Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochrnfchrifi. förderst als gleichwerthig erscheinen müssen und ja nicht angetastet werden dürften. Noch mehr! Für einen und denselben Text besitzen die verschiedenen Riten, ja selbst die verschiedenen Gemeinden desselben Ritus verschiedene Melodien, wo ist der Gradmesser hiefnr, welche anzunehmen, welche zu verwerfen sei? — Zudem besitzt das Judenthum schon eine ganz beträchtliche Anzahl veröffentlichter altjüdischer Melodien, deren willkürlich vollzogene Bearbeitung eher geeignet ist, das Urtheil zu trüben und zu verwirren, als die nothige Klarheit des heiligen Gegenstandes anzubahnen. Also nicht in der H ä u f u n g der Melodien liegt das Heil für die Klärung dieser überaus wichtigen Frage, sondern vielmehr in der Feststellung eines Gradmessers für die Benrtheilung der Melodie. Der Raum dieses Blattes gestattet eine erschöpfende Behandlung des fraglichen Stoffes allerdings nicht, dock erlauben wir uns, wenn auch nur fragmentarisch Nachi rügendes anzuführen. Melodie heißt eine, nach streng künstlerischen Normen gefügte Tonreihe und in dem eigenthümlichen, aber strenggefügten Verhältnisse eines Tones zu einem anderen ist auch die Eigenthümlichkeit der jeweiligen Melodie zu suchendemnach bedingt ein bestimmtes Tonintervallenverhältniß auch den bestimmten Charakter einer Melodie. Schreiber dieser Zeilen versuchte in einer im Jahre 1886 veröffentlichten Broschüre: „Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges" darauf aufmerksam zu machen, daß den alljüdischen Melodien eine eigenthümliche, von den Tonverhältnissen älterer und moderner Epochen ganz verschiedene Tonscala zu Grunde liege. Diese Veröffentlichung, welche in Fachkreisen und Fachblärtern zur Zeit sehr rege besprochen wurde und auch bei nichtjüdischen Mnsikcapacitäten wie Hofrath Dr. Hanslik (N. Fr. Presse, 14. Dec. 1886) Dr. Eichhorn (Musikzeitung 26. Juni 1886) u. A. sehr sympathische Aufnahme fand, hatte nicht den Zweck, doctrinell aufzutreten, sondern ans die Spuren hinzuweisen, die eine endgiltige Lösung der für die jüdischen Cantoren und bas Judenthum überhaupt so sehr wichtigen Frage ermöglichen könnten. Sulzer, Lewandovsky, Deutsch. Baer, Kartschmaroff, Lachmann u. A. traten den bezeichneten Gesichtspunkten freundlich gegenüber, versuchten allerdings einzelne Jntervallenfolaen anzufechten, begegneten sich jedoch allesammt in der Annahme, daß d i e A u f st e l l u n g einer s p e c i f i s ch jüdischen Ton - s c a l a als G r u n d l a g e e i n e s j ü d i s ch - m u s i k a l i s ch e n Stiles ein segensreiches Werk wäre und obgleich einige Mißvergnügte, die in ausgefundenen alten Manuskripten zweifelhafter Provenienz das Heil erblicken, zu libelliren versuchten, so begrüßen wir selbst diese Angriffe herzlichst, indem Rede und Gegenrede nur zur Klärung der heiligen Angelegenheit führt. Der Schreiber jener Brochüre beabsichtigte keineswegs, unantastbare Gesetze aufznstellen, wäre vielmehr reich belohnt, wenn die Kundgebungen derselben als kleiner Ausgangspunkt einer bedeutungsvollen Schöpfung erachtet würden. Herr Professor Dr. Steinthal weist ja selbst auf einen jüdischen Charakter und Stil bin; möge er, der sich ja in so überaus freundlicher Weise den altjüdischen Gesängen zuwendet, mit der Macht seiner bedeutungsvollen Persönlichkeit und seiner umfassenden Gelehrsamkeit diesem Gegenstände auch fürder geneigt bleiben, wir erhoffen dann, durch vereinte Kraft der verkannten jüdischen Melodie eine künstlerische Berechtigung zu ermöglichen und derselben ein Plätzchen in der vornehmen Halle echter Kunstbestrebung zu verschaffen. