Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 190 DL Vloch's Wochenfchrifi. Nr. 10 die Klärung der wirklichen Gegensätze erleichtern, wenn wir für einige Zeit in die Abstinenz treten. Aber diese Abstinenz X muß eine vollständige sein, sie muß gesellschaftlich und , \ p olitisch mit unbeugsamer Consequenz durchgeführt werden. 4 ©er Rückzug unsererseits soll nicht ein Verzicht auf unser ver- -sbrieftes Recht, sondern ein Abwarten des Zeitpunktes sein, wo die durch die antisemitischen Schlagworte künstlich verschobenen und verwirrten Strömungen unseres öffentlichen Lebens wieder in ihr normales Bett zurückgeleitet sein werden. Der Judenhaß darf dem Staatsbeamten nicht länger zum Vorwände dienen, seine Pflichten gegen den Staat zu verleugnen und sich gegen die obersten Machtfactoren aufzulehnen. Der Judenhaß darf den einzelnen Claffen und Ständen nicht zum Vorwände dienen, in dem Staat nichts als die ,,melkende Kuh" zu sehen. Den Erpressungen des Antisemitismus muß endlich ein Ziel gesetzt werden, und durch unsere Abstinenz wollen wir ihm das Erprefferwerkzeug aus den Händen reißen, denn heute ist es jedem Einsichtigen klar, daß die sogenannte Judenfrage nichts als ein ungeladener, aber virtuos gehandhabter Revolver ist, den man den Mächtigen und Besitzenden an die Brust setzt mit dem Rufe: „La bourse ou la viel" — Wir glauben, in dem gegenwärtigen kritischen Momente unserem Vaterland keinen besseren Dienst erweisen zu können, als indem wir durch diesen unseren freiwilligen Rückzug die wirklichen Zielpunkte unserer öffentlichen Kämpfe freistellen. Me Juden New Horks.*) Von Jacob A. R i i s, Aus dem Englischen übersetzt von M. I. Schade, daß Herr Ahlwardt, unser jüngster deutscher Gast, sein altes vorgefaßtes Urtheil über die Juden hat, sonst hätte die Geschichte der letzten Tage des vergangenen Jahres ihm manches Beherzigenswerthe beibringen können. War es seine Absicht, den Zustand der Juden, die er so sehr haßt, bei uns kennen zu lernen, so konnte er zu keiner gelegeneren Zeit ankommen. Der große jüdische Wohlthätigkeits-Bazar im Madison Square Garden, verbunden mit dem Strike der jüdischen Kleidermacher, gestatten dem sorgfältigen Beobachter eine lehrreiche Uebersicht über dieses merkwürdige Volk. Auf der einen Seite eröffnet der Bürgermeister der amerikanischen Metropole den große» jüdischen Bazar, in Ausdrücken dankbarer Würdigung der Bürgertugenden unserer prosperirenden jüdischen Einwohner. Reichthum und Eleganz drängen sich durch die Eingänge, und die gesammte Bürgerschaft stimmt in seinen freudigen Willkommgruß mit ein. Auf der andern Seite die leidenden Eingewanderten in ihren überfüllten Miethskasernen, in Feffeln der Armuth und Unwissenheit, rastlos vorwärts strebend, sich dieser Feffeln zu entledigen, und aus dem Kampfe gegen furchtbare Ueberlegenheit siegreich hervorgehend, indem sie sich alle jene Tugenden aneignen, welche ihren Glaubensbrüdern hier Gedeihen und Glück errungen haben. Das ist in der Thal ein Schauspiel, welches geeignet ist, jedes Gefühl menschlicher und männlicher Theilnahme in Anspruch zu nehmen, jedes menschliche Vorurtheil herauszufordern. Und diese Herausforderung läßt weder Ausflüchte noch Zweideutigkeiten zu. Das New-Iorker udenthum läßt sich eben auf keine Compromiffe ein. Bezeichnend ist die Thalsache, daß, während der Census von 1890 die 130.496 Mitglieder jüdischer Gemeinden (Familienväter) in den Vereinigten Staaten als 72.899 reformirte und nur 57.597 orthodoxe Juden aufzählt, das Berhältniß in der Stadt New-Iork ein umgekehrtes ist. Liier theilen sich die 35.085 Gemeindemitglieder in 24.435 orthodoxeund nur 10.650 reformirte Juden. Berechnet man durchschnittlich eine jüdische Familie zu 5°71 Personen, so waren vor fünf Jahren 745.132 in den Vereinigten Staaten und 200.535 in New-Iork. Schlägt man außer dem natürlichen Zuwachs in fünf Jahren (13.700) auch noch den Mehrbetrag der Einwanderung dazu, so ist heute die jüdische Bevölkerung der Metropole nicht weniger als 250.000, unter welchen auf jeden Reformirten nicht weniger als 2'/« Juden aus der alten Schule kommen. Dem Judenhetzer bieten sie hier reichlich Waffer für seine Mühle. Die tägliche Beobachtung lehrt uns, daß in diesem Falle die Orthodoxie nicht Hand in H^nd mit der Prosperität geht. Kurz ausgedrückt, ge- •) AuS ier Jänner-Nummer der „Review of Reviews". hören die 2V2 — jetzt wenigstens — den Miethskasernen, der 1 der Avenue an; jene