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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Dr. Vlvch's Wochenschrift Seite 191 Lohn zugesagt war. In Folge dieses Vertrages wurde die Schwitzbude der Miethskaserne in wenigen Monaten tatsächlich aus dem Kleiderbetriebe weggefegt. Und sie wird nicht wieder hergestellt werden. Ich glaube sicherlich, daß diese Leute eher den Hungertod erleiden, bevor sie sich entschließen, das alte Joch wieder zu ertragen. So steht es um die Ostseite. Was nun die Avenue betrifft, wie erscheint ihr Facit auf unserer Rechnung? Wir haben den Wohlthätigkeitsbazar zum Besten der jüdischen Anstalten unserer Stadt, welcher die hohe Summe von 152.000 Dollars einbrachte, noch ganz frisch im Angedenken. Es sind jetzt mehr als 240 Jahre, seitdem die Juden zuerst in den Neuen Niederlanden unter specieller Erlaubniß Aufnahme gefunden haben, und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ihre Armen weder der niederländischen Gesellschaft, noch dem Gemeinwesen zur Last fallen dürfen, und daß sie von ihrer eigenen Nation unterstützt werden müssen, und sie haben diesen Vertrag, dessen bindende Kraft längst schon aufgehört hat, treulich emgehalten. Ihre Armen waren niemals und werden auch jetzt nicht unserem Gemeinwesen aufgebürdet. Die jüdischen Insassen unserer Straf- und Armenhäuser kann man irgend welchen Tag an den Fingern einer Haid abzählen. Sie sind keine Almosengenossen. Von den Tausenden, die vor zwei Jahren während des schrecklichen Winters Unterstützung erhalten haben, blieb, kurz nachdem der Stillstand in der Geschäftswelt aufgehört hatte, kaum ein halbes Dutzend Hilfsbedürftiger. Die jüdischen Wohlthätigkeits-Jnstitutionen werden mit einer Liberalität erhalten und Mit einem Erfolge verwaltet, um welche Christen guten Grund haben, sie zu beneiden. Sie werden nicht von Comites regiert, deren Mitglieder ihre Füße unter dem grünen Tisch ausstrecken, während sie die eigentliche Verwaltung der Geschäfte bezahlten Superintendenten und Beamten überlasten. Ein jüdischer Wohlthätigkeitsdirector dirigirt in eigener Person, und er versieht das ihm vertraute Amt mit demselben geschäftlichen Scharfsinn, demselben sichern Urtheile, demselben praktischen richtigen Verstände, mit welchem er seinem Geschäfte am Broadway vorsteht. Natürlich ist auch das Resultat ein gleiches. Im Ganzen ist der Plan, nach welchem die jüdischen Anstaltin geleitet werden, bewunderungswürdig. Lange bevor unsere christlichen Philantropen ein geplantes System in die Organisation ihrer Anstalten brachten, hatten die Juden schon in ihren United Hebrew Charities das nöthige Clearing House*) zur Beschleunigung und Vereinfachung der Geschäfte, Arme zu unterstützen und Armen aufzubelfen, damit sie in Zukunft keiner Unterstützung bedürfen. Ihre Waisenhäuser, ihre Ammenstuben, und ihre Kindergärten sind mustergiltig. Ihr großes Hospital, das Mount-Sinai-Hospital, steht in einer Stadt, die so viele berühmte Krankenhäuser aufzuweisen hat, in der vordersten Reihe. Von den 3000 Patienten, welche darin im verflossenen Jahre Aufnahme gefunden haben, wurden 89 Percent gratis behandelt. Die Aguilar-Jree Library circulirte im letzten Jahre 253.349 Bücher, meistentheils unter den Bewohnern der Ostseite, und ist nach einem zehnjährigen Bestände im Besitze von 10.000 Bänden. Die Leiter des Baron de Hirsch Jund haben demonstrirt, daß die Behauptung, der eingewanderte Jude werde niemals zur Landwirthschaft greifen, vollständig aus der Luft gegriffen ist. Ihr großes Landgut von 5100 Ackern in Woodbine, N. I. entwickelt sich zu einem Musterdorfe. Unter derselben Leitung genießen Hunderte von Kindern, die in New-Aork ankommen und außer ihrem Jargon keine andere Sprache verstehen, englischen Unterricht, und Männer und Frauen benützen in der Abendschule als Leseübungen die „Unabhängigkeits-Erklärung" und die Constitution der Bereinigten Staaten. In ganz kurzer Zeit werden die Kinder nach den Stadtschulen versetzt, wo sie gern ausgenommen werden, und bald zu den besten Schülern zählen. Ihre technischen Schulen zeigen mit jedem Tage, daß der jüdische Knabe, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, mit Lust ein Handwerk erlernt, und daß er wie im Handel sich auch darin auszeichnet. Achtzig Percent der Schüler, die aus dem Hebrew-Technical-Jnstitute hervorgegangen, ernähren sich redlich von ihrer erlernten Profession. Diese praktischen Menschen wissen es nur zu gut, daß das Problem der Armuth seine endliche Lösung erst im Probleme der Jugend findet. *) So nennt man das gemeinsame Geschäftslocal der New- Aorker Bankiers, wo sie ihre laufenden täglichen