Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 164 Dr. Vloch's Wochrnptzrift. Nr. 8 ein Geschäft abzuschließen, das in dem Austausch eines Blasrohres gegen einige Knöpfe bestand. Levi war zwar Jahre älter als Salomon und ging in eine Mittelschule. Sein Benehmen war dementsprechend herablassend, aber es gehörte viel dazu, Salomon einzuschüchtern, denn er besaß außer dem nationalen Humor auch die nationale „Chuzpeh", was verschiedenartig übersetzt wirb: Unternehmungsgeist, Kühnheit, Unverschämtheit und Frechheit. „Du, Levi, wir haben heute keine Schule", sagte er. „Willst Du nicht zu uns kommen und mit mir in unserer Gaffe Bersteckens spielen? Wir haben großartige Winkel zum Verstecken: es werden neue Häuser gebaut mit wunderbaren Zäunen, und in dem einen demolirten Haus war ein Specereigeschäft — denk' nur, wenn man sich zwischen den Ziegeln versteckt, findet man manchmal ganz nette Stücke von eingemachten Wallnüffen. Sind die gut!" Levi rümpfte die Nase. „Wir haben zu Hause genug ganze Wallnüffe", prahlte er. Salomin war übertrumpft. Er sah ein, daß dieser große Junge feine, schwarze Kleider habe, welche durch die Berührung mit seinen fettigen Drillhosen nicht gewinnen würden. „Na schön", sagte er, „ich finde genug Jungens zum Spielen, und Mädels auch!" „Hör' mal", rief Levi, sich umdrehend. „Das kleine Mädchen, das Dein Vater am Simcha's Thora herbrachte, das war Deine Schwester, nicht wahr?" „Esther meinst Du?" „Woher soll ich wissen, wie sie heißt? Ein schwarzes kleines Mädchen in einem Kattunkleid, recht hübsch — sieht Dir gar nicht ähnlich". „Ja, das ist unsere Esther. Sie ist in der sechsten Abtheilung und erst Elf?" „Wir haben in unserer Schule keine Abtheilungen", sagte Levi verächtlich. „Wird Deine Schwester mitspielen?" „Nein, sie kann nicht laufen", antwortete Salomon halb entschuldigend. „Sie will immer nur lesen. Sie hat meinen ganzen „Knaben von England" und alles andere ausgelesen, und jetzt hat sie ein kleines, braunes Buch erwischt, das sie nicht aus der Hand geben will. Ich lese gern, aber nur in der Schule und in der Schul', wenn nichts Befferes zu thun ist". „Hat sie heute auch frei?" „Ja", sagte Salomon. „Aber ich habe Schule", seufzte Levi neidisch, worauf Salomon das Gefühl seiner Inferiorität verlor und sich gerächt vorkam. „Komm', Salomon!", rief sein Vater, der bei der Thür angelangt war. Sie verwendeten einen Theil der halben Krone für Semmel und trugen dieses unerwartete Frühstück nach Hause. Mittlerweile begab sich Reb Schemuel, mit seinem vollen Namen „Reverend Samuel Jakobs", ebenfalls zum Frühstück. Seine Wohnung lag in der Nähe der Schul, und der Weg dahin führte durch eine Allee von Bettlern. Er langte in Hemdärmeln zu Hause an. „Schnell. Simcha, gib mir meinen neuen Rock, es ist heute sehr kalt!" „Du hast schon wieder Deinen Rock weggeschenkt!" schrie seine Frau, welche, obwohl ihr Name „Freude" bedeutete, öfter maulte. „Es war nur der Alte. Simcha", sagte der Rabbi reuevoll. Er nahm seinen Cylinder ab und setzte ein kleines, schwarzes Käppchen auf. das er in der Tasche trug. „Du wirst mich zu Grunde richten, Schemuel!" stöhnte Simcha händeringend. „Du wirst wegen dieser nichtsnutzigen Schnorrer noch das Hemd vom Leibe geben". „Ja, wenn sie sonst nichts am Leibe haben. Warum nicht?", sagte der alte Rabbi, mit einem friedlichen Glanz in den großen Gazellenaugen. „Vielleicht wird mein Rock die Ehre haben, den Propheten Elias zu bedecken". „Den Propheten Elias!" schnaubte Simcha. „Der ist vernünftig genug, im Himmel;u bleiben und nicht in dem Nebel und Frost dieses gottverfluchten Landes herumzulausen!" „Hatschi!", antwortete der alte Rabbi. „Auf Deine Hilfe baue ich. Ewiger!" murmelte Simcha fromm, fügte aber aufgeregt aus Englisch hinzu: „Schemuel, Du wirst Dich umbringen!" rannte hinaus und kehrte bald mit einem neuen Rock und einem neuen Schrecken wieder. „Du Narr, diesmal hast Du was Schönes angerichtet! Dein ganzes Silbergeld war in dem Rock, den Du weggeschenkt hast." „Wirklich?!", rief Reb