Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 152 Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 8 bischen Jüdin verheiratete, eine zahlreiche Generation und bedeutende Güter hinterließ. Ich habe diese Erzählung seiner Herkunft von Dr. David Wywodjew selbst gehört, der mit Stolz darauf hinwies, daß sein Borfahr eine so heroische That begangen, die aber, wie eine übrigens nicht ganz verbürgte Familienlegende behauptet, nur eine Sühne gewesen sein soll. Denn die Voreltern der Neophiten waren deutsche Juden, die ihrem Glauben untreu geworden, so daß eigentlich der aus dem Schooß der rechtgläubigen Kirche in die jüdische Synagoge zurückgekehrte befsarabische Edelmann blos eine Umkehr, keinen Umschwung vollzog, was vielleicht auch als Milderungs- oder Entschuldigungsgrund betrachtet wurde und man ihn unbehelligt ließ, wozu freilich auch ein verschwenderisch ausgestreuter Goldregen das Seinige beigetragen haben mag. Wie dem auch sei, die Familie Wywodjew, als ich sie in Kischenew kennen lernte, war eine streng jüdische, wenngleich aufgeklärte und vom Fanatismus weit entfernte. Sie verschwägerte sich im Laufe der Zeit mit den besten jüdischen Familien und ein Zweig trieb auch sogar Sproßen in Wien, obgleich sich wieder das seltsame Naturspiel wiederholte: etliche von den Familien an dem Gestade der schönen blauen Donau vollzogen an sich abermals eine Conversion, und war der Ahne aus der Kirche in die Synagoge übergegangen, so ging der Enkel aus der Synagoge in die Kirche über. Vielleicht, daß sich bei den Nachkommen dieser neuen Christen wieder einmal eine umgekehrte Richtung bemerkbar machen wird. Dr. David Wywodjew war nicht nur ein überzeugter Jude, sondern auch ein glühender Patriot. Er hing mit Leidenschaft an seiner Religion und seinem Gotte. Wenn er seinem Glauben hätte abschwören wollen, so wäre er sicher zu den höchsten Berftmuensposten berufen worden, was schon daraus zu ersehen ist, daß er. Jude bleibend, sein Judenthum nicht verbergend, sondern sich mit demselben stets brüstend, es so weit gebracht, in den Palästen ein gern gesehener Gast war und sich seiner unterdrückten Glaubensgenossen stets mit Eifer annehmend. Nachdem er feine Studien in Kiew glänzend beendet, wo er zum Doctor der Medicin promovirte, gab er sich vorzugsweise der Chirurgie hin und fand in dem berühmten Professor Pirojew einen Lehrer und Freund. Dieser größte aller russischen Chirurgen begleitete auch Dr. Wywodjew (gleichzeitig mit dem auch vor Kurzem aus dem Leben geschiedenen Dr. Josef Bartenson, dessen Nekrolog ich seinerzeit hier gebracht) auf die Schlachtfelder der franco-germanischen Krkegstrojaden, war in Straßburg, Metz und Sedan und machte alle Gräuel der grandiosen Menschenschlächterei mit. Mit vorzüglichen Kenntnissen als Feldchirurg ausgerüstet, machte er den russischtürkischen Krieg mit, wo er dem Hauptquartier des Höchstcommandirenden Großfürsten Nicolai attachirt war. Der humane Prinz gewann den jüdischen Arzt sehr lieb und bewahrte bis zu seinem vor etlichen Jahren erfolgten Tode diese Anhänglichkeit, so daß Dr. Wywodjew stets ein gern gesehener Gast in dem prächtigen Palais des Großfürsten am Chevaliergardeboulevard war, worüber gar Biele geringschätzig die Nase rümpften. Als Chirurg that er sich besonders auf den Verbandplätzen hervor, war mitten im Kugelregen und setzte sein Leben häufig der höchsten Gefahr aus. Diese Verdienste wurden auch anerkannt und er klomm schnell die Rangstufen der hierarchischen Leiter empor. Er war der erste jüdische Geheimrath und wahrscheinlich auch der letzte, denn es ist schwer zu hoffen, daß in absehbarer Ferne je ein Jude noch dieser hohen Auszeichnung theilhafiig werden wird. Die breite Brust mit zahlreichen flimmernden Ordenssternen und Kreuzen geschmückt, auf den Schultern die silberstrahlend?n Generalsepauletten und das rothe Band des Großcordons, bot diese Hünengestalt einen wirklich imposanten Anblick, so daß man unwillkürlich von Ehrfurcht erfüllt ward. Und dabei leuchtete das blaue Auge so freundlich und so mild, um den wohlgeformten Mund spielte ein so gütiges Lächeln, welches gleichsam gegen den starken, martialisch aufgewirbelten, blonden Schnurrbart und dessen chauvinistischen Allüren protestiren wollte. Er war nicht stolz, dieser besternte Würdenträger, dieser berühmte Chirurg, der auch auf dem Gebiete der Philantropie Erkleckliches geleistet, der sich durch seine zahlreichen Erfindungen im Dienste der Humanität einen Namen gemacht, der einen guten Klang in ganz Rußland