Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Vlortz's Wochrnfchrifi Seite 163 gabst, sind kränklich und fürchten den Allerhöchsten nicht. O, warum hast Du mich in dieses gottlose Land geschleppt?! Konntest Du mich nicht in Frieden sterben lassen? Deine Mädchen denken mehr an Geschichtenbücher und Aufgaben als an Jidischkeit, und die Buben laufen bloßköpfig unter dem nackten Himmel herum. Lach' mich aus, Maische, wie Du willst, aber ich Hab' Augen im Kopf, so alt ich bin. und nicht zwei Bleiklumpen. Du siehst nicht, wie Deine Familie zugrundegeht!" Derart gewarnt und angeeifert, pflegte Moses am nächsten Tage seinen hoffnungsvollen Nachkommen scharf aufzupaffen, und die Saat, welche die Großmutter ausgestreut hatte, ging in Gestalt von braunen und blauen Flecken auf, besonders auf den Körperteilen, welche Salomon gehörten. Moses'zerfallende Beinkleider waren nämlich mit einem festen Riemen gegürtet, und Salomon war ein Schalk, der sein Möglichstes that, um die Allmacht zu äffen. Aber er lernte doch Manches zu den Füßen, besser gesagt, über'm Knie seines Vaters. In früheren Zeiten hatte er mit dem Gott seines Vaters zahlreiche vertrauliche Geschäfte gemacht, indem er nach seinem kindischen Billigkeitsgefühl einen Handel mit ihm einging. Wenn Gott z. B. seine Rechnungen richtig ausfallen ließ, so daß er weder Prügel bekam, noch „nachbleiben" mußte, so wollte er sein Morgengebet sagen, ohne das „lange Wehorachum" zu überspringen, das an Montagen und Donnerstagen gar so anschwillt. Umsonst ließ er sich nicht plagen. Gemäß den Bedingungen dieses Contractes schob Salomon Gott die Initiative zu. und so oft dieser seinen Theil des Contractes erfüllte, that Salomon ehrenhaft dasselbe. So wurde sein Vertrauen in die Vorsehung niemals wankend, und es erging ihm nicht wie so vielen Knaben, die von Gott verlangen, er möge ihrer Leitung folgen. Im Uebrigen war Salomon ein „Chein Ponim", oder Hanswurst, denn er besaß jenen unzerstörbaren Sinn für Humor, welcher die Heiligen der jüdischen Kirche menschlich macht, trockene, technische Talmud-Discusfionen mit Blitzen köstlichen Witzes, mit Wortspielen und geistvollen Spässen auffrischt und der Race mittelst einer humoristischen Ergebung in's Unvermeidliche die Fortdauer ermöglichte, (paee Dr.Wallace). Mit Hilfe seiner Chine gelang es Salomon, die Synagoge zu überleben, wo der einzige süße Tropfen in den Weinbecher beim Weihgottesdienste bestand. Salomon befand sich immer in der ersten Reihe der braven Knaben, die sich freiwillig erboten, an der Ceremonie des Weintrinkens theilzunehmen. Salomon war entschieden nicht für das Vergeistigte, er küßte nicht einmal ein hebräisches Pentateuch, das er fallen gelassen batte, außer wenn sein Vater zusah. und ohne die persönliche Ueberwachung der Babe hätten die schmutzigen, Weißen Fransen seiner „Arbukansus" für immer verwirrt und unbrauchbar werden können, denn ihm lag nichts daran. In den schlimmsten Zeiten der Ansells trug Salomon in der Schule den lockigen Kopf hoch, und es fehlte ihm nie an persönlichen Besitztümern, obwohl sie beim Pfandleiher nicht verwertbar waren. Er besaß einen aus einer alten Cacaoschachtel verfertigten und den Ausfall von Plewna vorstellenden Guckkasten, den er für ein Stück Griffel besichtigen ließ, für zwei Stecknadeln durfte man eine ganze Minute hineinsehen. Er besaß auch Beutel mit Knöpfen, Kugeln, Federspitzen, Etiguetten von Bierflaschen, außerdem einige Flaschen mit Lackritzenwasser, das er entweder schluck- oder löffelweise verkaufte. Zum Purim hatte Salomon stets Nüsse zum Spielen, gerade wie ein Bankierssohn, und am Versöhnungstage fehlte es ihm nie an einem winzigen, mit zusammengespartem Schnupftabak gefüllten Zinnbüchschen, das er mit großspuriger Miene den alten Männern anbot, wenn das Fasten sie am ärgsten quälte. Sie nahmen eine Prise, sagten „mögest Du wachsen und stark sein", schnäutzten sich entzückt in große, bunte Taschentücher, und Salomon kam sich vor wie ein Fünfziger und schnupfte selbst mit Kennermiene ein paar Körnchen. Sechstes Kapitel. Reb Schemuel. „Die Thora ist größer als das Priesterlhum und die Fürstenwürde, denn zum Fürsten thum sind erforderlich dreißig Eigenschaften, zum Priesterthum vierundzwanzig, während zur Thora achtundvierzig erforderlich sind. Folgende nämlich: lautes