die künftigen Generationen werden die Höhe ihrer Hamanisirung, die jedenfalls wahrscheinlicher ist als ihre Humanisirung, nicht kennen. Um in der Leidensgeschichte der Juden verewigt zu werden, muß man schon mehr Macht und Bedeutung besitzen. Feiern wir doch nicht einmal die Jahrestage unserer Austreibungen aus den verschiedenen Staaten und Städten Europas, denn wir sind stets unter besseren Bedingungen zurückgekommen! Das mögen sich die Pacher und Schneider merken. Wenn man die jetzige Lage der Juden in England betrachtet, so kann man sich kaum die gedrückte Lage vorstellen, in der sie dort vor mehr als sechs Jahrhunderten lebten. Und doch war ihre Austreibung im Jahre 1290 eine große Calamität für sie. An diese Austreibung werden wir durch ein vor Kurzem erschienenes Buch erinnert, welches die von der Universität Oxford mit einem Preise ausgezeichneten im „Jewish Quarterly Review" in den Jahren 1894 und 1895 erschienenen Aufsätze von B. L. Abrahams über die Austreibung der Juden aus England im Jahre 1290 enthält.*) Die erste Periode des Aufenthaltes der Juden in England war von verhältnißmäßig kurzer Dauer, nicht viel länger als zwei Jahrhunderte. Sie waren nämlich erst mit den Herzog der Normandie, Wilhelm, der Eroberer genannt, aus Frankreich herübergekommen. Seiner Armee, welche im Jahre 1066 England eroberte, folgten eine Menge Leute, welche in dem neueroberten Lande ihr Glück zu machen hofften. Neben vielen Geistlichen und Mönchen, welche zum Theil die einheimischen Geistlichen aus ihren Stellen verdrängten, kamen auch viele Kaufleute und unter ihnen auch Juden, welche bares Geld mitbrachten und sowohl dem Könige als den Großen borgten. Die Ritter und Barone vom Heere Wilhelm des Eroberers wurden aus Kosten der Einheimischen mit reichem Landbesitz ausgestattet und gar mancher schäbige Franzose ward, wie Heine sagt: Ein Lord auf der Insel der Briten. Die Juden erhielten weder Land noch irgend eine Bergünstigung, sie bildeten nur eine Einnahmequelle für die Könige. Man gestaltete ihnen Geldgeschäfte zu machen, um desto größere Steuern von ihnen erpressen zu können. Sie zahlten Kopfgeld, Ecbsteuer und andere Steuern, zehn Procent von ihren Darlehensgeschäften und bei besondern Gelegenheiten noch außerordentliche Contributionen. Ein Jahrhundert nach ihrer Einwanderung trugen sie ein Zwölftel zu den königlichen Einnahmen bei, obwohl sie kaum ein halbes Procent der Bevölkerung ausmachten. Und ihre Steuern gingen am regelmäßigsten ein, da der Kömg ihnen gegenüber nicht die Rücksichten wie gegen andere Bürger zu beobachten hatte und man bei ihnen die härtesten Eintreibungsmaßregeln in Anwendung brachte. König Johann ließ einmal alle Juden, Männer und Frauen, in's Gefängniß werfen und denen, welche nicht zahlen wollten, jeden Tag einen Zahn reißen. Im Jahre 1187 erhob Hemrich II von seinen Unterthanen eine Contribution, zu der die ganze christliche Bevölkerung 70.000 Pfund beitrug, das Häuflein Juden 60.000. Und dabei galt der König noch als Protektor der Juden und war es mitunter auch. Lag es doch in seinem Interesse die Juden gegen die Beraubungen durch Andere zu schützen, um sie für sich steuerkräftig zu erhalten. Heinrich III. machte den M.yor und Gemeinderath von London für die Sicherheit der Juden verantwortlich, in andern Städten waren die Sheriffs beauftragt, die Juden zu schützen. Starb ein Jude, so wurden die königlichen Beamten beauftragt, seine außenstehenden Forderungen einzutreiben, aber nicht zu Gunsten von dessen Erben, sondern für die königliche Casse. Diese gewöhnliche rigorose Eintreibung vermehrte die Feindschaft der Bürger gegen die unschuldige Ursache derselben, die Juden, die man ohnehin als Fremdlinge nicht gern sah. Stand der Einheimische den fremden Eroberern christlicher Religion feindlich gegenüber, so war die Feindschaft gegen die sich dazu noch zu einer andern Religion Bekennenden, eine andere Lebensweise führenden Juden noch heftiger. Die Nachkommen der Eroberer, die kriegerischen französischen und normännischen Barone und Ritter mußte der heimische Bürger und Bauer wohl respectiren, aber an den wehrlosen Juden konnte man fast ungestraft sein Müthchen kühlen. Ein paar Juden- Häuser waren schnell geplündert, ein paar Juden schnell ermordet, bevor die königlichen Beamten zu deren Schutz herbeieilen konnten. Ein Vorwand zu solchen Excessen war leicht zu finden: Bei der Krönung Richards 1 im Jahre 1189 wurde den Juden der Eintritt in die Krönungskirche nicht gestattet; anstatt nach Hause zu gehen, blieben ihrer viele vor der Kirche stehen, wir wissen nicht, ob aus Neugierde oder um dem Könige nach der Krönung zu huldigen. Dies verdroß den Londoner Pöbel und er überfiel im Verein mit der zahlreichen Dienerschaft des zur Krönung gekommenen Adels die Juden. Viele wurden getödtet, die Häu,er der Juden ausgeplündert und angezündet, ohne daß der König und seine Wachen es hindern konnten. Auch anderwärts kamen die königlichen Beamten gewöhnlich zu spät, um die Excesse zu verhindern oder auch nur der Plünderer und Mörder habhaft zu werben. In Jork fand einmal ein schreckliches Blutbad statt, und nachdem Alles vorüber war, erschien der Kanzler mit königlichen Soldaten. Da erklärten die braven Bürger, die Mörder seien Kreuzfahrer gewesen, die sich bereits nach dem heiligen *) Th« expulsion of the Jews from England in 1290, by B, L. Abrahams. Arnold Prize Essay, Oxford, B. H. Blackwell 1895.

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