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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 178 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 9 c-L berechtigt sei, diese Uebel in unserem Volke, die allerdings zu bekämpfen seien (Wucher, Auswüchse der Speculattnn u. A.), den Juden zuzuschreiben. Müsse er (Egidy) die Frage mit „Ja" oder „Nein" beantworten, so sage er „Nein". Die Christen seien Loch seit Hunderten von Jahren Herren im Lande, habe man da Fehler gemacht, so sei das ihre Schuld; fielen den Juden bisher gewisse Berufe und Beschäftigungen zu, weil andere ihnen verschlossen waren, so sei das nicht deren Schuld. Man habe ihnen die Bürgerrechte verliehen und sie doch nicht ganz als zu uns gehörig betrachtet, und das röche sich. Es wäre aber eine Schande, und er als Deutscher würde sich schämen, auch nur die Bfforgniß zu äußern, daß 49 Millionen Deutsche sich von den Juden, deren Anzahl nicht einmal eine Million bilde, vergewaltigen lassen oder deren etwaige schlechte Eigenschaften annehmen würden. Was schließlich die sogenannte Sympathie oder Antipathie betrefie, so sei das vielfach Gewohnheits- und Modesache und eine sehr ernste Erziehungsangelegenheit. Die Antipathie gegen die Juden, wie der Antisemitismus überhaupt, sei aber ganz plötzlich gekommen. Vor 25 Jahren habe man nichts davon gewußt. Vor etwa 30 Jahren sei dagegen die Abneigung zwischen den deutschen Stämmen so groß gewesen, daß es für einen preußischen Officier fast unmöglich war, ein badisches oder sächsisches Eoelsräulein zu heiraten. So veraltet uns das jetzt berühre, so unzeitgemäß werde uns auch einst die Abneigung gegen oie Juden erscheinen. Der Antisemitismus müsse ans unserem Leben verschwinden; was wir dafür brauchen, das sei die Anticorruption, wo und wie wir die Uebel finden. Der Schelm von Wien. Der Wiener Scharfrichter würde mit Recht entrüstet sein, beginge Einer die Unanständigkeit, ihn zu einem Vergleich mit dem ^rnst Schneider zu mißbrauchen. Eine erleuchtete Gegenwart ist längst von dem mittelalterlichen Vorurtheil abgekommen, den köpfenden und hängenden Beruf als „unehrlich" zu verdammen. Während dies bezüglich des Ernst Schneider weder ein Vorurtheil ist, noch auch mittelalterlich genannt werden kann. Wie gesagt, den Wiener Scharfrichter in allen Ehren. Wir sind vollauf üb.rzeugt, daß er dem Ernst Schneider nicht anders nahe käme, als angethan mit seinen berufsmäßigen, schwarzen Handschuhen ... , Um also heute dem Ernst Schneider gerecht zu werden, müffen wir in die Vergangenheit zurückgreifen, wir müsten dem Schelm von Wien den Schelm von Bergen gegenüberstellen. Signor Stampiglio hat nämlich blutige Gelüste. Er sehnt sich nach Scharfrichter-Ehren und hat gestern in einer antisemitischen Wähleroersammlung einen bemerkenswerthen legislatorischen Vorschlag gemacht. Es handelt sich nicht, wie man vorschnell annehmen möchte, um die Beseitigung der Betrugsparagropheu. Der Ernst Schneider ist auch nicht Egoist genug, ein Gauner-Pantheon zu beantragen. Sein Gesetzentwurf bezweckt vielmehr die Lösung der Judenfrage. Wenigstens die politische Bethätigung der Juden soll ein für allemal aus der Welt geschafft werden. Das Gesetz ist so kurz und bündig, daß wir sämmtliche Paragraphe — es sind deren nur vier — unseren Lesern mittheilen wollen. Man höre also: 1. Jedem Juden wird das Wahlrecht genommen. 2. Jeder Jude, der sich an einer politischen Wahlhandlung betheiligt, w i r d zum Tode verurtheilt. 3. Mit dem Vollzüge des Gesetzes wird der Abgeordnete Schneider beauftragt. 4. Wenn der Abgeordnete Schneider einen Einzigen gegenüber seine Pflicht nicht erfüllt oder nachgiebig ist, wird dem Schneider der Kopf abgeschlagen. Wir Hallen es für überaus zwecklos, uns des Ausführlicheren mit dem Antragsteller zu beschäftigen. Wir sind kein Fachblatt für Criminal-Psychologie, und was Max N o r d a u über die „Entarteten" gesagt hat, was er von den Blutfaseleien, den Fieberphantasien des Mordes im letzten Stadium der Entartung erzählt, ist ziemlich allgemein bekannt. Aber die Sache ist der Erwähnung werth. Der Kerl sprach ja nicht in einer Arrestzelle, er hielt keinen Monolog im Schubwagen, sondern er redete vor Hunderten von Leuten. Seine Bierstimme scholl in einem großen, menschengefüllten Saal, und die Zuhörer ergötzten sich mit theilnahmsvoller Neugier an dem Kriegstanz dieses leider unscalpirten Indianers. Es fand sich Niemand, der trotz aller Parteizugehörigkeit, trotz alles Fanatismus ruhig Blut genug bewahrt hätte, um sich entsetzt an den Kopf zu greifen und angstvoll zu fragen: „Sind wir in Sechshaus oder vielleicht in Döbling im Irrenhaus!" Wir thun unrecht, uns mit diesen Menschen zu beschäftigen. Hier hat der Politiker zu schweigen, der Criminalist entsagungsvoll zurückzutreten. Hier hat allein der Arzt das Wort. st—g. Ein Lueger-Verehrer. Prag, 21. Februar. Die bekannteAffairedes