gegenseitigen Forderungen durch Gegenrechnungen saldiren und per Saldo quittiren. Diese repräsentirt den kommenden Tag — um für diesen zu sorgen, arbeiten sie mit vereinten Kräften. Es war ein Jude, Dr. Felix Adler, welcher zuerst in New-Jork, als Mittel zu einer gediegenen Erziehung, dre Schule mit der Werkstatt vereinigte. Und jetzt gibt es kein Heim für jüdische arme Kinder, in welchem nicht nebst dem Schulunterrichte zugleich auch ein nützliches Handwerk gelehrt wird. Die Educational Alliance, welche ihren Mittelpunkt in dem großen Hebrew-Jnstitute hat und welche sich Erziehung, Versittlichung, Geselligkeit und Amerikanisirung zur Aufgabe gemacht, gleicht einem gewaltigen Netze, mit welchem die Jugend aus den Miethskasernen der dunkeln Ostseite gefangen und zu Patrioten und nützlichen Bürgern gemacht werden. Unsere Stadtschulen sind voll von pflichtgetreuen jüdischen Lehrern und Lehrerinnen, die Reihen der verschiedenen Berufe haben in ihrer Mitte unzählige eminente Männer, die sich zum Judenthum bekennen. Ihre Tempel und Synagogen sind Mittelpunkte socialer Thätigkeit, welche kräftig in unsere Tagesfragen miteingreift. Es gibt kein Siebziger-Comite, kein Miethskasernen-Comite, keinphilantropisches oder reformatorisches Unternehmen, in welchem sie nicht ihre Repräsentanten haben. Wurde jemals von einer christlichen Kanzel eine Predigt gehalten, so wirksam wie die, welche heute aus Bronze und Stein gemeißelt in Rutgers Square*) steht? An derselben Stelle, wo vor zwei Jahren harmlose Mäntelschneider, welche sich hier gesetzlich versammelt hatten, um ihre Rechte zu beanspruchen, von der Polizei mit Knüppeln bearbeitet wurden, hat ein Jude auf seine Kosten einen prächtigen Springbrunnen errichten lassen. Auf diesem Springbrunnen, der einzigen Oase inmitten der dürren Wüste von Miethskasernen, steht die Widmung: „To the City of New- York“; nirgends findet der Neugierige den Namen des Gebers in den Stein gravirt. Ich habe von der Orthodoxie der Slum gesprochen. Nicht blos in Anbetracht der materiellen und sanitären Verhältnisse beruht auf ihr das Heil der Ostseite. Verschieden ist der Gang des jüdischen Liberalismus in der Avenue von dem in der Miethskaserne. Unter steter Begleitung der alten religiösen Sittlichkeitsgebote gehen die Bewohner der oberen Stadt zur Philantropie und zu Humanitären Bestrebungen über. Die Schöpfung des Dr. Felix Adler, des Gründers der ethischen Gesellschaft, die größtentheils aus Juden besteht, ist ein Ausfluß des Judenthums. „Reform und Humanität" ist das Losungswort der fortgeschrittenen Juden, das deutlich genug seine Richtung bekundet. Im Slum hingegen mit seiner ihn umgebenden Düsterkeit läßt das Lockern der alten Bande den Unglauben ein, der unmittelbar zum Verbrechen und zur Unsittlichkeit führt. Ganz besonders ist die Jugend von dieser Gefahr bedroht. Ob die Miethskaserne oder die neue Freiheit, oder der Contrast zwischen der Talmudschule, in welcher sie ihren ersten Unterricht erhalten, und der öffentlichen Schule den verderblichen Einfluß auf sie ausübt; die Thalsache steht fest, daß das Verbrechei unter den jüdischen Kindern auf der Ostseite ganz merklich zum Vorscher i kommt. Die Erklärung, daß diese Erscheinung im Gegensatz zwischen der Talmudschule und der öffentlichen Schule ihre Begründung hat, wurde mir durch die Thatsache plausibel gemacht, daß der Knabe die Talmudschule (Cheder), die in der Regel aus einer finsteren, ekelhaften Stube der Miethskaserne besteht, in seinem kindlichen Gemüthe mit der Religion identificirt. Diesem Cheder gegenüber erscheint ihm die Stadtschule glänzender und anziehender. Ein Kind wäre mehr als menschlich, würde sich dieser Contrast seiner Beobachtung nicht aufdrängen. Und diese Kinder find menschlich. Was aber auch immer die Erklärung sein mag, die Gefahr ist da — aber ihre weisen Männer rüsten sich, die Gefahr auf ihrem eigenen Boden zu bekämpfen. Die Uebrev Irse School-Association nimmt diese Kinder zu Tausenden in den Nachmittagsstunden im Hebrew-Jnstitute auf und läßt ihnen freien Unterricht im Hebräischen, in der biblischen Geschichte und Religionslehre ertheilen. während die Leiter des Baron de Hirsch-Jund ruffischen Lehrern Gelegenheit geben, die englische Sprache gründlich zu erlernen und sich zu amerikanisch, jüdischen Lehrern heranzubilden. Sicherlich der Jude in New-Aork hat seine Fehler und er muß zuweilen im historischen Lichte beurtheilt werden, da- *) In dieses Square münden die meisten Gassen unseres Ghettos. An Sommerabenden concertirt da zweimal wöchentlich eine Musikbande auf Kosten der Stadt.

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