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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-21 · 8 (21.2.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 154 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nr. 6 Zur Geschichte der Juden in Prag. Bon Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r. (Fortsetzung.) Als Kaiser Ferdinand II. am 15. Februar 1637 seine irdische Laufbahn vollendet hatte, gelangte sein Sohn Ferdinand M. zur Regierung und erbte nicht blos den Thron, sondern auch den Krieg. Auch unter dieses edlen Fürsten Regierung haben sich die Juden Prags in Allem als treue Unterthanen, wie als eifrige opferwillige Patrioten auf die glänzendste Weise gezeigt. Sie haben, als der schwedische Feldherr König Karl am 15. Juli 1646 Prag bedrohte, sich gleich den anderen Bürgern Prags an der heldenmüthigen Vertheidigung recht lebhaft betheiligt. Dem im Stifte Hohenfurt ausgefundenen Tagebuche: Oompendiosa relativ evruw, qua« a 26 Juli ad usque 3 Novemberis, circa parvae portis Pragensis occupationem et aliorum duorum civitatum obsidiouem et opngatioueiu in deis evenerunt 1648 ist betreffs der Juden zu entnehmen, laß sie recht wacker gekämpft haben. Auch der damals commandirende General Graf Colloredo referirte an den Kaiser Ferdinand 1H.: „Als es am Ende die Nothwendigkeit erforderte, sich mit aller Gegenverfassung bereit zu halten, wurde auch die Judenschaft bestellt, gut Obacht zu geben, und sie haben sich zum Dienste, wie auch zur Schanzarbeit fleißig eingestellt, es hat männiglich seine Schuldigkeit mit aller gehorsamsten Treue erwiesen, dabei eine solche Einigkeit zwischen den Leuten gewesen, daß von dem Größten bis zu dem Kleinsten der geringste Widerwille nicht vermerkt." Der Kaiser nahm aber auch keinen Anstand den Patriotismus der Juden gebührend zu würdigen und zu belohnen. Er bestätigte nicht blos ihre alten Privilegien und Freiheiten, sondern erweiterte dieselben auch wesentlich. Sie durften von nun an überall in Stadt und Land Kaufläden halten, alle Handwerke ausüben mit Ausnahme Büchsenmacher, Schwertfeger und Plattner, jedoch christliche Gesellen zu halten war ihnen durchaus nicht gestattet. In der Judenstadt dursten sie Getränke ausschenken und gegen sechs von hundert auf Pfänder leihen. In Folge dieser Begünstigungen gelang es den Juden Prags in materieller Beziehung einen bedeutenden Aufschwung zu nehmen. Ihr Wohlstand hatte sich gebessert und sie bewohnten bereits 1680 — trotz mancher Ausnahmsgesetze denen sie sich unter der Regierung Leopold I. fügen mußten, in Prag 318 Gebäude. Allein kaum hatten sie sich ein wenig erholt, als sie ihres schwer erworbenen Vermögens beraubt wurden. Mordbrenner haben nämlich nebst anderen Städten Deutschlands Prag in Brand gesteckt, bei welcher Gelegenheit die Judenstadt vollends vernichtet wurde. Wagenfeil, der 1690 in Prag war, erzählt: „Dem Wunsche der Prager Bürger und Magistrats, aus dem Umkreise der Stadt die Juden nun gänzlich auszuschließen, stand des Kaisers Milde entgegen. Er gab diesen die Erlaubniß, ihre zerstörten Häuser wiederherzustellen. Da die christlichen Einwohner, so ihre Absicht nicht durchsetzten, versuchten sie wenigstens zu erwirken, daß die Judenstadt mit Mauern umgeben und sich auf diese Weife von allem Verkehr mit ihnen abschließen sollte. Dagegen schützten die Juden ihre Armuth vor; sie wären kaum im Stande, ihre Wohnungen aufzubauen; schon dazu müßten sie bei ihren auswärtigen Glaubensgenossen das Nöthige zusammen betteln — wie sollten sie erst die ungeheuer« Kosten zum Baue der Mauer auftreiben? Das Ende davon war, daß der Kaiser befahl, die Juden sollen nur steinerne Häuser aufführen und gegen die Seite der Christenstadt weder Erker noch Thore, Fenster, Thürme oder Gitter anbringen dürfen, wodurch ohnedies ihre Gebäude die Gestalt von Mauern darböten; demzufolge arbeiteten nun diese mit unermüdeter Thätigkeit besonders an ihren Synagogen, deren Zahl jetzt auf zwölf festgesetzt ist, obgleich sie früher größer gewesen." Der hier erwähnte Brand hatte am 21. Juni 1689 stattgefunden und die Prager Bürger wünschten durchaus, daß den Juden der Aufenthalt in Prag verboten und ihnen das nahegelegene Lieben angewiesen werde, was ihnen jedoch beim Kaiser durchzufetzen nicht gelungen ist. Mit der Bewilligung, in Prag bleiben zu dürfen, sagt Wolf, war jedoch das Uebel nicht ganz gehoben. Man verlangte von den Juden, daß auf die abgebrannte Stätte Häuser wieder erbaut, gerade Gasten ohne Winkelgebäude geräumig und weitschichtig, errichtet werden, und zu dem Zwecke sollten die dreizehn bestandenen Synagogen auf sechs reducirt werden, auch die Altschule sollte niedergeristen werden. Dagegen petitionirten die Prager Juden: Allerdurchlauchtigstiger, Allergnädigster Herr, Herr! Demnach bey Einer zur Erbauung der Pragrischen Judenfiadt gehaltenen Commission dem Vernehmen nach Vorkommen, daß die also genannte Alte Schul in die vermeinte Ringmauer effective nicht mit eingeführt werden kann, selbige hinwegzuräumen angegriffen werden sollte, können derselben Kirchenväter aus sonderbaren gemithsbetrübniß keinen Umgang nehmen Ew. k. u. k. Majestät allerunterthänigst ja mit zähren fließenden Augen beyzubringen, daß vorgemelte Alte Schul. 