Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 176 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 9 Es würde sich nur um die Auffindung eines gerechten Modus in der Bemessung handeln, und diesen zu finden, wird jenen Herren, welche bis nun die Direktive hatten, nicht schwer fallen. Leute mit fixem Einkommen müßten natürlich weniger stark betroffen werden als Jene mi-t variablem; uns schwebt eine scalenartige Bemeffung vor, welche, in zweckmäßiger Weffe angewendet, das Gespenst des Deficits bannen müßte. Man kann doch heute die Steuer nicht so bemessen, wie vor Decennien. Die Preissteigerung, welche auf allen Gebieten des socialen Lebens platzgegriffen hat, würde eine Erhöhung der Cultussteuer am leichtesten rechtfertigen; also wovor scheut man denn zurück? An der Opferwilligkeit der Mitglieder darf es nicht fehlen, gilt es doch, eine Gemeinde zu festigen, die auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken kann. Es handelt sich hier um kein Almosen, sondern um ein vom Staate gewährleistetes Recht, wofür hingegen dem Cultusvorsiande alle Pflichten der Erhaltung des Cultus erwachsen. Mehr Energie würde noth thun, denn mit dem Laviren und Kleinbeigeben kommt man nicht vorwärts. Erst wenn das Gleichgewicht im Haushalte der Gemeinde hergestellt ist, können andere wichtige Angelegenheiten erledigt werden. Zu den wichtigsten und brennendsten Fragen gehört die Errichtung eines geräumigen Gotteshauses im innern Stadtbezirke. Schon längst genügt der kleine Tempel in diesem Bezirke den Ansprüchen nicht mehr; bei besonderen Anlässen ist es geradezu beschämend, wie schwer man sich Zutritt verschaffen kann und das Drängen nnd Stoßen bei Hochzeiten oder an den Festtagen verleidet einem den Besuch. Damit im Zusammenhänge steht die Vermehrung der Cultusfunctionäre, welche tatsächlich über Gebühr in Anspruch genommen werden. Aber das Alles kann erst geregelt werden, wenn Ordnung in den Gemeindefinanzen herrschen wird, und daß dieses Problem gelöst werden muß, wird Jedem, der Herz und Sinn für die Gemeindeintereffeu besitzt, einleuchten. Salomon Wein st ein I., Hohenstaufengasse 17. Das Iudenkhum und die stttlichreligiöse Erziehung. Von Oscar W a l d e ck. IV. „Dem Staub entlehnt, verwächst du mit dem Staube wieder", spricht die Bibel zum Menschen. Die Lehrweise und der bildende und erziehende Stoff in ^diesem einen Satz gehören nicht in die Geschichte der Erziehung und des Unterrichts. Wie Pulsschläge des Wellherzens dringen sie in's Menschenherz. In jedem Tropfen Blut steht es geschrieben und jede Lebensfaser spricht es aus. So tief dringt kein Anatom, kein Physiologe folgt dem Gang dieses erziehenden Stoffes. „Es ist ein Finger Gottes", der so wunderbar fein in die Lebensfäden des Menschen greift und alle Erkenntnißquellen mit wenigen Worten offenbart. Wenn der Chemiker all sein Wissen und Können aufbietet, das Ziel dieses Einen Satzes wird er nicht erreichen. Das ist die Lehrweise des Geistes des Judenthums; so formt der Geist der jüdischen Erziehung den erziehenden und bildenden Stoff. Wie dunkel und umnachtet sind die Quellen, aus welchen die moderne Erziehung den Unterrichtsstoff sich holt, wie entrückt dem Naturgesetz, wie weit entfernt vom Boden, mit welchem das Menschenkind verwachsen ist. Der Schöpfer des Unterrichtsmaterials, soweit wir der Geschichte der Philosophie uns anvertrauen dürfen, ist Thales. Er hat das Waffer aus der Natur sich herausgeholt für den Anfangsgedanken — die modernen Psychologen würden sagen als „einleitenden Gedanken" — seiner Gedankenreihen. Mit der Kraft des einleitenden Gedankens ward der geistige Tyrann in die Welt gesetzt, der geistige Mechanismus, der mit philosophischen Systemen dem Menschenherzen den Weg zu den wunderbaren