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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-02-21 · 8 (21.2.1896) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8 Dr Vloch's Wochenschrift. Seite 153 sein Auftreten, indem er sich von seinen antisemitischen Collegen zurückzog, keine Ausnahmsstellung einnehmen wollte, gleiches Recht für Alle beanspruchte. „Da ihr den Juden verfolgt, einzig und allein, weil er Jude ist, warum geschieht auch mir nicht ein Gleiches. Auch ich will mein Theil haben an ihren Schmerz, wie ich Antheil genommen an ihren Frieden. Ich will nicht vereinsamt auf der Höhe stehen." Wie oft klagte er mir, daß seine Stellung ganz unmöglich geworden, nicht daß seine sociale Position erschüttert oder seine Autorität ins Schwanken gerathe, er könne jedoch diesen Haß, der seinen Brüdern überall entgegengetragen werde und der sich bei jeder Gelegenheit äußert, nicht mehr dulden und schweigend ertragen. Auch dem Großfürsten Nicolai vertraute er sein Leid an, doch der edle Prinz war machtlos und vertröstete seinen jüdischen Freund auf bessere Zeiten, es könne doch nicht immer so bleiben, früher oder später müsse doch eine Aenderung zum Besseren eintreten. So lange der Großfürst lebte, der ihm außerordentlich gewogen war und diese seine Huld bei jeder Gelegenheit bekundete. hielt Dr. Wywodjew aus und übte man gegen ihn große Rücksichten, da man wußte, welch einen Rückhalt er in dem Oheim des Kaisers besaß. Doch kaum hatte Großfürst Nikolai die lieben treuherzigen Augen geschlossen, als man zu der Offensive überging. Man begann mit Nadelstichen und endete mit Keulenschlägen. Dr. Wywodjew zog es vor, den Staatsdienst zu quittiren und sich in's Privatleben zurückzuziehen. Hatte er doch während vierzig Jahre seine Pflicht gethan, während vier Decennien treu auf der Wacht gestanden Jetzt ist es genug. Und der Mann, der trotz seiner sechzig Jahre noch geistig frisch und körperlich stark war, ein echter Recke, zog die schimmernde Generalsuniform aus, kleidete sich in den einfachen schwarzen Rock und begann ein beschauliches Leben. Doch kein Schlaraffenleben. Er arbeitete unermüdlich weiter, seine Kräfte waren stets der leidenden Menschheit geweiht und er blieb im Dienste der Wissenschaft. In seinen Mußestunden unterhielt er sich mit Musik und Schachspiel, welche beide er leidenschaftlich liebte.*) Er spielte sehr gut die Violine und hatte noch im vorigen Jahre begonnen,Clavierstunden zu nehmen und bedeutende Fortschritte gemacht. Für einen Gelehrten von sechzig und etlichen Jahren ein Beweis von großem Jdealismus. Dr. Wywodjew war Witwer, kinderlos und bewohnte eine sehr elegante Wohnung in einer der Centralstraßen, wo ich ihn auch häufig besuchte. IV. Doch der Weltschmerz nagte an ihm und gönnte dem hochherzigen Mann keine Ruhe. Erkannte sich nie und nimmermehr mit dem schreienden Unrecht versöhnen, mit der rohen Gewalt, die man an seinem Volke verübte. Sein Rechtsgefühl empörte sich dagegen, bäumte sich auf und das Bewußtsein der Machtlosigkeit brachte ihn oft zur Verzweiflung. Es unterliegt für m.ch nicht dem geringsten Zweifel, daß dieses Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, seine körperliche Krankheit bedingte, die sich tückisch an diesen gigantischen Organismus (der für ein Jahrhundert gezimmert zu sein schien) heranschlich und ihr entsetzliches, geheimnißvolles Minirwerk begann. Es war geradezu entsetzlich, zu sehen, welche furchtbar rasche Fortschritte dieser Berheerungsproceß machte. Der kräf¬ *) Ich erlaube mir hier die Bemerkung einzuschalten, daß man bei uns letzthin sehr verschnupft war, daß am letzten Schachttunier zwei Semiten (dieJuden Laster und Steinitz) zwei Arier (den Amerikaner Pilsbury und den Russen Tschigorin aus dem Felde schlugen, und ihnen die Siegespalme entrissen. Hiebei muß bemerkt werden, daß die beiden Juden Lasker und Steinitz (Ersterer ein Berliner Kind, Letzterer aus Prag gebürtig) nur mit großer Mühe zum Schachturnier nach Petersburg gelangen konnten, da sich die russischen Botschaster in London und Washington (wo die Herren domiciliren) weigerten, ihnen Päße nach Rußland zu visiren. Nach bestehendem russischem Gesetze dürfen ausländische Juden als Großindustrielle oder deren bevollmächtigte Vertreter nach Rußland kommen und auch nur mit Genehmigung dreier Minister (des Innern, der Finanzen und des Auswärtigen). Da mm die Herren Lasker und Steinitz weder Großindustrielle noch Banquieure, sondern blos Schachmadatore sind/so wollte man ihnen den Eintritt in's heilige Rußland nicht gestalten. Es entspann sich zwischen Petersburg, London und Washington ein lebhafter telegraphischer Verkehr und da an der Spitze des Schachclubs, der das Turnier inscenirte und sich doch vor beiden Hemisphären nicht