Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 8 Seite 166 Männer und Greise erinnern sich noch heute gerne der unvergeßlich gemüthlichen Stunden, der frohen Feste, die man gemeinsam feierte, und der Ruhetage, die man voll und ganz genoß nach harter Arbeit. Da war der Freitag Abend, der Sabbath in seiner ganzen Weihe und Schönheit, jeder Neumond, das Chanuka- und Purimfest, das Frühlingsfest und das der Offenbarung und all die anderen in ihrer hohen Bedeutung, in ihrem Ernst, in ihrer Heiligkeit. Die kleinsten Kinder kannten schon die Bedeutung der hohen Tage, sie jubelten und trauerten mit ihren Eltern, sie wurden früh angehalten, zum Feste Arme und Kranke zu erquicken und kannten den hohen Genuß, zu geben und frohe, befriedigte Gesichter um sich zu sehen. In einem kleinem Städtchen, das aber eine große Judengemeinde hatte, standen mitten in einer schönen, breiten Gasse, die sich von den kleinen, winklichen, schmutzigen des Ghettos auszeichnete, der Tempel und das Haus des Rabbiners. Es war an einem regnerischen, kalten Morgen und die Gaffe schien fast ausgestorben, leer, denn die Männer waren am Sabbathabend schon hinaus in die umliegenden Dörfer gewandert, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Frauen und Kinder waren daheim beschäftigt. Die Fenster auf die Gaffe waren geschloffen, da man sich in den Wochentagen es nicht gönnte, die vorderen Räume zu betreten, sie wurden nur zum Feste benützt. Nur die Wasserträgerin Sefka mit ihrer großen Butte auf den Rücken ging von Haus zu Haus, um Jeden mit Trinkwaffer zu versorgen. Sie wareine treue, ehrliche Dienerin und obgleich selbst eine fromme Katholikin', so war sie doch ihren Dienstherrn ergeben, sprach Jüdisch-deutsch geläufig und mischte in ihre Reden alle möglichen gebräuchlichen hebräischen Ausdrücke. Sie kam^in alle Häuser, wußte zuerst, was sich im Städtchen zutrug. sie. heizte alle Oefen am Sabbath und löschte die Oellampen am Freitag Abend aus. Ihr Mann, Zdenka, ein ausgedienter Soldat, war Flickschuster am Tage und Abends Nachtwächter. Sefka ging unverdrossen an dem kalten, nebligen Morgen mit ihrer Butte von Haus zu Haus und sah nicht, daß ihr ein Fremder schon geraume Zeit folgte. Endlich redete er sie an. Seinen fremdländischen Accent konnte sie nicht verstehen. Sie sah ihn von oben bis unten mit verständnißvollen Blicken an. Dann sagte sie ruhig: „Ihr seid wohl ein Schnorrer und wollt zum Rabbiner?" Da der Mann wieder etwas sprach, das sie nicht verstehen konnte, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in die Küche des Rabbiner- Hauses. Sie goß ruhig das Wasser in den bereitstehenden Behälter, dann rief sie die Gattin des Rabbis. Bald erschien dieselbe, eine Frau in den besten Jahren und stattliche Figur. Sie fragte freundlich nach dem Begehr des Fremden. Da er sehr schlecht Deutsch sprach und viele italienische Worte in die Rede verflöchte, verstand auch sie ihn nicht. Sefka aber verfuhr energisch mit dem Fremden. „Seht Ihr nicht, Rebbezin, er ist ein Schnorrer und scheint krank zu^sein. Gebt ihm etwas Warmes." Und zu den Fremden gewendet, fuhr sie mit lauter Stimme fort: „Der Rabbiner ist beim Schiur, in einer halben Stunde könnt Ihr ihn sprechen." Kraftlos sank der Mann auf den für ihn bereitgestellten Schemel, sein edles, von langen dunklen Locken umrahmtes Gesicht war blaß und die dunklen Augen glühten wie im Fieber. Mit zitternder Hand nahm er den warmen Trunk. Doch konnte ec nichts zu sich nehmen. Ein Unwohlsein überfiel ihn, er sank um. Erschrocken eilten alle Hausbewohner herbei, die das laute Schreien Sefkas gestört und auch der Rabbiner kam aus seiner Stube, gefolgt von seinen Schülern. Der Fremde hatte sich erholt. Ein starker Fiebersrost schüttelte ihn. Man ließ ihm alle Hilfe angedeihen und erfuhr dann, als er sich kräftiger fühlte, daß er Maler sei und nach seinen Bruder suche, der in österreichischen Diensten stand. Da er aus Italien gekommen, vertrug er das rauhe nordische Klima nicht und war elend und krank geworden, aller Mittel beraubt. Da es in dem kleinen Städtchen kein Spital