Schemuel erschrocken, dann aber kehrte der ruhige Ausdruck in seine braunen Augen zurück. „Nein, ich habe Alles herausgenommen,, ehe ich den Rock weggegeben." „Gott sei gedankt!", sagte Simcha inbrünstig auf Jüdisch. „Wo ist es? Ich brauche ein paar Schilling auf Specerei." „Ich habe es vorhin weggegeben, sage ich Dir." Simcha stöhnte und fiel mit einem Krach auf einen Stuhl nieder, so daß die Tassen klirrten. „Und noch dazu am Ende der Woche", schluchzte sie. „Ich werde für Schabbes keine Fische haben!" „Versündige dich nicht!", mahnte der Rabbi, ein wenig ärgerlich an seinem ehrwürdigen Bart zupfend. „Der Heilige, gepriesen sei er, wird für unseren Schabbos sorgen." Simcha verzog skeptisch die Lippen, denn sie wußte, daß nur sie und kein Anderer um die gebührende Feier des Sabbaths sich sorgte. Nur durch fortwährende Wachsamkeit, Lügen und kleinliche Unterschleife auf Kosten ihres Gatten vermochte sie die aus vier Köpfen bestehende Familie von seinem ziemlich beträchtlichen Gehalt zu er. ähren. Reb Schemuel küßte sie auf den spöttischen Mund, denn im nächsten Augenblick war er in ihrer Hand. Er wusch sich die Hände und durfte dann bis zum ersten Bissen kein Wort reden. Sein Amt schloß die heterogensten Pflichten in sich. Er predigte und lehrte, traute und schied, befreite Junggesellen von der Pflicht, die Witwen ihrer Brüder zu heiraten, ernannte competente Schlächter, prüfte die Schärfe ihrer Messer, damit das Schlachtopfer so wenig Schmerz als möglich zu leiden hätte, und inspicirte die Fleischhandlungen, um zu sehen, ob das Fleisch auch sicher koscher sei. Seine Hauptfunction bestand jedoch im „Paskenen", oder Beantworten religiöser Anfragen, von den einfachsten bis zu den verwickeltsten Problemen der Ceremonien und des bürgerlichen Gesetzes. Er hatte die ungeheure kasuistische Literatur mit einem Band „Schaalos-u- Tschuwos", oder „Fragen und Antworten" bereichert. Auch seine Hilfe als Schadchen wurde in Anspruch genommen, obwohl er an das Provision-Nehmen vergaß und den rastlosen Eifer für das Paaren der Menschheit, den Sugarman, der Heiratsvermittler von Beruf, an den Tag legte, nicht besaß. Jm Uebriqen war er ein witziger alter Herr und bei Jedermann beliebt. Er und seine Frau sprachen Englisch mit stark ausländischem Accent, aber bei ihren vertraulicheren Gesprächen verfielen sie in den Jargon. Die Rebbezin schenkte dem' Rabbi Kaffee ein und that Milch hinzu, die direct von der Kuh in ihrem eigenen Krug gemolken war. Butter und Käse waren natürlich ebenfalls koscher, da sie direct von jüdischen Holländern kamen. Als der Rabbi sich am Tisch niederließ, trat Hanna in's Zimmer. „Guten Morgen, Vater", sagte sie, indem sie ihn küßte. „Warum hast Du Deinen neuen Rock an? Sind heute Hochzeiten? ..Nein, mein Kind mit den Hochzeiten geht's abwärts." sagte Reb Schemuel. „Seit die älteste Tochter von Belcowitsch sich mit Pesach Weingott verlobte, war noch keine Verlobung." „Oh, diese jüdischen Leute!", seufzte die Rebbezin. „Meine Hanna, — ein so hübsches Mädchen, wie man es nicht sobald findet und doch vertrauert sie ihre Jugend." Hanna biß sich in die Lippe, statt in ihr Butterbrot, denn sie fühlte, daß sie selbst das Gespräch auf sich gebracht hatte. Diese Klagen hörte sie nun schon seit zwei Jahren. Frau Jakobs mütterliche Angst begann, als ihre Tochter siebzehn Jahre alt wurde. „Zu Siebzehn war ich schon eine verheiratete Frau," fuhr jene fort. „Heutzutage kriegen die Mädchen erst einen Choßen, wenn sie zwanzig sind " „Wir leben nicht in Polen," meinte der Rabbi. „Was hat das damit zu thun?! Die jüdischen jungen Leute wollen aber nur Geld heiraten." Warum machst Du ihnen daraus einen Vorwurf? Ein jüdischer junger Mann kann mehrere Goldstücke heiraten, aber seit Rabbenu Gerschom kann er nur eine Frau heiraten," sagte der Rabbi, sich seiner Tochter wegen zum Humor zwingend. „Du kannst nicht einmal eine Frau ernähren!" gab die Rebbezin zurück, in ihrer Gereiztheit in den Jargon verfallend. „Deinen Kindern nimmst Du das Brot aus dem Mund