unsterblich blamiren konme, hervorragende Männer stehen, so setzten sie es bei der Regierung durch, daß man dieses Mal nicht ein Auge, sonder» beide Äugen zudrückte und den Herren Lasker und Steinitz ausnahmsweise das Ueberschreiten der russischen Grenze gestaltete. tige lebensfreudige Mann verfiel plötzlich, er sank zusammen, geistig und körperlich. Der Humanist ward Misanthrop, der Optimist verwandelte sich zum Pessimisten; er, in der Gesellschaft beliebt, zog sich ganz von derselben zurück, er, der einst so mittheilsam, so gesprächig, von einer so glänzenden Unterhaltungsgabe war, wurde einsilbig, verdrossen, verschlossen, wich seinen besten Freunden aus. Das körperliche Siechthum hielt gleichen Schritt mit dem Gemüthszustand. Vergebens suchte er Zerstreuung vor der ihn immer mehr mit ihren scharfen Klauen umfassenden Melancholie, vergeblich suchte er Heilung an verschiedenen Quellen Europas. Er kehrte vor etlichen Monaten als ein ganz gebrochener Mann nach Petersburg zurück und erklärte mir, daß sein Zustand unheilbar sei, er leide an einem entsetzlichen Nebel, das er nicht kenne und das auch der berühmteste Arzt Europas nicht ergründen könnte. Das Leben sei ihm schon lange zur Last und würde er c,erne die Bürde von sich werfen; die Qualen, die er erdulde^ seien schon gar zu unerträglich. Nur Eines befürchte er, daß etliche seiner Verwandten, die zum Christenthume übergegangen, ein Moment seiner Bewußtlosigkeit benützen könnten, um auch ihn zu taufen. Er beschwor alle ihn behandelnden Aerzte (sowohl -Juden als Christen), nicht zuzugeben, daß man an ihm diesen Act vollziehe, bei dcm Gedanken allein, an die Möglichkeit desselben könne er wahnsinnig werden. Selbstverstündlich, daß man ihm die Zusicherung gab, man würde nie etwas Aehnliches, Ungeheures zulassen; übrigens denke ja auch Niemand daran. Doch war es bei ihm zu einer fixen Idee geworden, die ihn fesselte und er kehrte immer zu demselben Gegenstand zurück und bat, daß man ihn beruhigen solle. Der Zustand verschlimmerte sich indessen immer mehr und die Schmerzen wurden geradezu unerträglich. Eines Morgens schickte er den Diener mit einer Besorgung fort. Dann rief er die Wärterin ans Beit und gab ihr auch einen Auftrag. Als dieselbe sagte, daß sie warten würde, bis der Diener zurückgekehrt sein würde, so erwiderte der Kranke: „Thut nichts, gehen Sie nur, lassen Sie die Thüre offen, doch zur Sicherheit geben Sie mir den Taschenrevolver, der da auf d-m Schreibtische liegt." In ihrer Naivetät erfüllte die Wärterin diesen seltsamen Wunsch und kaum hatte sie das Haus verlassen, so setzte der Unglückliche die Mündung des Revolvers an die Schläfe, ein Druck mit dem Finger und ein Mikrokosmus hat ausgehört zu sein, ein edler Mensch hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht. Die vorgenommene Section ergab ein Krebsgeschwür im Rückenmark, das dem Unglücklichen Tantalusqualen verursacht haben mußte und denen nur ein solch' gigantischer Organismus so lange hatte widerstehen können. Der Wunsch des Verstorbenen war in Erfüllung gegangen; er starb als Jude und ruht auf dem jüdischen Friedhofe. Jüdische Hände betteten ihn in den Schoß der Mutter Erde und ein Rabbiner sprach den letzten Nachruf an dem offenen Grab, jüdische Psalmen des jüdischen Chores accompagnirten, als die erste Scholle auf den in der Gruft hinabgelaffenen Sarg fielen, in dem ftit guter, edler Mann, ein bedeutender Gelehrter nun ruht nach langem, schweren Erdenwallen. Einen großen Theil seines Vermögens hat der Verewigte zu wohlthätigen gemeinnützigen Zwecken vermacht. Sein Andenken wird noch lange fortleben, denn er war nicht nur einer der glänzendsten Vertreter der Wissenschaft, sondern ein echter Jude, dessen großes Herz warm für sein armes Volk schlug. Er war und blieb ein Jude, selbst als er den höchsten Gipfel irdischer Macht erreichte, als ihn die Sonne des Glückes hell beschien. Er blieb sich stets treu und der ärmste, niedrigste seiner Brüder war stets sicher, bei ihm Mitgefühl zu finden. Der Name von David Wywodjew wird in den Annalen der russischen Medicin unvergeßlich bleiben. Er hat sich durch zahlreiche Schriften verewigt, hat die Wissenschaft mit vielen Erfindungen bereichert, die sämmtlich ein hohes humanes Ziel verfolgen — die Gräuel des Krieges zu lindern. Er hatte sein ganzes Leben fast ausschließlich dieser Ausgabe geweiht, die er auch glänzend gelöst, so daß selbst die judenfeindlichen Organe ihm warme Nachrufe widmeten, ohne selbstredend zu erwähnen, daß dieser so hochgepepriesene Mann, dieser so verherrlichte Chirurg, dieser Wohlthäter der Menschheit, der so viel Edles gestiftet, so viel Gutes gethan, im Grunde genommen doch weiter nichts war als ein Jude....

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