Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 186 Nr. 9 Dr. Vloch's Wochrnschrifi. Andacht. Dann packte cr Hanna's Hand, prcßte die grimmigen Lippen darauf, indem er auf deutsch murmelte: „Du bist heute so lieblich wie die Rose von Karmel," beugte sich herab, drückte den Mund auf die Rcckzipsel des Rabbi und wünschte zuletzt Levi einen guter Morgen, worauf dieser sehr liebenswürdig „Guten Morgen, Herr Pinkas" antwortete. „Scholaum Alechem,*) Pinkas," sagte der Rabbi. „Ich Hab' Sie heute nicht in Schul gesehen, obgleich Rosch Chodesch**) ist." „Nein, ich war in der großen Schul," antwortete Pinkas auf deutsch. „Wenn Sie mich nicht sehen, so bin ich sicherlich anderswo. Wer wie ich so lange im Lande Israels gelebt hat, kann nicht ohne ein Minjan beten. Im heiligen Lande pflegte ich jeden Morgen vor dem Gottesdienst eine Stunde in der Schul zu studiren. Aber ich bin nicht hergekomme i, um von mir selbst zu reden. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, ein Exemplar meiner neuen Gedichte, betitelt „Metataron's Flammen", anzunehmen? Ein schöner Titel, nicht wahr?! Als Chanochlebend zum Himmel auffuhr, wurde er in Feuer flammen verwandelt und Metataron, der große Geist der Kabbala. So bin ich zum Himmel der Lyrik aufgefahren und ganz Feuer und Flamme und Licht." Der Dichter war ein kleiner, schlanker, schwarzer Mann, mit langem, verfilztem Haar. Sein Gesicht hatte die Form einer Axt und war dem eines Azteken nicht unähnlich; die Augen wurden durch überhellen Glanz entstellt. In der einen Hand hatte er einen Stoß kleiner Bücher, in der anderen eine erloschene Cigarre. Er legte die Bücher auf den Frühstückstisch. „Endlich!" sagte er. „Sehen Sie, es ist gedruckt — das große Werk, das diese ungebildeten, englischen Juden verfoulsn ließen, während sie ihren dummen Predigern Tausende zahlen, damit sie weiße Cravatten tragen." „Und wer hat es jetzt gezahlt, Herr Pinkas?" fragte die Rebbezin. «Wer? Wer?" stammelte Melchisedek. „Wer denn sonst als ich. „Sie sagen doch, daß sie blutarm sind?" „So wahr wie das Gesitz Moses'!" Aber ich habe Artikel für die Jargonblätter geschrieben. Sie bestürmen mich, sie haben in ihren Redoctionen keinen Einzigen, der die Feder zu führen weiß! Geld kann ich aus ihnen nicht herauspreffen, meine liebe Rebbezin, sonst hätte ich heute schon gefrühstückt; aber der Herausgeber des größten Blattes ist auch Drucker und hat mir zum Dank mein kleines Buch gedruckt. Aber ich glaube nicht, daß ich davon satt werde — oh, Rebbezin. Haschern jisborach segne Sie, natürlich trinke ich eine Tasse Kaffee! Ich kenne Niemanden, der einen so feinen Kaffee machen kann, wie Sie; er könnte als Gewürz dienen, wenn der Allmächtige unseren Tempel wiederherstellte. Sie sind ein glücklicher Mann, Rebbe! Sie erlauben doch, daß ich mich an den Tisch setze?" Ohne die Erlaubniß abzuwarten, schob er einen Stuhl zwischen Hanna und Levi und setzte sich; dann stand er wieder auf, wusch sich die Hände und bediente sich mit einem überzähligen Ei. „Hier ist Ihr Exemplar, Reb Schemuel," fuhr er nach einer Pause fort. „Sehen Sie, hier ist die allgemeine Widmung: „Den Stützen des englischen Judenthums". Es sind lauter Eselsköpfe, aber man muß versuchen, sie auf etwas Höheres zu lenken. Freilich versteht kein Einziger von ihnen hebräisch, nicht einmal der Oberrabbiner, den ich aus Höflichkeit ein Exemplar sandte. Vielleicht wird er meine Gedichte mit einem Lexikon lesen können; er kann entschieden kein hebräisches Wort ohne zwei grammatikalische Fehler schreiben. Nein, nein, Reb Schemuel, vertheidigen Sie ihn nicht, weil er ihr Vorgesetzter ist! Sie sollten sein Vorgesetzter sein — aber er spricht englisch und die Narren glauben, daß man für einen Rabbi taugt, wenn man Unsinn in gutem Englisch spricht." Diese Bemerkung berührte eine wunde Stelle in der Seele des Rabbis. Der einzige Aerger seines Lebens war das Bewußtsein, daß hochmögei de Personen ihm mißgünstig waren, weil sie in ihm ein Hinderniß zur Assimilation des Ghettos sahen. Er kannte seinen Fehler, konnte aber nie begreifen, warum es so nothwendig war, ein Engländer zu werden. Juda