Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021125--05398-3029631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Vr. Vloch's WochrnptzrW. Seite 187 Herrn Elkan Benjamin, der sich aufbläht, weil feine reiche Gemeinde bei seinen Predigten einschläst, dem werde ich es eintränken, so wahr es einen Hüter Israels gibt! Aller Welt werde ich von seinen vier Geliebten erzählen." „Unsinn! Hüten Sie sich vor der bösen Nachrede mahnte Reb Schemuel. „Woher wissen Sie das?" „Es ist Tauras Mansche*)", sagte der kleine Dichter. „So war ich hier sitze! Fragen Sie Jakob Hermann, er hat es mir erzählt. Warum darf er mich verleumden und ich nicht die Wahrheit über ihn sagen? Ich werde ihn schon einmal erwischen. Sie wissen, er hat das Gerücht verbreitet, daß ich, ehe ich nach London kam, zuerst zu den Meschumodim **) hielt." „Nun, dazu hatte er doch einigen Grund," meinte der Rabbi. „Grund?! Das nennen sie einen Grund?! Weil ich eine Woche dort wohnte, ihre Sitten und Gebräuche und die Art, wie sie die Seelen unserer Brüder bethören, studierte, um eines Tages darüber zu schreiben? Habe ich Ihnen nicht erzählt, daß kein Bissen über meine Lippen kam und daß ich das Geld, das ich annchmen mußte, um keinen Verdacht zu erwecken, an arme Juden vertheilte? Warum nicht? Es ist gut, einem Schwein eine Borste auszureißen." „Aber bedenken Sie, wenn sie nicht ein so großer Heiliger und Gelehrter wären, hätte ich selbst glauben können, daß Sie Ihre Seele verkauften, um nicht Hunger zu leiden! Ich weiß, wie diese Teufel die hilflosen Einwanderer ködern und ihnen Brot zum Lohn für den Scheinübertritt geben. Sie sind jetzt sehr schlau geworden, sie drucken Alles hebräisch, weil sie wissen, daß wir die heilige Sprache verehren." „Ja, der gewöhnliche Laie glaubt Alles, was hebräisch geschrieben ist. Das war eben der Fehlrr der Apostel, daß sie. griechisch schrieben. Aber freilich, sie waren auch lauter Amrazim!" „Ich möchte wohl wissen, wer den Missionären das gute Hebräisch liefert," sagte Reb Schemuel. „Ja, das möchte ich auch wissen," gurgelte Pinkas, die Nase tief im Kaffee. „Aber Vater, meinst Du denn, daß kein Jude wirklich an das Christenthum glauben kunn?", fragte Hanna. „Wie ist das möglich?antwortete Reb Schemuel. „Noch nie ist ein Jude abtrünnig geworden, außer um seinen Beutel oder seinen Magen zu füllen, oder um der Verfolgung zu entgehen. Denk' an die Krypto-Juden, die Marranos, die Jahrhunderte lang ein Doppelleben führten, äußerlich Christen waren, aber im Geheimen den Glauben, die Traditionen, die Gebräuche des Judenthums von Generation zu Generation vererbten". „Ja, kein Jude war dumm genug, sich taufen zu lassen, außer wenn er klug war", sagte der Dichter paradox. „Meine liebe, unschuldige junge Dame, haben sie nicht die Geschichte von den zwei Juden im Dom zu Burgos gehört?" „Nein, erzählen Sie!", rief Levi lebhaft. „Nun, reichen Sie meine Taffe Ihrer hochverehrten Frau Mutter, sie will mir noch eine einschänken. Ihr verehrter Vater kennt die Geschichte — ich sehe es an dem Blinzeln seines gelehrten Auges". „Ja, die Geschichte ist nicht ohne", lächelte der Rabbi. „Zwei spanische Juden", begann der Dichter, ehrerbietig zu Levi gewendet, „die sich bekehrt hatten, sollten im Dom von Burgos getauft werden. Di: Kirche war gedrängt voll, und ein bekannter Cardinal sollte die Ceremonie leiten, denn ihre Bekehrung galt als ein großer Triumph. Aber der Cardinal verspätete sich und die Juden waren über die Verzögerung wüthend. Die Schatten des Abends senkten sich bereits über Schiff und Gewölbe des Domes. Zuletzt wandte sich der Eine zu dem Anderen mit den Worten: „Weißt Du was, Moses? Wenn der heilige Pater nicht bald kommt, kommen wir zu spät zu Mincha". Levi lachte herzlich; die Anspielung auf das Nachmittagsgebet gefiel ihm außerordentlich. „Diese Anekdote enthält die ganze Geschichte der großen Bewegung zur Bekehrung der Juden in einer Nußschale. Wir taufen uns in Taufwasser und wischen es uns mit dem Talis ab. Unsere Race ist nicht darnach angethan, sich durch das rein Geistige jener Religion aus den festgesetzten Gefühlen zahlloser Jahrhunderte herauslocken zu lassen. Wir lieben das Solide", sagte