Studium, deutliche Aussprache, Verstäub niß und Auswendiglernen, Frömmigkeit, Ehrfurcht, Demuth, Heiterkeit mit Makellosigkeit, Umgang mit Weisen, vorsichtige Wahl der Freunde, Besprechungen mit Schülern, Gelaffenheit, Beschäftigung mit der heiligen Schrift, n.it der Mifchnah, Mäßigung in den Geschäften, im Verkehr mit der Welt, im Vergnügen, im Schlaf, im Gespräch, im Gelächter, Langmuth im Leiden, Herzensgüte, Vertrauen zu den Weisen. Erkennen der eigenen Stellung, Zufriedenheit mit dem Schicksal, Zurückhaltung im Sprechen, Bescheidenheit, Beliebtheit. Liebe zu Gott. Liebe zu den Menschen, Liebe zur Tugend, zur Redlichkeit und zur Zurechtweisung; von Ehrsucht sich fernhalten, seiner Kenntnisse sich nicht rühmen, nicht zum Richter sich aufwerfen, die Last des Nächsten mittragen helfen, den Nebenmenschen günstig beurtheilen, ihn zur Wahrheit und zum Frieden anleiten; Mäßigung im Studium, im Fragen und Antworten, Hören und das Gehörte (durch eigenes Nachdenken) zu vermehren, lernen, um es weiter zu lehren, und lernen, um das Gelernte auszuüben, anregend auf den Lehrer einwirken, auf seine Rede achten und das Gehörte :m Namen dessen wiederholen, der es sagte. Also hast Du es gelernt: Wer etwas im Namen dessen wiederholt, der es sagt, der bringt Erlösung in die Welt, wie es heißt: „Und Esther sagte es dem Könige im Namen Mordechai's." (Sprüche der Väter.) Moses Anfell betete nur zuweilen in der Synagoge der Bne Berith, denn sie befand sich zu sehr in der Nähe, als daß das Hingehen ihm eine Mitzwah, ein dem Himmel wohlgefälliges Werk erschienen wäre. Ein frommer Jude", muß in die Schul' laufen, um seinen Eifer zu zeigen, und langsam, wie widerwillig zurückkehren, sonst lenkt Satan die Aufmerksamkeit des Allerhöchsten auf die Lässigkeit seines ausgewählten Volkes. Auf ein paarTreppen konnten solche wechselnde Empfindungen nicht so leicht zum Ausdruck gebracht werden, daher wanderie Moses weiter. In derlei Details war Moses Meister, er war, wie Wellhausen sich ausdrückt, ein Virtuose der Religion. Wenn er den rechten Strumpk zuerst anzog (besser gesagt den rechten Fußlappen, denn er trug kein? Strümpfe), so sühnte er es, indem er zuerst den linken' Stiefel anzog. und wenn er Schnürstiefel hatte, so wurde der zu zweit angezogene Schuh durch früheres Schnüren entschädigt. So wurde das Princip ausgleichender Gerechtigkeit auch in diesen kleinen Dingen symbolisirt. Moses war in mehreren entfernten „Chewras". denen er den Vorzug seiner Anwesenheit zutheil werden ließ, ein großer Mann. Nur wen" zufällig die Stunden des Gottesdienstes nicht zusammenfielen, beglückte er die „Söhne des Bundes", indem er entweder zu Beginn oder zu Ende erschien, da er nichts dagegen hatte, manche Tbeile des Gebetes.zweimal zu beten. Oft gab er sogar seiner Andacht in der Synagoge ein Vor- oder Nachspiel, indem er das qesammte, hundert Seiten lange Gebet zu Hanse solo recitirte. Der Morgengottesdienst begann im Winter um sieben und im Sommer um sechs, so daß der Arbeiter gestärkt an sein Tagewerk gehen konnte. Ein paar Tage nach der Auslösung Ezechiel's, trat Salomon nach Schluß des Beth Hamidrasch auf Reb Schemuel zu, der ihm aus Erkenntlichkeit für das Privileg, den Knaben segnen zu dürfen, einen Penny gab. Diesen überreichte Salomon seinem Vater, den er begleitete. „Nu, Reb Moische, wie qeht's?“ fragte Reb Schemuel mit seinem heiteren Lächeln. Er nannte ihn aus Höflichkeit und wegen seiner Frömmigkeit „Reb". Der wirkliche „Reb" war ein schöner Mann, aus dem man zwei Moses hätte machen können, wenn auch nicht in der Frömmigkeit. „Schlecht", antwortete Moses. „Ich habe seit einem Monat nichts zu thun. Um diese Zeit des Jahres ist weniger Arbeit. Aber Gott ist gütig!" „Können Sie nicht etwas verkaufen?" fragte Reb Schemuel, indem er nachdenklich seinen langen, graumelirten schwarzen Bart strich. „Ich Hab' Citronen verkauft, aber die vier oder fünf Schilling, die ich damit verdiente, gingen auf Brot für die Kinder und für die Miethe drauf. Das Geld zerfließt einem zwischen den Fingern, wenn man fünf Kinder hat und der Winter so streng ist. Als die Citronen weg waren, stand ich, wie ich gestanden habe." Der Rabbi seufzte theilnahmsvoll und drückte Moses eine halbe Krone in die Hand. Dann eilte er weiter. Sein Sohn Levi blieb einen Augenblick zurück, um mit Salomon