Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Blvch's Wochenschrift Seile 185 beließ er übrigens in ihrer Stellung, ja besserte ihnen sogar ihren Gehalt aus, was ziemliches Staunen erregte, sintemalen so was seit 1815 nicht vorgekommen. Auch das war häufig Gegenstand unserer Frage, ob Berger eine Jnstallationsfeier veranstalten und wer daran theilnehmen KMb? Wer refusiren und wie er abgetrumpft werden wird? ” Allein vergebens harrten wir der pikanten Ereignisse. Berger veranstaltete keine KamukLrö (wie man bei uns zu sagen pflegt). Er setzte sich ganz einfach auf sein Gut hin. Oder eigentlich nicht einmal er, sondern — wie man sich erzählte — sein Sohn, der bisher an ausländischen Akademien studirte und nun hier die Landwirthschaft wissenschaftlich betreiben wird. Durch den Besitzankauf wurde Berger auf einmal Virilist im Comitate. Er zeigte sich bei den Quartalscongregationen im landwirthschaftlichen Vereine und fuhr nicht mehr im schlechten Mielhwagen, sondern in einer gewöhnlichen schwarzen Kutsche, vor welche zwei Arbeitspferde gespannt waren. So kam er in die Stadt herein, bescheiden, still; eigentlich kam er gar nicht, er sickerte blos nur so herein. Ruhig und leise sprach er, kaum wurde es wahrgenommen, daß sein vom Grübeln und weitausgreifenden Handelsplänen durchfurchtes Antlitz, seine von starker unaufhörlicher Arbeit gebeugte Gestalt unter ihnen anwesend war. Man liebte ihn nicht, haßte ihn vielmehr und hatte nicht die geringste Anerkennung für ihn. Daß der Obergespan ihn ein oder zwei Mal zum Diner lud, änderte gar nichts an seiner Stellung. Deshalb hieß man ihn doch immer nur den Rüben-Berger, und kaum daß er mit seinem Fuße wieder aus der Stadt draußen stand, hatten wir ihn auch schon so vergessen, als ob wir ihn nie gesehen hätten. Der Comitatsadel veranstaltete einen mit einer großen Dilettantenvorstellung verbundenen Ball. Unser Ball war immer sehr schön, es war eine Freude, die frohen frischen jungen Triebe der alten Stämme beisammen zu sehen. Auch diesmal machte man große Vorbereitungen dazu. Der junge Berger erlaubte einem von uns entsendeten Diurnisten gerne, aus seinem Walde drei Fuhren Eichenlaub zur Decorirung des großen Comitatssaales und des Stiegenhauses in die Stadt zu bringen. Der Diurnist frühstückte ganz vorzüglich draußen in Klein-Darücz und erzählte, daß in den Treibhäusern daselbst wunderschöne Palmen und exotische Blumen seien. Der Präses des Ballcomites ersuchte auch darum zur Ausschmückung der Saalecken und des Podiums für die Lady Patroneß. Am Balltage um die Mittagsstunde langten drei große Wagen des kleinen Rüben-Berger an (so nannten wir den jungen Berger, den wir übrigens gar nicht kannten) die voll sorgfältig verpackter, in Watta gehüllter tropischer Gewächse und frisch gepflückter Blumen waren. Drei fachkundige Gärtnerjungen begleiteten die kostbaren Sprößlinge. Das Ballcomite war sehr ergriffen und Muki Sarlay sagte sogar im der Kanzlei des Obernotärs: Hört Jungens! Diesen kleinen Rüben-Berger hätten wir zum Ball laden sollen. Allgemeine Entrüstung entstand auf diese Bemerkung hin, und nach wenigen Augenblicken erschien Muki Sarlay vor der öffentlichen Meinung in einem solchen Lichte, als ob er die Comitatsehre besudelt hätte. Er soll uns noch danken, daß wir seine Gefälligkeit acceptirten. Was kann er denn noch wollen? Das wäre der erste Fall, uns so schwach zu zeigen, als ob uns das Vermögen imponiren würde. Unser Ball verlief also makellos und mit vorzüglichen Erfolg; tagsdarauf kehrten Berger's Gärtner mit den tropischen Gewächsen nach Darocz zurück und jeder hätte die Sendung schon längst vergessen, wenn Graf Elemec Daröczh (der Comitats- Obernotär ad honorem war) nicht verächtliche Bemerkungen über die Art und Weise gemacht hätte, in welcher sich der kleine Rübenjunge in die Gesellschaft eindrängen wollte. Auch darüber lachten wir noch einige Tage in den Bureaustuben, dann gingen wir wieder zur Tagesordnung über. Da schlug Berger's Szentjobithum ein. Als