antisemitischen Croaten Georg Jambrischak aus Agram, eines 22jährigen Hörers der hiesigen czechischen Technik, welche damals die hier studirenden Croaten veranlaßte, in einer öffentlichen Erklärung jede Gemeinschaft mit ihm entrüstet abzulehnen, gelangte heute vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes zum Äustrage. Jambrischak, welcher bereits wegen Wachebeleidigung vorbestraft ist, hatte in der Nacht des 15. November in Begleitung mehrerer croatischer Studenten auf dem Graben unter den Rufen „Hoch Lueger!" in rüdester Weise den hiesigen Bankgeschäftsinhaber Eduard Kisch, welcher mit Frau und Tochter aus der Tanzstunde heimkehrte, insultirt und mit den Rufen: „Saujuden, Ihr seid keine Menschen! Dem Juden kann man Alles anthun!" mit erhobenem Stock thätlich bedroht. Kisch, welcher stets einen geladenen Revolver bei sich trägt, weil sein Oheim vor drei Jahren in seinem Gefchäftslocal in Olmütz ermordet worden war, zog die Waffe und rief: „Der erste Schuß geht in die Luft, der zweite trifft Sie!" Jambrischak ließ sofort den Stock sinken und wurde von einem antisemitischen deutschen Studenten aus Prag, Mitglied der Burschenschaft „Teutonia", fortgezogen. In der Obstgaffe insultirte jedoch Jambrischak abermals mehrere jüdische Hochschüler, zerriß einem den Winterrock und schrie: „Saujuden, Euch muß man alle todtschlagen, nur todtschlagen!" Heute wegen Gutheißung ungesetzlicher Handlungen (Mordes und Todtschlages) vor Gericht gestellt, leugnete Jambrischak die incriminirten antisemitischen Ausrufe und gestand lediglich, Saujuden gerufen zu haben. Er wurde jedoch durch Zeugen überwiesen und zu siebentägigem Arreste verurtheilt. Während der Verhandlung wurde eine Zuschrift des akademischen Senats der czechischen Technik verlesen, welche um Mittheilung des Verhandlungsergebnisses ersuchte, da das Unterrichtsministerium über den seinerzeitigen Bericht den Senat beauftragte, Jambrischak nicht zur Jnscription zuzulassen. Die „Standesehre" der Offieiere. Wir erhalten aus Jaroslau in Galizien nachstehende interessante Zuschrift, mit deren Tenor wir uns vollinhaltlich einverstanden erklären: „Hochgeehrte Redaction! Sie würden uns sehr zu Dank verpflichten, wenn Sie die Güte hätten, die folgende Affaire in Ihrem weithen Blatte zu veröffentlichen: Der seit ungefähr sechs Jahren hier bestehende „Kaufmännische Verein" veranstaltete im heurigen Carneval einige Tanzabende, zu denen über besonderen Wunsch mehrerer Vereinsmitglieder auch einige Offieiere und Militärärzte der hiesigen Garnison Zutritt erhielten. Der hiesige Platzcommandant und Divisionär Herr FML. v. Gaup beschied nun nach dem letzten, am 8. d. M. stattgefundenen Tanzabende die betreffenden Herren Osficiere zum Rapport und bestrafte dieselben ohne jede weitere Untersuchung, weil sie — nach seiner Ansicht —durch den Besuch der Abende des Kaufmännischen Vereines ihreStandeswürde verletzt hätten. Die Rechtfertigung der Offieiere, daß auf diesen Abenden die Elite der hiesigen Intelligenz vertreten war, blieb ohne jede Berücksichtigung. Dieser Vorgang erregt hier das peinlichste Aufsehen, und zwar in allen Kreisen der Bevölkerung ohne Unterschied des Standes und der Parteistellung, ja selbst in Öfficierskreisen. Der Kaufmännische Verein, welcher aus den angesehensten Kreisen und den höchsten Steuerträgern der Stadt sich recrutirt, wird dadurch vor aller Welt declassirt und die Berührung mit demselben als diffamirend bezeichnet. Zwar soll einer Version zufolge der Herr Divisionär bei der Disciptinirung erklärt haben, die Diffamation liege darin, daß angeblich unter den Besuchern zwei oder drei Personen waren, die in die Gesellschaft von Officieren nicht hineinpassen, aber, wenn dies selbst richtig wäre, ist es denn möglich, daß jeder der Gäste alle anwesenden Personen bis in die intimsten Details ihres Charakters durchmustern kann, ob siesämmtlich „standeswürdig" sind? Das ist selbst den Einladenden nicht immer möglich, umsoweniger kann dies den einzelnen Besuchern zugemuthet werden. Wer wird behaupten wollen, daß auf den Unteroffieiersbällen, oder sogar auf Bällen des sogenannten bürgerlichen Casino durchwegs nur solche Besucher waren, die den Officieren gleichwerthig sind? Und doch hat man nie gehört, daß den Officieren der Besuch dieser Bälle verübelt worden wäre. Im Gegentheile, sie werden sogar von maßgebender Stelle zum Besuche dieser Bälle aufgefordert. Noch empfindlicher aber als die betroffenen Offieiere ist der Kaufmännische Verein gekränkt worden, denn ihm wird das Brandmal der Deelassirung ausgedrückt, ohne daß objectiv oder subjectiv irgend welche Berechtigung hierzu vorläge. Ist das der Weg, um, dem Wunsche der obersten Heeresleitung gemäß, zwischen dem Militär und Civil ein friedliches Einvernehmen und Zusammenleben zu erzielen? Der Kaufmännische Verein

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