1. Die Erste und Elteste Synagoge grundfest und gewölbter von lauter Steinen gar schön und zierlich vor vielen hundert Jahren in Prag von den Juden erbaut mit Ziegel gedeckt, über 50.000 fl. gekostet, darinnen jederzeit Gott gelobt, alle Samstage vor Euer Majestät und gesammbten hochlöblichen Ertzhause beständiges wohlgehen, von der ganzen Prager jüdischen Gemeinde einhelliglichen gebetet, dieselbe in so grimmiger Feuersbruust von Gott dem Allmächtigen gleichsam mirakulose beschirmt, daß ob loci sanctitatem auch temporis antiquitatem höchstens zu bedauern und schad über schad seyn, wenn annitzo dieselbe mit Menschenhänden ohne erhebliche Ursach: sollte niedergerissen weiden (Hdb. Monatsschrift S. 273). _ (Fortsetzung folgt.) Was wollen wir mit den jüdischen Melodien? Bon Obercantor Singer in Wien. Der von Herrn Professor Dr. Steinthal in der A. Z. d. I. veröffentlichte treffliche Aussatz „Was wollen wir mit den jüdischen Melodien?" und die von dem Herrn Autor sofort gegebene Antwort: „Gar nichis" bietet jedem besser denkenden jüdischen Cantor zwingende Veranlassung, den iu diesem Aufsatze ungemein sympathisch behandelten Erörterungen etwas näher treten zu müssen. Wenngleich der geehrte Herr Autor auf eine musikalisch-meritorische Behandlung des Stoffes nicht eingeht, so fühlen wir uns trotzdem zu innigem Danke verpflichtet, daß ein Mann der Wissenschaft auf die Bedeutung der jüdischen Melodien aufmerksam macht und eine Veröffentlichung „der möglichst reichsten Sammlung der Lieder und ihre Varianten in möglichst v o l l st e r Tr e u e" verlangt. — Erscheint uns auch dieses Verlangen nach der so bündig hingeworfenen Abweisung „Gar nichts" etwas räthselhaft, so begrüßen wir die vorerwähnte Thatsache demnach herzlichst und bedauern nur, in dieser Aufforderung nicht prägnant bezeiä)net zu ^ehen, ob aschkenasische oder polnische, italienische oder sephardische oder alle Melodien insgesammt zu sammeln seien. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß der Herr Autor unter „Varianten" nicht diese angeführten, von einander vollständig verschiedenen Gesänge, als vielmehr jene, innerhalb einer Gattung sich kundgebenden Abweichungen versteht und müssen zuförderst schon hier darauf Hinweisen, daß selbst bei dieser Eventualität, als der leichter zu bewältigenden, an eine Zuerkennung der Originalität schwer zu denken sei, da jede Melodie d e r s e Iben Gattung gerade durch ihre Abweichung von eineranderen, den Charakter des Orignellen für sich in Anspruch nimmt. Eine etwaige Sammlung der erstangesührten Gruppe, nämlich der Melodien verschiedener Minhogim würde selbstredend, eben durch ihre vollständige Verschiedeuartigkeit, die Gegensätze legionartig vermehren und ein endgiltiges Urtheil unmöglich machen. In der weiteren Kundgebung des Herrn Professor Steinthal: „Die bisherigen S a m m l u n g e n sollten nur das B e d ü r f n i ß des Gottesdienstes befriedigen" dürfte es vielleicht statt Gottesdienstes „Gotteshauses" heißen, weil selbst die Gesänge cm Familientische zur mischelo rc. dem Gottesdienste, wenn auch nur dem häuslichen Gottesdienste, gewidmet sind und das Judenthum alte Gesänge lediglich profanen Inhaltes überhaupt nicht kennt, es müßte denn sein, daß man die Gesänge der am Hofe zu Mantua (1542—1628) oder diejenigen der am Hofe des arabisd)en Königs Athaken in Verwendung gestandenen getauften jüdischen Musiker in diese Kategorie einzureihen gedächte. Unseres Erachtens wäre es vor Allem, der leichterenUebersichtlichkeit wegen, geboten, für die in Frage stehenden Melodien eine Gattungsbenennung festzustellen und würden wir nicht anstehen, die von Herrn Professor Steinthal am Kopfe seines Aussatzes hingestellle Bezeichnung „jüdische Melodie" zu acceptiren, obgleich vielleicht die Benennung: „synagogale Melodie", den Charakter dieser Melodiengruppe ersachpfender bezeichnen würde — doch bleiben wir bei der „jüdischen Melodie". — Nehmen wir an, die Aufforderung des Herrn Professor Steinthal wäre von dem größtmöglichsten Erfolge gekrönt, d. h. die vorfindlichen jüdischen Melodien aller Länder, Riten und Zeiten lägen gesammelt vor uns und eine Commission hätte nun zu verfügen, welche Melodien anzunehmen und welche zu verwerfen seien; dürfte irgend ein Commissionsmitglied seine Meinung gegen irgend eine Melodie abgeben, ohne ein Sacrilegium gegen alle Jene zu begehen, denen gerade diese Melodie heilig und theuer geworden? Unserer Sentimentalität, den von unseren Urahnen gehörten Gesängen, stünde die Heiligkeit anderer Gesänge gegenüber, die zu-

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