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Heileres aus Weinhaus. Die weiblichen Mitglieder der Luegerischen Heulsarmee scheinen von ihrem Seelsorger dem Pfarrer Deckert in Eid und Pflicht genommen zu sein, selbst zu ihren allerpersönlichsten Gebrauch, kein anderes als ein Parteiblatt zu benützen. — Hierüber erfahren wir folgende heitere Thatsache. — Bei einer Partei, die in einem Hause des zum Pfarrsprengel des Dr. Deckert gehörigen Hause im 3. Stock wohnte, war die Köchin erkrankt, und wurde die Hausmeisterin mit der provisorischen Bedienung bei dieser Partei betraut. — Die Dame des Hauses, welche seit vielen Jahren auf das „Neue Wiener Tagblatt" abonnirt ist, gab der neuen Bedienerin als dieselbe die Oefen heizen sollte, eine alte Nummer des genannten Journals zum Unterzünden des Heizmaterials. Diese jedoch, eine schneidige Antisemitin, deren beide Töchter dem Frauencomite der vereinigten Christen angehören, stieß die Maculatur mit Verachtung zurück und bemerkte, daß sie dieses „Judenblattl" nicht berühre. — Sprachs und eilte vom 3. Stock in ihre im Souterrain gelegene Wohnung, aus welcher sie alsbald mit einem alten „Deutschen Bolksblatt" erschien, und dies zum Unterzünden benützte. — Man muß wirklich staunen, wie weit die Bertrottelung und Fanatisirung der untersten Volksschichten gelungen ist. — Ob aber Pfarrer Deckert als bekanntlich geriebener Geschäftsmann ohne jeden Bortheil für die Parteiblätter Propaganda macht?! U. A. w. g. — Untrüglichkeit der Raeentheorie. In einer der letzten Frauenversammluugen in Swoboda's Restauration im Prater Seite 188 wurden zwei anwesende Frauen auf's fürchterlichste beleidigt. Sie kamen in den Verdacht, Jüdinnen zu sein, und mußten sich trotz lebhaften Protestes aus der Versammlung entfernen. Eine anständige christliche Frau kann solchen Schimpf nicht auf sich sitzen lassen. Die zwei Damen suchten also, wie das hiesige antisemitische Winkelblättchen in folgendem schön stilisirten Satz berichtet, sich von dem Verdachte des Judenthums zu reinigen. „Diese beiden Damen, die sich tief gekränkt fühlen, sprachen nun in unserer Schrrftleitung vor und legten uns vollgiltige Beweise ihrer arischen Abstammung vor, daß wir es hier der Wahrheit gemäß bestätigen müssen, daß sie keine Jüdinnen sind u n d f i e demnach g a n z u n v erd i e n t e r m a ß e n beleidigt w o r d e n sind." Mit welch' freudiger Genugthuung mögen die so schmählich beleidigten und jetzt so herrlich rehabilitirteu Frauen die vorstehenden Zeilen gelesen haben! Die dunklen Nebel der Verleumdung ballten sich um die zwei Lueger-Schwärmerinnen, aber der zaubergewaltige Mann blies und strahlend drang die Sonne der Wahrheit durch. So hilft Vergani dem Unterdrückten zu seinem Rechte, dem Beleidigten zur Genuthuung, dem Verdächtigten zur Reinwaschung. Die beiden Damen mögen in ihrer Freude über das ritterliche Vorgehen Bergani's noch ein wenig zurückhalten. Es bleibt