hatte doch geblüht, ehe England erfunden worden war. Daher that ihm die Bemerkung des Dichters heimlich wohl. „Sie wissen sehr gut, daß ich und Sie die Einzigen in London sind, die die heilige Sprache correct schreiben können." „Nein, nein!" wehrte der Rabbi ab. „Ja, ja!" ries Pinkas mit Nachdruck. „Sie schreiben ebenso gut wie ich. Aber werfen Sie jetzt einen Blick auf die Specialwidmung, die ich Ihnen eigenhändig hineinschrieb: „Der Leuchte seiner Generation, dem großkn Gaon, dessen Ruhm bis an's Ende der Welt reicht, an dessen Lippen das Volk des Herrn hängt, dem nie versiegenden Brunnen, dem mächtigen Adler, der auf den Flügeln des Wissens zum Himmel sich aufschwingt. Reb Schemuel, dessen Licht nie getrübt werden und zu dessen Lebzeiten für Zion der Befreier erscheinen möge!" „Da, nehmen Sie es, erweisen Sie mir die Ehre, es anzunehmen! Es ist die Huldigung des Genies vor der Gelehrsamkeit, die bescheidene Gabe, die der ein hebräische Gelehrte Englands dem zweiten bietet." „Ich danke Ihnen," sagte der Rabbi gerührt. „Das ist zu schön von Ihnen. Ich werde es gleich lesen und zu meinen liebsten Büchern legen, denn Sie wissen, daß ich Sie für den besten jüdischen Dichter seit Jehuda Halevi halte." „Ja, das bin ich! Das weiß ich! Das fühle ich! Es verzehrt mich, das Leid unseres Stammes läßt mich in der Nacht nicht schlafen, die Hoffnungen der Nation durchzucken mich elektrisch, ich befeuchte im % unkeln mein Lager mit Thränen". — Pinkas hielt inne, um sich noch ein Butterbrod zu nehmen. „In der Nacht werden meine Gedichte geboren, die Worte verwandeln sich in meinem Kopfe in Musik und ich singe, wie Jesaja, die Wiedererstehung unseres Landes und werde dcr Dichter-Patriot meines Volkes. Aber diese Engländer! Sie denken nur an's Geldverdienen und stopfen es ihren satten Predigern in den Hals! Meine Gelehrsamkeit, meine Poesie, meine göttlichen Träume — was nutzen sie mir? Ich habe Bückledorf, dem reichen Bankier, ein Exemplar meines Büch» leins geschickt, mit einer speciellen eigenhändigen Widmung auf deutsch, damit er es verstehen kann. Und was hat er mir geschickt? Lumpige fünf Schilling! Fünf Schilling — dem einzigen Dichter, in dem noch dos himmlische Feuer lebt! Wie kann das himmlische Feuer von fünf Schillingen leben?! Ich habe beinahe Lust gehabt, es ihm zurückzuschicken. Und Gideon, der Abgeordnete! Eines der Gedichte ist ein Akrostichon auf seinen Namen, damit er der Nachwelt überliefert wird. Da ist es! Nein, auf der Seite, die sie soeben umschlugen. Ja, da ist es, es fängt an: Großer Führer der Schaaren Israels, Ich singe von Deinem Ruhm, Lu göttlich begabter Gelehrter. Diese Widmung ist in englischer Sprache verfaßt, denn er versteht weder hebräisch noch deutsch, dieser elende, protzige, eitle Amholz!" „Was, hat er Ihnen gar nichts gegeben?," fragte der Rabbi. „Nicht genug daran, er schickte mir das Buch zurück! Aber ich werde mich rächen! Ich werde das Akrostichon aus der nächsten Ausgabe entfernen und ihn der Vergessenheit anheimfallen lassen. Ich war in der ganzen Welt, in allen großen Städten, wo es Juden gibt: in Rußland, in der Türkei, in Deutschland, in Rumänien, in Griechenland, in Marokko, in Palästina. Ueberall sind die die größten Rabbonim vor Freude wie Hirsche aus den Bergen gesprungen, wenn sie hörten, daß ich kam. Sie nährten und kleideten mich wie einen Prinzen. Ich habe in den Synagogen gepredigt, und überall sagten die Leute, die Zeiten des Wilnaer Gaon seien wiedergekommen. Meilenweit kamen die Frauen herbei, um sich von mir segnen zu lassen. Sehen Sie sich meine Zeugnisse von den größten Heiligen und Gelehrten an! Aber in England, in England! Sagt man in England zu mir: „Willkommen, Melchisedek Pinkas! Willkommen, wie der Bräutigam der Braut, wenn der lange Tag vorüber und das Fest vorbei ist! Willkommen mit der Fackel Deines Genies, mit der Bürde Deiner Gelehrsamkeit? Hier haben wir keine großen und weisen Männer. Unser Oberrabbiner ist ein Idiot. Komm, sei Du unser Oberrabbiner!" Sagen Sie das?! Nein! Man begrüßt mich mit Verachtung, mit Spott und Hohn! Aber Sr. Ehrwürden *) Friede sei mit Euch! •*) Neumond.