dem Strike, dieser dem Bazar. Jene, die Neuangekommenen, befinden sich in einem harten Kampfe gegen eine gräßliche Armuth, weiche diese, die hier bereits eme glückliche Heimstätte gefunden haben, kräftig bekämpfen helfen, treu der schwierigen Aufgabe, die sie zu lösen übernommen haben. Sollte es sich nicht der Mühe lohnen, einmal eine Rechnung aufzustellen, um zu untersuchen, was die unfreiwillige jüdische Einwanderung uns gebracht und was sie dafür erhalten hat? Betrachten wir zuerst die Horden in den Miethskasernen. Diese verblüffen manchmal den hitzigsten Optimisten. Die Armuth, welche sie uns gebracht haben, ist schwarz und bitter; sie drängen sich, wie sonst keine anderen lebenden Wesen, zusammen. um Raum, das heißt Miethe zu sparen. Ihre Gewohnheiten sind sonderbar, ihre Sprache unverständlich. Sie plagen sich und hungern, um Geld zu erwerben, denn eine tausendjährige Tyrannei, von welcher sie ihre Freiheit nur durch Geld erkaufen konnten, hat sie gelehrt, den vollen Werth derselben zu schätzen. Sie hat sie ferner gelehrt, zusammen zu stehen in guten wie in schlechten Zeiten, da Jedermann ihnen Feind war, und das ist das packende Argument gegen das New-Aorker Ghetto; sie bilden eine Klanschaft. Was nun ihre Armuth betrifft, so haben sie eine grenzenlose Energie, einen unermüdlichen Fleiß mitgebracht, um diese zu überwinden. Ihre Slums*) sind ekelhaft, doch nicht gleich jenen anderer minder energischer Racen; sie sind nur dann unverbesserlich, wenn man sie, wie dies in der alten Welt geschieht, durch Ringmauern von der Außenwelt abschließt. Sie verfaulen nicht in ihren engen Wohnungen; erheben sie sich einmal, dann reißen sie sie hinter sich nieder. Unter Juden kennt man keinen Stillstand. Vor zwei Jahren sagten mir einige Herren, die der Londoner Charity-Organisation anaehören: „Die Juden haben Whitechapel vollständig renovirt." Sie bezogen dies nicht etwa auf die Mustergebäude, welche die Rothschilds und andere Philantropen aufgeführt haben. Sie wollten damit die unwiderstehliche Energie, mit welcher dieses Volk die Armuth ruhelos bekämpft, zum Ausdruck bringen. Aehnliches geschieht in New Jork. Die Slums auf der Ostseite New-Aorks sind hauptsächlich darum so verwahrlost, weil die ständig nachkommenden Einwanderer den alten Kampf vom Neuen durchkämpfen müssen. Die zweite Generation, wenn nicht schon auf ihrem Wege nach der oberen Stadt, zur Avenue, ist jedenfalls die letzte, welche in diesen Miethskasernen anzutreffen ist. Sie haben noch andere Tugenden mitgebracht: mäßige Lebensgewobnheiten und ein unschätzbares zärtliches Familienleben. Ihre sonderbare Lebensweise bewährte sich als eine mächtige Verbündete des christlichen Sanitätsbeamten in seinen Angriffen auf das Slum. Die Gesetze, welche Moses in der Wüste niedergeschrieben, üben noch heute über die Sterblichkeit in New-Iorks Miethskasernen eine Controle aus, mit welcher die Vorschriften unserer Sanitätsbehörden keinen Vergleich aushalten. Thatsächlich ist die Sterberate in den von Armuth Heime esuchten Judengasien trotz ihrer Ueberfüllur.g immer geringer, als in den bequemen Heimstätten der Reichen. Des Juden Lebensregel ist seine Religion; sie bestimmt alle seine Handlungen. Sein Gefühl der Zusammengehörigkeit beeinträchtigt in keiner Weise sein Bürgerthum. Es gibt keine Classe von Bürgern, von welchen sie im Patriotismus übertroffen werden. Sie haben keine frühere Unterthanenpflicht zu vergessen. Dafür hat man jenseits des Oceans gesorgt. Die öconomischen Schwierigkeiten der Ostseite, ihre Schwitzbuden und ihre Hungerlöhne sind die natürlichen Begleiter ihrer abschreckenden Armuth. GelegentliÄ unterbrechen sie mit ihrem Nothschrei die ferne Aussicht; sind sie jedoch wieder in Ordnung gebracht, so sieht man sofort die „Judenstadt" sicheren Schrittes aus ihre industrielle Unabhängigkeit stramm lossteuern. Die organisirte Arbeit erringt den Sieg über die Schwitzbude, und die Schulordnung über das Kind, so daß sie fortan nicht mehr zu Sclaven gemacht werden können. Ein schlagendes Beispiel dazu liefert der gegenwärtige Strike, hervorgerufen durch einen gebrochenen Contract, welchen man den Schwitzbuden-Besitzern abgezwungen batte, laut welchem den Schneidern für zehn Arbeitsstunden ein festgesetzter *) Eine moderne Bezeichnung für enge schmutzige, von Armen bewohnte Gassen, z. B. Westminster Slums. Nach Webster: eine Contraction von Asylum, corrumpirt in der Volksaussprache: a-slum.