abzuwarten, ob'ihnen nicht eine nachträgliche Jnserateurechnung des Ehrenbürgers von Mühldorf vorgelegt wird. In der Notiz des „Deutschen Volksblattes", die den zwei gekränkten Christinnen die Ehre wiedergibt. prangt folgende tiefe Sentenz: „Ein anderesmal dürfte es empfehlenswerth sein, nicht auf bloße Aeußerlichkeiten hin bei s o l ch e n Gelegenheiten in d i e s e r Art vorzugehen." Man kann diesem Spruch die Eignung nicht absprechen, sehr allgemeine Geltung für das menschliche Leben zu haben. Wie nothwendig diese Mahnung in Wien ist, zeigt der Vorfall, welchen die Kaufmannsgattin Frau Toni Cuny v. P i e r r o n dem „Wiener Tagblatt" berichtet: Mein Name ist Toni Cuny v. Pierron; ich entstamme der echtkatholischen Familie Diglas. Mein Mann ist auch Katholik, und einer seiner Ahnen war im XVI. Jahrhundert Erzieher des Herzogs von Lothringen, nachmaligen Cardinals. In meiner Gesellschaft befand sich eine ebenfalls katholische, erst kürzlich aus Rußland zugereiste Dame und deren 12jähriger Sohn. Wir mietheten in der Rothen Sterngasse den Comfortable Nr. 1053. um nach Döbling zu fahren. Der Kutscher lenkte das Gefährte in geradezu lebensgefährlicher Weise und wir mußten ziemlich weit vor unserem Ziele aussteigen, vor Angst, umgeworfen zu werden. Ich erlaube mir zu bemerken, daß ich sonst stets die Taxe überzahle; diesmal beschloß ich aber, es nicht zu thun, da der Mann es nicht verdiente. Als ich nun dem Kutscher die genaue Taxe von einem Gulden gebe, meinteer in zeterndem Tone: „No, dös is a weche Fuhr, da können S' Jhna hamgeigna lassen." Ich bedeutete ihm, daß er nicht mehr zu bekommen habe, und wir gingen ruhig unseres Weges. Nun fuhr der Mann im Schritte hinter uns drein und begann uns mit folgenden und anderen nicht wiederzugebenden die Ehre sowie angesichts des 12jährigenKnaben die Sittlichkeit arg verletzenden Schmäbreden zu überhäufen: „Hängt's euch auf, verfluchtes Judengesindel!". „Der Lueger soll euch Alle in die Luft sprengen, jüdische Sauh .... n!". „Hoch Lueger!" rc. rc. Eine Menge Neugieriger hatte sich sofort gesammelt, alle Fenster öffneten sich, und wir gingen, ohne eine Silbe zu erwidern, begreiflicherweise so schnell, als wir dies vermochten, auf unser Ziel los. Daselbst angekommen, war die fremde Dame vor Aufregung einer Ohnmacht nahe. Ich habe über diesen Vorfall selbstverständlich die Anzeige erstattet. Bitte noch zur Kenntniß zu nehmen, daß ich sowie meine ganze Familie den so entsetzlich um sich greifenden Racenhaß mit Abscheu und Mitleid betrachten; in unseren Augen ist jeder wohlgesittete, gebildete Mensch geehrt und geachtet — sei er nun Jude, Heide, Christ oder was immer. Lueger und Granitsch. Berlin, 14. Februar. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns aus Berlin: Mit Staunen lesen wir hier die Berichte über die Vorgänge im niederösterreichischen Landtage. Aber wenn ich ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so gestehe ich, daß mich mehr noch als die Kampfmethode der Antisemiten die Art der Abwehr seitens der Liberalen verblüfft. Da lese ich, einer der größten Schreier des Hauses, Herr Gregorig, habe über den Dr. Granitsch eine Fluth unqualificirbarer Schmähungen ergehen lassen, weil dieser in seiner Eigenschaft als Advocat der Vertreter eines anrüchigen