Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021124--05361-3029593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 151 derung. Je schöner die Race, umsomehr würde man sie behandeln, wie die Circassierinnen und die jungen Gefangenen, die einst in Babylon weinten. Und wenn es keine Barbaren mehr in Europa geben sollte, so würden sie über's Meer herüberkommen. Mit einem Worte, die Annahme einer großen, sehr civilisirten, d. h. sehr humanen, sehr milden, sehr intelligenten und sehr reichen Bevölkerung ohne Plünderer und Despoten, welche aus ihr Nutzen ziehen, läuft ebenso den Thatsachen zuwider, wie die Annahme eines Continents, der nur von Pflanzenfressern ohne Raubthiere bewohnt wäre. Man kann theoretisch eine höchst civilisirte Gesellschaft construiren, die von der Barbarei entfernt wäre, aber das wäre kein vollkommener Zustand, denn eine solche Gesellschaft könnte sich nicht vertheidigen". Diese beiden Gelehrten, der deutsche, christlich-sociale Pastor und der französische Akademiker sind nicht deutschnational und ihr Urtheil verdient deswegen bei Gelehrten vom Schlage des Herrn Guido List keine sonderliche Beachtung, kaum eine ernstliche Widerlegung. Aber ein Anderes ist uns erklärlich geworden, nämlich das harte Urtheil Schopenhauers über die Deutschen und über deutsche Gelehrte. Wir fanden in seinen „Sämmtlichen Werken" (herausgegeben von Ed. Griescbach, 6 Bände, Leipzig, PH. Reclam) den merkwürdigen Satz: „Wieland (Briefe an Merk, S. 239) nennt es ein Unglück, als Deutscher geboren zu sein; Bürger, Mozart, Beethoven und Andere würden ihm beigestimmt haben, ich auch (IV., 118). Er nennt die Deutschen eine Nation, „welche in politischen und finanziellenAngel.egenheiten Mangel an wahrer Ehrenhaftigkeit bewiesen hat; wie es damit bei ihr im Privatverkebr stehe, kann man bei Denen erfragen, die Erfahrung darin haben. Was aber gar ihre Urbanität und gesellschaftliche Bildung betrifft, so ist sie als negatives Muster längst berühmt." (IV., 427 f.) An einer anderen Stelle spricht er über die deutsche Literatur ein recht gehässiges Urtheil und fügt hinzu: „Aber ich wollte froh sein, wenn das Plagiat die größte Unredlichkeit wäre, welche die deutsche Literatur befleckt; es gibt deren viel mehr, viel tiefer eingreifende und verderblichere, zu welchen das Plagiat sich verhält, wie ein wenig xietrpoeketiog zu Capitalverbrechen. Jenen niedrigen, schnöden Geist meine ich, vermöge dessen das Persönliche Interesse der Leitstern ist, wo es die Wahrheit sein sollte und unter..der Maske der Einsicht die Absicht redet. Achselträgerei und Augendienerei sind an der Tagesordnung. Tartufsiaden werden ohne Schminke aufgeführt, ja Kapuzinaden ertönen von der den Wissenschaften geweihten Stätte; das ehrwürdige Wort „Aufklärung" ist eine Art Schimpfwort geworden, die größten Männer des vorigen Jahrhunderts, Voltaire, Rousseau, Locke. Hume, werden verunglimpft, diese Herren, diese Zierden und Wohlthäter der Menschheit, deren über beide Hemisphären verbreiteter Ruhm, wenn durch irgend etwas, nur noch dadurch verherrlicht werden kann, daß jederzeit und überall, wo Obskuranten auftreten, solche ihre erbitterten Feinde sind — und Ursache baut haben. Literarische Fraktionen und Brüderschaften auf Tadel und Lob werden geschlossen und nun wird das Schlechte gepriesen und ausposaunt, das Gute verunglimpft oder auch, - wie Goethe sagt, „durch ein unverbrüchliches Schweigen secretirt, in welcher Art von Jnquisitionscensur es die.Deutschen weit aebracht haben." (Tag- und Jahreshefte, I. 1821). Die Motive und Rücksichten aber, aus denen das Alles geschieht, sind zu niedriger Art, als daß ich mit ihrer Aufzählung mich befassen möchte. Welch ein weiter Abstand ist doch zwischen der von unabhängigen Gentlemen der Sache wegen geschriebenen »Rdivburgb Review«, welche ihr edles, dem Publius Syrius entnommenes Motto: sudex damnatur, Lorn nooens absolvitur, mit Ehren trägt, und den absichtsvollen, rücksichtsvollen, verzagten, unredlichen, deutschen Literalurzeitungen, die, größtentheils von Söldlingen des Geldes wegen fabricirt. zum Motto haben sollten: Accedas socius, laudes, lauderis ut absens. — Jetzt, nach 21 Jahren, verstehe ich. wes Goethe mir 1814 sagte, in Berka, wo ich beim Buch der Stael »Oe PAHemagne« gefunden hatte und nun im Gespräche darüber äußerte, sie mache eine übertriebene Schilderung von der Ehrlichkeit der Deutschen, wodurch Ausländer irregeleitet werden. Cr lachte und sagte: „Ja freilich, die werden den Koffer nicht anketten, und da wird er abgeschnitten werden." Dann aber setzte er erst hinzn: „Aber wenn man die Unredlichkeit