Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 8 Seite 159 Dr. Vloch's Wochrnfchrifk. „Neuen Freien Presse", ein Neffe des Jubilars, hielt an dieselben eine ergreifende Ansprache. Kolin. Ueber das Leichenbegängniß des verewigten Rabbiner Dr. Gugenheimer, welches sich zu einer Trauerkundgebung gestaltete, an welcher neben der gesammten Bevölkerung Kolins sich zahlreiche Deputationen böhmisch-israelitischer Gemeinden, Vertreter von Wiener, Frankfurter und Eisenstädter Glaubensgenossen, besonders viele Rabbiner betheiligten, wird uns aus Kolin geschrieben: An der Bahre hielten dem Dahingeschiedenen tief ergreifende Nachrufe die Herren Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld aus Prag, Dr. Breuer. Rabbiner aus Frankfurt, der Sohn des Verewigten Dr. Rafael Gugenheimer, k. k. Feldrabbiner Dr. Kisch aus Prag. Dr. Gojtein, Rabbiner aus Nachod, M. L. Kohn Rabbiner in Wien, Dr. Thiberger Rabbiner aus Golöjenikau, Präsident der Chewra-Kadischa in Prag Herr Lieben, welche alle die Bedeutung des Verewigten, wie den unersetzlichen Verlust besprachen, welchen nicht nur unsere Gemeinde, sondern das gesammte Judenthum durch den Hintritt dieses unvergleichlichen Mannes erlitten. Schließlich sprach auch unser Obmann Dr. Podvinec namens der Cultusgemeinde in zündenden Worten, dem herben Schmerze Ausdruck gebend, den jeder Einzelne von uns <ü^+ gesichts des leider zu früh erfolgten Todes dieses von uns allen ob seines mackellosen, gottergebenen, überzeugungstreuen Lebenswandels so hoch geachteten und aufrichtig verehrten Mannes empfindet, an dessen Bahre der Redner das heilige Gelöbniß leistete, im Sinne seiner frommen Lehren, getreu jener Satzungen, die der Verewigte von der Kanzel herab, in so beredter Weise verkündete und eingedenk des Vorbildes, das uns sein unentwegtes Festhalten an den jüdischen Glauben und die starre Bethätigung des allein wahren Gotteswortes verkörperte, auch für alle Zukunft die altehr würdigeGemeinde Kolin führen zu wollen. Als die letzten Worte verklungen, sandte auch das Tagesgestirn die letzten Strahlen auf die Erde herab und tiefbewegt umstanden noch Hunderte Menschen das Grab, in welches die sterbliche Hülle des großen Todtenhinabgesenktwurde. Julius K. Galgoez, 11. Februar 1896. Die in Folge der Initiative des Gefertigten und seiner Gesinnungsgenossen creirte Volksschule der Baron Hirsch' Stiftung macht sichtliche Fortschritte. Die Frequenz nimmt zu, steigert sich täglich und die Eltern sind stolz auf die Fortschritte ihrer Kinder. Auch die Institution des Abendcurses wurde freudig begrüßt und übt eine wohltbuende Wirkung. Wir wünschen nur noch die Creirung einer Gewerbeschule, welche für unsere Stadt und die Umgebung besonders nothwendig ist. Leider läßt die administrative Verwaltung noch Manches zu wünschen übrig und die Uebelstände haben ihren Grund darin, daß man verabsäumt hat, hier ein eigenes Localcomite zur Verwaltung der Schule zu creiren und man die gesammte Administration dem Oberlehrer und einen Verlrauensmann überläßt. Es fehlt hier nicht an Intelligenz zur Bildung eines solchen Localcomites, dessen Mitglieder der Schule immer mehr Freunde zuführen werden. Am 30. Jänner fand die erste Schulprüfung statt und die Ergebnisse des profanen Unterrichtes waren allgemein befriedigend und machten den besten Eindruck auf die Zuhörer. Dagegen zeigt sich, daß der hebräische Unterricht eine bessere Pflege nöthig habe. Ein wohlthätiger Glaubensgenosse Herr Juda Weiser versorgt für unsere Armen billiges Ostermehl wofür er die größten Opfer bringt. Der an dieser Stelle bereits vor zwei Jahren gerügte Uebelstand des Mangels eines Stadtarztes ist leider noch nicht geändert. Der Mangel eines solchen Arztes ist tief bedauerlich und für die Bevölkerung überaus empfindlich. Wir appelliren an die maßgebenden Factoren, diesem Uebelstand nach Thunlichkeit abzuhelfen. H. Davidsohn. Csakaturn, im Februar 1896. Ich habe nach längerer Zeit wieder einmal meine altehrwürdige Vaterstadt Krakau besucht. Der Contrast zwischen Ehemals und Jetzt ist in cultureller Beziehung geradezu staunenerregend und höchst erfreulich. Während früher das profane Studium verpönt, der Student der allgemeinen Verachtung preisgegeben und wie ein Abtrünniger betrachtet war, werden jetzt die öffentlichen Bildungsanstalten von sehr zahlreichen jüdischen Jünglingen besucht, die mit einander wetteifern und sich durch Fleiß und Talent