Erscheinungsgebieten der Schöpfung verrammelt und das System der einleitenden Gedanken als Unterrichtsmaterial mit gesetzgebender Gewalt der Schule ausgeliefert hat. So sehen wir schon in den ersten Anfängen der Geschichte der Philosophie den Scheideweg, der den Geist des Judenthums von dem des Heidenthums für immer trennt. Hier das Aufgehen des freien Geistes im Geiste der Schöpfung, dort das Aufgehen des Geistes des freien Menschen im Geiste des Unterrichtsstoffes der Schule, hier die freie Entfaltung der Individualität, dort das Aufsaugen der Kraft der individuellen Begabung durch den Geist des Unterrichtsmaterials; hier die Unterwerfung der Denkkraft dem unerforschlichen Geiste der Schöpfung gegenüber, dort die Ueberhebung der Kraft des einleitenden Gedankens der Kraft einleitender Gedanken gegenüber. Hören wir doch den Priester und Philosophen Empedokles sprechen: „Allso geschah's, daß Häupter des Nacken beraubt aufsproßten; Arme irrten umher, die der Schulter entbehrten; Augen auch schweiften vereinzelt, noch unthe'lhastig der Stirnen; Vieles entstand mit doppelter Brust in doppeltem Antlitz; Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein Anderes Mensch mit dem Haupte des Stieres-Bald wächst aus Vielem zu Einem Alles heran, bald wieder wird aus dem Einen das Viele. Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander verlaufend Werden sie Menschen und all' die unzähligen anderen Wesen." Das ist der Geist des Unterrichtsstoffes, der den Priester und Philosophen so hoch emporträgt, daß er ausrust: „Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher fürder" „Wandte bei Euch" — Nehmen wir das Buch Job zur Hand — wir wollen nicht fragen, um wie viele Jahrhunderte es früher abgefaßt wurde — und lesen wir Capitel 28: „Durch's Erdenherz zieht's Silber seine Adern — Das reine Gold hat seinen sichern Platz; Im Boden wird das Eisenerz gefunden, Und Kupfer wird aus dem Gestein geschmolzen Und liegt der Stein in ew'ger Nacht vergraben Und liegt er auch im Reich der Todesschatten Der Geist, er zieht der Finsterniß die Grenze, Und prüft, durchforscht der Erde festes Mark, Der Bergmann dringt tief in den Erdenschoß, Durchsticht den Fels — ein Wasserstrom wird frei — Dort hängt er zwischen steilen Felsenzinken, Vergessen, fern vom Menschen schwebt er — späht — Umher und forscht, durchwühlt des Bodens Grund — Jndeß die Fläche Saatenfelder trägt, Tobt unten tief wie Feuersglut der Mensch. Wo Saphir blitzt, vom gold'nen Staub umsäumt, Der Adler findet nicht den Pfad dahin, Des Falken scharfer Blick dringt nicht dahin, Da streicht kein Raubthier und da jagt kein Löwe — Des Menschenhand nur greift tief in's Gestein, Durchwühlt die Wurzel festgefügter Berge — Er sieht des Quells geheimnißvolles Haus Den Wohnsitz wunderbarer Erdenschätze — Und bringt Verborgenes an's Tageslicht — Doch Du, o Weisheit, wo bist Du zu finden — Und Du, Vernunft, sag' mir. wo ist Dein Sitz? Der Mensch kann ihren hohen Werth nicht schätzen, In diesem Leben ist sie nicht zu finden. Nur Gott allein kennt ihren Weg genau, Nur er weiß, wo sie ihren Wohnsitz hat — Er, der der Erde Säumung überblickt, Und dieses Luftmeer's Walten überwacht — Der seinen Stürmen das Gewicht bestimmt. Das Maß festsetzt für seine Oceane. Da ec die Grenze zog den Regenwolken, Der Donnerstimme ihre Richtung gab — Da sah er sie, die Meisterin der Welt —" Das ist bildender und erziehender Unterrichtsstoff, formlos und doch so formvollendet, frei durchgeistigt. Das fließt durch's Ohr in's Herz, erhebt und belebt den Geist. Das sind Gedankenkeime, die sich frei in die Seele senken und aufgehen; das ist geistige Nahrung, die die Denkrast stärkt und trogsähig macht, die, vom Gefühlsleben befruchtet, die individuelle Be-