gab. übernahm Sefka die Pflege des Kranken und alle steuerten bei und halfen ihr bei der Pflege. Nach einigen Wochen genas er. Er kam zum Rabbi, um sich zu bedanken. Er war noch nicht fähig zur Weiterreise und bat um Arbeit, da er nicht länger so viel Wohlthaten annehmen könnte. Der Rabbi versprach ihm, sich an den. hochwürdigen Dechant zu wenden, mit dem er auf freundschaftlichen Fuße stand und der Maler erschöpfte sich in lebhaften Aeußerungen des Dankes, nie habe er geglaubt, daß das verachtete Volk der Juden so edel handeln könnte. Der Geistliche und der Rabbiner lebten mit noch einigen geistig bedeutenderen Männern in einem so kleinen Städtchen mit dem Arzt und Apotheker freundschaftlich und selten gab es Gehässigkeiten. Der Maler bekam auch bald mit Hilfe des Geistlichen Arbeit und da seine Bilder sehr ähnlich ■ wurden und Talent verriethen, hatte er viel Zuspruch und war ein gern gesehener Gast bei Juden und bei Christen. Wochen waren vergangen. Der Freitag Abend war wieder da. In der Judengasse wars lebendig geworden. Die Männer waren von ihren Wanderungen heimgekehrt, überall sah man geschäftiges Treiben. Der Rabbiner schritt, über seine Predigt nachdenkend, in seinem Studierzimmer auf und ab. Er war eine schöne, achtung gebietende Erscheinung. Edel war sein blasses Gesicht, welches von einem schwarzen Vollbart umrahmt wurde, sein Anzug ließ ihn noch größer erscheinen, als er es war. Er trug lange schwarze seidene Strümpfe mit Halbschuhen, eine schwarze Weste mit gleicher Cravatte, aus der am Halse ein weißer Streifen herorleuchtete und darüber einen schwarzen langen Rock und ein Sammtkäppchen auf dem vollen lockigen Haar. In der ganzen Gemeinde war er geachtet und geliebt, und von Nah und Fern strömten Schüler herbei, um seinen Unterricht zu genießen. Auch seine Gemeinde nahm ihn fortwährend in Anspruch, die Thüre stand nicht still, man wandte sich mit Allem zuerst an den Rabbiner. Da hatte er Gemeindeangelegenheiten zu ordnen, da Streitigkeiten zu.schlichten, da einige Fragen besorgter Hausfrauen in Küchenangelegenheiten zu beantworten, hier einen armen Reisenden abzufertigen, und dergleichen mehr. Endlich wars Abend. Die siebenzackige Oellampe brannte im weißgetünchten Zimmer und vier Kerzen in silbernen Leuchtern strahlten ihr Licht aus auf die versammelte Familie. Am obersten Ende des Tisches saß der Hausherr, vor ihm stand der silberne Pocal und die mit einer Sammtdecke verhüllten Becher. Zur Rechten hatten seine Gattin und Töchter Platz genommen und sein Sohn, am untersten Ende saßen die Bocherim und die Fremden, die, fern der Heimat, beim Rabbiner stets Aufnahme fanden. Der große Kachelofen strahlte behagliche Wärme aus, das ganze Zimmer bot den Anblick des Friedens > und Behagens. Ein fröhliches Mahl, gewürzt von angenehmen Gesprächen hielt die Tischgenoffen lange zusammen. Die Fremden wußten viel Interessantes zu berichten und die Bocherim wußten auch mit ihrem Wissen zu glänzen. Endlich befahl der Rabbiner „benschen". — Einem Gaste war die Ehre des Vorbetens zu theil. Der kleine Sohn, Heinrich, betete laut bis zum Schluffe mit. „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen, einen Gerechten verlassen und seine Kinder um Brot betteln.". „Baterleben, Hab ich's gut gemacht?" rief der Kleine. Alle bejahten. „Du wirst auch einst ein großer Rabbi werden, wie Dein Vater," „Geh' schlafen", mahnte die Mutter, es ist spät geworden." — Die Lampen begannen düster,zu brennen. Sefka schlief am Eingang des Zimmers. Die Fremden verabschiedeten sich. Die Bocherim zögerten noch. Endlich faßte sich der eine, der Kammer genannt, ein Herz, ging auf den Rabbiner zu und jagte schüchtern: „Rabbileben verzeiht. Wir sollen Euch bitten, daß Ihr i uns erlaubt ein Purimspiel." — „Geht mit den Dummheiten, geht schlafen", sagte der Rabbi. „Er redt nicht, der Koschanier und draußen wartet der Mikulascher auf Antwort, alle sind noch wach. Was soll ich ihnen sagen?" v ■ _ „Ihr sollt fleißig lernen," „Ich bitt' Euch Rebbezin", sagte der Schüchterne, im Hinausgehen „vielleicht thut Ihr Fürsprache."