Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 162 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Nr. 8 Kojetein. Daß das neue Gemeindestatut nicht nur auf dem Papiere, sondern auch in der Thal bestehe, bezeigt die Behörde, die zur Freude der Gemeinde an den hiesigen Vorstand eine Zuschrift richtete, den vacanten Rabbinerposten, den ein kleiner Theil des Vorstandes aus bekannten Gründen so lang als nur möglich gern unbesetzt gehabt hätte, ehestens zu besetzen. Laut Vorstandsbeschluß wird der Concurs sür den hiesigen Rabbinerposten, der mit einem Fixum von 900 Gulden dotirt und vom 1. Juli an zur Besetzung kommt, ausgeschrieben. Hoffentlich gelingt es der Gemeinde, wieder einen Mann zu finden, der wie der so tragisch uns entrissene Dr. Fuchs in so kurzer Zeit es verstand, sich Jedermanns Hochachtung, die Liebe und Anhänglichkeit der Kinder zu erwerben. Rachod. 18. Februar 1896. (Borträge aus der jüdischen Geschichte und Literatur.) Bereits vor zwei Jahren hielt unser Rabbiner und Prediger Herr Dr. H. Goitein eine Reihe von Borträgen über jüdische Literatur. Im heurigen Winter nahm Se. Ehrwürden diesen Vortragscyklus zur Freude zahlreicher Freunde der jüdischen Wissenschaft wieder auf, wozu ihm seitens des löblichen Cultusvorstandes die nöthige Förderung bereitwilligst gewahrt wurde. Zu den Vorträgen, welche im israelitischen Schulhaüse abgehalten wurden, fand sich stets eine zahlreiche Zuhörerschaft ein; namentlich die jüngere Damenwelt zeigte für diese Sache das lebhafteste Jntereffe. Die Themen, welche der allseits verehrte Redner in seiner gediegenen auf gründliches Quellenstudium basirter Art behandelte, waren: 1. Das altjüdische Staatswesen. 2. Die althebräische Poesie. 3. Die Kämpfe und die Herrschaft der Makkabäer. 4. Der Talmud, seine Ankläger und seine Bertheidiger. 5. Die erste Blüihezeit der jüdischen Cultur in Spanien. Nach dem letzten Vortrage wurde dem geehrten Vortragenden der Dank der Zuhörerschaft ausgesprochen, worauf Herr Dr. Goitein das Versprechen gab, im nächsten Winter eine weitere Reihe von Vorträgen zu halten. Diese Vorträge würden es verdienen, daß sie durch Drucklegung auch dem weiteren Publicum zugänglich gemacht werden könnten. Hoffentlich bildet sich euch in Oesttrreich bald ein Verein, der sich die Aufgabe stellt, die Verbreitung zeitgemäßer Vorträge aus der jüdischen Geschichte und Literatur, durch billige Brochuren in die weitesten Kreise zu tragen. Waidhofe« a. d. Thaya. Unser neugewählter Rabbiner, Herr Dr. Kah an. hat Freitag den 14. d. M. Abends sein Amt mit einer Predigt angetreten, in der er anknüpfend an die Worte des Wochenabschnittes alle Seiten und Aufgaben des jüdischen Cultus mit hoher Wärme und großer Klarheit beleuchtete. Mit einem Gebet, in diesem Sinne zu wirken, schloß die von den zahlreich Versammelten mit Spannung angehörte Predigt. Berlin. Löbliche Redaction! Erlauben Sie mir einen Jcrthum in letzter Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" zu berichtigen: Die „Vereinigung jüdischer Studirender" zu Berlin ist weder ein nationaljüdischer Verein, noch von der „Kadimah" gegründet worden, noch auch war bei der Gründung überhauvt ein Mitglied der von uns sehr geschätzten „Kadimah" betheiligt. Wohl aber waren alle acht Gründer Anhänger der nationaljüdischen Idee, und auch jetzt ist die große Mehrheit der Mitglieder jüdisch-national. Im Verein dagegen, der sich mit dem Judenthum ausschließlich beschäftigt, um das jüdische Selbstbewußtsein unserer Studenten zu wecken und zu heben, werden politische Fragen überhaupt nichtbehandelt. Indem ich bitte, von dieser Berichtigung freundliche Notiz zu nehmen zu wollen, bin ich ergebenst Dr. Heinrich Loewe, Redacteur des „Zion" in Berlin. London. Lord Pirbright (Baron Henry deWorms) hat anläßlich der Eröffnung des House of Lords den Eid geleistet. Lord Rothschild war einer der Gäste bei dem vom Herzog von Devonshire den liberalen Unionisten gegebenen Banket. Baron Ferdinand von Rothschild wurde zum Curator des Britischen Museums ernannt. Palästina. Der jüdischen Gemeinde in Liberias ist vom Herrn Lazar von Poliakoff und seiner Gemalin ein Spital gespendet worden. Constantinopel. Der Sultan hat Herrn Elie Leon zum Attache der Gesandtschaft in Paris ernannt. Paris. Das Rabbinat in Frankreich hat durch den Tod seinen Doyen Moise Dürkheim verloren, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang Rabbiner in Epinal gewesen ist. Australien. Anläßlich der letzten Wahlen in Coolgardie (West- Australien) wurde Herr Leiser L e w i n s o n zum Stadtrath ernannt. London. Letzten Dienstag hielt Dr. H k r s ch f .