der Deutschen in ihrer ganzen Größe kennen lernen will, muß man sich mit der deutschen Literatur bekannt machen. (III., 216 f.)" Das Urtheil ist zweifellos hart und wir würden ihm keineswegs beistimmen. Allein wenn man die literarischen Erzeugnisse der Deutschnationälen unserer Gegenwart vor Augen hat, erinnert man sich unwillkürlich der Worte des Philosophen. Da ist keine Spur von wissenschaftlicher Ehrlichkeit, sondern ein wüstes Schimpfen, ein oberflächliches Aburtheilen und Absprechen, die gemeine Phrase ersetzt das Streben nach Wahrheit. Die Hauptsache ist, dem süßen Pöbel nach dem Mund zu reden und um des augenblicklichen Nutzens willen die Geschichte zu fälschen. Wenn das deutschnational ist, dann begreifen wir den Schopenhauer. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. xxxvm. Geheimrath Dr. David Wywodjew. I. Dieser Tage starb hier ein Mann (und zwar eines außerordentlich tragischen Todes), deffen Schicksal einen ungewöhnlich prägnanten Beitrag zur Geschichte der Juden in Rußland bildet. Wenn Sie wollen, so war sein Leben ein Roman, wie man ihn sich spannender nicht denken kann. Er hatte die höchste Stufe der hierarchischen Leiter erklommen, seine Brust war mit Kreuzen, Sternen und Ordensbändern bedeckt, er besaß große Reichthümer, war ein vorzüglicher Arzt und berühmter Chirurg, außerdem ein hochgebildeter Mann und dabei von einer rührenden Bescheidenheit und Einfachheit, obgleich er der einzige Jude im ganzen, weiten russischen Reiche war. der einen so hohen Rang bekleidete, (ich muß bemerken, daß der Geheimrath bei uns die zweite Rangstufe ist, ein Rang der nur für große Verdienste oder sehr lange treue Dienste rin Staate verliehen wird,) ein glühender jüdischer Patriot, voll Eifer für die heilige Sache seines Volkes. Er war derselbe hochgestellte Arzt, deffen ich im vorigen Jahre erwähnte gelegentlich einer Episode aus dem letzten russisch-türkischen Kriegs, wo er dem Höchstcommandierenden der Donauarmee, Großfürsten Nicolai, die treffende Antwort gab. Damals durfte ich seinen Namen nicht nennen, da dem lebenden im Staatsdienste befindlichen Manne dadurch Unannehmlichkeiten erwachsen konnten. Der Held jener denkwürdigen Geschichte, die sowohl dem russischen Prinzen als dem jüdischen Arzte alle Ehre macht, war Dr. David Wywodjew, denn der nun Verstorbene, so tragisch aus dem Leben Geschiedene war mir seit vielen Jahren ein lieber und werther Freund gewesen. Das Leben dieses Mannes war eben so seltsam als sein Tod. Obgleich er ein glaubenstreuer, religiöser Jude war und die Traditionen seines Glaubens hoch hielt, so versündigte er sich doch an den Grundgesetzen, verletzte grell eines der wichtigsten zehn Gebote: Du sollst nicht tobten! Dr. Wywodjew schoß sich eine Kugel durch den Kopf und wenn man auch diese entsetzliche That nicht entschuldigen und verzeihen kann, so dürfte man sie erklären und Milderungsgründe finden, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt, welche dem ausgezeichneten Manne die tödtliche Waffe in die Hand drückten. Um diesen dramatischen, höchst tragischen Vorgang (der von unserer gesummten Presse, auf behördliche Verfügung ganz ignorirt wurde, die Zeitungen begnügten sich blos mit der kurzgefaßten Todesanzeige) zu würdigen, muß man die Geschichte dieses Mannes kennen, der mir sehr nahe gestanden, der vor mir keine Geheimnisse hatte, der mir seinen Weltschmerz, an den er dahinsiechte, anvertroute wie er mich zum Vertrauten seiner physischen Leiden machte, die entsetzlich waren und die aus dem edlen Manne wirklich einen Märtyrer gemacht. II. Dr. David Wywodjew ward in den Dreißiger-Jahren in Kischinew (Bessarabien) in einer sehr wohlhabenden und aristokratischen jüdischeuFamilie geboren und erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung. Sein Vater besaß mehrere bedeutende Gütercomplexe (dazumal gab es noch in Rußland, besonders im Süden, auch noch jetzt, jüdische Gutsbesitzer), die jedoch im Laufe der Zeit allmälig zusammenschrumpften. Seltsamerweise war der Urgroßvater von David Wywodjew ein rechtgläubiger Christ gewesen, der aus innerer Ueberzeugung zum jüdischen Glauben übergetreten war und einer der frömmsten Juden Bessarabiens ward. Wieso dieser Neophit dem Feuertode entging (welchen eine solche Conversion nach sich zieht, ward doch bekanntlich Graf Potojkoj, der am Anfänge dieses Jahrhunderts vom Katholicismus zum Judentbum übergetreten war, öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt) ist unerklärlich. Jedenfalls ist es ein Factum, daß der Ahne von Wywodjew ein rechtgläubiger Christ gewesen, zum Judenthum übertrat, sich mit einer beffa-