Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«r. 10 Dl*« BlOCh’S Jahrgang XIII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. --^- Wien, 6. Mär; 1896. - >)»• 'H1 - Erscheint jeden Freitag. -- -h i-——<>- Man abonnirt btt allen Pallanstallen des In- und Auslandes. Inhalt: Leitartikel: Zur Lage in Wien. — Die Inden New-Porks. — Die Austreibung der Juden aus England vor sechs Jahrhunderten. — Von den Ufern der Newa. — Zur Geschichte der Juden in Prag. — Epilog zum Purimfeste. — Vom Iahrmarkt des Lebens: Duell Badeni'Lueger. Antisemitische Revanche. Wie man's macht. Verhaftung eines antisemitischen Zeitungs- Unternehmers. Antisemitische Ehrenmänner. Der bekannte antisemitische Agitator. Jüdische Kämpfer in Südafrika. Die Protokolle des Elfer-Ausschusses über die Auseinandersetzungen mit Stöcker. In Verlegenheit. Ein germanischer Pionnier. Jüdiscke Arbeitsgeber. — Correspond enzen: Wien, Ung.-Hradisch, Innsbruck, Krakau, Mistelbach, Proßnitz, Berlin. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Linz, Tarnopol, Budapest, Czernowitz, Groß-Meseritsch, Chotzen, Brandeis a. d. Adler, Pisek, Proßnitz, Gliniany, London, Paris, Palästina, Jerusalem. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. *= Bejugaarsla für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Jtr. Einzelexemplare 25 kr. lüc’a Ausland: halbjährig 5 fl. — 18 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4nal gespaltene Peiitzeile 12 kr. K. tr. postsx ar N asten-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Nrdnrtion und Administration: Wien I II , Untere Auga^tenstratze la. Tale phon - Nr. 6535. * .« Zur Tage in Wien. Die Erwartungen, welche optimistische Gemüther an die Neuwahlen für den Wiener Gemeinderath geknüpft haben, sind nicht in Erfüllung gegangen. Im dritten Wahlkörper ist die Gesammtzahl der antisemitischen Stimmen seit dem September 1895 wesentlich gestiegen, im zweiten und im ersten Wahlkörper ist das Kcäfteverhältniß unverändert geblieben. Die optimistischen Gemüther, von denen wir sprechen und zu denen wir keinen Augenblick gehörten, erhofften eine entscheidende Wendung vom zweiten Wahlkörper, in welchem die Staatsbeamten und Lehrer den Ausschlag geben. Sie rechneten mit den ruhmvollen Traditionen der österreichischen Bureaukratie, welche in allen Parteikämpfen die unerschütterliche Hüterin des Staatsgedankens und der dynastischen Treue war und welche sich aus den Ereignissen der letzten Zeit über die Willensmeinung der Krone und über die Ansichten der Regierung für das Staatswohl klar sein mußte. Die Entscheidung des zweiten Wahlkörpers abir hat gezeigt, wie tief bereits die Demoralisation greift, welche die antisemitische Agitation unter den in Wien ansässigen Staatsbeamten und den vom Staate besoldeten Lehrern bewirkt hat. Nicht mehr die guten alten Traditionen, nicht mehr der in allen Stürmen erprobte und bewährte alt-österreichische Geist, sondern ein wirklicher Egoismus, der damit rechnet, was für die eigene Tasche schon herausgeschlagrn wurde und was für dieselbe bei fortgesetztem Widerstande gegen die oberste Gewalt noch herauszuschlagen wäre, kam da zum Durchbruche. Wir wundern uns darüber nicht! Wer konnte auch glauben, daß jene halb überspitzte, halb frivole Politik früherer Regierungen, welche die bürgerliche Gesellschaft in ihre Atome zersetzte, die grenzenloseste Selbstsucht der einzelnen Elassen und Stände wachrief und den Krieg Aller gegen Alle entfesselte, nicht auch ihren verderblichen Einfluß auf die Beamtenschaft geübt hätte! Wer wollte glauben, daß jenes Beispiel von Schwäche und leichtfertiger Auffassung der höchsten Aufgaben des Staates, welches jahrzehntelang geboten wurde, daß der offene Widerspruch zwischen dem Geiste, ja selbst dem Wortlaute der Gesetze und dem Geiste der Verwaltung die letztere nicht bis in die untersten Ausläufer hinab corrumpirt hätte! Hunderttausenden von Staatsbürgern wurden äe laeto ihre staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten, und zum Werkzeug hiezu mußte die Beamtenschaft dienen. Die paradoxe Wirkung dieses Zustandes ist nun die Thatsache, daß die Beamten ihre staatsbürgerlichen Rechte mit souveräner Rücksichtslosigkeit gegen den Willen der verantwortlichen Staatsgewalt ausüben, daß die Begriffe von Recht und Pflicht in die heilloseste Verwirrung gerathen sind und daß vor Allem die Autorität der Regierung zunichte gemacht wurde. Der Antisemitismus hat in unserem politischen Leben die Rolle des Erpressers gespielt, er hat an Stelle von Recht und Gesetz die brutale Gewalt gesetzt. In der Natur des Erpreffers aber liegt es, seine Forderungen umso höher zu spannen, je nachgiebiger man sich gegen ihn zeigt. Und die Schwäche früherer Regierungen hat denn auch thatsächlich die Begehrlichkeit aller Claffen und Stände in's Unermeßliche gesteigert, es ist nur noch von den Pflichten des Staates gegen seine Bürger, aber nicht mehr von den Pflichten der Bürger gegen den Staat die Rede. Es ist, scheint uns, die höchste Zeit, daß diesem traurigen Zustande ein Ende gemacht werde und daß eine starke Hand den Respect vor dem Staatswillen und den Staatsbedürfnissen wiederherstelle.- Unsere Glaubensgenoffen aber werden vielleicht gut daran thun, dem Verlaufe dieses Regenerationsproceffes fortab als passive Zuschauer zu folgen. Ihre Hingebung, ihre Liebe zu Kaiser und Reich haben sie nicht erst zu erweisen, in allen Stürmen und Drangsalen haben sie sich als musterhafte Patrioten bewährt, trotz aller Ungesetzlichkeiten, unter denen sie zu leiden hatten, waren sie selbst die treuesten Befolger der Gesetze. Es war nicht ihre Schuld, wenn das Volksgewiffen vergiftet wurde, und es ist daher nicht ihre Sache, sich als Heilkünstler aufzudrängen. Man mißverstehe das nicht! Wir wollen unsere Pflichten gegen den Staat nach wie vor mit allem Opfermuth erfüllen. Ader wir erachten es für ein Gebot der Klugheit und des Patriotismus zugleich, uns für geraume Zeit nicht mehr in den Kampf der Parteien zu mischen. Es soll endlich Klarheit werden über Maß und Wirkung des sogenannten jüdischen Einfluffes auf das öffentliche Leben. Entweder sind wir, wie unsere Gegner behaupten, wirklich Schuld an der Zersetzung der Gesellschaft, dann wollen wir derselben durch unseren freiwilligen Rückzug Gelegenheit geben, sich wieder zu regeneriren; oder wir tragen daran keine Schuld, dann muß diese Thatsache durch unsere Abstinenz zur allgemeinen Erkenntniß gelangen. Die eben vollzogenen Gemeinderathswahlen richten sich nicht mehr gegen die Juden, und'es gibt nun auch ganz andere Dinge zu schützen als , die Ehre und das Recht unserer Glaubensgenossen. Wir werden