der Dichter, auf den das gute Frühstück eine beruhigende Wirkung zu üben begann. Der Rabbi fand an dem Hieb auf seine Race großen Gefallen, denn er besaß für menschliche Schwächen ein gutmüthiges Berständniß. Juden erzählen gern Geschichten über sich selbst, denn ihr Sinn für Humor ist zu groß, als daß sie ihre eigenen Schwächen nicht merken sollten, aber sie erzählen sie bei geschloffenen Thüren und dulden sie nicht von Anderen. Sie strafen sich, weil sie sich lieben, wie Mitglieder derselben Familie sich gegenseitig zanken. Des Räthsels Lösung ist, daß Eingeweihte die Grenzen der Kritik kennen, während Ferner- Üehent e geneigt find, Alles für bare Münze zu nehmen. Keine Race der Welt besitzt einen reicheren Anekdotenschatz, als die jüdische — einen so stachligen, sogar lästernden Humor, der den Andersgläubigen ganz unverständlich ist. Mißtrauische Naturen hätten von Pinkas' übelfließendem Füllhorn dieses Humors auf eine frühere Wanderperiode von einer Stadt des Continents in die andere gerathen, wo er gleich den mittelalterlichen Minnesängern die Gastfreundschaft seiner jüdischen Wirthe mit einem Borrath guter Geschichten und Klatsch vergalt. „Kennen Sie die Anekdote von dem alten Raw und der Hawdoloh?", fuhr Pinkas, von Simcha's Lächeln ermuthigt, fort. „Seine Frau war ein paar Tage verreist, und als sie zurückkehrte, nahm der alte Raw eine Flasche Wein aus dem Schrank, goß ihn in den Becher und begann den Segen zu sprechen. „Was thust Du?", fragte seine Frau erstaunt. „Ich mache Hawdoloh", antwortete jener. „Aber heute ist doch nicht der Schluß eines Jontew?"*), sagte sie. „Oh, doch", gab er zurück. „Mein Jontew ist aus. Du bist zurückgekommen!" Der Rabbi lachte über diese Geschichte so viel, daß Simcha's Gesicht so finster wie die egyptische Finsterniß wurde und Pinkas merkte, daß er einen Fehler begangen hatte. „Aber hören Sie nur das Ende!", improvifirte er. „Die Frau sagte: „Nein, Du irrst Dich! Dein Jontew geht erst an. Du bekommst kein Abendbrot. Der Jom Kippur beginnt". Simcha's Gesicht hellte sich auf, und der Rabbi lachte noch herzlicher. „Aber ich verstehe die Pointe nicht, Vater", sagte Levi. „Die Pointe? Höre mein Sohn! Erstens sollte er einen Bußtag haben, der ohne Abendbrot beginnt, weil er sich gegen sein treues Weib durch Grobheit versündigt hatte. Zweitens, weißt Du nicht, daß der Jom Kippur ein Jontew genannt wird, weil wir uns über die Güte des Schöpfers freuen, der uns gestattet, zu fasten? So ist es, Pinkas, nicht wahr?" „Ja, das ist die Pointe der Geschichte und ich glaube, die Rebbezin trug den Sieg davon". „Rebbezins haben immer das letzte Wort", sagte der Rabbi. „Aber habe ich Ihnen schon die Geschichte von der Frau erzählt, die neulich meinen P'ßak**) anrief. Sie zeigte mir des Morgens eine Henne und sagte, daß sie beim Aufschneiden des Kropfes eine rostige Stecknadel gefunden habe, die die Henne verschluckt haben mußte. Sie wollte wissen, ob die Henne gegeffen werden könne. Es war eine sehr schwierige Sache, denn wer kann sagen, ob die Stecknadel zum Tode der Henne beigetragen bat? Ich sah die Poßkim nach, berieth mich auch mit dem Maggid, mit Sugarman, dem Schadchen, und mit Herrn Karlkammer, zuletzt kamen wir überein, daß die Henne trephe sei und nicht gegeffen werden dürfe. Am selben Abend ließ ich also die Frau holen, aber als ich ihr unsere Entscheidung mittheilte, brach sie in Thränen aus und rang die Hände. „Kränk' Dich nicht!" sagte ich, denn sie that mir leid, ich werd' Dir eine andere Henne kaufen". Aber sie wollte sich nicht trösten laffen. „Weh, weh", schrie sie, „wir haben sie gestern ganz aufgegeffen!" Pinkas wand sich vor Lachen. Als er sich erholte, zündete er seine halbausgerauchte Cigarre an, ohne um Erlaubniß zu fragen. „Auf jeden Fall", sagte er, „haben Sie hier eine Tömmere Gemeinde, als der Rabbi meines Heimatsortes, der eines Tages seiner Khille mittheilte, daß er abdanken wollte. Erschrocken schickten sie einen Abgesandten zu ihm. der ihn fragte, warum er die Gemeinde verlassen wolle. „Warum?", *) Das heißt, so wahr wie das Gesetz Moses'. »*) Getaufte. •) Feiertag. **) Entscheidung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.