• I b (Professor am Montefiore-College zu Ramsgate) in der Royal Asiatic Society einen Vortrag über die Ethymologie des Wortes „Sabbath". Er ging von den Forschungen Barth's und Lagarde's aus, welche zwar eine Fülle von Licht aus die Bildung des hebräischen Substantivs verbreiten, das Wort „Sabbath" jedoch nicht genügend aufgeklärt hätten. Der Vortragende faßte seine Ansichten in folgende Thesen zusammen: 1. Die Ableitung des Wortes „Sabbath" von dem Zeitworte „ruhen" stößt auf große sprachwissenschaftliche Schwierigkeiten und ist daher zu verwerfen. 2. Das Wort ist vielmehr eine Zusammenziehung des Zahlwortes sieben in seiner archaistischen Form. 3. Diese Zusammenziehung wurde namentlich dadurch befördert, daß das Wort lautlich an das Zeitwort „ruhen" erinnert; wir hätten also in „Sabbath" das Beispiel einer sehr alten Volksethymologie, wie sie in anderen Sprachen, alten und neuen, längst nachgewiesen ist. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Zu den Festtagen, wenn Malta sie mit einem halben Pfund versah, fertigte Esther manchmal „Zimes" an, eine feine Mischung von Karotten, Pudding und Kartoffeln. Sie war ja jederzeit bereit, ein Essay über „Zimes" als gastronomisches Ideal zu schreiben. Es gab noch andere, wohlschmeckende polnische Combinationen, die für einen Groschen beim Bäcker zu haben waren: „Tabeches" oder gefüllte Eingeweide, Leber und Milz bildeten einen „guten" Ersatz für Fleisch, Eine besonders beliebte Suppe war „Borscht", aus Runkelrüben bereitet, wobei Schmalz die Stelle der vornehmeren Sahne vertrat. Das Nationalgericht ward ihnen nur selten zu Theil. Wenn sie jegebackene Fische aßen, so rührten sie aus der Speisekammer der Frau Simon her, einer guten, alten Witwe, die im zweiten Stock wohnte und allen Eltbindungen der Frauen und Krankheiten der Kinder in der Nachbarschaft präsidirte. Als Frau Ansell starb, stillte ihre verheiratete Tochter Dinah gerade einen schwarzäugigen Knaben. Frau Simon machte sich daher zur Pflegemutter der kleinen Sarah und glaubte auch später, eine besondere Verantwortlichkeit für das Kind zu haben, das sie manchmal eine Woche lang bei sich behielt. Ihrer Ansicht nach bereitete der Himmel eine künftige Verbindung zwischen Sarah und ihrem schwarzäugigen Milchbruder vor. Das Leben in derAnsell'schen Dachstube wäre noch düsterer gewesen, wenn Gott nicht Frau Simon zur Stütze und zum Tröste geschaffen hätte. Selbst alte Kleider steuerte sie bei, um die Drillhosen und Kaltungewänder zu ergänzen, welche die Schule schenkte. Bei den Ansell's war es stets ein freudiges Ereigniß, wenn eines der Kinder erkrankte, denn dann schickte der Armendoctor nicht blos Brühe, Portwein und andere unglaubliche Leckerbissen, von denen alle dann kosten durften, sondern man wurde auch von Frau Simon gepflegt, und um das gute, treue Gesicht mit den lächelnden, pechschwarzen Augen über das Bett sich beugen zu sehen, um die weiche, kühle Hand auf der heißen Stirn zu fühlen, nahm ein mutterloses Kind gern das Fieber mit in den Kauf. Frau Simon war eine arbeitsame und dabei arme Frau, die Ansells aber eine zurückhaltende Bande, welche Fremden weder ihre Liebe, noch ihren Hunger zu zeigen pflegten. Daher bekamen die Kinder Frau Simon und ihre Güte nicht so oft zu sehen, als sie eigentlich wünschten. Nichtsdestoweniger war bei einer ernsten Krisis nur auf sie zu rechnen. „Ich sag' Dir Moische, die Frau will Dich heiraten." sagte die alte Großmutter oft. „Ein Blinder kann das sehen!" „Was fällt Dir ein, Mutter?!", antwortete Moses mit unendlichem Respect. „Was sagst Du? Ein so feiner, junger Mann wie Du!", sagte seine Mutter, indem sie ihm die Seitenlocken streichelte. „Und so fromm dazu, und Einer, der so viel von der Welt weiß! Aber nimm sie nicht Moische!" „Was für Sachen setzst Du mir in den Kopf, Mutter! Ich sag' Dir, sie würde mich nicht nehmen, selbst wenn ich Jemanden zu ihr schicken wittde." „Red' Dir das nicht ein! Wer möchte sich nicht an Deinen Rock anklammern, um so in den Himmel kommen zu können? Aber die Frau Simon ist mir zu viel Engländerin. Deine Frau hatte auch englische Ideen. Es wär' anders geworden, wenn Du Dir von mir hättest eine Frau aussuchen lasse». Aber diesmal wirst Du Deine Mutter mehr ehren. Es muß ein achtbares, tugendhaftes, gottessürchtiges Mädchen sein, nicht ein altes Weib wie Frau Simon, sondern Eine, die mir kräftige Enkelkinder gebären kann. Die Enkel, die Du mir