Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 148 Dr Vloch's Wochrnschrffk Nr. 8 Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn ihre Grundlage unsere gesicherte Souvcränetät ist. Die Society wird mit den jetzigen Landeshoheiten verhandeln, und zwar unter dem Protectorate der europäischen Mächte, wenn diesen die Sache einleuchtet. Wir können der jetzigen Landeshoheit ungeheure Vortheile gewähren, einen Theil ihrer Staatsschuld übernehmen, ihnen Verkehrswege bauen, die ja auch wir selbst benöthigen, und noch vieles Andere. Durch das Entstehen unseres Staates gewinnen die Nachbarländer, weil im Großen wie in: Kleinen die Cultur eines Landstriches den Werth der Umgebung erhöht. Ist Argentinien oder Palästina vorzuziehen? Wir werden nehmen, was man uns gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes erklärt. Die Society wird Beides feststellen. Argentinien ist eines der natürlich reichsten Länder der Erde von riesigem Flächeninhalt mit schwacher Bevölkerung. Die argentinische Republik hätte das größte Interesse daran, uns ein Stück Territorium abzutreten. Die jetzige Judeninfiltration hat freilich dort Verstimmung erzeugt. Man müßte die Argentiner über die wesentliche Verschiedenheit der neuen Judenwanderung aufklären. Palästina ist unsere unvergeßliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltiger, ergreifender Sammelrus für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhänge bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantiren müßte. Für die heiligen Stätten der Christenheit ließe sich eine völkerrechtliche Form der Exterritorialisirung finden. Wir würden die Ehrenwache um die heiligen Stätten bilden und mit unserer Existenz für die Erfüllung dieser Pflicht haften. Diese Ehrenwacht wäre das große Symbol für die Lösung der Judensrage nach beinahe neunzehn für das Judenvolk qualvollen Jahrhunderten Indem ich mit dieser neuen Formulirung eines uralten Gedankens hervortrete, weiß ich wohl, daß ich mich dem Spott und allerlei Anfechtungen aussetze. Wohlwollendere werden es eine Utopie nennen. Was ist aber der Unterschied zwischen Utopie und möglicher Constryction? Die Utopie kann eine scharfsinnig combinirte Maschinerie sein, nur fehlt die Kraft sie in Bewegung zu setzen. Die mögliche Construction hingegen beruht aus einer vorhandenen und erkannten Kraft. Die Kraft, die wir brauchen, wird in uns Juden durch den Antisemitismus erzeugt. Branche werden sagen, daß ich den Antisemitismus erst recht anfache. Das ist nicht wahr, denn der Antisemitismus würde auch ohne diesen Plan weiter wachsen, so lange die Gründe nicht behoben sind. Andere werden um ihr Hab und Gut, um ihre eingerichteten Geschäfte zittern. In meiner öfters erwähnten Schrift gebe ich einige Beispiele, wie Geschäfte liquidirt, verpflanzt, durch Filialen, „drüben" zuerst vergrößert und dann ersetzt werden können. Ich gebe nur einzelne Anregungen — der scharfsinnige Mitarbeiter wird sie ausbauen. Dieser Mitarbeiter ist das ganze Judenthum. Welche Staatsform werden wir haben? Ich denke die aristokratische Republik, obwohl ich jetzt in meinem Vaterlande ein überzeugter Monarchist bin. Aber unsere Geschichte ist zu lange unterbrochen gewesen, der bloße Versuch, daran anzuknüpfen, unterläge dem Fluche der Lächerlichkeit. Welche Sprache werden wir haben? Jeder behält die Sprache, welche die liebe Heimat seiner Gedanken ist. Für die Möglichkeit des Sprachen-Föderalismus ist die Schweiz ein endgiltiges Beispiel. Wir werden auch drüben bleiben was wir jetzt sind, so wie wir nie aufhören werden, unsere Vaterländer, aus denen wir verdrängt werden, mit Wehmuth zu lieben. Man wird sagen, daß ich den Judenfeinden Waffen liefere. Ebenso unwahr. Denn was ich vorschlage kann nur ausgeführt werden mit freier Zustimmung der Judenmehrheit. Es kann gegen einzelne, selbst gegen die Gruppen der jetzt mächtigsten Juden gemacht werden — aber keineswegs vom Staat aus gegen alle Juden. Man kann die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie einmal besteht, nicht mehr aufheben; denn das würde sofort alle Juden, Arm und Reich den Umsturzparteien zujagen. Und schon der Beginn officieller Ungerechtigkeiten gegen die Juden hat überall wirthschaftliche Krisen im Gefolge. Man kann also eigentlich wenig Wirksames gegen uns thun, wenn man sich nicht selbst weh thun will. Dabei wächst und wächst der Haß. Nur ein Unwissender wird den modernen Antisemitismus für eine gleichartige Wiederholung vergangener Judenhetzen halten. An einigen Pimkten mag das der Fall sein, der große Zug der Bewegung ist jedoch ein anderer. In den Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der Judenemancipation. Als die Culturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmsgesetze ein sahen und uns freiließen, kam die Freilassung zu spät. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Concurrenz für den Mittelstand heraus. Geschichtliche Umstände hatten uns in das Geldgeschäft geworfen, zu dem wir, wie jeder Gebildete weiß, keineswegs von Haus aus aufgelegt waren. Einer der wichtigsten Umstände war das Verhallen der katholischen Kirche zum Anatocismus. Im Ghetto hatten wir uns der körperlichen Arbeit zum Theil entfremdet. Wir producirten hauptsächlich mittlere Intelligenzen. So standen wir nach der Emancipation plötzlich im Ring der Bourgeoisie und haben da einen doppelten Druck auszuhalten: von innen und von außen. Die christliche Bourgeoisie wäre nicht abgeneigt, uns dem Socialismus als Opfer hinzuwerfen; freilich würde das wenig helfen. Die Judenfrage ist aber ebensowenig eine sociale, wie eine religiöse, wenn sie sich auch so und anders färbt. Die Judenfrage ist eine nationale, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor Allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rathe der Culturvölker zu regeln sein wird. Wir sind ein Volk, ein Volk. Man wird noch sagen, daß die Unternehmung hoffnungslos sei, selbst wenn wir das Land und die Souveränetät bekommen — weil nur die Armen mitgehen werden. Aber gerade die brauchen wir zuerst. Nur die Desperados taugen zum Erobern. Die Wohlhabenden und Reichen werden später Nachkommen, bis sie es drüben so schön und noch schöner finden werden, als hüben. Unsere beiden großen Personen: die Society of Jews und die Jewisli Company, die eine für öffentliche, die andere für privatrechtliche Einrichtungen, werden alle nöthige Cultur Herstellen. Aber sie könnten nichts thun ohne die Begeisterung unseres Volkes. Der Gedanke muß hinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu denken und der Zug wird schon ein gewaltiger. Und welcher Ruhm erwartet die selbstlosen Kämpfer für die Sache! Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen. Und so wird es zugehen: gerade die Armen und Einfachen, die gar Nichtwissen, welche Macht der Mensch schon über die Naturkräfte besitzt — gerade die Einfachen unseres Volkes werden die neue Botschaft äm stärksten glauben. Denn sie haben die Hoffnung auf das gelobte Land nicht verloren. Da ist es, Juden! kein Märchen, kein Betrug! Jeder kann sich davon überzeugen, denn jeder trägt ein Stück vom gelobten Land hinüber; der in seinem Kopfe, und der in seinen Armen und jener in seinem erworbenen Gut. Wir wollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben und in uns erer eigenen Heimat ruhig sterben.