auszeichnen. Die vielen Wohlthätigkeitsvereine sorgen mit lobenswerthem Eifer für Bekleidung und Ernährung armer Schüler, welche unter Aufsicht und Leitung vornehmer Damen und Herren täglich zu Hunderten mit nahrhafter Kost versorgt werden. Doch wie es kein Licht ohne Schatten gibt, muß ich zu meinem größten Bedauern constatiren, daß der Religionsunterricht leider sehr im Argen liegt. Der gewesene Prediger der Fo.tschrittsgemeinde, Herr Dr. Landau» kann aus mangelhafter Kenntniß der polnischen Sprache nichts Ersprießliches leisten, trotzdem er den besten Willen bekundet, und die anderen Herren Religionslehrer haben zu wenig pädagogisches Wissen, um den wißbegierigen Jünglingen die nöthigen hebräischen Kenntnisse und erforderlichen Grundsätze aus der Religion beizubringen. Es ist in hohem Grade beschämend, daß in einer Stadt, wo einst die größten Koryphäen jüdischer Gelehrsamkeit, die ersten talmudischen Größen hausten, gerade diesbezüglich so trostlose Zustände herrschen. Hoffen wir jedoch, daß der derzeitige energische Herr Gemeindepräses Herr Dr. Horowitz, bald auch diesem hochwichtigen Gegenstände seine Aufmerksamkeit schenken und es ihm gelingen werde, auch in dieser Richtung eine Befferung herbeizuführen! Lustgarten. Nakel. Am 2. Februar fand hier das feierliche Leichenbegängniß des im Duell schwer verwundeten königlichen Gerichtsassessors Wollstein unter einer Betheiligung statt, wie man sie hier i^M^richt gesehen hat. Die richterlichen Beamten und ReW8annDWW«B^romberg, Schneidemühl, Schudin und allen Städten, wo on-Verstorbene früher amtirt hatte, sämmtliche hiesige Gymnasiallehrer und überhaupt zahlreiche Personen von Distinction gaben dem Entschlafenen das ehrenvolle Geleite zum Friedhofe. Die Leichenrede hielt Herr Dr. Perlitz. Unter Anderem sagte er: „Der Entschlafene war ein harmloser Mann, friedlichen Sinnes und freundlicher Gemüthsart, der es nicht zu fassen vermochte, wie man ihn einer Ungerechtigkeit zeihen konnte. Reich an Geistesbildung hatte er ein gutes Herz und war nicht im Stande, Jemanden zu verletzen, zu beleidigen, zu kränken. Um so schmerzlicher mußte er eine unverdiente Krönkung empfinden, und für die Abwehr einer solchen Kränkung, die ihn um so tiefer verletzte, als sie mit einer Schmähung seines Stammes verbunden war, wurde er zum Zweikampf gefordert, in welchem er die furchtbar schmerzliche Todeswunde empfing. So ist der Entschlafene im letzten Grunde das Opfer eines Vorurtheiles, welches bedauerlicher Weise vielfach gegen den Stamm gehegt wird, dem die Welt drei geoffenbarte Religionen verdankt, und den vielen Tausenden von Menschen, die nur um deswillen Schmach und Tod erlitten, weil sie diesem Stamme angehörten, reiht sich der Verblichene an, dessen Verlust von Angehörigen und Freunden unsagbar schmerzlich empfunden und in weiten Kreisen tief beklagt wird". Der Rabbiner schloß mit den Worten: „Der Dahingeraffte ist ein Märtyrer seines Stammes, und wenn sein Tod die Erkenntniß von der Verderblichkeit des Racenbaffes weckt, an welcher ein beträchtlicher Theil des deutschen Volkes krankt, so wird das edle Blut dieses Mannes nicht umsonst geflossen s'in. Geehrte Trauerversammlung! Sie sind dieser Bahre gefolgt, um den Entschlafenen zu ehren, Sie werden von dieser Bahre scheiden und sagen: Der Gerichts afsefsor Wöllstein, der makellos gelebt hat und heldenmüthia gestorben ist, war ein Ehrenmann. Ich füge als Rabbiner hinzu, daß der so früh Dahingeraffte um deswillen, was er erlebt und erlitten hat im Sterben, gesühnt und geläutert, rein und sündenfrei eingeht in das Reich der Ewigkeit, er ruhe im Frieden." Berlin, 11. Februar. In feierlichster Weise fand am Montag Abend im Sitzungssaals der jüdischen Gemeinde die Einführung der neu-, bezw. wiedergewählten Repräsentanten, sowie deren Stellvertreter statt. Ein Vertreter der Polizeibehörde, wie das in früheren Jahren üblich, war dieses Mal nicht erschienen, sondern die Einführung und Vereidigung wurde nach dem neuen Statut durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Justizrath Meyer, vorgenommen. Zuvor hielt derselbe an die Gewählten eine längere und sehr bedeutungsvolle Ansprache. Eingangs derselben hob er hervor, daß der Amtsantritt der Herren Repräsentanten in eine hochbedeutsame Zeit falle. Soeben sei das revidirte Statut der Gemeinde ins Leben getreten, und dadurch vielen Streitfragen ein Ende bereitet. Wo ein Bedürfniß nach religiöser