die ersten Heiterkeitsausbrüche vorüber waren, fiel man über den Obergespan her, der das „dort oben" (darunter verstanden wir die Negierung) einfädelte. Der Obergespan murmelte, sich duckend und geheimnißvoll die Achseln zuckend, etwas von Gemeinwohl, staatlichen Gesichtspunkten, gab aber nie eine entschiedene Antwort und dieses Vorgehen ließ die Ansicht aufkommen, daß der Obergespan in der Sache ganz unschuldig und dies rein das Werk der Regierung sei. Dann folgte die Quartalscongregation des Comitats. Als Virilist nahm daran auch Adolf Berger theil. Als man schon mitten in den Berhandlungsgegenstäuden war, erhob sich der als entschlossener Mann bekannte Obernolär und beantragte, nach einer ziemlich farblosen Einleitung mit einigen wenigen Worten, daß die Versammlung unfern „Mitbürger" Adolf Berger aus Anlaß seiner Erhebung in den Adelsstand begrüßen möge. „Abzug! Abzug!" schrie ein Knäuel Männer. Andere wieder, welche bemerkt hatten, daß der Obergespan dem Antrag zustimmend nickte, riefen: „Hört! Hört!" „Nicht nöthig! Was geht uns das an? Ein erkaufter Adel. Wie tief sollen wir uns noch erniedrigen? Was drängt er sich so ein?" Solche scharfe Rufe vernahm man aus dem allgemeinen Lärm. Als dann auf einen Moment Ruhe eintrat, schmetterte von der Galerie eine Stentorstimme herunter: „Das ist eine Gemeinheit, mit einem ehrlichen Menschen so zu verfahren! Ein fürchterlicher Lärm entstand hierauf. Fäuste erhoben sich gegen den Zwischenrufer und Jeder forderte, daß er seinen Namen nenne, und die Hajduken ihn aus der Galerie hinauswerfen. Am allerwüthendsten aber war Petri Bolrlzs, der Führer und das Ideal der Comitatsjugend. Er sprang auf einen Sessel und forderte so den Unbekannten auf, sein Jncognito abzulegen. Bon der Galerie blickte ein stämmiger, breitschulteriger junger Mann mit braunem Antlitz auf die Brausenden herab. Eine Weile schwieg er nur, dann schmetterte er, seinen Mund zum Trichter machend, herab: „Ich bin Adolf Berger's Sohn!" „Der Rübenjunge!" „De Szentjöb!" Schallendes Gelächter entstand auf die zwei gellenden Zwischenrufe hin. Der Obergespan läutete unaufhörlich, doch vergebens. Die Damen entfernten sich eilends von der Galerie, der alte Berger wankte bleich aus dem Sitzungssaal hinaus, in dem Petri noch immer gegen den kleinen Berger herumfuchtelte, der ihn und die um ihn versammelte jennesse doröe ganz ruhig fixirte. Die Fortsetzung besten war, daß der kleine Berger Petri auf der rechten Hand zum Krüppel hieb, dem Sallay den Cylinder vom Kopfe schoß, undBerczi Kamzsay eine zweiunddreißignähtige Wunde auf der Brust beibrachte, in Folge deren er zwei Wochen lang in Darocz darnieder lag und man sogar Pester Aerzte zu ihm kommen lassen mußte. Kaum war er genesen, lud ihn der Obergespan zum Piknik ein. Der junge Berger schickte der Frau Obergespan und ihren Fräulein Töchtern am Tage der Unterhaltung prächtige Bouquets. Nach dem Piknik wurde gegen Morgen den schönen Frauen und Mädchen, die daran theilgenommen. eine Musikserenade gebracht, hernach begaben wir unS in's Hotel Hungaria, setzten unsere Unterhaltung dort bis Abend fort und zogen dann mit der Zigeunermusik nach Daröcz hinaus, wo der Nachschmaus drei Tage lang dauerte. Zwei Monate später wurde der kleine Berger vom Ausschüsse einstimmig in's adelige Casino ausgenommen. Als ich dies dem Vicegespan berichtete, schüttelte er den Kopf und sagte: „Ungarblut, thörichtes Blut; wie verführet Ihr mit dem Alten, und wie verfahret Ihr mit seinem Sohne. Ihre Vorzüge wollen wir nicht befolgen, aber unsere Fehler, die sie angenommen, gefallen uns in ihnen und machen sie uns sympathisch." (Budapesti Hirlap.) Feuilleton. Rinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Siebentes Capitel. Der neuhebräische Dichter. Melchisedek Pinkas trat durch die offene Hauspforte ein, klopte leicht an die Zimmerthür, öffnete sie und küßte die Mesuffah davor. Dann kam er herein, riß die Hand der Rebbezin vom Henkel der Kaffeekanne und küßte sie mit der gleichen