und weit über die Grenzen des Reicher hat. Dr. Wywodjew hat für das Kciegslazarethwesen viel gethan und einige seiner Erfindungen auf diesem Gebiete sind sowohl in Deutschland als in Frankreich eingeführt worden: Traglahren eigener Art, Hängematten in den Waggons, um den Transport von Verwundeten, die Evacuation von Kranken zu erleichtern und neue Systeme von Verband u. s. w. Während der Weltausstellung zu Chicago im Jahre 1878 war Dr. Wywodjew von unserem Kriegsministerium nach Amerika delegirt worden, um sich mit den neuesten Fortschritten der Chirurgie und des Feldlazarethwesens bekannt zu machen. In der Aula der dortigen Universität hielt er Vorlesungen in englischer Sprache und die amerikanischen Studenten waren so begeistert, daß sie ihn auf den Händen aus dem Auditorium durch die Straßen der Stadt nach seinem Hotel trugen und ihm daselbst enthusiastische Ovationen darbrachten. Er, der aus Rußland abg.schickt worden, um zu lernen, trat in Amerika als Lehrer auf und ward freudig als Meister begrüßt und wurde ihm die große goldene Verdienstmedaille votirt, eine Auszeichnung, die noch Niemandem vorher zu Theil geworden. Es würde mich zu weit führen, wollte ich Alles das erzählen, was Dr. Wywodjew auf dem Gebiete der Chirurgie und den mit denselben in enger Berührung stehenden Zweigen der modernen Kriegführung geleistet. Nur noch einer seiner Erfindungen will ich gedenken, weil dieselbe schon gar zu sensationell ist, als daß ich über dieselbe mit Schweigen hinweggehen könnte. Es ist dies das Geheimniß des Balsamirens, die Kunst, den menschlichen Leichnam unvermoderlich zu machen, ihn für immer zu conserviren. Diese seine Erfindung hatte ihn nicht nur berühmt, sondern auch zum reichen Manne gemacht. Die vornehmsten und reichsten Todten wollten von Dr. Wywodjew balsamirt sein, selbstredend, daß ich damit sagen will, daß deren Hinterbliebenen diesen Wunsch äußerten. Und da die Balsamirungen Wywodjew's stets sehr erfolgreich waren, so kam es bald in die Mode, besonders nachdem ihm die traurige Ehre zutheil geworden war, die sterblichen Ueberreste seines Freundes und Lehrers Professors Nikolai Jmmanowitsch Pirojew zu balsamiren. Dr. Wywodjew war telegraphisch nach Winitzi (Gouvernement Kiew) berufen worden und fand den Leichnam des berühmten Chirurgen schon im Berwesungsproceß begriffen. Nicht nur, daß es ihm gelang, den Zersetzungsproceß auszuhalten, sondern es glückte ihm auch, die Verheerungen, die der Tod in den Ueberresten des theuren Hingeschiedenen (der einer der aufgeklärtesten Männer des Jahrhunderts und ein eifriger Verfechter der jüdischen Gleichberechtigung gewesen war) angerichtet hatte, zu repariren und den Todten so herzustellen, daß er in friedlichem Schlaf zu liegen scheint. Und so kann man noch jetzt die sterblichen Ueberreste des großen Philantropen und Chirurgen in seinem Glassarge ruhen sehen, gleichsam als schliefe er. Dr. Wywodjew hat auch den berühmten Milliardär Baron Stieglitz (nebenbei bemerkt, gleichfalls jüdischer Abstammung), den Grafen Peter Schuwalow und andere Mitglieder der russischen Nobilith balsamirt und damit den Grund zu einem sehr bedeutenden Vermögen gelegt, da diese Operationen außerordentlich, hoch bezahlt wurden. m. Als für die Juden Rußlands die böse Zeit der schweren Noth mit dem Regime der Achtziger-Jahre herangebrochen war, begann für Dr. Wywodjew die Periode des Weltschmerzes, an dem er krankte. Sein Herz blutete, wenn er die Leiden sah, denen seine Brüder ausgesetzt waren, wenn er von den blutigen Krawallen in Südrußland hörte. Der Antisemitismus begann immer entsetzlichere Blüthen zu treiben und die Hochfluth des Judenhasses reichte selbst bis in die hohen Sphären, in denen sich Dr. Wywodjew bewegte. Da er aus seinem Abscheu vor diesen durch die Regierung tolerirten Ausschreitungen des fanatischen Janhagels kein Geheimniß machte; da er sich freimüthig über das Unmenschliche, Schändliche dieser gegen Millionen Unschuldiger inscenirten Verfolgungen aussprach, da er, der Hochstehende, Prior» legirte, nicht nur mit seinen unterdrückten, verstoßenen Brüdern Mitleid fühlte, sondern seinen Gefühlen auch in Worten Luft machte, die vielleicht nicht immer censurfähig, manchmal gar polizeiwidrig waren, so begann seine Stellung eine ziemlich schwierige zu werden und spitzten sich die Beziehungen mit seinen von der Seuche des Jahrhunderts angefressenen Collegen immer mehr zu. Bis jetzt schien man es ganz vergessen zu haben, daß Dr. Wywodjew ein Jude sei. Er selbst erinnerte daran durch